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Veröffentlicht am 21.02.2021

Debütroman "Liars" von Naomi Joy trotz guter Ansätze mit Schwächen

Flieh, so weit du kannst
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Nach dem Tod ihrer Freundin Olivia - der Tochter des PR-Gurus David Stein - konkurrieren Ava und Jade bei der PR-Agentur Watson & Stein Partners in London um die Beförderung zur Teamleiterin. Dabei verbindet ...

Nach dem Tod ihrer Freundin Olivia - der Tochter des PR-Gurus David Stein - konkurrieren Ava und Jade bei der PR-Agentur Watson & Stein Partners in London um die Beförderung zur Teamleiterin. Dabei verbindet Ava und Jade ein Geheimnis Olivias Tod betreffend. Zudem leidet Ava unter ihrem kontrollsüchtigen Freund Charlie, von dem sie sich trennen möchte. Da sie finanzielle Probleme daran hindern, bittet sie ihren Chef David Stein um Hilfe, der sie in Olivias Haus einziehen lässt. Doch wer ist es, der des nachts - unbemerkt von Ava, wenn sie badet oder schläft - durch Olivias Haus schleicht?

"Liars" - so lauter der Titel des Debütromans im Original von Naomi Joy. Diesen Titel finde ich passender als den deutschen Titel "Flieh, so weit du kannst". Und auch die im englischen Original dezent gehaltenere Cover Gestaltung scheint mir besser zu diesem Roman von Naomi Joy zu passen als das sehr düstere Cover mit den blutroten Innenseiten von "Flieh, so weit du kannst".

Interessiert hat mich an diesem Debütroman von Naomi Joy die ungewöhnliche Erzählweise. So beginnt dieser Roman mit einem Artikel über den zweiten Schicksalsschlag für David Stein, wie er seine Tochter Olivia verloren hat, um die dann folgenden Kapitel abwechselnd aus der Perspektive von Ava und Jade in ihrem Konkurrenzkampf um die Beförderung zur Teamleiterin zu schildern. Besonders interessant fand ich dabei, wenn genau die gleiche Situation zunächst aus Sicht von Jade und dann aus Sicht von Ava geschildert wird und wie verschieden die Wahrnehmung genau des gleichen Gesprächs doch sein kann.
Zudem wird in den Perspektivwechseln deutlich, welch ungesunde Beziehung Jade aufgrund ihrer Eifersucht zu Ava pflegt, wie insbesondere Erinnerungen von Jade an Gespräche mit ihrer Therapeutin zeigen. Gefallen hat mir, dass im späteren Verlauf von "Flieh soweit du kannst" die Erzählung der Handlung um weitere Perspektiven ergänzt wird.

Nicht nur zu Beginn, auch in der Mitte und gegen Ende dieses Romans von Naomi Joy finden sich weitere Zeitungsartikel. Und auch wenn die darin enthaltenen Informationen teils redundant zur übrigen Erzählung der Handlung sind, so haben sie mir dennoch gut gefallen. Denn die eingebauten Zeitungsartikel stellen einerseits einen ungewöhnlichen Stil dar, andererseits hat die Presse - wie sich mit der Auflösung des Romans zeigen wird - mit diesen Artikeln ihren eigenen Anteil an der Geschichte von "Flieh soweit du kannst".

Besonders stark fand ich zu Beginn des Romans, wenn Avas Verhältnis zu ihrem kontrollsüchtigen Freund Charlie dargestellt wird. Denn in eindringlicher, beklemmender Weise schildert Naomi Joy, wie Charlie Ava kontrolliert, emotional erpresst und komplett von ihrem sozialen Umfeld isoliert hat, so dass Ava nichts unversucht lässt, um Charlie möglichst aus dem Weg zu gehen.
Charlie ist nicht nur kontrollsüchtig, in seinen manischen Zügen ist er mir fast noch unheimlicher. Das schließt insbesondere den wohl unangenehmsten Heiratsantrag, den man sich denken kann, bei einem schlechten Frühstück und einem von Avas Geld gekauften Ring mit ein. Zudem lassen Charlie Drogenkonsum und weil er trotz hohen Konsums, so schlecht mit Drogen umzugehen weiß, ihn unberechenbar und gewalttätig werden.
So hat Charlie zu Beginn von "Flieh soweit du kannst" zwar einige starke Auftritte. Schade ist nur, dass Charlie so früh im Roman bereits quasi nicht mehr in Erscheinung tritt.

