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Veröffentlicht am 27.02.2026

(Über-)Leben ist politisch

Der Tag, an dem ich sterben sollte
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"Erinnerung ist wichtig um Veränderung zu forcieren. Erinnern gehört in die Öffentlichkeit und in die Politik und nicht ausschließlich auf den Friedhof."
Mit "Der Tag, an dem ich sterben sollte" erzählt ...

"Erinnerung ist wichtig um Veränderung zu forcieren. Erinnern gehört in die Öffentlichkeit und in die Politik und nicht ausschließlich auf den Friedhof."
Mit "Der Tag, an dem ich sterben sollte" erzählt Said Etris Hashemi die Geschichte seines Überlebens des rechtsextremen Anschlags von Hanau. Das Hörbuch, erschienen bei SAGA Egmont und gesprochen von Matthias Keller, basiert auf Hashemis persönlichen Erinnerungen: an sein Aufwachsen als Sohn afghanischer Geflüchteter, an den 19. Februar 2020 und an den langen, zermürbenden Kampf um Aufklärung danach. Hashemi wurde bei dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau schwer verletzt, sein jüngerer Bruder Said Nesar und acht weitere Menschen wurden ermordet. Im Januar 2026 starb auch Ibrahim Akkuş an den Folgen des rassistischen Attentats.

Schon vor dem Hören war mir klar, dass dieses Buch mich emotional richtig fordern wird. Und genauso war es auch. Vor allem weil ich wirklich 0 auf das Datum geschaut habe, aber es dann zufälligerweise kurz dem Jahrestag des Attentats gehört hab. Hashemi schildert zunächst sein Aufwachsen als Sohn afghanischer Geflüchteter, geprägt von engem Familienzusammenhalt, vom Glauben an Bildung, von Eltern, die trotz finanzieller Unsicherheit alles für ihre Kinder geben. Gleichzeitig beschreibt er schon die subtilen und offenen Formen von Rassismus, die ihm und seinen Geschwistern schon früh signalisierten, dass man ihnen weniger zutraute und sie nicht dazu gehören.

Dann kommt der 19. Februar 2020. Die Schilderungen der Tat sind nur sehr schwer auszuhalten. Hashemi lässt uns als Leser:innen/Hörer:innen die Sekunden miterleben, in denen sein Leben, das seiner Familie und vieler anderer unwiderruflich auf den Kopf gestellt wird. Das Attentat alleine ist schon schlimm, aber richtig schockiert war ich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, wie der Täter nicht schon vorab festgenommen hat werden können, wie es sein kann, dass der Notruf nicht erreichbar ist, dass Menschen auf die geschossen wurde Minuten später zu Fuß alleine zu einer Polizeistation laufen müssen und wie es sich anfühlen muss wenn rauskommt, dass die Menschen (Polizisten), denen du als Überlebender einen rechtsextremen Anschlag als Erstes nach dem Attentat gegenüber stehst und die dir helfen sollten, selbst Mitglieder von rechtsextremen Gruppen sind. Und das ist noch nicht alles.

Das Buch endet nicht mit dem 19. Februar, sondern fängt erst richtig an. Hashemi beschreibt den zermürbenden Kampf um Aufklärung, das Ringen mit Behörden, das Gefühl, nicht gehört zu werden. Fragen werden ignoriert, Verantwortlichkeiten verschoben, Opfer geraten unter Verdacht und müssen selbst die Beweise liefern, die eigentlich die Polizei zusammentragen sollte. Diese systemische Ungerechtigkeit macht fassungslos und zeigt, wie politisch Überleben in Deutschland sein kann.

Der Stil des Buches bzw. indem erzählt wird ist zugänglich, fast gesprächsnah. Man hat das Gefühl, Hashemi selbst würde einem gegenübersitzen und erzählen. Matthias Keller der Sprecher des Hörbuches liest hervorragend. Zurückhaltend und mit respektvoller Distanz, ohne Dramatik zu erzwingen , so wie ich es mir angesichts der Schwere des Textes erwarten würde.

Das Buch ist Anklage, Erinnerung und Appell zugleich. Es hält die Namen der Ermordeten wach und macht deutlich, dass rechter Terror kein „Einzelfall“ ist. Die Hinterbliebenen, Verletzten und Überlebenden, die sich zur Initiative 19. Februar Hanau fordern:

ein würdevolles, von ihnen gestaltetes Gedenken und Erinnern im öffentlichen Raum;
Gerechtigkeit und Entschädigung;
lückenlose Aufklärung der Tat und der Verantwortung staatlicher Behörden für das Attentat;
dringend notwendige politische Konsequenzen in Hessen ebenso wie bundesweit.
(Quelle: www.19feb-hanau.org)
Abschließend bleibt zu sagen:
#SayTheirNames:
Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov und Ibrahim Akkuş

Mein Dank gilt NetGalley und SAGA Egmont für das Hörbuch-Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Die Last der Generationen & Patriarchat on fire

Spiegelland
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Mit "Spiegelland" legt Rebekka Frank, bekannt durch "Stromlinien", erneut einen Roman vor, der Natur, Familienpsychologie und gesellschaftliche Strukturen in ein packendes Geflecht aus Vergangenheit und ...

