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Veröffentlicht am 03.05.2021

Unterhaltsamer zweiter Krimi mit Penelope Kite für eine kurze Auszeit in der Provence

Mord auf Provenzalisch
1

Die Britin Penelope (Penny) Kite verbringt ihre Zeit mit der fortschreitenden Renovierung des von ihr erworbenen Bauernhofs, bei der wiederentdeckten Leidenschaft des Cello Spielens sowie im Kreis ihrer ...

Die Britin Penelope (Penny) Kite verbringt ihre Zeit mit der fortschreitenden Renovierung des von ihr erworbenen Bauernhofs, bei der wiederentdeckten Leidenschaft des Cello Spielens sowie im Kreis ihrer neuen französischen Freunde - wie etwa der Immobilienmaklerin Clémence Valencourt. Als Penny mit Laurent Millais - dem ebenso charmanten wie gutaussehenden Bürgermeister von St Merlot - die Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Galerie Gilles de Bourdan in Avignon besucht, bricht plötzlich der Maler Don Doncaster, ein Landsmann von Penny und ehemaliger Staatsanwalt, zusammen. Und als Don kurz darauf im Krankenhaus verstirbt, nimmt die zuvor in der Gerichtsmedizin in London tätige Penny - wie schon in ihrem ersten Fall in der Provence "Tod in Saint Merlot" - wieder die Ermittlungen auf.

Das Autorenduo, das hinter Serena Kent steckt, fängt in diesem Krimi das provenzalische Lebensgefühl - etwa das besondere Licht, das schon seit Jahrhunderten Maler und Malerinnen in die Provence zieht - in ganz wunderbarer Weise ein und entführt so für eine kurze Auszeit in die Provence. So gefallen mir neben der Gestaltung des Covers, das die Schönheit von Lavendel-Feldern abbildet, auch die bezaubernden Beschreibungen der wunderschönen Provence - wie die des saphirblauen Himmels über den Bergrücken des Luberon oder der darauf lastenden majestätischen, einer Kathedrale gleichenden Stille - sehr.
Ebenso malerisch wird die Nebenroute nach Nizza geschildert, die Penny entlangfährt, als sie Gilles auf seine Einladung hin in seiner dortigen Galerie zu besuchen gedenkt. Und das auf steilen Klippen über Cap Ferrat thronende mittelalterliche Dorf Èze hat mich beeindruckt. Zudem habe ich mit Penny sehr die gute französische Küche genossen. Neben den köstlichen Backwaren haben es mir dabei vor allem die Desserts - wie etwa der Birnenkuchen mit geschlagener Vanillecreme - angetan.

Neben den wunderschönen Beschreibungen der Provence haben mir der Humor sowie die Rolle, die der Musik und insbesondere dem Cello in diesem Provence Krimi zugestanden werden, sehr zugesagt. So hat mich besonders angesprochen, mit welcher Hingabe Penny sich wieder dem Cello Spielen widmet und welch berührende, gefühlvolle Schönheit sich dabei in der Musik - wie etwa in Schumanns berühmtem Cellokonzert - entdecken lässt.
Auch der Humor in "Mord auf provenzalisch" hat mir gut gefallen - sei es moderne Kunst betreffend, die ich oft genug wohl einfach nur nicht verstehe, sowie hinsichtlich der kulturellen Unterschiede zwischen Engländern und Franzosen. Diese treten etwa deutlich bei dem typisch englischen Essen, das Penny ihren französischen Freunden serviert, zutage.
Unterhaltsam finde ich Pennys Freundin Frankie, die ein richtiges Original ist. In einer Verfilmung wäre Frankie vermutlich das, was man einen Szenedieb nennt. So zieht Frankie in jeder Szene, in der sie auftritt, die Aufmerksamkeit voll und ganz auf sich - auch da sie stets etwas Originelles sagt oder Unerwartetes tut. Und dass Frankie Penny bei ihrem Besuch in der Provence tatkräftig bei den Ermittlungen unterstützt und sogar einiges zur Aufklärung dieses Falls beizutragen weiß, hat mir gut gefallen.
Einige der weiteren Nebencharaktere in "Mord auf provenzalisch" sind für mich sonst jedoch leider ein wenig blass geblieben. Das mag zumindest teilweise daran liegen, dass ich leider noch nicht den ersten Provence-Krimi "Tod in Saint Merlot" dieser Reihe gelesen habe.