Der große Vorteil an "Flieh soweit du kannst" ist mit Sicherheit der sehr flüssige Schreibstil von Naomi Joy, der sich auch dann noch erstaunlich leicht und gut liest, wenn einem der Roman leider weniger gefällt oder die Handlung gerade weniger interessant ist, wie ich finde.

Und leider hat mir "Flieh soweit du kannst" insgesamt eher weniger gut gefallen. Das liegt zum einen an den Twists dieses Romans, die mich leider nicht überzeugt haben. Der Twist in der Mitte des Romans Ava betreffend erscheint mir unglaubwürdig, da er zu sehr vom Himmel gefallen zu sein scheint. Dieser Twist ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar und mit der Auflösung zum Ende des Romans erscheint er mir sogar eher unlogisch.
Auch die Auflösung, wer denn nun der Antagonist resp. die Antagonistin ist, hat mir nicht zugesagt. Denn diese Auflösung ist für mich leider zu offensichtlich gewesen und von mir schon lange vor Ende des Romans vermutet worden, da sie zu oft und zu deutlich angedeutet wurde. Insofern ist mir diese Auflösung zu mau gewesen und auch die Ausführungen zu Motivation und vorigen Morden des / der Antagonist(in) haben das für mich nicht herausgerissen.

Auch muss ich zugeben, dass ich noch nie einen Roman gelesen habe, in dem ich fast alle Charaktere derart unsympathisch fand. So sind mir sowohl Ava als auch Jade unsympathisch. Je mehr ich im Verlauf von "Flieh soweit du kannst" über Ava erfahren habe, desto schwerer ist es mir gefallen sie sympathisch zu finden. Und Jade ist von Beginn an ein schwieriger Typ gewesen.
Ich möchte die Handlung nicht unnötig spoilern, aber wie der englische Titel schon nahe legt, ist Ava nicht gerade die Ehrlichkeit in Person. Schwierig finde ich, dass von Naomi Joy Avas Unehrlichkeit mit der Schilderung eines großen Teils der Handlung aus Avas Perspektive kombiniert wird. Denn nicht nur Avas Umfeld ist von ihren Lügen überrascht, sondern auch der Leser. Denn diese finden sich in Avas Gedanken - abgesehen von einer Ausnahme - nicht wieder, bis sie denn von ihrem Umfeld aufgedeckt werden.
Da gefallen mir dann sogar die Teile der Handlung, die aus Jades Perspektive dargestellt werden, besser - auch wenn diese ihre Längen haben und Jade nicht nur unsympathisch, sondern auch ganz schön nervig und anstrengend sein kann. Denn letztlich sind diese Kapitel dann doch in sich schlüssiger und stimmiger, wie ich finde. Auch hat der Twist zur Mitte des Romans, der Jade betreffen würde, mir zugesagt.

Bei "Flieh soweit du kannst" hatte ich einen Thriller erwartet, der das Thema Stalking behandeln würde. Meine Erwartungen sind leider enttäuscht worden. Auch wenn dieser Roman von Naomi Joy im letzten Drittel mehr Thriller Elemente aufweist als zuvor und mit einem recht actionlastigen, spannenden Showdown im Finale aufwartet, so lässt das "Flieh soweit du kannst" noch lange nicht zu einem Thriller für mich werden.
Auch rückt das Thema Stalking nach einem starken Beginn leider schnell in den Hintergrund und kommt im weiteren Verlauf nur noch am Rande vor.

Zudem möchte ich eine Warnung aussprechen, dass "Flieh soweit du kannst" meiner Ansicht nach kein Roman für Zart Besaitete ist. Denn es gibt eine einzige Szene, die sich an Jades Vernehmung bei der Polizei anschließt, die wirklich heftig ist. Die Szene ist stark geschrieben und würde vermutlich jeden Horrorfan, der einen Film wie "Event Horizon" zu schätzen weiß, glücklich machen. Aber in "Flieh soweit du kannst" scheint mir diese Passage nicht hineinzupassen.

