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Veröffentlicht am 21.04.2024

Eindrückliche Umsetzung eines erschreckenden Themas

Das Fest des Ziegenbocks
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Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nimmt seine Leser in "Das Fest des Ziegenbocks" mit auf eine Reise in die Dominikanische Republik im Jahr 1961, wo "Der Wohltäter" General ...

Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nimmt seine Leser in "Das Fest des Ziegenbocks" mit auf eine Reise in die Dominikanische Republik im Jahr 1961, wo "Der Wohltäter" General Trujillo - genannt "Der Ziegenbock" - diktatorisch die Geschicke des Landes leitet und dabei nicht vor der Anwendung der üblichen Mechanismen einer Diktatur (Unterdrückung, Verführung, Diskreditierung, Mord, usw.) zurückschreckt.

Llosa erzählt seinen hochspannenden, sehr atmosphärischen Roman aus drei Perspektiven. Da ist zum einen die Sicht der Urania Cabral, Tochter des ehemaligen, später in Ungnade gefallenen Parlamentspräsidenten unter Trujillo, die vor 35 Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion die Dominikanische Republik verlassen hatte und nun ihren schwer kranken Vater mit den Gründen und daraus resultierenden Vorwürfen konfrontiert. Da ist außerdem die Sichtweise des Ziegenbocks, des selbstherrlichen, alternden Diktators und die Sicht seiner Attentäter, die der Diktatur ein Ende machen wollen. Die drei Perspektiven überlappen sich zunächst nur wenig, aber im Verlauf der Geschichte werden sämtliche bei der Lektüre aufkommenden Fragen durch das Zusammenführen der unterschiedlichen Erzählstränge logisch beantwortet.

Mario Vargas Llosa ist ein außergewöhnlich guter Geschichtenerzähler, dem mit "Das Fest des Ziegenbocks" ein eindrücklicher, teilweise erschreckender Roman gelungen ist, der die Skrupellosigkeit und Brutalität eines diktatorischen Regimes schonungslos offenlegt - beängstigent, wenn man sieht wie in vielen Teilen der Welt auch heute wieder die Tendenz in Richtung "Diktatorischer Machtanspruch" alter weißer Männer geht.

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Veröffentlicht am 21.04.2024

"Man sieht nur mit dem Herzen gut" auf koreanisch

Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen
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Jeder Mensch hat Probleme - das kann das unschöne Verhältnis zwischen den Eltern und ihren erwachsenen Kindern sein, das kann die Frage nach der beruflichen oder persönlichen Zukunft sein, das kann Orientierungslosigkeit ...

Jeder Mensch hat Probleme - das kann das unschöne Verhältnis zwischen den Eltern und ihren erwachsenen Kindern sein, das kann die Frage nach der beruflichen oder persönlichen Zukunft sein, das kann Orientierungslosigkeit oder Verlorenheit in der aktuellen Lebensphase sein, oder einfach nur das "aus-der-Bahn-geworfen-werden" aufgrund eines heftigen Schicksalsschlags.
In solch einer Situation braucht man manchmal einfach jemanden, der einem zuhört, der die Dinge auf den einfachsten gemeinsamen Nenner herunterbricht und den Betroffenen wieder auf den rechten Weg führt.
Frau Yeom wohnt in Seoul, ist pensonierte Lehrerin und betreibt in einer Nebenstraße der südkoreanischen Hauptstadt einen kleinen 24-Stundenladen. Dort beschäftigt sie drei Personen, die ebenso wie sie selbst schon länger an Selbstzweifeln und Orientierungslosigkeit in Bezug auf ein bestimmtes persönliches Problem leiden.
Als Frau Yeom eines Tages auf ihr Bauchgefühl hört und sich dem Obdachlosen Dok-go, der ihr in einer unangenehmen Situation sehr geholfen hat, annimmt, verändert sich nach und nach rund um den Laden, die Beschäftigten und viele Kunden nahezu alles. Dok-go ist kein typischer Obdachloser - er stottert zwar, wirkt verwahrlost, aber da steckt sehr viel Wärme, Verständnis, Gerechtigkeitsgefühl und Einfühlungsvermögen in diesem Schrank von einem Mann. Am Anfang begegnet ihm jeder skeptisch, fast schon ablehnend, aber dann wagen die Beteiligten den Blick hinter die Fassade und erleben - jeder für sich - ein kleines Wunder.
Kim Ho-yeon ist mit "Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen" ein fantastisches, sehr warmherziges und lesenswertes Buch gelungen. Frau Yeom und Dok-go kann man sich in der heutigen Welt mit seiner unpersönlichen und oftmals egoitischen Ausrichtung, zum Vorbild nehmen. Jeder hat seine Leiche im Keller, aber wer sich den Dämonen der Vergangenheit ehrlich stellt, der findet aus der persönlichen Krise heraus. Die Kernaussage des Buches könnte man auf das bekannte "Man sieht nur mit dem Herzen gut" herunterbrechen - oder auch: "Der unansehnliche äußere Schein täuscht manchmal über die wertvollen Inhalte hinweg."

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Veröffentlicht am 30.03.2024

Ein tolles Buch voller Humor und mit Tiefgang

Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat
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Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann haben mit "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" ein wunderbares Buch mit viel Tiefgang geschrieben. Was macht die typische ...

Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann haben mit "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" ein wunderbares Buch mit viel Tiefgang geschrieben. Was macht die typische ostdeutsche Frau aus, was unterscheidet sie von den westdeutschen Frauen, wo waren und sind vielleicht noch Unterschiede zwischen den Frauenbewegungen in Ost- und Westdeutschland? Diesen und vielen anderen Fragen möchten sich die drei Autorinnen ganz unbefangen analytisch widmen, aber bei deren Beantwortung spielen dann aber doch selbstverständlich die vielfältigen persönlichen ( durchaus auch unterschiedlich bewerteten) Erfahrungen eine große Rolle.

Für mich als westdeutschen Mann sind viele Aspekte völlig neu, aber hochinteressant und ich war sehr oft erstaunt und überrascht über die persönlich erlebten Geschichten, die alle drei im Laufe der Gespräche erzählten.

Das außergewöhnliche Erzählformat - protokolierte Gespräche - macht sehr viel Spaß zu lesen. Was das Buch für mich aber noch weitaus lesenswerter macht ist der ausführliche Anhang mit den mehr als 200 Fußnoten, die mindestens ebenso spannend zu lesen sind, wie die Gespräche der drei Frauen untereinander. Absolute Leseempfehlung von der ersten bis zur allerletzten Zeile.

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Veröffentlicht am 24.03.2024

Sara Rattlebag in Hochform - wenn auch etwas abgelenkt

Der Ruf des Todesvogels
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Der dritte Band der Sara-Rattlebag-Reihe aus der Feder von T.H. Campbell (aka Heidi Troi) hält eindrucksvoll, was er verspricht. Ein spannender Kriminal-Fall, humorvolle Passagen, viele persönliche Einblicke ...

Der dritte Band der Sara-Rattlebag-Reihe aus der Feder von T.H. Campbell (aka Heidi Troi) hält eindrucksvoll, was er verspricht. Ein spannender Kriminal-Fall, humorvolle Passagen, viele persönliche Einblicke in die Gefühlswelt des erneut sehr liebevoll gezeichneten Hauptcharakters und daraus resultierend insgesamt ein schöner Wohlfühl-Krimi mit vielen sympathischen Protagonisten und einer Storyiline mit einigen unvorhergesehenene Wendungen.

Die Reihe macht von Band zu Band mehr Spaß und zieht den Leser sehr schnell in seinen Bann. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil und die hoffentlich noch vielen kommenden Geschichten aus Sidbury. Vor allem die "Langzeit-Storylines" "Beziehungsstatus von Sara" und "Erbschaftsstreit mit Saras Vater" bergen noch viel Potenzial für weitere schöne Bände in den kommenden Jahren.

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Veröffentlicht am 24.03.2024

Erwachsenwerden in einer schwierigen Konstellation

Die Mur checkt’s nicht
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Nick steht vor einschneidenden Momenten in seinem jungen Leben. Die Eltern haben sich getrennt, die Mutter lebt mit einem anderen Mann zusammen. Der Vater kann mit dieser Situation nur schwer umgehen, ...

Nick steht vor einschneidenden Momenten in seinem jungen Leben. Die Eltern haben sich getrennt, die Mutter lebt mit einem anderen Mann zusammen. Der Vater kann mit dieser Situation nur schwer umgehen, Nick steht kurz vor dem Abitur, sein Bruder zeigt ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass er in allem der Bessere ist und Hannah beeindruckt ihn nicht nur durch ihr hervorragendes Fußball-Talent, sondern sie entwickelt sich auch von der guten Freundin immer mehr zur ersten großen Liebe.

Doch das Leben verläuft nicht gradlinig und gerade in diesem Alter selten nur auch der Sonnenseite. Nick hat mit vielen Unwägbarkeiten und auch bösen Überraschungen zu kämpfen. Aber er kämpft und legt dabei ein beeindruckendes Maß an Klugheit, Weitsicht und Souveränität an den Tag.

Christoph Fromm hat mit "Die Mur checkt's nicht" eine beeindruckende "Coming of Age" Geschichte vorgelegt, die mit humorvollen und ernsten Passagen aufwartet. Hat man sich erst an den Erzählstil und die teilweise verwendete Jugendsprache gewöhnt, liest sich das Buch sehr flüssig. Ein tolles Buch über das Erwachsenwerden unter besonderen Umständen und außerdem sehr realistisch in der heutigen Zeit.

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