Auch wenn ich die Stärken von "Mord auf provenzalisch" weniger in seiner Krimi Handlung als vielmehr in seinem Humor, den schönen Beschreibungen der malerischen Provence, der guten französischen Küche sowie des wunderbaren Cellospiels sehe, so hat mir dennoch gut gefallen, dass ich in diesem Provence Krimi gut miträtseln und mitraten konnte. Die Überraschungen zum Schluss dieses Krimis haben mir größtenteils zugesagt. Einige kriminelle Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Morden hatte ich zuvor so schon vermutet. Ein Beteiligter - dessen Namen ich nicht nennen mag, um die Handlung nicht in unnötiger Weise zu spoilern - war für mich jedoch total unerwartet. Und auch wenn mir der Überraschungseffekt dabei gut gefallen hat, so hätte ich mir da doch weitere Ausführungen zum Hintergrund dieses Täters und Erläuterungen zu dessen Motivation gewünscht. So lässt mich das Ende von "Mord auf provenzalisch" zumindest an dieser Stelle leider ein wenig unbefriedigt zurück.

Insgesamt bin ich in "Mord auf provenzalisch" gut unterhalten worden. Die 380 Seiten lange Geschichte hätte man vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein wenig straffer erzählen können. Aber für diese Längen bin ich mit einer kleinen Auszeit in der Provence, deren Lebensgefühl und Schönheit das Autorenduo, das hinter Serena Kent steckt, in wunderbarer Weise einfängt und vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden lässt, entschädigt worden. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung für "Mord auf provenzalisch" für alle Liebhaber der Provence. Und auch wenn dieser zweite Provence Krimi so eigenständig ist, dass es für dessen Verständnis nicht zwingend erforderlich ist, den ersten Band "Tod in Saint Merlot" gelesen zu haben, so möchte ich doch jedem dazu raten. Denn sonst bleiben leider ein paar der Nebencharaktere eher blass und wirken ziemlich oberflächlich.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Handlung
Veröffentlicht am 20.12.2020

Ungewöhnlicher, fesselnder Auftakt einer Trilogie von Tim Macgabhann

Der erste Tote
0

Der Reporter Andrew und der Fotograf Carlos finden bei der Arbeit an einem Porträt von Poza Rica - einer heruntergekommenen Erdölmetropole in Veracruz, im Osten Mexikos - die Leiche des grausam ermordeten ...

Der Reporter Andrew und der Fotograf Carlos finden bei der Arbeit an einem Porträt von Poza Rica - einer heruntergekommenen Erdölmetropole in Veracruz, im Osten Mexikos - die Leiche des grausam ermordeten Studenten und Umweltaktivisten Julían Gallardo. Nachdem sie dabei von Cops überrascht werden, kehrt Andrew nach Mexiko City zurück. Doch Carlos muss den Hintergründen der Ermordung von Julían Gallardo auf den Grund gehen und bezahlt dies mit dem Leben, so dass nun Andrew die Story zu recherchieren beginnt - auf der Suche nach den Mördern von Julían Gallardo und Carlos, der nicht nur sein Freund, sondern auch sein Geliebter gewesen ist.

Mir haben die anschaulichen wie realistischen, teils ausgefallenen, stets jedoch detailreichen Beschreibungen von Tim Macgabhann, die etwa Poza Rica, Veracruz oder auch Mexiko City lebendig werden lassen, ausgesprochen gut gefallen. Der "erste Tote" zeichnet sich meiner Ansicht nach durch einen besonderen, außergewöhnlichen Schreibstil aus, der durch einzigartige Beschreibungen wie etwa von "Fahrbahnmarkierungen, die an zerrissene Gedankenstriche erinnern" oder auch einem Bolero mit "mandelfarbenen Gitarrenklängen" und "Kies, der unter den Reifen knirscht, wie eine aus der Rille gesprungene Plattenspielernadel" geprägt ist.

Der Fotograf Carlos ist ein charismatischer, faszinierender Charakter, wie ich finde, der nicht nur über einen äußerst beeindruckenden Lebenslauf verfügt, sondern gleichermaßen unerschrocken wie chaotisch ist, wovon die umfangreiche Sammlung von Kaffeebechern zeugt, die Andrew auch nach Carlos Tod weiterhin begleitet.
Tim Macgabhann schildert in nachvollziehbarer, authentischer Weise, wie schwer Andrew mit Carlos Tod zu kämpfen hat und wie sehr er ihm fehlt. Mir zumindest ist es nahe gegangen, wenn Tim Macgabhann den letzten Aufenthalt von Andrew in Carlos Wohnung beschreibt, wobei Andrew Carlos Haare aus dem Badezimmer mitnimmt und die Finger auf die Vertiefungen, die Carlos Finger im Haarwachs hinterlassen haben, legt.
Zudem hat mir sehr gut gefallen, dass man in Erinnerungen von Andrew mehr über Carlos und über seine Beziehung zu Carlos erfährt - etwa wie die beiden sich in Durango kennengelernt haben, als sich Carlos dort nach einer Auseinandersetzung mit Cops versteckt gehalten hat und Andrew ihn interviewen sollte, oder auch von einem Spaziergang zu den Wandgemälden am Teatro - einem von Andrews Lieblingsorten - in Carlos ersten Tagen in Mexiko City.