Ich denke, dass man aus "Flieh soweit du kannst" einen weit besseren Roman machen könnte, wenn unnötige Längen herausgekürzt werden würden. Dies würde etwa die nicht zum übrigen Roman passende, bereits erwähnte Horrorszene mit einschließen. Aber auch bei letztlich überflüssigen Nebenfiguren und -handlungen wie beispielsweise dem Launch Event, das viel Raum im Roman einnimmt, könnte gekürzt werden. Auch Redundanzen - wie Wiederholungen bestimmter Sätze, sich wiederholende Andeutungen, redundante Informationen in den Zeitungsartikeln - sind nicht nötig. Bei einer nach Kürzung weniger mäandernden, stattdessen stringenteren Handlung würde dann so richtig zum Tragen kommen, was für mich die große Stärke von Naomi Joy ist: ihr flüssiger, gut lesbarer Schreibstil, der vermutlich fast jeden überzeugen würde und einen dann wohl sogar über Schwächen in der Handlung hinwegsehen lassen könnte.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.01.2021

Atmosphärischer, detailreicher, gut recherchierter historischer Roman über den Aufstieg Amsterdams zur Krone der Welt

Krone der Welt
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Im August des Jahres 1585 leiden Vincent Aardzoon, sein Vater - der Zimmermann Wim - sowie seine jüngeren Geschwister Ruben und Betje unter der Belagerung von Antwerpen durch die Spanier. Die Bevölkerung ...

Im August des Jahres 1585 leiden Vincent Aardzoon, sein Vater - der Zimmermann Wim - sowie seine jüngeren Geschwister Ruben und Betje unter der Belagerung von Antwerpen durch die Spanier. Die Bevölkerung Antwerpens quält schlimmen Hunger, Vincents Mutter ist bereits verstorben, seine kleine Schwester Betje krank. Der italienische Ingenieur und Sprengstoffexperte Federigo Giambelli versucht gemeinsam mit Vincents Vater Wim die Seebrücke der Spanier mittels eines Brandschiffes zu durchbrechen, da sie auf Hilfe von Königin Elisabeth von England hoffen. Als Aldegonde - der Bürgermeister von Antwerpen - mit Generalísmo Alessandro Farnese - dem Prinzen von Parma, der im Auftrag des spanischen Königs Philipp Antwerpen belagert hat, ein Abkommen schließt, fliehen Federigo Giambelli und Familie Aardzoon nach Vlissingen zu Giambellis Frau und von dort zieht Familie Aardzoon weiter bis nach Amsterdam.

In vier Teilen, die die Zeiträume 1585 - 1588, 1588 - 1591, 1594 - 1604 und 1609 - 1617 behandeln, ergänzt um einen Prolog und Epilog, die im Amsterdam des Jahres 1617 angesiedelt sind, erzählt Sabine Weiß vom Aufstieg Amsterdams zur "Krone der Welt". Mit jedem neuen Teil ist ein Zeitsprung von mehreren Jahren verbunden, wobei Sabine Weiß zu Beginn jedes Teils in gelungener Weise knapp die Geschehnisse der Zwischenzeit erläutert, so dass ich mich gut in jeden neuen Teil hineingefunden habe.

An der "Krone der Welt" haben mir besonders gut die detaillierten, gut recherchierten Beschreibungen von Sabine Weiß gefallen, die etwa im Prolog das Amsterdam des Jahres 1617 lebendig werden lassen, wenn man dem Architekten Vincent Aardzoon während des Ausbaus dieser Stadt zur Weltmetropole von den Grachten, entlang der Kanalstraße, bis hin zu den Schützenhäusern folgt. Auch der Bau von Brandschiffen und Festungsanlagen, von Packhäusern und Stadtvillen oder wenn Wim seinem Sohn Vincent erklärt, warum ein Haus mit geneigter Fassade erbaut wurde, scheinen mir sehr gut recherchiert zu sein, so weit ich dies beurteilen kann.
Zudem schildert Sabine Weiß im ersten Kapitel, das in Antwerpen im Jahre 1585 angesiedelt ist, eindringlich in düsteren, beklemmenden Beschreibungen, wie Vincents ganze Familie unter dem Elend der Hungersnot leidet, die die ganze Stadt während der Belagerung fest im Griff hat. Es geht einem nahe, wenn die kleine ausgemergelte Betje vor lauter Hunger eine Waffel aus Matsch isst, und wenn Vincents Familie droht obdachlos zu werden.

Darüber hinaus hat mich an der Erzählweise von Sabine Weiß die Einbindung historischer Persönlichkeiten - wie etwa des italienischen Ingenieurs und Sprengstoffexperten Federigo Giambelli - sehr angesprochen. In diesem Zusammenhang habe ich das dem Roman voran gestellte übersichtliche Personenverzeichnis als praktisch empfunden, in dem sich insbesondere vermerkt findet, welche Figuren tatsächlich historische Persönlichkeiten sind.

