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Veröffentlicht am 05.03.2026

Selbstermächtigung im Zeitalter der Fuckboys

Fuckgirl
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„Und so wird die begrenzt vorhandene mentale Energie für die Interpretation von Gemeinheiten abgebaut statt für die Abschaffung des Patriarchats. Es ist eine Lose-Lose-Rechnung, auf ganzer Linie." Dieser ...

„Und so wird die begrenzt vorhandene mentale Energie für die Interpretation von Gemeinheiten abgebaut statt für die Abschaffung des Patriarchats. Es ist eine Lose-Lose-Rechnung, auf ganzer Linie." Dieser Satz aus Bianca Jankovskas Debütroman „Fuckgirl", erschienen am 5. März 2026 im Haymon Verlag, trifft den Kern dessen, worum es in diesem Buch geht & und er fällt bereits auf Seite 9. Eine Performancekünstlerin Ende dreißig, toxische Beziehungsmuster als Normalzustand kennenlernt & schließlich ihr eigenes Regelwerk entwirft: eine einseitig offene Ehe, in der sie den Ton angibt. Als sie herausfindet, dass einer ihrer One-Night-Stands seine Freundin betrügt, entwickelt sie einen Racheplan und der Roman wird zur Abrechnung, die weit über diesen einen Mann hinausgeht.

Meine Meinung

Was mich von der ersten Seite an gepackt hat, ist der Schreibstil. Jankovska schreibt essayistisch, provokativ, manchmal fast monologisch und trotzdem nie unstrukturiert. Der Roman ist in Lessons unterteilt, die die Ich-Erzählerin wie Blog-Einträge kommentiert, ergänzt durch Fließtext, der zwischen Analyse und rohem Erleben hin- und herpendelt. Diese Struktur hat mich anfangs kurz auf die falsche Fährte gelockt: Eine Figur, bei der ich lange mitgegangen bin, entpuppte sich als etwas völlig anderes, als ich dachte. Das war handwerklich sehr gut gemacht und hat mich als Leserin auf eine angenehme Art überrumpelt.

Zunächst irritierend aber am Ende durchaus logisch und raffiniert fand ich, wie das Buch Figuren konsequent namenlos lässt. Es gibt keine Namen, nur Funktionen und Rollen: Fuckgirl, Mann, Loser, Mama, die Andere, der Journalist. Ich habe gemerkt, das ist keine literarische Spielerei, sondern eine politische Entscheidung. Denn die Figuren sind austauschbar, weil das System, das sie hervorbringt, austauschbar ist. Gleichzeitig ist Fuckgirl selbst damit mehr als eine Figur. Sie ist ein Typ, ein Entwurf, eine Möglichkeit.

Das Buch ist manchmal schmerzhaft direkt, etwa wenn es um die Weitergabe von Gewalt über Generationen geht, oder wenn es fragt, was Liebe ist, wenn man nur gelehrt wurde, Traumata zu tolerieren: „Als Liebe wurde ihr beigebracht, Traumata in Kauf zu nehmen. Als Liebe wurde ihr beigebracht, nicht zu fragen, ob sie etwas Besseres verdient." (S. 61) Das trifft, weil es keine Ausnahme beschreibt, sondern eine Regel.

Einen Moment gab es allerdings, bei dem ich nicht mitgegangen bin: Jankovskas Argumentation bzw. die der Protagonistin rund um Dickpics hat mich herausgeworfen. Der Versuch, diese zu normalisieren oder zu entdramatisieren, hat mir (bei allem Verständnis für die Grundhaltung) gefehlt, weil er die realen Machtdimensionen hinter unerwünschtem Bildmaterial meiner Meinung nach zu schnell beiseite schiebt. Das ist einer der wenigen Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Provokation um ihrer selbst willen kommt.

Fazit

„Fuckgirl" ist ein Debütroman, der sich traut, unbequem zu sein. Er ist für alle, die Gegenwartsliteratur wollen, die Feminismus nicht als Haltung, sondern als Analysewerkzeug begreift; für alle, die Bücher mögen, die ihnen nicht schmeicheln, sondern zurückstarren. Von mir gibt es eine große Empfehlung. Vielen Dank an der Stelle an den Haymon Verlag sowie netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Laut sein gegen das Leisemachen

Feindbild Frau
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Mit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer ...

Mit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Als Journalistin und Digitalexpertin beschäftigt sie sich seit Jahren mit Desinformation, Hass im Netz und den Machtmechanismen sozialer Plattformen.

