Platzhalter für Profilbild

leseleucht

Lesejury Star
offline

leseleucht ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit leseleucht über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2025

Schöner Schein

Bis die Sonne scheint
0


Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche ...


Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche Verdrängungsmechanismen ausmacht. Diese haben die Eltern, Vater Architekt, Mutter gelernte Buchhalterin, zwischenzeitlich Wolllädcheninhaberin und bisweilen helfende Hand im Büro ihres Mannes, an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Doch das versuchen sie geschickt zu vertuschen, vor den Leuten im Dorf, vor den Kindern und vor der Großmutter. „Bis die Sonne scheint“ ist so etwas wie ihr Lebensmotto: Sie suchen so lange nach ihrem Lebenszuschnitt, bis ihnen die Sonne scheint. Allerdings machen ihnen Wolken immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ein Konzept funktioniert, verspricht Erfolg. Doch dieser ist nicht von Dauer. Und schon muss man sich wieder auf die Suche nach der Sonne machen. Dies Prinzip setzt sich schon länger in beiden Familien fort. In Exkursen werden im Rückblick die Familiengeschichten beider Elternteile erzählt, beginnend mit dem Ende des Krieges 1945, der von allen eine Neuordnung des Lebens fordert. Immer wieder müssen Lebensmodelle über den Haufen geworfen werden, muss nach einem Scheitern ein Neuanfang gewagt werden. Höhen und Tiefen wechseln sich ab. Aber irgendwie gilt immer nur das Weitermachen, so kräftezehrend es auch ist, um ein klein wenig Lebensglück zu finden. Wem das nur schwer zu gelingen scheint, ist der junge Erzähler. Sein Glück fällt dem misslungene Lebenskonzept der Eltern zum Opfer: der Frankreichaustausch, den er ersehnt, kann nicht bezahlt werden, die Konfirmation schrumpft auf eine Minifamilienfeier und das Elternhaus gerät unter den Hammer. Zukunft ungewiss. Einziger Lichtblick ist Zoe. Ihre Eltern stammen aus dem Osten, aber sie haben im Westen Fuß gefasst. Geld spielt keine Rolle. Dafür bröckelt hier die Ehe der Eltern, die Mutter verfällt in eine Depression, der Vater hat eine neue. Auch keine Idylle.
Der Roman kann den Leser schon packen. Die Schicksale der Familien sind zum einen ergreifend, zum anderen nicht ohne Komik. Besonderes Highlight für die Zeitgenossen sind die vielen Reminiszenzen an die Zeitgeschichte. Auf jeden Fall ein spannendes Porträt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nur die vielen Sprünge in der Handlung in verschiedene Stränge der Vergangenheit und die bisweilen verwirrenden Beziehungsgeflechte in den Familien bringen beim Lesen schon einmal durcheinander: wer war das gleich noch mal?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.04.2025

Leiden erschafft Großes

Bis unsre Seelen Sterne sind. Rilke und Lou Andreas-Salomé
0

Das ist die Tragik vieler berühmter Künstler, dass ihr Leben voller Leiden Voraussetzung für ihre großartigen Kunstwerke ist. So ergeht es auch Rainer Maria Rilke. Ein schwieriges Verhältnis zu seiner ...