Auch dass der erste Tote in Mexiko - u.a. in Poza Rica, Mexiko City und Ciudad Juárez - spielt, hat mich sehr angesprochen. Das würde nicht nur das schöne, außergewöhnlich gestaltete Cover mit einschließen, sondern auch die gute mexikanische Küche etwa in Gestalt von Quesadillas, reifen Mangos und Avocados, darüber hinaus aber auch die allgegenwärtige Kriminalität, die sich auch darin zeigt, wie leicht sich Andrew eine Smith & Wesson Bodyguard kaufen kann, sowie den hohen Drogenkonsum.
Als cleveren Schachzug von Tim MacGabhann habe ich es empfunden, dass Andrew vieles, was vielleicht vielen Mexikaner bekannt ist, im Verlauf seiner Recherche berichtet und erklärt wird bzw. er sich über gegoogelte in kursiv eingebaute Artikel und Reportagen selbst anliest. So ist der "erste Tote" meiner Ansicht nach auch für jeden, dem wenig über Mexiko und die dortigen Verhältnisse bekannt ist, geeignet. So erläutert etwa Carlos Andrew bei ihrem ersten Treffen im Rahmen des von Andrew geführten Interviews den Zusammenhang zwischen El Chapo, Cops, Lokalpolitikern und Geschäftsleuten.

Wer einen klassischen Thriller erwartet, wird vermutlich von "der erste Tote" enttäuscht werden. Dass der Protagonist Andrew kein Polizist oder Detektiv ist, sondern Journalist, der recherchiert und seiner Story nachgeht, gibt "dem ersten Toten" einen anderen Ansatz und Blickwinkel.
Meiner Ansicht nach ist dieser Roman von Tim Macgabhann gerade dann besonders stark, wenn es um Journalismus und Reporter geht - etwa in Gestalt der in kursiv eingestreuten Artikel bzw. Ausschnitte von Artikeln und Reportagen, die Andrew im Verlauf seiner Recherche liest bzw. selbst verfasst, oder aber auch in den Begegnungen mit dem Reporter Francisco Escárcega, der nach Carlos auch Andrew bei seiner Recherche unterstützt. Da merkt man Tim MacGabhann seine langjährige Erfahrung als Journalist und Tätigkeit u.a. für den Esquire, Reuters, The Washington Post und Al Jazeera deutlich an.

Der Schreibstil von Tim MacGabhann ist ungewöhnlich. Er hat seine eigene Art, seine Geschichte in außergewöhnlichen Beschreibungen und teils in sehr harter Sprache zu erzählen. Dabei folgt er seinem eigenen Rhythmus in seinem speziellen Erzähltempo und mixt dabei in einzigartiger Weise verschiedene Stile - nicht ohne den ein oder anderen Stilbruch zu verursachen. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache - und auch ich habe ein wenig gebraucht, um mit dieser Art des Erzählens warm zu werden, aber letztlich hat mir "der Erste Tote" ausgesprochen gut gefallen.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.04.2021

Ambitionierter Trilogie-Auftakt von Gustaf Skördeman mit Schwächen

Geiger
3

Onkel Stellan - ein früher in Schweden berühmter Fernsehmoderator - wird von seiner Tochter Malin erschossen in seinem Haus aufgefunden. Und Stellans Frau Agneta Broman ist verschwunden. Kommissarin Sara ...

Onkel Stellan - ein früher in Schweden berühmter Fernsehmoderator - wird von seiner Tochter Malin erschossen in seinem Haus aufgefunden. Und Stellans Frau Agneta Broman ist verschwunden. Kommissarin Sara Nowak, die für das Sittendezernat in Stockholm tätig ist und mit verschiedenen familiären Belastungen ihre Ehe, ihre Tochter Ebba sowie ihre Mutter Jane betreffend zu kämpfen hat, begleitet die Ermittlungen im Mordfall Stellan Broman. Denn Sara kennt die Familie Broman seit ihrer Kindheit, ist quasi im Haus von Familie Broman groß geworden.
Da die Ermordung von Stellan und das Verschwinden von Agneta Sara keine Ruhe lassen, unternimmt sie Ermittlungen auf eigene Faust und findet heraus, dass Stellan nicht nur ein begeisterter Anhänger der DDR, sondern als sog. IM (informeller Mitarbeiter) sogar ein Agent für die Stasi gewesen ist. Hat Onkel Stellan also seine Stasi Vergangenheit eingeholt und ist er deswegen ermordet worden?