Mit "Spiegelland" legt Rebekka Frank, bekannt durch "Stromlinien", erneut einen Roman vor, der Natur, Familienpsychologie und gesellschaftliche Strukturen in ein packendes Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart verwebt. Im Mittelpunkt steht Elias, der nach einem Fehler den Sommer bei seiner Großmutter im Teufelsmoor verbringt und dort auf Geheimnisse stößt, die alles infrage stellen, was er über seine Familie zu wissen glaubte. Parallel erleben wir Catharina (Cato) ein Vierteljahrhundert zuvor, wie sie nach Jahren der Angst aus ihrer Ehe ausbricht und ein Leben voller Freiheit und Risiken beginnt. Und dann gibt es da noch die Zeitebene im 18. Jahrhundert.

Meine Meinung

Die Autorin schreibt mit einem klaren, präzisen Stil, der gleichzeitig eine enorme Sogwirkung entwickelt. Die Naturbeschreibungen sind wunderschön (wenn man es mag) und schaffen eine Atmosphäre, die mich stark an das Buch "Der Gesang der Flusskrebse" erinnert haben. Die wechselnden Zeitebenen funktionieren sehr gut, geben Tiefe und Spannung, und die Landschaftskarte am Anfang hilft beim Einordnen der Orte, die im Roman eine Rolle spielen. Achja das Cover ist auch wieder super schön und auch haptisch. Passend zum Titel spiegelglatt ;)

Die Figuren sind vielschichtig, wenn auch stellenweise für ihr Alter zu abgeklärt oder reflektiert. Insbesondere die Kinder (12, 14 und wahrscheinlich auch 14?) handeln oft mit einem Verständnis, das fast erwachsen wirkt. Aber das mag damit begründet sein, dass sie alles Einzelkinder sind (soweit ich weiß) & daher mehr mit Erwachsenen aufgewachsen sind und sich angepasst haben.

Thematisch geht es im weitesten Sinne um patriarchale Strukturen, sie dich konkret durch häusliche Gewalt, Depression und Suizid, Schuld und der Frage nach Verantwortung äußern. Cato, die zentrale weibliche Perspektive, ringt mit den Folgen familiärer Traumata und der Gewalt ihrer Väter und Großväter: „Es sind diese alten patriarchalen Strukturen, die noch heute alles bestimmen“ (S. 292).

Besonders bildhaft und im Gedächtnis-bleibend sind für mich die Szenen, in denen Macht, Gewalt und Verantwortung greifbar werden, ohne dass die Autorin diese voyeuristisch ausstellt: „Da liegt er. Da wird er sterben. Ermordet von einer Frau, die zuerst er tödlich verletzte“ (S. 408).

Bei all der Schwere gibt es aber immer auch Hoffnungsschimmer und am Ende bin ich doch positiv gestimmt und froh, das Buch gelesen zu haben. Der Autorin ist es definitiv gelungen ein Bild von Generationenverbindungen, Schuld, Verantwortung und dem Einfluss gesellschaftlicher Normen zu zeichnen, das nachwirkt.

Fazit

"Spiegelland" ist ein literarischer (Sommer-)Roman, der nicht nur durch seine Naturbeschreibungen besticht, sondern auch tief in die psychologischen und gesellschaftlichen Dynamiken von Familien & Generationen eintaucht. Für alle, die komplexe Familiengeschichten, Naturverwebungen und kritische Gesellschaftsbilder mögen. Wer eher leicht verdauliche Kost sucht, könnte hier falsch sein. Vielen Dank an lovelybooks und den den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Sechs Wochen, ein Deal und das Herz dazwischen

Open Hearts
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Roxy Dunns "Open Hearts" (Pola, Übersetzung Angela Koonen, 336 S.) erzählt die Geschichte von Misty, die nach einer plötzlichen Trennung in ihr altes Kinderzimmer in Brighton zurückkehrt. Auf einer Dating-App ...

Roxy Dunns "Open Hearts" (Pola, Übersetzung Angela Koonen, 336 S.) erzählt die Geschichte von Misty, die nach einer plötzlichen Trennung in ihr altes Kinderzimmer in Brighton zurückkehrt. Auf einer Dating-App begegnet sie Christopher, der klug, charmant, aber in einer offenen Beziehung ist. Ein Sechs-Wochen-Deal soll klare Regeln schaffen, doch schnell verschwimmen die Grenzen, und Misty muss herausfinden, wie man liebt, ohne sich selbst zu verlieren.