Das ist die Tragik vieler berühmter Künstler, dass ihr Leben voller Leiden Voraussetzung für ihre großartigen Kunstwerke ist. So ergeht es auch Rainer Maria Rilke. Ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter, eine unglückliche Physiognomie und eine der Sehnsucht verschriebenes Seelenleben, das sich schnell langweilt, wenn sich die Sehnsucht erfüllt, und das das Sehnen sucht, schaffen die Disposition für die großen Gedichte, die dem Künstler vor allem im Nachleben so viel Bewunderung und Verehrung eingebracht haben. Zu Lebzeiten führte er ein eher kümmerliches Leben, immer knapp bei Kasse, immer angewiesenen auf Gönner, immer in Angst vor dem weißen Blatt, immer auf der Suche nach so etwas wie Zuhause.
In ihrer Romanbiografie porträtiert Maxine wildner im Doppel Rile und Lou Andreas Salomé, eine ungewöhnliche Frau, Geliebte, Entdeckerin, Förderin und Vertraute Rilkes. Auch ihr Leben ist ein unstetes. Sie führt eine Ehe zum Schein und ein eher unkonventionelles Leben. Sie besucht nicht nur als eine der ersten Frauen die Universität, sie hat auch wechselnde Beziehungen zu Männern. Auch sie ist ständig auf Reisen und auf der Suche. Ihr Verhältnis zu Rilke ist wechselhaft. Sie ist viel älter. Er schwierig. Beide haben eine Anlage zum Narzissmus. Beide streben nach Unabhängigkeit, brauchen aber auch die Bewunderung, den Rat, die Inspiration des anderen.
Das Buch zeigt ein schonungsloses, nicht immer schönes Bild zweier unkonventioneller Leben. Insbesondere Rilke zeichnet die Autorin immer wieder abstoßend und flicht gleichzeitig seine wunderschönen Verse in ihren Text mit ein. Man kann schon verstehen, dass beide sich immer wieder suchten und gegenseitig abstießen, weil sie schon eine Art Seelenverwandte waren und zugleich immer auf der Suche nach etwas. Wildner zeigt weitere Parallelen auf, die sie verbanden, und macht diese Verbundenheit bis zum Moment von Rilkes Tod sehr deutlich. Es entsteht das spannende, ungewöhnliche Porträt einer Beziehung, die über eine Liebesbeziehung hinaus zu einer Beziehung einer tieferen Art der Liebe wird.
Einzig störend ist die Verwirrung, die bisweilen durch die Zeitsprünge vor und zurück zwischen Rilkes und Lous Leben entsteht in dem Bestreben, beiden Personen – auch über ihre gemeinsame Beziehung hinaus – gerecht zu werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.03.2025

Wussten Sie, dass Ping ein chinesischer Vorname ist?

Ping
0

Nicht nur das erfährt der Leser in Thomas Heimgartners „Zweiseitenspiel“, sondern auch jede Menge über Tischtennis. Doch gleich vorweggenommen, der Roman ist nicht nur etwas für eingefleischte Tischtennisexperten ...