Meiner Ansicht nach stellt die "Krone der Welt" auch ohne entsprechendes historisches Vorwissen ein großes Lesevergnügen dar, da man diesem Roman auch ohne solche Kenntnisse gut folgen kann. So wird beispielsweise die spanische Furie, die zeitlich vor den Geschehnissen dieses Romans angesiedelt ist, dem jungen Ruben von seinem älteren Bruder Vincent erklärt, da Vincent schon ein paar Jahre länger zur Schule geht. Dabei ist auch das Glossar am Ende des Romans hilfreich, das Begriffe von "Antwerpener Feuer" bis "Willkomm" verständlich und kompakt erklärt.

An den Charakteren haben mir neben den historischen Persönlichkeiten besonders Vincents Blick für die Schönheit gefallen. Im Prolog wird geschildert, wie Vincent als Architekt im Ausbau von Amsterdam im Jahre 1617 unter dem Falschen, dem Hässlichen der Baustellen anderer Baumeister leidet, jedoch die Schönheit in den säuberlich gestapelten Holzstämmen seiner eigenen Baustelle sieht. Aber schon als Elfjähriger hat Vincent diesen Blick, wenn er mit seinem Vater Wim über Perspektive und geometrischen Formen seiner Skizze der Festungsruine - der ehemaligen Zitadelle von Antwerpen - sowie der Stadtmauer diskutiert und sogar die Antwerpen belagernde Schiffbrücke mit ihren Fackeln des nachts von oben betrachtet mit einem mit Juwelen bestückten Geschmeide vergleicht.

Auch der Abwechslungsreichtum, den der Schreibstil von Sabine Weiß in zahlreichen Perspektivwechseln und mit verschiedenen Ortswechseln bietet, spricht mich sehr an. So wird die Belagerung von Antwerpen im Jahre 1585 nicht nur aus Sicht der Antwerpener um Familie Aardzoon, sondern auch aus Sicht der Spanier im Umfeld des Prinzen von Parma geschildert. Und neben Antwerpen, Vlissingen und Amsterdam, spielt die "Krone der Welt" auch in London u.a. im Nonsuch Palace am englischen Hof von Königin Elisabeth sowie nahe Madrid in Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial im Umfeld König Philipps und an so vielen weiteren Orten.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für die "Krone der Welt" von Sabine Weiß, die mich mit ihren atmosphärischen, detailverliebten, genau recherchierten Beschreibungen begeistert hat.

Dass der Antagonist Lazarus van de Hedecop nicht nur ein verlogener, manipulativer, auf seinen eigenen Vorteil bedachter Mörder ist, sondern zudem von Brandnarben entstellt wird und sich an unschuldigen Kindern vergeht, hat ihn auf mich leider zu überzeichnet und einseitig wirken lassen. Auf mich persönlich hätte Lazarus mit ein paar negativen Charaktereigenschaften weniger überzeugender gewirkt.

Auch der Prolog, der im Amsterdam des Jahres 1617 spielt, hat für mich leider nicht den großen Mehrwert dargestellt. Am Ende des Prologs hatte ich mich gefragt, ob es dem Widersacher Antonie gelingen würde, den Architekten Vincent in den bankrott zu treiben, wenn er seine Baustelle plündern und verwüsten lassen würde. Auch hatte ich gehofft, dass dabei Gerrit - dem alten liebenswürdigen Wächter der Baustelle - nichts zustoßen würde. Die Auflösung dazu ist wohl eher mau und kaum relevant.
Das eigentliche Finale der "Krone der Welt" hat mir hingegen sehr gut gefallen und war für mich ein würdiger Abschluss eines großartigen historischen Romans. Vermutlich hätte mir die "Krone der Welt" ohne den vorangestellten Prolog besser gefallen. Aber das sind nur kleine Kritikpunkte, die das Lesevergnügen, das dieser tolle historische Roman von Sabine Weiß bietet, nicht schmälern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.01.2021

Spannender, aktueller Klimawandel Thriller von Tom Roth

CO2 - Welt ohne Morgen
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Im Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" werden die fünfzehnjährige Hannah aus Berlin und elf weitere Kinder aus einem Klima-Camp auf Heron Island in Australien entführt. Auch Nicolas Porté, der Organisator ...