Meine Meinung

Ich hatte das Buch zunächst gar nicht auf dem Radar, weil ich sonst selten Romane über Dating-Deals lese. Doch das Cover hat mich iwie neugierig gemacht & so hab ich mich doch auf die lovelybooks-Leserunde beworben & war erfolgreich. Und was soll ich sagen? Dunn hat mich ehrlich überrascht: Ihre Mischung aus Humor, Intimität und reflektierter Tiefe hat mich definitiv gepackt.

Die Stärke des Romans liegt meiner Meinung nach in den Figuren und ihren Gesprächen. Manche Momente erscheinen etwas skurril, aber gleichzeitig gnadenlos ehrlich: „Wenn du die Freiheit satthast, dann bekomm ein Kind. Dann wirst du nie wieder frei sein“ (S. 74) oder „Es heißt ja, bei einer Trennung bricht für uns eine Welt zusammen. Und am nächsten Morgen bricht sie von Neuem zusammen. Aber jeden weiteren Morgen bleibt ein bisschen mehr von der Welt stehen“ (S. 110). Dunn zeigt, wie komplex Beziehungen sind und wie sie durh Sehnsucht, Erwartungen und den eigenen Grenzen geformt werden.

Die Protagonistin Misty selbst ist nahbar in ihrer Naivität, ihren Fehlern und der Suche nach Orientierung. Christopher wiederum ist ambivalent und damit ebenso glaubwürdig: charmant, aber auch verletzlich, mit eigenen Konflikten und moralischen Grauzonen.

Der Roman bricht meiner Meinung nach klassische Liebesromane nicht radikal auf, spielt aber mit Konventionen. Die offenen Beziehungsmodelle, die Reflexion über Kinderwünsche, Selbstbestimmung und Freundschaften geben dem Text Tiefe. Dunns Sprache ist direkt, persönlich und präzise; die Übersetzung fängt den Ton gut ein. Einzig manche Szenen wirken ein klein wenig klischeehaft, wie die ersten flirtenden Momente, aber das hat sich für mich durch die Authentizität der Figuren schnell ausgeglichen.

Fazit

"Open Hearts" ist für mich eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Reflektion. Es ist witzig, manchmal schmerzhaft ehrlich und gleichzeitig überraschend warmherzig. Wer Romane über Selbstfindung, Liebe mit Regeln, Freundschaften und die Widersprüche des Erwachsenenlebens schätzt, wird hier fündig. Für alle, die klare Strukturen und "typische" Liebesgeschichten suchen, könnte die offene, leicht unkonventionelle Herangehensweise irritierend sein. Aber warum nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken ;) ? Vielen Dank an lovelybooks und Pola für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Familiengeschichten zwischen Schweigen und Magie

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist der Debütroman der Wiener Autorin Anna Maschik, erschienen 2025 im Luchterhand Literaturverlag. Auf 240 Seiten entfaltet sie eine vielschichtige ...

„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist der Debütroman der Wiener Autorin Anna Maschik, erschienen 2025 im Luchterhand Literaturverlag. Auf 240 Seiten entfaltet sie eine vielschichtige Familiengeschichte, die von einem kargen Bauernhof an der Nordsee bis in die Gegenwart reicht. Mit prägnanten, verdichteten Szenen zeigt sie, wie sich Traumata, Bevorzugung, Klassismus und Gewalt durch Generationen ziehen, selbst wenn man versucht, anders zu handeln.

Meine Meinung

Ich weiß bis heute nicht, ob ich alles wirklich verstanden habe. Teilweise war ich irritiert und unsicher, ob Maschik mit magischem Realismus arbeitet oder ob ich schlicht etwas überlesen habe. Gleichzeitig sind die Themen, die sie anspricht, unglaublich stark und relevant: Sprachlosigkeit in Familien, transgenerationale Traumata, das Schweigen über Gewalt, Bevorzugung von Kindern, Klassismus, Krieg, Depression, postnatale Überforderung, Mutterschaft, Suizid, Abtreibung, Naturverbundenheit.

Maschik erzählt von Menschen, die unter widrigsten Bedingungen immer wieder versuchen, das Beste zu machen. Von Familienmitgliedern, die lieben, verletzen, scheitern und überleben. Von der uralten Frage: Können wir den Kreislauf der Verletzungen durchbrechen oder sind wir dazu verdammt, die Muster der Vorfahren fortzuführen?