Nicht nur das erfährt der Leser in Thomas Heimgartners „Zweiseitenspiel“, sondern auch jede Menge über Tischtennis. Doch gleich vorweggenommen, der Roman ist nicht nur etwas für eingefleischte Tischtennisexperten oder die, die es noch werden wollen und denen das eingeflochtene Glossar zum sportiven Fachvokabular gute Dienste leisten kann.
Das Schöne an dem schmalen Bändchen ist, dass man ihn als Hommage an eine Tischtennisjugend lesen kann. Als leichtfüßige, vielleicht ein wenig nostalgische Retrospektive in eine von nichts als vielleicht ein wenig Liebeskummer belastete Sommerferienzeit der späten 80er. Als anregenden Generationenroman im Gespräch zwischen Tochter und Vater, die beide auf der Suche sind nach ihrem Platz im Leben und die beide indirekt um das Verständnis des anderen werben: Der Vater, indem er von seiner Jugend im Sommer 1989 erzählt, seiner Leidenschaft für Tischtennis, seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und seiner ersten zarten Liebe zu Ping, einem chinesischen Mädchen, das verschwindet, bevor er es überhaupt kennenlernen kann. Die Tochter, die sich vom Vater verlassen fühlt, der Frau, 25jähriges „Kind“ und Heimat hinter sich gelassen hat, um in Bangkok herauszufinden, wer er ist – oder vielleicht findet er es heraus in dem sich dadurch neu eröffnenden Gespräch mit seiner Tochter. Die Tochter fordert Antwortnt, provoziert in pointiertem, (selbst)ironischem Stil und offenbart damit auch sich selbst als Suchende nach einem eigenen Ort, an den sie gehört, nach einem passenden Beruf, einem passenden Partner, denn der ihr bekannte Ort von Zuhause oder Heimat ist ihr mit der Flucht des Vaters ja auch ein Stück weit genommen worden, unabhängig davon, dass ihr Alter diesen Schritt ins Leben von ihr verlangt.
Und so kann man dieses „Zweiseitenspiel“ auch lesen als literarisches Experiment mit der Metapher des Ping-Pong-Spiels, wie der Laie es nennt, die nicht nur für die unberechenbaren Bälle steht, die einem das Leben zuspielt, sondern auch für eine Form des Dialogs und damit die strukturelle Form des Textes: ein Hin und Her, ein Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter mit je eigenem Spielstil und wechselnder Intention. Scheint es zu Beginn noch um Sieg und Niederlage, Angriff (der Tochter) und Verteidigung (des Vaters) zu gehen, so wird daraus bald eine Zu(sammen)spiel, das bemüht ist, die Bälle möglichst lange in der Luft zu halten. Kunstvoll und fast unmerklich – den genauen Leser fordernd – webt der Text in die zwei zunächst zusammenhanglos nebeneinander stehenden Nachrichten – die Tochter schreibt über sich in Reaktion auf das Verlassenwerden vom Vater, der Vater hält scheinbar zusammenhanglos seine Jugendgeschichte dagegen – erste zarte Bezüge, Antworten ein, die sich immer mehr zum echten Dialog auswachsen. Die Tochter schreibt im inkohärenten Stakkato-Stil einer digital geprägten Short-Message-Generation (mit herrlich selbst- und medienkritischen Exkursen), der Vater erzählt behäbiger, mit der Muße eines Jungen, der sechs Wochen sorgenfreie Ferien und jede Menge – fast schon zu viel – freie Zeit vor sich hat.
Meine Ausführungen zeigen schon das, was für mich die absolute Freude an dem kleinen Büchlein ausmacht: Man kann sich Tochter und/oder Vater nahe fühlen, sich in ihre Situationen hineinversetzen, ohne das man viel von ihnen erfährt, womit sich gleichzeitig eine Offenheit ergibt, die Anregungen gibt und Platz lässt für ganz viele Gedanken und Bezüge, die sich herstellen lassen. Das zum Teil rasante Ping-Pong des Dialogs – Ping ist wohl auch ein Maß für die Zeitspanne eines digital gesendeten Nachrichtenpakets und der darauf folgenden Antwort („Paketumlaufzeit“) – erzeugt beim Lesen das Gefühl, da noch einmal genauer hinschauen und noch mal nachlesen zu müssen, um einen flüchtigen Gedanken aufnehmen und weiter denken zu können.
Was will man mehr von einem Buch, das einen gut unterhält, mit dessen Figuren man sich gerne austauschen mag, als dass es – man verzeihe mir diese Schülerinterpretationsaufsatzpauschalphrase – zum Nachdenken anregt und fast zwangsläufig zum Reden über sich bringt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2025

Seicht

Die Bücherfrauen von Listland. Der Gesang der Seeschwalben
0

Eigentlich ein interessanter Plot: Eine Bücherfrau auf Sylt soll nach erfolgreichem Podcast-Porträt Gegenstand einer Biografie der Journalisten und Autorin Anna werden. Doch bei der Recherche stößt diese ...

