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Veröffentlicht am 21.02.2020

Spannend mit unerwarteten Wendungen

Das Gerücht
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Weder Krimi noch Thriller, aber ein äußerst spannender Roman.

Die Geschichte ist angesiedelt in einer kleinen englischen Küstenstadt. Dort, wo auch ihre Mutter lebt, hat sich vor kurzem die allein erziehende ...

Weder Krimi noch Thriller, aber ein äußerst spannender Roman.

Die Geschichte ist angesiedelt in einer kleinen englischen Küstenstadt. Dort, wo auch ihre Mutter lebt, hat sich vor kurzem die allein erziehende Joanna mit ihrem kleinen Sohn niedergelassen. Um Anschluss in der kleinstädtischen Gemeinschaft zu finden, beteiligt sie sich an dem allgemeinen Tratsch ohne Rücksicht, ob was dran ist. Joanna hat von einem Gerücht gehört, wonach eine Kindermörderin mit einer neuen Identität in dem Ort leben soll. Ohne an die Folgen zu denken, befeuert sie das Gehörte mit Fakten, die ihr befreundeter Journalist ihr mitgeteilt hat. Das Gerücht beginnt sich zu verselbständigen und rasch stehen einige Frauen aus dem Ort in dem Verdacht, die Mörderin von einst zu sein. Für Joanna kommt es aber noch schlimmer, da sie sich selbst und ihren Sohn bald Drohungen aus den sozialen Medien ausgesetzt sieht. Am Ende klären sich die Umstände um das Tötungsdelikt von vor über 50 Jahren und die seinerzeitige Täterin völlig unvermutet auf. Bis dahin ist viel Gelegenheit, selbst Vermutungen zu entwickeln, die dann irgendwann wieder zu revidieren sind. Auf jeden Fall bleibt es spannend bis zum Schluss. Die Autorin stellt in gelungener Weise dar, welche Kraft Gerüchte haben können und welchen Schaden sie anrichten können, besonders im kleinstädtischen Bereich. Nur ihr Grundansatz ist vielleicht etwas wirklichkeitsfern – ein zehnjähriges Mädchen, das unter dem Verdacht eines Tötungsdelikts steht, ist schlichtweg strafunmündig und ihre Tat dürfte wohl nicht über Jahrzehnte hinweg in der Bevölkerung präsent sein.

Ein beachtlicher Debütroman.

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Veröffentlicht am 19.02.2020

Hommage an die Leiterin der Heilsarmee in Frankreich

Das Haus der Frauen
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Wie schon in ihrem sehr zu empfehlenden ersten Roman „Der Zopf“, der durch den vorliegenden zweiten fast noch getoppt wird, stellt die Autorin Frauen in den Vordergrund ihrer Geschichte. Die Französin ...