Im Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" werden die fünfzehnjährige Hannah aus Berlin und elf weitere Kinder aus einem Klima-Camp auf Heron Island in Australien entführt. Auch Nicolas Porté, der Organisator dieses Klima-Camps und Initiator von Life of Tomorrow, dessen Vater ein reicher Unternehmer ist, verschwindet. Die Entführer drohen, jede Woche ein Kind vor laufender Kamera sterben zu lassen, sofern sich die Weltgemeinschaft nicht auf extreme Klimaziele einigen kann. Während die Politiker auf diese Drohung taktierend und sich positionierend reagieren, suchen Ermittler verschiedenster Organisationen - u.a. Walter Gilman von der Australian Federal Police sowie Brad Walker vom FBI - in Australien mit Hochdruck nach den vermissten Kindern. Und auch Hannahs Onkel Marc - ein ehemaliger Kriegsreporter - macht sich auf die Suche nach seiner entführten Nichte.

An der Art von Tom Roth seine Geschichte zu erzählen, hat mir neben dem hohen Erzähltempo besonders der große Abwechslungsreichtum gefallen. So spielt "CO2 - Welt ohne Morgen" an verschiedenen Schauplätzen - wie etwa Heron Island in Australien oder auch Tofino, Vancouver Island. Man erlebt Taxifahrten in Kampala, Uganda und besucht Altbauwohnungen und einen Döner-Imbiss in Berlin Kreuzberg. Zudem wechseln die Perspektiven der kurzen Kapitel. So wird etwa die Entführung der Teenager aus dem Klima-Camp in Australien aus Sicht von Hannah geschildert und in den darauf folgenden Kapiteln erleben wir Hannahs Mutter sowie Hannahs Onkel, wenn sie von dieser Entführung sowie der Forderung der Entführer erfahren.
Darüber hinaus wird die Geschichte in geschickter Weise auf zwei Zeitebenen erzählt. Neben dem Hier und Jetzt der Entführung wird ein Teil der Geschichte als Rückblick aus dem Jahr 2040 geschildert, wenn Marc von der jungen Reporterin Susie Reynolds auf Nordfriesland besucht wird, die ihn zu der damaligen Entführung interviewen will, um die wahre Geschichte zu erfahren.

Die gelungenen, detaillierten Beschreibungen von "CO2 - Welt ohne Morgen" haben mich sehr angesprochen, wie ein Gesicht, in dem "schwer zu lesen ist, weil es wie eine Leinwand ist, die zu oft übermalt worden war". Und auch die wunderschönen Natur Beschreibungen - etwa der zerklüfteten Küste des Clayoquot Sound, wo Marc zu Beginn des Thrillers als Selbstversorger lebt - haben mir ausgesprochen gut gefallen.

Besonders stark finde ich "CO2 - Welt ohne Morgen", wenn der Klimawandel - wie der Clean Development Mechanism oder der Handel mit CO2-Zertifikaten - thematisiert wird. Auch wenn in der Danksagung betont wird, dass diese stark verkürzt und vereinfacht dargestellt werden, so finde ich deren Erklärung dennoch sehr interessant. Zudem merkt man Tom Roth, der sogar an der Universität zum Klimawandel und zu CO2-Zertifikaten geforscht hat, deutlich an, wie gut er sich mit diesen Themen auskennt. Und dass Korallen mittels in die Atmosphäre aufsteigender Schwefelverbindung ihr eigenes Wetter erzeugen können, fand ich sehr spannend und war mir neu.