Die Figuren sind greifbar und doch fragmentarisch, ihre Stimmen schillern zwischen Lakonie, Brutalität und Poesie. Henrike, Hilde und die anderen Familienmitglieder tragen alle Lasten, die wir als Leser:innen nur Stück für Stück begreifen. Es gibt wunderschöne, kluge Textstellen wie: „Ich fürchte mich vor meinem Nabel, der einst meine Tür zur Welt war und mein erster Mund. Jetzt ist er eine kreisrunde Narbe in meiner Mitte, und ich denke, wenn ich einen Finger hineinstecke, bohre ich damit bis in mein Innerstes.“ (S. 95) und andere, mit denen ich wenig(er) anfangen konnte, weil ich sie nicht verstanden hab (bspw. der Junge der seit seiner Geburt bis zum 15. Lebensjahr schläft & dann einfach aufwacht als wäre nix gewesen).

Für mich ist es ehrlicherweise ein „hatte Momente“-Buch: Stellen, die mich sehr bewegt oder verstört haben, wechseln sich ab mit Szenen, die Fragen hinterlassen, die sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen haben. Aber gerade das Schweigen, die unausgesprochenen Spannungen, die alltäglichen kleinen Grausamkeiten, das alles wirkt lebendig, fragmentarisch und doch durch die generationsübergreifende Perspektive wie ein großes, vibrierendes Ganzes.

Fazit
Ein Buch, das herausfordert, irritiert, fasziniert und nachhallt. Für alle, die sich auf literarische Gegenwartsprosa einlassen wollen, die Magie, Lakonie und psychologische Tiefe verbinden, und die bereit sind, sich den Brüchen einer Familiengeschichte zu stellen.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Im Dreieck der Überlebenden

Triskele
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"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie ...

"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie räumen aus, sortieren Nachlass, Erinnerungen und Zuschreibungen. Jede hatte eine andere Mutter. Und doch war sie ein und dieselbe Person

Meine Meinung

Das Buch lag viel zu lange auf meinem SuB und war dann mein Buchclub-Pick im Februar. Das erste Drittel hat sich eher schleppend gelesen, aber danach entwickelt das Buch einen Sog, der mich nicht mehr losgelassen hat. Vor allem die Sprache finde ich sehr bemerkenswert.

Kühmel erzählt aus wechselnden Perspektiven und lässt die verstorbene Mutter in Briefen „aus dem Off“ auftreten, ein starkes Stilmittel wie ich finde, das der Schwere immer wieder eine trockene, fast boshafte Komik entgegensetzt. Schon der nüchterne „Erbschein“ ganz zu beginn des Buches, in dem die Katze Muriel juristisch nicht als vierte Erbin anerkannt werden kann ist so eine Stelle.

Die Autorin zeichnet tolle Sprachbilder, die im Gedächtnis bleiben und trotz der Grund-Ernsthaftigkeit des Buches: „Die Umbrüche lauern im Kleinen. Ein Stolpern auf gebohnerter Treppe […] und ein Nervenzusammenbruch passiert gegebenenfalls ungeduscht zwischen Gurkengläsern.“ (S. 26) Diese Mischung aus Alltagsdetail und existenzieller Fallhöhe zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Besonders beeindruckt hat mich aber, wie die Autorin das Thema Trauer & Trauerbewältigung der Hinterbliebenen nach einem Suizid aufgegriffen hat: „Alle fünfzig Minuten stirbt ein Mensch an Selbsttötung. […] Und pro Tote drei Trauernde.“ (S. 102) Die Autorin mischt auch immer wieder Fakten in das romanhafte und romantisiert nichts. Sie zeigt, wie komplex Trauer ist und vor allem wie ambivalent. „Ich traute mich kaum zuzugeben, dass ich auf eine Art beruhigt war, sie nun tot zu wissen.“ (S. 234)

Neben dem zentralen Verlust verhandelt der Roman Queerness, Ost-West-Zuschreibungen, Mutterschaft, psychische Erkrankung und das schwierige Sprechen bzw. einander Fremd-(Geworden)-Sein in Familien. „Wir sprechen, aber wir reden ja nicht.“ (S. 139).

Nicht alles hat mich gleichermaßen erreicht; manche gedanklichen Schleifen wirkten auf mich etwas überdehnt. Aber insgesamt ist das ein sehr durchdachter, literarisch ambitionierter Roman, der viel Raum für Zwischentöne lässt.

Fazit
"Triskele" ist kein leichtes, eher ein melancholisches Buch, das sich aber meiner Meinung nach sehr lohnt. Für alle, die leise und sich-langsam-entwickelnde Familiengeschichten mögen, die mehr Fragen stellen als Antworten geben. Und für alle die besonders auf Sprache einen großen Wert legen, die hier zugleich scharf, ironisch und zart daherkommt. Wer einen stringenten Plot mit einem krassen Spannungsbogen sucht, wird hier eher ungeduldig.

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