Eigentlich ein interessanter Plot: Eine Bücherfrau auf Sylt soll nach erfolgreichem Podcast-Porträt Gegenstand einer Biografie der Journalisten und Autorin Anna werden. Doch bei der Recherche stößt diese auf Schwierigkeiten, Geheimnisse und Geheimverstecke, die in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen, die auch die Insel Sylt nicht verschont.
Die Umsetzung hat mich allerdings wenig überzeugt. Die Atmosphäre der Insel Sylt und auch der norddeutschen Lebensart ist durchaus ansprechend. Aber die Story beinhaltet für mich einige Ungereimtheit und erscheint mir unausgewogen darin, worauf das Augenmerk der Handlung liegt. So lesen wir seitenlang über Lenes großer Liebe und Sehnsucht zu dem Buchhändler Marten, der im Gästezimmer ihrer Eltern auf schriftstellerische Inspiration hofft, dann aber plötzlich aus (noch) nicht bekannten Gründen überstürzt abreisen muss. Wir schreiben das Jahr 1937 und können erahnen, was ihn zur Flucht veranlasst. Genauso ergeht sich Anna auf Ebene der Gegenwart immer wieder in ihren sehnsüchtigen Gedanken an den Sohn der Bücherfrau Fenja, die sie zu Recherchezwecken aufsucht. Nur ist der leider schon anderweitig vergeben.
An anderer Stelle aber fehlen Entwicklungen, Handlungsmotive und emotionale oder rationale Hintergründe für das Handeln der Figuren: Warum verschwindet Fenja, bevor Anna überhaupt ankommen kann und obwohl sie zu einem Arbeitstreffen verabredet sind. Sie kann einen kryptischen Zettel schreiben, aber keinen nachvollziehbaren Grund, den es gibt und den man auch, ohne zu viel Persönliches preiszugeben, nennen könnte. Oder Lenes Mann, den sie heiratet, als sie erfährt, dass sie von Marten unehelich schwanger ist. Eingeführt wird die Figur so, als ob sie nichts dagegen hätte, das Kind eines anderen großzuziehen. Aber gleich vom ersten Moment an präsentiert sie sich unsympathisch und unterschwellig bedrohlich. Dann verschwindet sie fast in der Versenkung, nur um plötzlich aufzutauchen und unerwartet anzukündigen, dass er mit der gemeinsamen Tochter, die sie neben Lenes erstem Mädchen haben, die Insel verlassen und zu seiner Familie ziehen werde. Dann ist die Figur wieder absent. Eine Gefühlsregung Lenes darauf wird kaum genannt. Sie akzeptiert schnell, macht keinerlei Versuche, Kontakt zu der Tochter aufzunehmen, auch nicht, als der Krieg vorbei und die Gefahr gebannt ist, dass die halbjüdische Identität der älteren Tochter zur Gefahr für die Familie würde. Zwar wird traumatisches Schweigen als ein Grundproblem in der Familie von Lene und Fenja benannt, das sich auch noch auf Fenjas Kinder ausdehnt und wohl der Grund für ihr zuerst unerklärtes Abtauchen sein soll. Auch Fenjas ältere Tochter verschwindet einfach, man weiß nur, dass sie in die große Welt hinaus möchte. So ist dann der Boden für den zweiten Band gelegt. Ein neues Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Und wahrscheinlich auch eine zweite Chance für Anne und ihre Liebe zu Fenjas Sohn.
Insgesamt finde ich die Story zu dünn, es gibt zu wenig Entwicklung, von Charakteren mag ich nicht wirklich sprechen. Und auch die schlimme Zeit des Nationalsozialismus ist nur ein flüchtiger Schatten. Er liefert Gründe für vieles, aber eben nicht tiefgreifend, sondern phrasenhaft die allgemeinen Plots um diese Zeit aufnehmend: Die zwei jüdischen Buchhändler auf List sind auf einmal weg. Lenes Mann ist strammer Nazi und duldet kein nicht rein arisches Kind. Er nutzt es als Druckmittel, sich und die Tochter freizupressen. Lene träumt stattdessen von literarischen Salons in der Nachkriegszeit, von ihrem geliebten Marten, von dem sie eigentlich gar nichts weiß, auch nicht, dass er Jude ist. Aber sie agiert auch hier nicht und stellt Nachforschungen an.
Eingeschoben werden ebenso phrasenhaft Sentenzen über den Wert der Bücher und des Lesens, über den Wert der Familie und die Notwendigkeit, offen zu kommunizieren und das traumatisierte Schweigen zu überwinden, um die Bürde endlich loszuwerden, und nicht weiter auf die kommenden Generationen zu übertragen.
Es gibt so viele Bücher zu diesen Themen, und auch viele bessere.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.03.2025