Darüber hinaus finde ich "CO2 - Welt ohne Morgen" ausgesprochen gelungen, wenn die vierte Gewalt behandelt wird, weil man auch da dem Autor seine langjährige Erfahrung als Journalist deutlich anmerkt. Beispielsweise wird eindringlich geschildert, wie Marc sich an seine Zeit in Ost-Aleppo im Krieg erinnert und wie er Fotos von in Tüchern gewickelten Leichen nach einem Bombenanschlag gemacht hat. Ferner finde ich die Darstellung, wie die Medien mobilisiert werden, um Druck auf eine hinsichtlich Hannahs Entführung recht untätige Regierung auszuüben, sehr treffend.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für den spannenden Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" von Tom Roth, den ich ab "Lorenzo 2 Tage" kaum noch aus der Hand legen konnte. Zudem hat mir die schlüssige, in sich stimmige Auflösung dieses Thrillers sehr zugesagt.
Auch liebe ich Sprichwörter und Redewendungen. Insofern waren für mich das Maori-Sprichwort: "Gehe in das Tal der Vorfahren. Lerne aus der Geschichte." sowie die chinesische Redewendung "Angst klopft an. Vertrauen öffnet. Keiner war draußen.", die ich beide noch nicht kannte, mir aber ausgesprochen gut gefallen, tolle Extras.
Ich persönlich hätte mir gewünscht, mehr über die charmante, charismatische, manipulative Seite des schwedischen Unternehmers Emil Sandberg, der mit seinem Start-up Brövägtull Handel mit CO2-Zertifikaten betreibt, zu erfahren. Und dafür dass sämtliche Personen in "CO2 - Welt ohne Morgen" frei erdacht und erfunden sind, erinnert mich die Kanzlerin in diesem Thriller leider zu stark an Angela Merkel - was mir persönlich leider nicht so gut gefallen hat. Da wären mir deutlichere Unterschiede - und eine größere Entfernung zur realen Vorlage - lieber gewesen. Aber das ist Kritik auf ganz hohem Niveau an einem wirklich gelungenen Thriller von Tom Roth.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Handlung
Veröffentlicht am 20.12.2020

Ungewöhnlicher, fesselnder Auftakt einer Trilogie von Tim Macgabhann

Der erste Tote
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Der Reporter Andrew und der Fotograf Carlos finden bei der Arbeit an einem Porträt von Poza Rica - einer heruntergekommenen Erdölmetropole in Veracruz, im Osten Mexikos - die Leiche des grausam ermordeten ...

Der Reporter Andrew und der Fotograf Carlos finden bei der Arbeit an einem Porträt von Poza Rica - einer heruntergekommenen Erdölmetropole in Veracruz, im Osten Mexikos - die Leiche des grausam ermordeten Studenten und Umweltaktivisten Julían Gallardo. Nachdem sie dabei von Cops überrascht werden, kehrt Andrew nach Mexiko City zurück. Doch Carlos muss den Hintergründen der Ermordung von Julían Gallardo auf den Grund gehen und bezahlt dies mit dem Leben, so dass nun Andrew die Story zu recherchieren beginnt - auf der Suche nach den Mördern von Julían Gallardo und Carlos, der nicht nur sein Freund, sondern auch sein Geliebter gewesen ist.

Mir haben die anschaulichen wie realistischen, teils ausgefallenen, stets jedoch detailreichen Beschreibungen von Tim Macgabhann, die etwa Poza Rica, Veracruz oder auch Mexiko City lebendig werden lassen, ausgesprochen gut gefallen. Der "erste Tote" zeichnet sich meiner Ansicht nach durch einen besonderen, außergewöhnlichen Schreibstil aus, der durch einzigartige Beschreibungen wie etwa von "Fahrbahnmarkierungen, die an zerrissene Gedankenstriche erinnern" oder auch einem Bolero mit "mandelfarbenen Gitarrenklängen" und "Kies, der unter den Reifen knirscht, wie eine aus der Rille gesprungene Plattenspielernadel" geprägt ist.

Der Fotograf Carlos ist ein charismatischer, faszinierender Charakter, wie ich finde, der nicht nur über einen äußerst beeindruckenden Lebenslauf verfügt, sondern gleichermaßen unerschrocken wie chaotisch ist, wovon die umfangreiche Sammlung von Kaffeebechern zeugt, die Andrew auch nach Carlos Tod weiterhin begleitet.
Tim Macgabhann schildert in nachvollziehbarer, authentischer Weise, wie schwer Andrew mit Carlos Tod zu kämpfen hat und wie sehr er ihm fehlt. Mir zumindest ist es nahe gegangen, wenn Tim Macgabhann den letzten Aufenthalt von Andrew in Carlos Wohnung beschreibt, wobei Andrew Carlos Haare aus dem Badezimmer mitnimmt und die Finger auf die Vertiefungen, die Carlos Finger im Haarwachs hinterlassen haben, legt.
Zudem hat mir sehr gut gefallen, dass man in Erinnerungen von Andrew mehr über Carlos und über seine Beziehung zu Carlos erfährt - etwa wie die beiden sich in Durango kennengelernt haben, als sich Carlos dort nach einer Auseinandersetzung mit Cops versteckt gehalten hat und Andrew ihn interviewen sollte, oder auch von einem Spaziergang zu den Wandgemälden am Teatro - einem von Andrews Lieblingsorten - in Carlos ersten Tagen in Mexiko City.