Ich denke, dass es hilfreich ist, für den Krimi "Geiger" Interesse an politischen Themen, auch mit historischem Bezug - insbesondere an der Stasi sowie an der Beziehung von Schweden zur DDR - mitzubringen. Denn diese Themen nehmen im Rahmen der Ermittlungen von Sara Nowak die Ermordung von Onkel Stellan betreffend einen nicht unbedeutenden Umfang in "Geiger" ein. Auch wenn mir leider das Interesse an dieser Thematik fehlt, so hat mir doch gut gefallen, dass man auch ohne politisch historisches Vorwissen "Geiger" folgen kann, obgleich diese Themen schon in einer gewissen Komplexität und Tiefe behandelt werden. Denn da auch die Protagonistin Sara die DDR wie Stasi betreffend weitestgehend unbewandert ist, stellt sie diesbezüglich viele Fragen im Zuge ihrer Ermittlungen und so wird auch dem Leser vieles erklärt. Dabei habe ich einiges gelernt, was ich weder über die Stasi noch über die Beziehung von Schweden zur DDR wusste.

Neben der Stasi-/ DDR-Thematik nehmen auch Saras Arbeit in der Prostitutionsbekämpfung für das Sittendezernat sowie ihre familiären Probleme ihren Mann Martin, ihre Tochter Ebba sowie ihre Mutter Jane betreffend viel Raum in "Geiger" ein. Das mag bisweilen seine Längen haben und wäre meiner Ansicht nach vielleicht gelungener gewesen, wenn diese Schilderungen zumindest stellenweise kürzer ausgefallen wären. Gut gefallen hat mir, dass die familiären Dramen in Saras Leben nicht nur um ihrer selbst willen von Gustaf Skördeman erzählt wurden, sondern letztlich auch die Handlung vorangetrieben haben. So möchte ich jedem, der einen nur auf die Lösung eines Mordfalls fokussierten Krimi mit hohem Erzähltempo lesen möchte, eigentlich von diesem Politkrimi von Gustaf Skördeman abraten. Wer sich von einem recht komplexen, zum Mitdenken anregenden Politkrimi herausgefordert fühlt, wer auch eine nicht so leichte Politkrimi Kost mit über weite Strecken ruhigem Erzähltempo zu schätzen weiß, und wen weder die Stasi-/ DDR-Thematik noch eine komplizierte Protagonistin, deren Aggressionsprobleme und Wutanfälle einen immer wieder vor den Kopf stoßen und deren private Probleme sehr viel Raum einnehmen, abzuschrecken vermag, ist bei "Geiger" gut aufgehoben, wie ich finde.

Interessanter hätte ich es gefunden, wenn Gustaf Skördeman in "Geiger" den Fokus ein bisschen weniger auf Protagonistin Sara gelegen hätte und einige weitere Kapitel aus Sicht von Agneta Broman, deren Tochter Lotta oder der BND Mitarbeiterin Karla Breuer geschildert hätte. In solchen Perspektivwechseln ist die Leseprobe, die die ersten vierzig Seiten von "Geiger" beinhaltet, erzählt. Zwar finden sich in "Geiger" auch danach noch Kapitel, die nicht aus Sicht von Sara geschildert werden. Über weite Strecken von "Geiger" folgt man aber fast nur den Ermittlungen von Sara und erhält so leider nur selten Einblick etwa in die Gedankenwelt von Agneta, was ich sehr schade finde.

Und Gustaf Skördeman kann schreiben und das richtig gut. Dass "Geiger" schon in zwanzig Ländern erschienen ist, wundert mich da nicht. Auch eine Verfilmung von "Geiger" könnte ich mir gut vorstellen, da mir einige Kapitel - wie etwa das weiße an einen Leuchtturm erinnernde Gebäude umgeben von Wald, in dem IM Kellner wohnt - dafür prädestiniert scheinen. Da merkt man schon, dass Gustaf Skördeman eigentlich Drehbuchschreiber, Regisseur und Filmproduzent ist, wie ich finde.
Zudem glänzt "Geiger" neben schwedischem Lokalkolorit etwa in Gestalt der Abschlussfeierlichkeiten mit vielen ebenso eigenwilligen wie interessanten Nebencharakteren. Neben der ehemaligen Professorin Eva Hedin, die Sara bei ihren Ermittlungen unterstützt, wäre da wohl auch Saras Chefin - Hauptkommissarin Asa-Maria Lindblad - zu nennen. Auch wenn Asa-Maria Lindblad nur selten vorkommt, so wird sie doch von Gustaf Skördeman überzeugend als heimtückische Chefin, vor der alle Angst haben und deren einzige Stärke in motivierenden Facebook Beiträgen zu bestehen scheint, geschildert.