Beeindruckend

Schwebende Lasten
0

Das Leben von Hanna umspannt ein langes 20. Jahrhundert. Aufgewachsen bei der „halben Schwester“ als Gehilfen im Blumenladen in Magdeburg über den eigenen Blumenladen bis zur Kranführerin der Kruppwerke ...

Das Leben von Hanna umspannt ein langes 20. Jahrhundert. Aufgewachsen bei der „halben Schwester“ als Gehilfen im Blumenladen in Magdeburg über den eigenen Blumenladen bis zur Kranführerin der Kruppwerke in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs und dann im Betrieb der DDR lebt Hanna das Leben einer Frau, die viel erlebt und erleidet. Sie heiratet, der Mann trinkt, verliert ein Bein, trinkt mehr, die Kinder werden gezeugt, geboren, abgetrieben, geboren usw. Sechs Kinder erblicken das Licht der Welt, zwei gehen verloren. Für sie gibt es kein Grab. Sie erleidet Verluste und gewinnt hinzu: Schwiegersöhne, Enkelkinder. Andere zerbrechen an der Grausamkeit des Krieges, an den Repressalien des Systems, an den Kindern, den gewollten und den ungewollten. Aber Hanna hält Stand, immer, irgendwie. Weitermachen, das ist die Devise. Die einzige Konstante ist der Wandel. Und Hannas Blumen.
Annett Gröschel gelingt es phänomenal die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts aus weiblicher Perspektive auf nur 280 Seiten zu schreiben und dabei ein so intensives Lebensgefühl zu vermitteln, wie es kein Geschichtsbuch kann. Hanna stammt aus einfachen Verhältnissen, lernt aber über die Schwestern, die eine „bessere Partie“ gemacht haben, auch ein wenig materielles Glück kennen. Sie heiratet einen Sozialdemokraten und ist durch ihre Arbeit im Werk dem Sozialismus sicherlich näher. Aber sie verfällt keiner Ideologie, weder den Nazis noch dem Sozialismus der DDR. Sie verfügt über keine umfangreiche Schulbildung, aber über Menschenverstand und Herzensbildung. Vielleicht sind es die Blumen, die sie unanfällig für Ideologien und menschlicher machen als viele Mitmenschen ihrer Zeit. Sie wächst dem Leser ans Herz mit ihrer Lebensklugheit. Er ist beeindruckt von ihrer Pragmatik, ihrem Lebenswillen, auch wenn er manchmal mehr aus dem Muss als aus dem Wollen stammt, von ihrer Liebe zu und ihrem Händchen für die Blumen. Er leidet mit ihr im Hinblick auf die schwierige Ehe, die Entfremdung von den Kindern, den Verlusten im Krieg, der Ausbeutung durch das DDR-System. Und wie könnte man besser Geschichte erfahren und begreifen als so nah an der Seite einer Frau, die mitten im Leben steht!
Elke Heidenreich spricht von der „perfekten Balance zwischen lakonisch und herzzerreißend“, ich würde sagen, das Buch ist durch die Lakonie so herzzerreißend. Die im Buch häufig so klar und schnörkellos beschriebenen Bilder für das Grauen und das Leid und den seelischen Schmerz prägen sich nicht nur Hanna unvergesslich ein. Aber auch die Bilder für das Schöne, die hier immer Blumenbilder sind, sind anrührend und vermitteln einen versöhnlichen Schluss, ohne kitschig oder illusorisch zu sein.
Ein beeindruckendes, ein großartiges, ein absolut lesenswertes Buch!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere