Cover-Bild Stehlen, Schimpfen, Spielen
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20,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Rowohlt
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 144
  • Ersterscheinung: 13.05.2025
  • ISBN: 9783498007591
Barbi Marković

Stehlen, Schimpfen, Spielen

ORF-Bestenliste im Juni 2025

«Ich bin die Marie Kondo der Literatur. If it doesn′t spark joy – weg damit in die Mülltonne.»

Barbi Marković hat sich das Stehlen als kulturelle Unverschämtheit zum Programm gemacht. In ihrem neuen Buch erzählt sie, wie es dazu kam und warum man ihr trotz offener Piraterie die Originalität nie abgestritten hat. Fast nie. Aber es geht auch um die Kraft und den Zug einer guten, rhythmisch abgestimmten Schimpftirade. Es geht um Machtverhältnisse. Um Regeln, die man sich selbst auferlegt. Darum, objektiv zu sein, und wütend, aber auf niemanden konkret. Distanz zu erzeugen, damit die Geschichte näher kommen kann. Dass die Texte am Ende mehr wissen als die Person, die sie geschrieben hat, und über mehr berichten als nur über ein Privatschicksal. – Wie geht das? «Stehlen, Schimpfen, Spielen» gibt Antworten.

«Der Genuss ihrer witzigen und scheinbar so einfachen Sätze, die die absurde Fallhöhe zwischen Alltag und existenzieller Weltlage ausmessen, soll bitte nicht enden.» Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse 2024

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2025

Die Entzauberung der Autor*innenschaft

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In zwei Jahren soll Barbi eine Poetikvorlesung halten. Das ist bestens, denn bis dahin hat sie noch unendlich viel Zeit. Vierzehn Tage davor hat sie allerdings noch keine Zeile geschrieben. Der Countdown ...

In zwei Jahren soll Barbi eine Poetikvorlesung halten. Das ist bestens, denn bis dahin hat sie noch unendlich viel Zeit. Vierzehn Tage davor hat sie allerdings noch keine Zeile geschrieben. Der Countdown läuft.

Tag 13

Sie findet keinen Anfang. Tippt, löscht, tippt, löscht. Selbstzweifel kriechen vom Nacken in den Magen und hinauf ins Gehirn. Im Hinterkopf urteilt ihre gesamte Familie, wie sie das immer getan hat. Barbi hat großkotzige Versprechen gegeben, weil jedes Projekt eine Ankündigung braucht, lange bevor es geschrieben ist und die wird sie wahr machen.

Tag 12

Sie verstreut Anekdoten darüber, was ihr vor, während und nach Lesungen passiert ist.

Tag 11

Sie hat sich das Handgelenk beim Schreiben verdreht. Der Arzt in der Notaufnahme ulkt: „Szenenscheidenentzündung. Haha.“ Jetzt stört sie die Schiene. Sie wird aber trotzdem alles geben.

Ihre Tante hatte sie schon frühzeitig aufgeklärt, dass aus ihr keine großartige Schriftstellerin werden würde, weil:

Sie aus armen Verhältnissen kommt und die wenigsten es schafften, sich darüber hinwegzusetzen.
Sie wohl eher in der Wohnung, in der sie geboren wurde, sterben würde.
Sie Agoraphobie bekommen oder eine schlecht verdienende alleinerziehende Mutter werden würde.

Tag 10

Ihr Konzept steht jetzt. Sie wird zuerst über das Stehlen schreiben, zum Beispiel über die Aneignung fremden Urhebereigentums.