Auch dass der erste Tote in Mexiko - u.a. in Poza Rica, Mexiko City und Ciudad Juárez - spielt, hat mich sehr angesprochen. Das würde nicht nur das schöne, außergewöhnlich gestaltete Cover mit einschließen, sondern auch die gute mexikanische Küche etwa in Gestalt von Quesadillas, reifen Mangos und Avocados, darüber hinaus aber auch die allgegenwärtige Kriminalität, die sich auch darin zeigt, wie leicht sich Andrew eine Smith & Wesson Bodyguard kaufen kann, sowie den hohen Drogenkonsum.
Als cleveren Schachzug von Tim MacGabhann habe ich es empfunden, dass Andrew vieles, was vielleicht vielen Mexikaner bekannt ist, im Verlauf seiner Recherche berichtet und erklärt wird bzw. er sich über gegoogelte in kursiv eingebaute Artikel und Reportagen selbst anliest. So ist der "erste Tote" meiner Ansicht nach auch für jeden, dem wenig über Mexiko und die dortigen Verhältnisse bekannt ist, geeignet. So erläutert etwa Carlos Andrew bei ihrem ersten Treffen im Rahmen des von Andrew geführten Interviews den Zusammenhang zwischen El Chapo, Cops, Lokalpolitikern und Geschäftsleuten.

Wer einen klassischen Thriller erwartet, wird vermutlich von "der erste Tote" enttäuscht werden. Dass der Protagonist Andrew kein Polizist oder Detektiv ist, sondern Journalist, der recherchiert und seiner Story nachgeht, gibt "dem ersten Toten" einen anderen Ansatz und Blickwinkel.
Meiner Ansicht nach ist dieser Roman von Tim Macgabhann gerade dann besonders stark, wenn es um Journalismus und Reporter geht - etwa in Gestalt der in kursiv eingestreuten Artikel bzw. Ausschnitte von Artikeln und Reportagen, die Andrew im Verlauf seiner Recherche liest bzw. selbst verfasst, oder aber auch in den Begegnungen mit dem Reporter Francisco Escárcega, der nach Carlos auch Andrew bei seiner Recherche unterstützt. Da merkt man Tim MacGabhann seine langjährige Erfahrung als Journalist und Tätigkeit u.a. für den Esquire, Reuters, The Washington Post und Al Jazeera deutlich an.

Der Schreibstil von Tim MacGabhann ist ungewöhnlich. Er hat seine eigene Art, seine Geschichte in außergewöhnlichen Beschreibungen und teils in sehr harter Sprache zu erzählen. Dabei folgt er seinem eigenen Rhythmus in seinem speziellen Erzähltempo und mixt dabei in einzigartiger Weise verschiedene Stile - nicht ohne den ein oder anderen Stilbruch zu verursachen. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache - und auch ich habe ein wenig gebraucht, um mit dieser Art des Erzählens warm zu werden, aber letztlich hat mir "der Erste Tote" ausgesprochen gut gefallen.

  • Cover
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Veröffentlicht am 29.11.2020

Spannender, düsterer Auftakt der Kate Marshall-Reihe

So blutig die Nacht
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Im Herbst 1995 arbeitet Detective Constable Kate Marshall zusammen mit ihrem Boss Detective Chief Inspector Peter Conway am Fall des Nine Elms Cannibal, als sein viertes Opfer gefunden wird. Nach der Rückfahrt ...

Im Herbst 1995 arbeitet Detective Constable Kate Marshall zusammen mit ihrem Boss Detective Chief Inspector Peter Conway am Fall des Nine Elms Cannibal, als sein viertes Opfer gefunden wird. Nach der Rückfahrt vom Tatort gelingt es Kate Peter Conway als Nine Elms Killer zu überführen, wobei sie jedoch fast von ihm getötet wird. 15 Jahre später ist Peter Conway in der psychiatrischen Anstalt Great Barwell inhaftiert. Kate lebt in einem Haus auf den Klippen und unterrichtet - unterstützt von ihrem jungen Assistenten Tristan - Kriminologie an der Universität Ashdean. Dort wird sie von Malcolm Murray kontaktiert, der sie bittet sich den Fall seiner Tochter Caitlyn, die vor 20 Jahren verschwunden ist, anzusehen - insbesondere im Hinblick auf einen Zusammenhang zu Peter Conway. Zudem wird Kate vom Rechtsmediziner Alan Hexham zu einem aktuellen Fall hinzugezogen, bei dem ein Nachahmungstäter des Nine Elms Cannibal sein Unwesen zu treiben scheint.

An "So blutig die Nacht" haben mir die atmosphärischen, düsteren, detailreichen Beschreibungen besonders gut gefallen. So kommt schon gleich im ersten Kapitel eine beklemmende Stimmung auf, wenn die Hilflosigkeit und Scham der Protagonistin Kate Marshall greifbar werden, als sie ein schmieriger Geschäftsmann in einer Bahnhofsunterführung anmacht, während sie auf ihren Boss Peter Conway wartet.

Zudem finde ich die sorgfältigen Charakterisierungen von Robert Brynzda sehr gelungen. Dies würde nicht nur die authentische, starke Protagonistin Kate und den psychopatischen Antagonisten Peter betreffen, sondern insbesondere auch den sympathischen Gerichtsmediziner Alan Hexham sowie Peters abstoßende Mutter Enid mit einschließen. An Kate hat mich besonders angesprochen, dass sie ein interessanter wie komplexer Charakter ist - weit entfernt von jeglicher Eindimensionalität. So hat mich etwa die anschauliche, realistische Schilderung von Kates Umgang mit ihrem Trauma überzeugt, wie sie sich nach ihrer Alkoholsucht wieder gefangen hat und weiter kämpft. Teil ihrer täglichen Therapie ist, jeden Morgen gleich bei welchem Wind und Wetter im Meer schwimmen zu gehen und zudem regelmäßig Treffen der anonymen Alkoholiker zu besuchen - unterstützt von ihrer Nachbarin und Sponsorin Myra. Auch Peter Conways psychopathische Züge werden bereits vor seiner Entlarvung als Nine Elms Killer von Robert Brynzda in geschickter Weise angedeutet - etwa als Peter nach dem Fund einer grausam zugerichteten Leiche, die alle anderen Anwesenden schockiert, zum ersten Mal im Angesicht der drohenden Gefahr schmutziger Autositze Unbehagen zeigt.

Zudem hat mir an Robert Bryndzas spannendem wie fesselndem Schreibstil das hohe Erzähltempo ausgesprochen gut gefallen. Damit meine ich nicht nur die interessante Ausgangssituation und das fulminante Finale, sondern insbesondere auch den Mittelteil, den ich persönlich in Thrillern leider oft als ein wenig lang geraten empfinde, wenn der Leser auf viele falschen Fährten gelockt wird und die Handlung auf der Stelle tritt. Nicht so bei Robert Bryndza, der mit der Entführung von Layla Gerrard in Kapitel 23 deutlich das Tempo anzieht. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den folgenden geschickten Kunstgriff: Zunächst behandelt jedes Kapitel nur eine einzige Person. So folgt man in einem Kapitel etwa entweder Kate bei ihren Ermittlungen oder begleitet Peter bei seinem Aufenthalt in der Psychiatrie. Erst in Kapitel 32 wechselt man mitten im Kapitel von Kate zu Peter, was den Eindruck erweckt, dass Opfer und Täter sich nun deutlich näher kommen.

Auch hat mir an "So blutig die Nacht" sehr gut gefallen, dass zwar in stereotyper Weise ein männlicher weißer Serientäter junge Frauen ermordet, sonst aber angenehm oft von dieser stereotypen Sicht abgewichen wird. So ist den Serientätern die geballte Frauenpower in Gestalt von Kate Marshall sowie der leitenden Ermittlerin Varia Campbell auf der Spur. Zudem ist Kates Assistent Tristan das Objekt der Begierde etwa eines älteren Zeugen, der Tristans Bauchmuskeln bewundert, oder auch von einem Junggesellinnenabschied. Generell finde ich die wenigen lustigen Stellen, die diesen düsteren Thriller ein wenig auflockern, durchweg sehr gelungen. Da wären etwa Kates Facebook Profilbild oder auch Kates Auseinandersetzung mit ihrem Dekan Laurence Barnes zu nennen.

Von mir gibt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für diesen spannenden, düsteren, blutigen Thriller von Robert Bryndza, dessen einziges kleines Manko der Nachahmungstäter ist. Peter Conway hätte als Antagonist vielleicht das Zeug zum Hannibal Lecter oder zumindest zum Dr. Martin Whitley alias "der Chirurg" gehabt. Der Nachahmungstäter fällt da jedoch leider - gerade im Vergleich zu Peter - deutlich ab.

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