Generationenroman über Herkunft, Familie und Wahlmöglichkeiten: 3,5⭐️
„Real Americans“ von Rachel Khong ist ein Familienroman, der sich über mehrere Generationen erstreckt.
Im ersten Teil im Jahr 1999 geht es um Lily, Tochter chinesischer Einwanderer in den USA. Sie lern ...
„Real Americans“ von Rachel Khong ist ein Familienroman, der sich über mehrere Generationen erstreckt.
Im ersten Teil im Jahr 1999 geht es um Lily, Tochter chinesischer Einwanderer in den USA. Sie lern Matthew kennen, der aus privilegiert Verhältnissen stammt und Erbe eines Pharmaimperiums ist. Wider Erwarten verlieben sich die beiden, heiraten und bekommen ein Kind. Lilys Mutter ist wenig angetan von der Beziehung.
Im zweiten Teil, 21 Jahre später, lebt Lily allein mit ihrem Sohn Nick recht zurückgezogen auf einer Insel. Nick steht kurz vorm Wechsel aufs College. Über seinen Vater hatte ihm Lily nie etwas verraten, aber dank eines Gentests findet Nick seinen Vater Matthew und trifft sich heimlich mit ihm.
Der dritte Teil spielt in der Zukunft, im Jahr 2030 trifft Nick zufällig seine Großmutter Majy. Sie erzählt ihm von ihrem Leben damals unter dem Regime von Mao Zedong und von ihrer Flucht in die USA.
„Ich wollte sagen, dass es mir leidtat. Ich wollte all meine Gründe darlegen, warum ich dich enttäuscht habe. Ich wollte darauf bestehen, dass ich die besten Absichten verfolgt hatte: Ich glaubte, ich würde tun, was das Beste für dich war.
Lily, wollte ich sagen. Amerika war ein Ort, von dem ein Versprechen ausging. In Amerika konnte eine Bauerntochter Wissenschaftlerin werden. In Amerika behielten Eltern ihre Enttäuschung über ihre Kinder für sich. Doch ich war eine schlechte Schauspielerin. Das hat dein Vater einmal zu mir gesagt. Ich versteckte meine Enttäuschung ohne Erfolg. Mir war nicht klar gewesen, dass unsere Kommunikationsschwierigkeiten, als amerikanisches Kind und chinesische Mutter, unüberwindbar bleiben würden. Doch ich hätte mich mehr anstrengen können. Das bereue ich jeden Tag.“
Der Roman liest sich flüssig und trotz des Umfangs recht schnell. Die Themen Herkunft und Auswanderung sind gut gewählt, manches hätte für meinen Geschmack noch etwas vertieft werden können. Meiner Meinung nach ist der dritte Teil der beste Teil; er hat mich emotional am stärksten berührt. Besonders die Passagen aus Mays damaligem Leben in China fand ich sehr stark und bewegend.
„Ein amerikanischer Ausdruck, der mir immer schon komisch vorgekommen war, war #sich ein Leben aufbauen‘. Mein Leben war nicht aufgebaut worden. Es war nicht Stück für Stück entstanden, nach irgendeinem Bauplan. Nichts passte zusammen. Es war keine Konstruktion, sondern ein bloßer Haufen.
Das war unser Traum gewesen, Ottos und meiner: unseren Kindern die bestmögliche Zukunft zu ermöglichen. Doch es war ein Fehler zu glauben, dass man für jemand anderen entscheiden konnte, ganz gleich, wie gut man es meinte. Und was hatten wir wirklich entschieden? Man hatte uns gesagt, was wir wollten: Propaganda war überall. Vor allem in diesem Land, wo die Propaganda lautete, dass es keine gab – dass wir frei waren. Aber stimmte das? Wenn wir doch bestimmte Leben mehr schätzten als andere; wenn wir dazu gebracht wurden, unnachgiebig immer mehr zu wollen? Was, wenn ich das alles durchschaut hatte? Was, wenn ich verstanden hatte, dass ich schon genug besaß?“
Insgesamt ein unterhaltsamer, vielschichtiger Roman, dem es stellenweise jedoch etwas an Tiefe fehlte. Durch die drei Abschnitte konnte man sich zwar gut in die Innenleben der drei Protagonist*innen versetzen, aber manches war noch nicht ganz auserzählt.
Der Roman hat mir gut gefallen, hat meine hohen Erwartungen aber nicht komplett erfüllt. Daher vergebe ich final 3,5 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!