Die Worte anderer führen manchmal weiter, als ich mich aus eigenen Kräften getraut hätte zu gehen. S. 34

Fazit: Barbi Marcovic erzählt über ihr Schreiben und wie sie es entwickelte. Sie studierte in Belgrad Germanistik. Während sie aus dem serbokroatischen übersetzte, schrieb sie ihr erstes Buch. Sie überlebte einen der verheerendsten Kriege und nahm ein Stipendium in Graz an. In ihrem ersten Buch eignete sie sich Textstellen von Thomas Bernhard an, die sie so gut mit ihren eigenen Worten vermischte, dass man sie zunächst für eine geniale Thomas Bernhard Nachfolgerin hielt. Sie kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und verschweigt neben gut gesetzten Schimpftiraden auch nicht, welches Glück ihr widerfahren ist, um eben doch allen Unkenrufen zum Trotz, eine große Schriftstellerin zu werden. Ihr Buch ist frech, frisch und vollkommen anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Ich muss gestehen, dass ich ihren Humor mag, dass ich den Kern des Buches aber wahrscheinlich nicht verstanden habe. Eine Entzauberung der Autor*innenschaft ist nachvollziehbar. Und habe ich da vielleicht auch eine leise Kritik am Literaturbetrieb vernommen? Und wenn ja, war das überhaupt beabsichtigt? Fragen über Fragen. Viele ihrer Gedankengänge fand ich richtig gut, aber der chaotische Aufbau hat mein konservativ gepoltes Hirn fertig gemacht. Alle, die experimentelle, neue, spritzige Literatur lieben, werden hierin ihren Seelenfrieden finden.

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Veröffentlicht am 15.05.2025

eine Wundertüte

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In „Stehlen, schimpfen, spielen“ lädt Barbi Marković uns in ihr Schreiben ein, als säße man mitten in ihrer Poetikvorlesung (um deren Vorbereitung sich der Text dreht): Es geht um das Stehlen – von Gedanken, ...

In „Stehlen, schimpfen, spielen“ lädt Barbi Marković uns in ihr Schreiben ein, als säße man mitten in ihrer Poetikvorlesung (um deren Vorbereitung sich der Text dreht): Es geht um das Stehlen – von Gedanken, Ideen und Formulierungen –, um das Schimpfen als stilistische Waffe und ums Spielen mit Sprache und Regeln. Zwischen wütenden Tiraden und scheinbar ziellosen Monologen reflektiert sie, wie ein Text entsteht, wenn die Autorin gleichzeitig Dozentin, Piratin und Clown ist.
Das Lesen von „Stehlen, schimpfen, spielen“ kam mir vor wie eine turbulente Taxifahrt durch eine fremde Stadt – mit geöffneten Augen und ohne Navi. Markovićs Metakritik am eigenen Schreibprozess hat mich immer wieder schmunzeln lassen: Wie sie erzählt, dass sie ihre Poetikvorlesung eigentlich erst kurz vor knapp schreibt – ein ausführlich im Rowohlt-Text dokumentiertes 13-Tage-Marathonprojekt. Diese Einblicke in ihr kreatives Chaos fand ich mitreißend und wertvoll für jede angehende Autor:in oder Leser:in.
Aber so sehr ich ihre Experimentierfreude bewundere, so sehr fühlte ich mich unterhalten wie verwirrt: Die Sätze stolpern teils wie betrunken durch die Seiten, stellenweise war mir einfach zu viel Nonsens in den Wendungen – zu oft trifft man auf ungezähmte Wortspaziergänge und abrupt endende Gedankensprünge, Satzfragmente, die wie torkelnde Punks durch die Seiten stolpern, und Dialoge, die in einem Meer aus „Warum eigentlich?“ enden. Ich verlor bisweilen den Faden – und zwar nicht im Sinne von „Wow, so innovativ!“, sondern eher im „Hä, was wollte sie mir gerade sagen?“
Ein Lichtblick waren für mich die Passagen, in denen Marković über das Stehlen als künstlerische Unverschämtheit spricht: Sie beschreibt, wie jede Idee eines Textes Regeln und Tabus umschiffen muss, damit am Ende etwas echt Eigenes entsteht. Diese poetischen Reflexionen wirkten auf mich wie kurze Inseln der Klarheit im Ozean der Sprachspielereien.
Fazit: 3/5⭐️
Wer Lust auf eine literarische Wundertüte hat, in der sich Poetik, Piraterie und Paradebeispiele fürs Prosastolpern die Hand reichen, wird hier unterhalten – wer einen stringenten dramaturgischen Plan sucht, eher nicht.

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