Ganz tolle politische Botschaften, emotional aber leider ziemlich distanziert
Sister, SisterWie einige andere habe auch ich eher mit einer Schwestern-Geschichte gerechnet und irgendwie ist sie das natürlich auch. Allerdings sind die Erzählperspektiven so losgelöst voneinander, dass ich eine deutliche ...
Wie einige andere habe auch ich eher mit einer Schwestern-Geschichte gerechnet und irgendwie ist sie das natürlich auch. Allerdings sind die Erzählperspektiven so losgelöst voneinander, dass ich eine deutliche emotionale Distanz empfunden habe, die ich bei den behandelten Themen wirklich sehr bedaure.
Ich wollte so gern von der Beziehungsentwicklung der beiden irgendwie entfremdeten Schwestern lesen. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird auch deutlich, dass sie ihre durchaus schwere Kindheit ganz unterschiedlich verarbeiten und deshalb auch sehr verschieden auf Konflikte reagieren. Hier hätte in meinen Augen so viel Potenzial gesteckt, um die beiden sehr interessanten Figuren miteinander zu verbinden bzw. in direkten Konflikt treten zu lassen.
Die Autorin hat sich aber für einen ganz anderen Ansatz entschieden, den ich erzählerisch nicht einmal schlecht finde, aber er entspricht wirklich gar nicht dem Bild, das vom Klappentext gezeichnet wird. Fast die komplette erste Hälfte des Romans wird gefüllt von diversen Versionen eines Abschiedsbriefes. Der Ton Sigrids ist auf absurde Art nüchtern, manchmal zynisch, aber immer ehrlich - zumindest lässt Emily Austin uns das glaube. Denn im Endeffekt führt sie uns in die Irre und das nicht nur ein Mal.
Die Perspektivwechsel sind literarisch wirklich stark und vor allem die letzten 50 Seiten haben mich gepackt. Doch emotional blieb mir das Buch leider so fremd. Da ich mich ausschließlich inneren Monologen ausgesetzt sah, blieb für mich kaum Raum zum Fühlen. Ich bin kein großer Fan von sehr langer Introspektion und schätze sie eher als ergänzendes Element.
Besonders schade finde ich die Wahl der Erzählweise, weil Sigrids Figur und in Teilen auch die ihrer Schwester sowohl berührend als auch greifbar angelegt sind. Besonders Sigrids Lebensrealität und ihre Struggle damit kommen am Ende wunderbar raus, sodass ich ehrlich mitgefühlt habe. Dieser Part hätte für meinen Geschmack aber viel früher kommen und dann weiterentwickelt werden müssen.
So runde ich tendenziell auf für die politisch progressive Komponente der Geschichte und die in jedem Fall spannende Erzählweise, verbleibe aber aufrichtig traurig, dass mich dieses wichtige Thema nicht berühren konnte.