Meine Meinung

In ihrem neuesten Buch analysiert Brodnig, wie digitale Gewalt funktioniert, warum sie Frauen in der Politik besonders trifft und welche demokratischen Folgen das hat. Sie spricht mit Betroffenen aus Deutschland und Österreich, seziert Mechanismen von Plattformlogiken, rechten Netzwerken und Empörungsökonomien. Sie bleibt dabei aber nicht bei der Diagnose stehen, sondern entwickelt konkrete Strategien der Gegenwehr.

Was das Buch für mich so stark und nahbar macht, ist, dass es die unsichtbaren Konsequenzen für Betroffene von „Hass im Netz“ sichtbar macht. „Digitale Gewalt besteht nicht nur darin, dass mir jemand physisch etwas antun könnte“ (S. 25). Sie wirkt subtiler: durch ständige Angst, Schlaflosigkeit, durch den aktiven Rückzug aus dem Digitalen zum eigenen Schutz und dem der Familie (= „Chilling-Effekt“, S. 32).

Brodnig zeigt auch, wie Sprache Hierarchien stabilisiert. Wenn Politikerinnen systematisch Kompetenz abgesprochen oder sie auf ihre Intimsphäre reduziert werden, ist das kein „rauer Ton“, sondern Machtausübung. „Beleidigungen sind wirkungsvoll, weil sie uns Menschen signalisieren, welchen Stellenwert wir in der Gesellschaft haben“ (S. 39).

Analytisch überzeugt das Buch durch klare Struktur und nachvollziehbare Argumentation. Die Kapitel zu Plattformalgorithmen und „Reinforcement Learning“ (S. 42) haben für mich viel erklärt, etwa warum moralische Empörung so belohnt wird. Gleichzeitig bleibt Brodnig zugänglich, nie akademisch abgehoben. Ihre vielen Tipps – von rechtssicheren Screenshots über Buddy-Systeme bis hin zu strategischem Blockieren – machen das Buch praktisch nutzbar.

Kritisch anmerken möchte ich zwei kleinere Punkte: Die Beschränkung auf Deutschland und Österreich wirkt etwas willkürlich; eine Einbettung in den gesamten DACHLI-Raum hätte ich spannend gefunden, auch wenn das möglicherweise eine komplexere rechtliche Recherche nach sich gezogen hätte. Und ich schätze den Einsatz von Grafiken sehr, musste aber feststellen, dass die Grafik zur Viralitätswahrnehmung (S. 87) leider zu wenig erklärt wurde. Begriffe wie p-Wert oder Cohen’s d sind für Menschen (wie mich), die sich nicht tagtäglich mit akademischen Schriften auseinandersetzen, schwer greifbar. Auch die halbe Seite Erklärung zur Grafik im Fließtext war für mich wenig aufschlussreich.

Gestalterisch hingegen: großartig. Farbgebung, Layout, Kapitelhinweise auf jeder Seite – man merkt, wie sorgfältig hier gearbeitet wurde. Einzig die sehr feste Bindung machte das Lesen stellenweise leider sehr mühsam und erforderte eine enorme Kraftanstrengung.

Fazit

„Feindbild Frau“ ist ein analytisches, aber trotzdem sehr niederschwelliges, dringliches Buch über digitale Gewalt, Misogynie, Plattformmacht und demokratische Resilienz. Ich empfehle es allen (ja, nicht nur Frauen und auch nicht nur Politikerinnen), die verstehen wollen, warum Online-Hass kein Randphänomen ist und was wir konkret dagegen tun können. Danke an den Brandstätter Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Reproduktive Gerechtigkeit = Menschenrecht

Mein Körper – wessen Entscheidung?
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Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt ...

Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt nicht autobiografisch stehen, sondern entwickelt daraus eine systematische Analyse reproduktiver Machtverhältnisse.

Meine Meinung

„Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat“ (S. 40).
Damit ist eigentlich schon klar, worin eines der vielen Problem im Kontext reproduktiver Gerechtigkeit liegt. Das Zitat ist dabei programmatisch. Es verschiebt die Perspektive weg von individueller Moral hin zu struktureller Gewalt. Schwangerschaftsabbrüche sind nicht "nur" private Tragödien, sondern vor allem eine staatlich regulierte Praxis mit realen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen für betroffene Frauen.

Zentral für das Buch ist wie der Untertitel des Buches schon vorweg nimmt das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago geprägt wurde. Schick übernimmt diesen Ansatz konsequent: Es geht nicht nur um das Recht auf Abbruch, sondern ebenso um das Recht, Kinder zu bekommen und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen. Damit erweitert sie die deutsche Debatte, die häufig beim „Pro Choice vs. Pro Life“-Schema stehen bleibt.

Die Autorin analysiert die gegenwärtige Verknüpfung von Reproduktionspolitik mit Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitik und Ableismus. Sie argumentiert, dass Gebärfähigkeit politisch verwaltet wird: durch restriktive Abtreibungsgesetze, durch ökonomische Zwänge, durch selektive Förderung bestimmter Familienmodelle.

„Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen“ (S. 75).
Entscheidungsfreiheit ohne soziale Absicherung ist eine Illusion. Wer kein Geld hat, keine sichere Wohnung, keinen Aufenthaltsstatus oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, hat faktisch keine Wahl. Freiheit wird damit als soziale Kategorie definiert, nicht als bloß juristische.

Theoretisch bezieht sich Schick unter anderem auf Michel Foucault und biopolitische Ansätze, ohne ins Akademische abzurutschen. Der Stil bleibt zugänglich, teils essayistisch, teils argumentativ zugespitzt. Der Text ist ganz klar normativ. Er will nicht vermitteln, sondern argumentieren. Und ganz ehrlich? Genau in dieser Haltung liegt für mich die Stärke des Buches. Weil es falsche Ausgewogenheit verweigert und stattdessen die zugrunde liegenden Machtstrukturen benennt. Das Buch zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von Strukturen? Wo blende ich soziale Dimensionen aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Dass dieses Buch ausgerechnet jetzt erscheint, könnte politisch kaum treffender sein: Am 26.02.2026 wurde mit der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ Geschichte geschrieben. Über 1,12 Millionen Unterschriften haben dazu geführt, dass das Europäische Parlament einen freiwilligen, EU-finanzierten Solidaritätsmechanismus für Menschen ohne Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt. Für Frauen in der EU bedeutet das konkret: Die strukturelle Realität, dass in manchen Mitgliedstaaten lebensnotwendige Abbrüche verweigert werden, Ärzt:innen sich auf Gewissensvorbehalte berufen oder Frauen für Abtreibungen kriminalisiert werden, wird erstmals auf europäischer Ebene als gemeinsames politisches Problem anerkannt. Noch ist nichts umgesetzt, die Kommission muss entscheiden, wie sie weiter verfährt, aber die Botschaft ist klar: Reproduktive Selbstbestimmung ist keine rein nationale Privatangelegenheit mehr, sondern eine europäische Grundrechtsfrage.

Und genau an diesem Punkt setzt Schicks Buch an. Es zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von liberaleren Strukturen? Wo blende ich soziale und geografische Ungleichheiten aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Fazit

"Mein Körper – wessen Entscheidung?" ist ein analytisch fundiertes, politisch positioniertes Sachbuch, das reproduktive Rechte konsequent als Gerechtigkeitsfrage denkt. Für wen eignet sich das Buch? Ausnahmslos alle, da das Buch Reproduktionspolitik intersektional im Kontext von Macht, Kapital und Diskriminierung betrachtet und somit uns alle angeht. Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Wie gut kennt man die eigenen Freund:innen wirklich?

Don't Believe Her
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Mit "Don’t Believe Her – Die Fremde unter deinem Dach" legt Nicola Sanders einen Psychothriller vor, der im Original unter dem Titel "Don’t Believe Her" erschien. Die deutsche Ausgabe ist bei HarperCollins ...

Mit "Don’t Believe Her – Die Fremde unter deinem Dach" legt Nicola Sanders einen Psychothriller vor, der im Original unter dem Titel "Don’t Believe Her" erschien. Die deutsche Ausgabe ist bei HarperCollins Hamburg erschienen, übersetzt von Wolfgang Thon, das Hörbuch wird von Marie Bierstedt gesprochen und ist bei Saga Egmonts rausgekommen.
Im Zentrum der Story steht Ellie, deren beste Freundin Carla als Teenager spurlos verschwindet. Zwölf Jahre später lebt Ellie ausgerechnet mit Carlas Bruder Nick und dessen Mutter in einem gemeinsamen Haus – und hat die Suche nach Carla nie ganz aufgegeben. Als diese plötzlich wieder auftaucht, kippt die mühsam stabilisierte Familienordnung. Doch ist es wirklich Carla? Und wem kann Ellie überhaupt noch trauen?

Meine Meinung

Der Stoff verspricht klassische Domestic Suspense: ein Familienanwesen, alte Geheimnisse, eine mögliche doppelte Identität, psychologische Manipulation. Ich habe mir das Hörbuch bewusst als „leichtere Thriller-Unterhaltung“ ausgesucht und genau das habe ich auch bekommen. Leider aber nicht viel mehr.

Das größte Problem für mich waren die Figuren. Ellie agiert über weite Strecken so irrational, impulsiv und naiv, dass ich Mühe hatte, emotional anzudocken. Ihre ständigen Zweifel, ihre Eifersucht, ihre Gedankenspiralen; all das hätte spannend sein können, wirkte auf mich aber zunehmend anstrengend. Wenn man als Hörerin wiederholt denkt: Ich würde in dieser Situation komplett anders handeln, entsteht leider Distanz statt des zu erwartenden Nervenkitzels.