"Geiger" hätte mir jedoch besser gefallen, wenn einige unnötige Längen herausgekürzt worden wären. Insbesondere in der ersten Hälfte dieses Politkrimis hätte man manche Kapitel doch ein wenig straffen können. Auch die Nachbesserung an einigen, wenig logisch erscheinenden Stellen hätte Geiger nicht geschadet. Dies würde das Kapitel betreffen, in dem Agneta im neuen Look mit kurz geschnittenen Haaren von ihrem Enkel nicht mehr erkannt wird. Auch wäre es wohl besser gewesen, den Altersunterschied zwischen Lotta und ihrer Schwester Malin bzw. Sara um ein paar Jahre zu vergrößern.

Die Twists zum Schluss haben mich größtenteils überzeugt. Einige davon wurden zuvor geschickt von Gustaf Skördeman mittels einzelner Hinweise angedeutet, so dass es schon möglich gewesen ist, bei den Ermittlungen von Sara mitzurätseln.
Auch dass die verschiedenen Erzählstränge, die zum einen Saras Ermittlungen und zum anderen Saras Vergangenheit und Privatleben betreffen, am Ende zusammenlaufen, da sie in gewisser Weise - die ich natürlich nicht verraten möchte, um die Handlung nicht zu spoilern - zusammenhängen, hat mir gefallen. Darüber hinaus hat mich besonders die Erzählung von Agnetas Vergangenheit angesprochen, die mich tatsächlich ein wenig mit der politisch historischen Thematik von "Geiger" versöhnt hat, die mich sonst leider wenig interessiert hat.

"Geiger" gipfelt in einen spannenden, actionlastigen Showdown, der mir jedoch leider zu überladen und durcheinander gewesen ist - wohl insbesondere auch aufgrund des ruhigen Erzähltempos, das "Geiger" zuvor über weite Strecken geprägt hat. Bei diesem Showdown wäre für mich tatsächlich weniger mehr gewesen.
Zwar liefert "Geiger" in seinem letzten Drittel einige Auflösungen, hat insgesamt jedoch ein offenes Ende. Zudem ist "Geiger" dann recht plötzlich und schon ein wenig abrupt zu Ende, was vermutlich darin begründet liegt, dass in Band 2 die Handlung fortgeführt werden wird. Denn "Geiger" ist von Gustaf Skördeman als Trilogie angelegt.

  • Cover
  • Handlung
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.05.2021

Jugendbuch Thriller von Mel Wallis de Vries trotz interessanten Aufbaus und guter Ansätze mit Schwächen

Himmel oder Hölle?
2

Danielle, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet und von ihrem Ex-Freund - dem BWL-Studenten Stan - gestalkt wird, fährt in ihren Schulferien mit ihren Freundinnen Madelief, Loulou und Robin für einen ...

Danielle, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet und von ihrem Ex-Freund - dem BWL-Studenten Stan - gestalkt wird, fährt in ihren Schulferien mit ihren Freundinnen Madelief, Loulou und Robin für einen Skiurlaub nach Gerlos in Österreich. Dort lernt Danielle den attraktiven Amsterdamer Medizinstudenten Dante kennen und sie kommen sich näher. Wieder zurück aus dem Skiurlaub in Amsterdam verbringen Danielle und Dante nach einem Abendessen die Nacht zusammen, nachdem sie sich in einem Supermarkt beim Einkaufen wieder begegnet sind. Doch ist dieses Treffen im Supermarkt wirklich Zufall gewesen? Und welches Geheimnis verbirgt Dante?

An diesem Thriller des ONE-Verlags hat mir der flüssige, gut lesbare Schreibstil von Mel Wallis de Vries sehr zugesagt. Zudem hat mir gut gefallen, dass die Handlung von "Himmel oder Hölle?" in Perspektivwechseln sowie auf zwei Zeitebenen erzählt wird. So schildert das erste Kapitel an TAG 0 aus Sicht des Täters, wie er die sich in seiner Gewalt befindende Danielle mit der Kamera seines Handys aufnimmt, dabei sein Selbstbewusstsein wächst und sich Dunkelheit in ihm regt, wenn er sich vorstellt, was er der gefesselten Danielle antun wird.
Danach setzt die eigentliche Handlung 17 Tage zuvor in Gerlos in Österreich ein, wo die Amsterdamer Freundinnen Loulou, Robin, Madelief und Danielle ihre Ferien verbringen. Von da an erzählt Mel Wallis de Vries ihre Geschichte an diesen vorherigen Tagen im Wechsel mit Tag 0 und bewegt sich dabei auf diesen Tag 0 zu, um in einem Epilog, der 122 Tage später spielt, zu enden. Dieser Aufbau von "Himmel oder Hölle?" hat mir insgesamt zugesagt. Dabei haben mich besonders die düsteren Tag 0 Kapitel überzeugt, die Einblick in die Gedankenwelt des Täters bieten, da sie aus seiner Sicht geschildert sind.

Danielles ebenso warmherzige wie freundliche und hilfsbereite Freundin Madelief ist die einzig nette Person in Danielles Umfeld. So konfrontiert Mel Wallis de Vries schon zu Beginn von "Himmel oder Hölle?" den Leser damit, wie Danielles "Freundin" Loulou auf ihr herumhackt, weil sie ein heruntergekommenes Apartment für den Skiurlaub gebucht hat, als sie sich von geschönten Fotos der Wahrheit hat täuschen lassen. Zudem macht Loulou sich in gehässiger Weise über die noch unerfahrene Skifahrerin Danielle, die erst im letzten Jahr Skifahren gelernt hat, lustig. Danielles "Freundin" Robin ist da kaum besser.
Und Danielles Ex-Freund Stan, mit dem sie einst ihre Traurigkeit verbunden hat, weil sie unter der Scheidung ihrer Eltern gelitten hat so wie Stan unter dem Verlust seiner Mutter, die an Krebs gestorben ist, zeigt seit Danielles Trennung von ihm Stalking ähnliche Verhaltensweisen. So ruft Stan Danielle etwa täglich an, schreibt ihr ständig, beobachtet, wann sie online geht, und steht nachts vor ihrem Haus. Zudem zeigt der attraktive Medizinstudent Dante, der aus schwierigen Verhältnissen stammt, da er seit seinem neunten Lebensjahr in einer Pflegefamilie groß geworden ist, nachdem sein Vater nach dem Krebs Tod seiner Mutter verschwunden ist, ein Danielle gegenüber kontrollsüchtiges und gelinge gesagt ziemlich irritierendes Verhalten.
Für den weiteren Verlauf von "Himmel oder Hölle?" hätte ich mir gewünscht, dass Danielle mehr Selbstvertrauen und Durchsetzungsstärke entwickeln würde, dass sie weniger versuchen würde es allen Recht zu machen, sondern stattdessen lernen würde, klare Grenzen zu setzen und sich aus schwierigen Beziehungen zu lösen. Doch leider ist diese Entwicklung nicht erfolgt. Darüber hinaus spricht Mel Wallis de Vries in diesem Thriller zwar eine Vielzahl weiterer gleichermaßen schwieriger wie relevanter Themen an - wie etwa Bodyshaming, Selbstverletzung oder auch psychische Erkrankungen. Aber auch bei diesen Themen ist eine kritischere Auseinandersetzung leider nicht in "Himmel oder Hölle?" erfolgt, wie ich sie mir insbesondere bei einem Jugendbuch gewünscht hätte.

Obwohl man bedingt durch den Aufbau von "Himmel oder Hölle", da man als Leser durch die eingeschobenen Tag 0 Kapitel nach und nach weitere Informationen zum Täter erhält, die ganze Zeit miträtselt, wer Danielle da an Tag 0 in seiner Gewalt hat, errät wohl keiner die Auflösung, die Mel Wallis de Vries schließlich liefert. Dass die Enthüllung des Täters ebenso überraschend wie unerwartet kommt, hat mir einerseits gefallen. Andererseits geht diese leider ein wenig zu lasten der Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit des Täters, wie ich finde. So hätte ich mir mehr Informationen zum Hintergrund des Entführers von Danielle - wie insbesondere zu seiner wohl schwierigen Vergangenheit - gewünscht. Womöglich hätten auch ein paar weniger falsche Fährten und ein etwas kleinerer Kreis an Verdächtigen diesem Thriller von Mel Wallis de Vries gut getan. Danielle hat nun wirklich keinen Mangel an aufgrund ihres stalkenden, mobbenden oder auch kontrollsüchtigen Verhaltens schwierigen Personen in ihrem Umfeld. Denn gerade aufgrund der vielen falschen Fährten, die dann letztlich doch ins Leere laufen, und des wirklich umfangreichen Kreises an Personen, die Danielle womöglich Schaden zufügen wollen, hat "Himmel oder Hölle" bisweilen schon seine Längen und ist gerade in seiner ersten Hälfte über weite Strecken eher weniger spannend für einen Thriller, da dafür dann doch einfach zu wenig passiert.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 21.02.2021

Debütroman "Liars" von Naomi Joy trotz guter Ansätze mit Schwächen

Flieh, so weit du kannst
1

Nach dem Tod ihrer Freundin Olivia - der Tochter des PR-Gurus David Stein - konkurrieren Ava und Jade bei der PR-Agentur Watson & Stein Partners in London um die Beförderung zur Teamleiterin. Dabei verbindet ...