Wie schon in ihrem sehr zu empfehlenden ersten Roman „Der Zopf“, der durch den vorliegenden zweiten fast noch getoppt wird, stellt die Autorin Frauen in den Vordergrund ihrer Geschichte. Die Französin Blanche Peyron widmete ihr Leben Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als Mitglied der Heilsarmee dem Kampf um die Unterstützung obdachloser Frauen in Paris. Unter schwierigsten Bedingungen eröffnete sie den sog. Palais de la Femme, einem Frauenhaus für am Rande der Gesellschaft stehende Frauen, das noch heute betrieben wird. Rückblicke auf die Vergangenheit wechseln sich ab mit Schilderungen aus dem Leben der fiktiven Pariser Staranwältin Solène, die nach dem Suizid eines Mandanten einen burn-out erleidet. Auf den Rat ihres Psychiaters hin nimmt sie eine ehrenamtliche Beschäftigung als öffentlicher Schreiber im Haus der Frauen auf. Die Arbeit für Frauen am Rande der Gesellschaft - obdachlos, rituell verstümmelt, in der Ehe misshandelt, vergewaltigt - lässt Solène trotz mancher Rückschläge ins Leben zurückfinden und erkennen, dass ihr ganzes bisheriges Leben fremdbestimmt war. Endlich macht sie das, was sie schon als Jugendliche gerne tat – schreiben.
Dieses Buch lässt einen die eigene Komfortzone verlassen und konfrontiert einen mit dem ganzen Elend, dem Frauen seit Jahrhunderten bis in die heutige Zeit hinein ausgesetzt sind. Die Autorin schildert mit großer Genauigkeit die Gefühle und Befindlichkeiten der Frauen, nicht ohne auch einmal durch kleine Anekdoten einen gewissen Humor einzuarbeiten, wodurch dem ernsten Thema etwas an Schärfe genommen wird. Wer dieses Buch gelesen hat, wird hoffentlich nicht mehr den Blick abwenden von gesellschaftlich ausgegrenzten Frauen, die am Straßenrand betteln oder sich prostituieren, und ihnen mit mehr Empathie begegnen. Sehr lehrhaft sind die Passagen bzgl. Blanche Peyron und der Geschichte der Heilsarmee, die mir bis dato gar nicht bzw. nur vage geläufig waren.
Ein wirklich lesenswertes Buch, auch für Männer.



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Veröffentlicht am 13.02.2020

Das Problem des Gesundbetens

Ein wenig Glaube
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In diesem Roman nimmt sich der Autor in Anlehnung an einen wirklichen Vorfall aus dem Jahr 2008 eines Themas an, das in den USA offensichtlich tatsächlich praktiziert wird – dem Gesundbeten. Nach seinen ...

In diesem Roman nimmt sich der Autor in Anlehnung an einen wirklichen Vorfall aus dem Jahr 2008 eines Themas an, das in den USA offensichtlich tatsächlich praktiziert wird – dem Gesundbeten. Nach seinen Recherchen sterben jährlich Hunderte oder sogar Tausende kranke Kinder, weil ihre Eltern um ihre Gesundung beten, statt Hilfe durch Ärzte zu holen.
Das Ehepaar Lyle und Peg lebt zurückgezogen in einer Kleinstadt in Wisconsin. Ihr leiblicher Sohn starb vor vielen Jahren im Kleinkindalter und sie adoptierten später ihre Tochter Shiloh, die allein erziehende Mutter des fünfjährigen Isaac ist, den seine Großeltern über alles lieben. Shiloh verliebt sich in den Priester einer Sekte, die sehr extreme Ansichten vertritt. Er meint, Isaac habe die Gabe, Kranke durch Handauflegen zu heilen. Lyle, der selbst seinen Glauben nach dem Tode seines Sohnes verloren hat, sorgt sich sehr um das Wohl seines Enkels, umso mehr, nachdem er an Diabetes erkrankt.
Sie ist sehr berührend geschrieben. Die liebevolle Beziehung zwischen Großvater und Enkelsohn ist sehr intensiv geschildert. Der Autor wirft ernste Fragen auf wie „Gibt es einen Gott?“, „Was ist Glaube“?, die zum Nachdenken anregen. Aber irgendwie war mir persönlich das alles zu viel des Guten. Das Thema Kirche und Glaube spielt vermutlich in den USA eine sehr viel größere Rolle als bei uns. Darüber hinaus habe ich mich bei manchen Szenen gefragt, warum sie überhaupt eingearbeitet werden mussten – etwa die ausführlich geschilderte Entladung eines Apfellasters beim Supermarkt oder wie Lyles Versuch, die Apfelplantage vor der Vernichtung durch Eisregen zu retten. Das Ende hätte ich mir weniger abrupt und vor allem kompletter gewünscht.
Leser der Bücher von Kent Haruf werden dieses Buch mögen, an die es ein wenig erinnert, weil es auch in ihnen jeweils um ältere Leute aus amerikanischen Kleinstädten geht, die Herausforderungen im Leben mit Geduld und stoischer Liebe begegnen.

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Veröffentlicht am 11.02.2020

Wunderbar geschriebene Ahnenforschung

Die Bagage
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Inwieweit der Roman tatsächlich die Herkunft der Autorin wiedergibt, wie es auf dem Buchrücken heißt, vermag ich nicht zu beurteilen. Doch egal, ob Autobiografie oder Fiktion oder eine Mischung aus beidem ...

Inwieweit der Roman tatsächlich die Herkunft der Autorin wiedergibt, wie es auf dem Buchrücken heißt, vermag ich nicht zu beurteilen. Doch egal, ob Autobiografie oder Fiktion oder eine Mischung aus beidem – ganz wunderbar ist die Geschichte in jedem Falle. Basierend auf Erzählungen ihrer weit verzweigten Verwandtschaft, erzählt die Autorin das Leben ihrer Großmutter Maria und deren Nachkommen, die kinderreich und in Armut in der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs in einem österreichischen Bergdorf lebte. Ihre einzigartige Schönheit wird ihr zum Verhängnis. Die männlichen Dorfbewohner steigen ihr hinterher. Als sie dann während des Kriegsdienstes ihres Ehemannes schwanger wird, brodelt aus Neid und Missgunst heraus die Gerüchteküche um den wahren Kindsvater. Der Ehemann fühlt sich gehörnt (ob zu Recht oder zu Unrecht, muss jeder selbst lesen) und lehnt das Kind (Grete, die Mutter der Autorin) Zeit seines Lebens ab. Immer wieder schweift die Autorin bis in die Gegenwart vor und befördert zum Teil hanebüchen klingende Werdegänge ihrer Onkel und Tanten und deren Abkömmlingen zu Tage, die daher wirklich die saloppe Bezeichnung einer „Bagage“ verdienen. Eine Vokabel übrigens, die eingangs der Geschichte gut erläutert wird.
Ein wirklich besonderes Buch für jeden Leser von Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 11.02.2020

Folgen eines traumatischen Kindheitserlebnisses

Das Vermächtnis unsrer Väter
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Das Thema ist leider immer mal wieder aktuell – ein Familienangehöriger tötet zu Hause Angehörige und anschließend sich selbst. Doch welche Folgen hat es, wenn ein Kind als einziges überlebt und mit diesem ...

Das Thema ist leider immer mal wieder aktuell – ein Familienangehöriger tötet zu Hause Angehörige und anschließend sich selbst. Doch welche Folgen hat es, wenn ein Kind als einziges überlebt und mit diesem Trauma sein Leben fortführen muss, sich sogar mitschuldig fühlt? Diesen Fragen geht die Autorin am Beispiel von Tommy nach, dessen Familie vom eigenen Vater ausgelöscht wurde, als er acht Jahre alt war. Zwanzig Jahre später kehrt er an den Ort des Geschehens auf einer winzigen schottischen Insel zurück, wo ihm die Bewohner und sein Onkel aus unterschiedlichen Gründen reserviert gegenübertreten.
Allein die atmosphärische Darstellung von Tommys bedrückender Vergangenheit vor dem passend gewählten Hintergrund einer rauen schottischen Insel ist der Autorin gut gelungen. Der Leser wird angeleitet, sich mit verschiedenen möglichen Erklärungen des früheren Verbrechens auseinanderzusetzen – war es eine spontane Tat; liegt die kriminelle Veranlagung in der Familie begründet, weil auch schon Tommys Großvater gewalttätig gegenüber Frau und Kindern war; wieviel Mitschuld tragen die Personen aus dem Umfeld, hätten sie Vorzeichen erkennen und die Tat verhindern können? Die Romanfiguren sind allesamt psychologisch interessant. Der Protagonist Tommy ist gut dargestellt. Es wird gelungen herausgearbeitet, dass ein solch traumatisches Kindheitserlebnis einen Menschen ein Leben lang verfolgt und belastet.
Für Leser von psychologischen Spannungsromanen.

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