Sprachlich bewegt sich der Roman stark im melodramatischen Bereich. Die Übersetzung liest sich flüssig, doch der Grundton bleibt sehr pathetisch. Das Hörbuch verstärkt diesen Eindruck. Marie Bierstedt ist ohne Frage eine erfahrene Sprecherin, aber ihre sehr intensive Intonation hat Ellies ohnehin schon aufgewühlte Innenwelt noch weiter zugespitzt. Gerade in der ersten Hälfte hat mich das eher aus der Geschichte rausfallen lassen als hineingezogen.

Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an, die Wendungen überschlagen sich. Einige Twists funktionieren gut, andere empfand ich als überzogen oder konstruiert. Für das Finale braucht man eine gewisse Bereitschaft, Logiklücken großzügig zu übersehen. Mich hat das Buch am Ende leider nicht packen können.

Fazit
Ein Thriller mit spannendem Grundkonzept und solider Unterhaltung für zwischendurch. Wer überzeichnete Figuren, schnelle Twists und viel Drama mag, könnte hier gut abgeholt werden. Wer psychologische Tiefe und glaubwürdige Charaktere erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Vielen Dank an Netgalley.de und Saga Egmont für das Hörbuch-Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Zwischen Erinnerung und Abgrund

Himmelerdenblau
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Mit "Himmelerdenblau" legt Romy Hausmann nach einer Pause ihren vierten Thriller vor. Das Hörbuch erschien bei "Der Hörverlag" und wird von einem hochkarätigen Ensemble gesprochen: neben der Autorin selbst ...

Mit "Himmelerdenblau" legt Romy Hausmann nach einer Pause ihren vierten Thriller vor. Das Hörbuch erschien bei "Der Hörverlag" und wird von einem hochkarätigen Ensemble gesprochen: neben der Autorin selbst u. a. Felix von Manteuffel, Anna Maria Mühe und Uve Teschner. Fast 14 Stunden, die eher Hörspiel-Atmosphäre als klassische Lesung bieten (was mir sehr zugesagt hat).
Im Zentrum der Geschichte steht das Verschwinden von Julie Novak im Jahr 2003. Zwanzig Jahre später kämpft ihr Vater Theo – inzwischen an Demenz erkrankt – noch immer um Antworten. Als die True-Crime-Podcasterin Liv eine neue Spur wittert, flammt Hoffnung auf. Doch die Zeit arbeitet gegen Theo, dessen Erinnerungen brüchig werden.

Meine Meinung

Was mich am meisten begeistern konnte, ist die Darstellung von Theo. Seine Kapitel sind wirr, sprunghaft, sprachlich fragmentiert und genau darin liegt ihre Stärke. Hausmann findet eine Form für das Vergessen, das unweigerlich mit einer Demenzerkrankung einhergeht. Man spürt die Verzweiflung, wenn Worte nicht mehr gefunden werden, wenn Zeitachsen verschwimmen und durcheinander geraten.

Gleichzeitig liegt hier für mich auch die Schwäche des Romans. Der Thriller verliert im Mittelteil deutlich an Tempo. Der Fokus verschiebt sich vom eigentlichen Fall hin zu Theos Innenwelt und zu Nebensträngen, die atmosphärisch zwar dicht, für den Plot aber nicht immer notwendig sind. Einige Wendungen im letzten Drittel wirkten auf mich überfrachtet oder zu konstruiert, als würde man merken, dass man langsam jetzt mal in die Gänge kommen muss und als Resultat zu viele Geheimnisse gleichzeitig aufgelöst werden müssen.

Spannend ist an dem Buch auch die Auseinandersetzung mit True Crime: Wer erzählt hier wessen Geschichte und mit welchem Interesse? Während Liv um Sensibilität bemüht ist, erscheint ihr Kollege zunehmend kalkulierend. Diese Meta-Ebene mochte ich sehr, weil sie Fragen nach Verantwortung und medialer Verwertung von Leid stellt.

Fazit

Insgesamt ist "Himmelerdenblau" für mich kein atemloser Pageturner, sondern eher ein düsteres Familiendrama mit Thriller-Elementen. Literarisch ambitioniert, thematisch stark, aber eben auch mit Längen. Als Hörbuch durch das Sprecherensemble jedoch besonders intensiv. Für alle, die psychologische Thriller mit gesellschaftlicher Ebene mögen und sich auf ein ruhigeres, vielschichtiges Erzähltempo einlassen können. Wer reinen Nervenkitzel erwartet, könnte enttäuscht sein. Danke an netgalley.de und "der Hörverlag" für das Rezensionsexemplar.

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