Nach dem Tod ihrer Freundin Olivia - der Tochter des PR-Gurus David Stein - konkurrieren Ava und Jade bei der PR-Agentur Watson & Stein Partners in London um die Beförderung zur Teamleiterin. Dabei verbindet Ava und Jade ein Geheimnis Olivias Tod betreffend. Zudem leidet Ava unter ihrem kontrollsüchtigen Freund Charlie, von dem sie sich trennen möchte. Da sie finanzielle Probleme daran hindern, bittet sie ihren Chef David Stein um Hilfe, der sie in Olivias Haus einziehen lässt. Doch wer ist es, der des nachts - unbemerkt von Ava, wenn sie badet oder schläft - durch Olivias Haus schleicht?

"Liars" - so lauter der Titel des Debütromans im Original von Naomi Joy. Diesen Titel finde ich passender als den deutschen Titel "Flieh, so weit du kannst". Und auch die im englischen Original dezent gehaltenere Cover Gestaltung scheint mir besser zu diesem Roman von Naomi Joy zu passen als das sehr düstere Cover mit den blutroten Innenseiten von "Flieh, so weit du kannst".

Interessiert hat mich an diesem Debütroman von Naomi Joy die ungewöhnliche Erzählweise. So beginnt dieser Roman mit einem Artikel über den zweiten Schicksalsschlag für David Stein, wie er seine Tochter Olivia verloren hat, um die dann folgenden Kapitel abwechselnd aus der Perspektive von Ava und Jade in ihrem Konkurrenzkampf um die Beförderung zur Teamleiterin zu schildern. Besonders interessant fand ich dabei, wenn genau die gleiche Situation zunächst aus Sicht von Jade und dann aus Sicht von Ava geschildert wird und wie verschieden die Wahrnehmung genau des gleichen Gesprächs doch sein kann.
Zudem wird in den Perspektivwechseln deutlich, welch ungesunde Beziehung Jade aufgrund ihrer Eifersucht zu Ava pflegt, wie insbesondere Erinnerungen von Jade an Gespräche mit ihrer Therapeutin zeigen. Gefallen hat mir, dass im späteren Verlauf von "Flieh soweit du kannst" die Erzählung der Handlung um weitere Perspektiven ergänzt wird.

Nicht nur zu Beginn, auch in der Mitte und gegen Ende dieses Romans von Naomi Joy finden sich weitere Zeitungsartikel. Und auch wenn die darin enthaltenen Informationen teils redundant zur übrigen Erzählung der Handlung sind, so haben sie mir dennoch gut gefallen. Denn die eingebauten Zeitungsartikel stellen einerseits einen ungewöhnlichen Stil dar, andererseits hat die Presse - wie sich mit der Auflösung des Romans zeigen wird - mit diesen Artikeln ihren eigenen Anteil an der Geschichte von "Flieh soweit du kannst".

Besonders stark fand ich zu Beginn des Romans, wenn Avas Verhältnis zu ihrem kontrollsüchtigen Freund Charlie dargestellt wird. Denn in eindringlicher, beklemmender Weise schildert Naomi Joy, wie Charlie Ava kontrolliert, emotional erpresst und komplett von ihrem sozialen Umfeld isoliert hat, so dass Ava nichts unversucht lässt, um Charlie möglichst aus dem Weg zu gehen.
Charlie ist nicht nur kontrollsüchtig, in seinen manischen Zügen ist er mir fast noch unheimlicher. Das schließt insbesondere den wohl unangenehmsten Heiratsantrag, den man sich denken kann, bei einem schlechten Frühstück und einem von Avas Geld gekauften Ring mit ein. Zudem lassen Charlie Drogenkonsum und weil er trotz hohen Konsums, so schlecht mit Drogen umzugehen weiß, ihn unberechenbar und gewalttätig werden.
So hat Charlie zu Beginn von "Flieh soweit du kannst" zwar einige starke Auftritte. Schade ist nur, dass Charlie so früh im Roman bereits quasi nicht mehr in Erscheinung tritt.

Der große Vorteil an "Flieh soweit du kannst" ist mit Sicherheit der sehr flüssige Schreibstil von Naomi Joy, der sich auch dann noch erstaunlich leicht und gut liest, wenn einem der Roman leider weniger gefällt oder die Handlung gerade weniger interessant ist, wie ich finde.

Und leider hat mir "Flieh soweit du kannst" insgesamt eher weniger gut gefallen. Das liegt zum einen an den Twists dieses Romans, die mich leider nicht überzeugt haben. Der Twist in der Mitte des Romans Ava betreffend erscheint mir unglaubwürdig, da er zu sehr vom Himmel gefallen zu sein scheint. Dieser Twist ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar und mit der Auflösung zum Ende des Romans erscheint er mir sogar eher unlogisch.
Auch die Auflösung, wer denn nun der Antagonist resp. die Antagonistin ist, hat mir nicht zugesagt. Denn diese Auflösung ist für mich leider zu offensichtlich gewesen und von mir schon lange vor Ende des Romans vermutet worden, da sie zu oft und zu deutlich angedeutet wurde. Insofern ist mir diese Auflösung zu mau gewesen und auch die Ausführungen zu Motivation und vorigen Morden des / der Antagonist(in) haben das für mich nicht herausgerissen.

Auch muss ich zugeben, dass ich noch nie einen Roman gelesen habe, in dem ich fast alle Charaktere derart unsympathisch fand. So sind mir sowohl Ava als auch Jade unsympathisch. Je mehr ich im Verlauf von "Flieh soweit du kannst" über Ava erfahren habe, desto schwerer ist es mir gefallen sie sympathisch zu finden. Und Jade ist von Beginn an ein schwieriger Typ gewesen.
Ich möchte die Handlung nicht unnötig spoilern, aber wie der englische Titel schon nahe legt, ist Ava nicht gerade die Ehrlichkeit in Person. Schwierig finde ich, dass von Naomi Joy Avas Unehrlichkeit mit der Schilderung eines großen Teils der Handlung aus Avas Perspektive kombiniert wird. Denn nicht nur Avas Umfeld ist von ihren Lügen überrascht, sondern auch der Leser. Denn diese finden sich in Avas Gedanken - abgesehen von einer Ausnahme - nicht wieder, bis sie denn von ihrem Umfeld aufgedeckt werden.
Da gefallen mir dann sogar die Teile der Handlung, die aus Jades Perspektive dargestellt werden, besser - auch wenn diese ihre Längen haben und Jade nicht nur unsympathisch, sondern auch ganz schön nervig und anstrengend sein kann. Denn letztlich sind diese Kapitel dann doch in sich schlüssiger und stimmiger, wie ich finde. Auch hat der Twist zur Mitte des Romans, der Jade betreffen würde, mir zugesagt.

Bei "Flieh soweit du kannst" hatte ich einen Thriller erwartet, der das Thema Stalking behandeln würde. Meine Erwartungen sind leider enttäuscht worden. Auch wenn dieser Roman von Naomi Joy im letzten Drittel mehr Thriller Elemente aufweist als zuvor und mit einem recht actionlastigen, spannenden Showdown im Finale aufwartet, so lässt das "Flieh soweit du kannst" noch lange nicht zu einem Thriller für mich werden.
Auch rückt das Thema Stalking nach einem starken Beginn leider schnell in den Hintergrund und kommt im weiteren Verlauf nur noch am Rande vor.

Zudem möchte ich eine Warnung aussprechen, dass "Flieh soweit du kannst" meiner Ansicht nach kein Roman für Zart Besaitete ist. Denn es gibt eine einzige Szene, die sich an Jades Vernehmung bei der Polizei anschließt, die wirklich heftig ist. Die Szene ist stark geschrieben und würde vermutlich jeden Horrorfan, der einen Film wie "Event Horizon" zu schätzen weiß, glücklich machen. Aber in "Flieh soweit du kannst" scheint mir diese Passage nicht hineinzupassen.

Ich denke, dass man aus "Flieh soweit du kannst" einen weit besseren Roman machen könnte, wenn unnötige Längen herausgekürzt werden würden. Dies würde etwa die nicht zum übrigen Roman passende, bereits erwähnte Horrorszene mit einschließen. Aber auch bei letztlich überflüssigen Nebenfiguren und -handlungen wie beispielsweise dem Launch Event, das viel Raum im Roman einnimmt, könnte gekürzt werden. Auch Redundanzen - wie Wiederholungen bestimmter Sätze, sich wiederholende Andeutungen, redundante Informationen in den Zeitungsartikeln - sind nicht nötig. Bei einer nach Kürzung weniger mäandernden, stattdessen stringenteren Handlung würde dann so richtig zum Tragen kommen, was für mich die große Stärke von Naomi Joy ist: ihr flüssiger, gut lesbarer Schreibstil, der vermutlich fast jeden überzeugen würde und einen dann wohl sogar über Schwächen in der Handlung hinwegsehen lassen könnte.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere