Als Bettina Flitner für eine Lesung aus ihrem Buch »Meine Schwester« nach Celle zurückkehrt – dorthin, wo vor 40 Jahren ihre Mutter beerdigt wurde –, springen sie mit unerwarteter Heftigkeit Fragen an, die sie lange von sich fern gehalten hatte: Fragen nach dem großen Unglück im Leben ihrer Mutter und nach einer Familienkatastrophe in einer fernen Zeit und in einem fernen Land.
Und so begibt sich Bettina Flitner auf eine Reise voller Überraschungen und Entdeckungen in den Luftkurort Wölfelsgrund im ehemaligen Niederschlesien, dem heutigen Międzygórze, wo ihre Vorfahren bis zur dramatischen Flucht 1946 ein Sanatorium besessen und geleitet haben. Aus den Erlebnissen ihrer Reise ins heutige Polen, den Tagebüchern und Dokumenten ihrer Familienmitglieder und ihren eigenen Erinnerungen an das Leben ihrer Mutter erschafft Bettina Flitner nicht weniger als ein literarisches Meisterwerk, einen hochspannenden Familienroman, der zugleich eine nachgetragene Versöhnung mit der eigenen Mutter ist und die erlösende Kraft des Erinnerns und des genauen Erzählens demonstriert.
Eine Familiengeschichte, die bis ins Jahr 1884 zurückgeht. Damals gründete der Ururgroßvater der Autorin ein Sanatorium in Wölfesgrund, dem heutigen Polen. Dieses wurde weiterbetrieben bis die Familie ...
Eine Familiengeschichte, die bis ins Jahr 1884 zurückgeht. Damals gründete der Ururgroßvater der Autorin ein Sanatorium in Wölfesgrund, dem heutigen Polen. Dieses wurde weiterbetrieben bis die Familie aus ihrer Heimat vertrieben wurde. Gisela, die Mutter von Bettina Flitner, wurde in der alten Heimat wie eine Prinzessin behandelt, doch dann in Celle als Flüchtlingskind hatte das alles ein Ende. Die Ehe von Gisela war nicht glücklich, ihr Mann betrog sie und sie hatte immer wieder Affären. Sie litt unter Stimmungsschwankungen, einmal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Mit 43 Jahren nahm sich sich dann das Leben. Aber der Suizid kam in dieser Familie immer wieder vor und genau 30 Jahre danach brachte sich auf die Schwester von Bettina um. Die Autorin möchte nun nach ihren Wurzeln suchen und beginnt in Polen die Vergangenheit aufzuarbeiten. Aufgrund von Fotos und Tagebuchaufzeichnungen ihrer Verwandten kann sie das Leben der Familie nachvollziehen und taucht in in eine ganz andere Vergangenheit nachvollziehen. Das Buch ist ohne viel Pathos geschrieben, wir lernen die Großeltern, Tanten und Bedienstete aus der vergangenen Zeit kennen, die veränderten politischen Verhältnisse und das Leben im vorigen Jahrhundert, wie die Familie die beiden Weltkriege überstand. Das Buch läßt sich überaus interessant lesen, die Sprache ist prägnant, manchmal etwas herb und ohne viel Emotionen. Ein Lebenslauf, der über 100 Jahre zurückgeht. Dies sind die Geschichte, die beim Leser lange hängenbleiben und nachwirken. Das Cover zeigt Mutter und Tochter, ich würde sagen, so Mitte der 60iger Jahre.
Eine Familiengeschichte die viel Mut benötigt, mit diesem Buch der Autorin Bettina Flitner „Meine Mutter“ geht sie ihren ganz einen Weg zurück in die Geschichte ihrer Familie. Aus dem Klappentext: Ich ...
Eine Familiengeschichte die viel Mut benötigt, mit diesem Buch der Autorin Bettina Flitner „Meine Mutter“ geht sie ihren ganz einen Weg zurück in die Geschichte ihrer Familie. Aus dem Klappentext: Ich holte die Fotos meiner Schwester hervor. Ich hatte sie ein paar Monate, bevor auch sie sich das Leben genommen hatte, fotografiert, vor sechs Jahren. 33 Jahre nach meiner Mutter, fast auf den Tag genau. Ich legte sie neben die Fotos meiner Mutter. Meine Schwester strahlt mich an, meine Mutter hingegen schaut mit einer radikalen Traurigkeit in die Kamera der anderen Fotografin. Aber beide wirken seltsam durchsichtig, als ob sie sich allmählich in der Umgebung auflösen würden. Meine Mutter, meine Schwester. Was ist eigentlich passiert? Warum? Wo ist der Ursprung für das alles? (Klappentext Ende) In einer warmherzig, offenen und berührenden Geschichte erzählt die Autorin behutsam von ihrer Herkunft, von Schuld, Erinnerung, Mut, Verlust, Vertreibung und Verfolgung und wie sie trotz der widrigen Umstände ihren eigenen Weg gegangen ist um nun die Kraft zu haben den Weg ihrer Familie Rückwertsgehend zu erleben und auszuhalten. Das Buch ist eine Verarbeitung und gleichzeitig eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte. Das Foto auf dem Klappentext lässt erahnen wie groß das festhalten und loslassen der Familie war. Wieviel hält einen Familie und man selber aus, kann man verzeihen, darf man damit hadern, oder sich wie hier auf den Weg machen um die ganze Geschichte zu erfahren um letztendlich verstehen zu können. Das Buch ist nach „Meine Schwester“ ein weiteres sehr berührendes und privates Buch was ich mit großem Interesse gelesen habe und was es verdient gut bewertet zu werden, damit andere Leser den Mut finden sich in die Geschichte einzulassen, ich habe mich vorsichtig, weil ein Thema über Suizid immer sehr dunkle Seiten hat, aber gerne drauf eingelassen und am Ende konnte man spüren was wirklich geschehen ist und warum ihre Mutter und auch ihre Schwester diesen Weg gegangen sind. Vielen Dank.
Sowohl die Beschreibung als auch die Leseprobe von Bettina Flitters 320 Seiten umfassenden und mit einem sympathischen Cover versehenen autobiografischem Familienroman "Meine Mutter" (ab dem 04. 09. 2025 ...
Sowohl die Beschreibung als auch die Leseprobe von Bettina Flitters 320 Seiten umfassenden und mit einem sympathischen Cover versehenen autobiografischem Familienroman "Meine Mutter" (ab dem 04. 09. 2025 unter der ISBN 78-3-462-00849-4 bei der Kiepenheuer & Witsch GmbH) weckten auf Anhieb mein Interesse und ich las das erfreulicherweise mit einem Lesebändchen ausgestattete Buch am Stück hintereinander innerhalb weniger Stunden aus.
Nach einer kurzen Vorbemerkung der Autorin zu seinem Entstehen geht es auch gleich richtig zur Sache: "Sie hat nie etwas getaugt!" sagte der Großvater zu ihr auf der Trauerfeier ihrer durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Mutter - seiner Tochter.
In weitestgehend angenehm lesbaren Schreibstil erfahren wir die bis in die letzten beiden Jahrzehnte des vorvergangenen Jahrhunderts zurückreichende Familiengeschichte durch mehrere Generationen. Ich, die eigentlich fast immer ein fehlendes Personenverzeichnis reklamiert, kam hier überraschenderweise gut zurecht, lediglich die kettenrauchende Tante "Gerdel" ging mir irgendwie verloren.
1884 gründete Ururgroßvater Heinrich im Luftkurort Wolfsgrund am Fuße des Riesengebirges im ehemaligen Niederschlesien/Sudetenland, dem heute polnischen Międzygórze, ein Sanatorium für Innere und Nervenleiden.
Ausführlich werden - manchmal humorvoll, manchmal leicht zynisch - die Auswirkungen (oft dramatischer) privater und politischer Ereignisse auf die Familie geschildert, die dort bis zur Vertreibung 1946 lebt. Etliche komplizierte Familienbeziehungsprobleme und verschiedene Selbsttötungen schaffen eine überwiegend düstere, natürlich auch durch Krieg(sfolgen) geprägte Stimmung.
Im Mittelpunkt steht - auch später im Westen - die 1936 geborene Gi(se)la, die (künftige) Mutter der Autorin.
Die Lektüre berührte mich tief, man kennt das Ende und erlebt lesend ohne eingreifen zu können, das Herannahen desselben mit,
Etwas irritierte mich allerdings, was es denn nun mit dem aktuell aufgetauchten uralten kleinen Sparbuch, das wohl Mitauslöser der Recherchereise der Autorin nach Polen war, auf sich hat.
Gut herausgearbeitet fand ich die Rolle der Frauen im Laufe der Jahre.
Ich werde dieses Buch nach einer Weile erneut lesen - vielleicht dabei die Raucherin wiederfinden - und vermutlich auch das vorausgegangene Werk
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1067953679
lesen.
Für dieses hier spreche ich gern eine Leseempfehlung aus!
Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens ...
Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens haben. So ist es mir auch jetzt wieder mit dem vorliegenden Buch von Bettina Flitner ergangen. Diese ist Fotografin und langjährige Lebensgefährtin/Ehefrau von Alice Schwarzer. Doch darum geht es hier gar nicht, wird nur in ein, zwei kurzen Sätzen ganz am Ende überhaupt andeutungsweise angeschnitten. Vielmehr verarbeitet sie vorrangig die Geschichte ihrer Mutter und der mütterlichen Linie, nachrangig auch die Linien der eingeheirateten Männer. Die weit verzweigte, gebildete und gut situierte Familie hat ihre Wurzeln in Schlesien im heutigen Polen vor über 100 Jahren und gelangte in den Nachkriegswirren nach Westdeutschland. Allein schon der historische Hintergrund und die Beschreibung des Lebens einer Arztfamilie in den seinerzeit zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten sind interessant. Was die Geschichte darüber hinaus so besonders macht, ist der Umstand, dass es in der Familie zahlreiche Suizide gab, beginnend mit dem der Urgroßeltern in der alten Heimat und nach weiteren dann auch den der eigenen Mutter im Jahr 1984, dem vermutlich tiefe Depressionen von Kindheit an zugrunde lagen. Ihn verarbeitet die Autorin sehr berührend, so dass es ihr schließlich auch wieder gelingt, in Liebe auf die Mutter zurückzublicken, nachdem ihr Verhältnis in vielen Jahren zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenleben ohne große Bindung war. Schön ist, dass trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas auch der Humor nicht zu kurz kommt. Ein Beispiel hierfür ist etwa, wie die Autorin von einer (vermutlich entwicklungsgestörten) Großtante spricht – sie habe einen Sprung in der Schüssel. Bemerkenswert finde ich, wie modern die gesamte Familie in Liebesdingen war. Geliebte waren während des gesamten Zeitraumes an der Tagesordnung.
Ein sehr empfehlenswertes Buch.
MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen ...
MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen Weg durch die schmerzliche Trauer schilderte, legt sie nun mit „Meine Mutter“ einen weiteren eindrucksvollen Erinnerungsroman vor. Dieser setzt ihre intensive literarische Spurensuche zu den verborgenen Schatten ihrer Familiengeschichte fort und ermöglicht zugleich auch Neu-Lesenden ohne Vorkenntnisse einen unmittelbaren, berührenden Zugang.
Mit großem Feingefühl zeichnet Flitner ein vielschichtiges und eindringliches Familienporträt, das uns tief in die historischen und persönlichen Abgründe des 20. Jahrhunderts eintauchen lässt. Die prägenden Schicksalslinien eines Jahrhunderts spiegeln sich in zahllosen tragischen Ereignissen, familiären Konflikten und stillen Leiden wider, die das Leben ihrer Familie nachhaltig geprägt haben. Besonders beeindruckend gelingt ihr das harmonische Wechselspiel aus erzählerischer Dichte und reflektierenden Einblicken, das sich in feinen Momentaufnahmen und dokumentarischen Einschüben auf verschiedenen Zeitebenen kunstvoll zusammenfügt.
Im Rahmen einer Lesung 2023 in Celle begibt sich Flitner nicht nur zum Grab ihrer Mutter, sondern besucht auch das frühere Wohnhaus ihrer Großeltern – beides Orte, die lebendige Zeugnisse ihrer Herkunft darstellen. Diese Begegnung mit den eigenen Wurzeln entfacht eine Flut längst zurückgedrängter Erinnerungen und bringt quälende Fragen zu den Suiziden von Mutter und Schwester mit ungeahnter Intensität an die Oberfläche.
Getrieben von dem Wunsch, die Hintergründe der familiären Tragödien zu besser verstehen, taucht die Autorin tief in die Vergangenheit ein und folgt den Spuren zu den Ursprüngen ihrer Familiengeschichte. So führt ihre Reise in den malerischen Kurort Wölfelsgrund in Niederschlesien im heutigen Polen, wo ihre Vorfahren einst bis 1949 ein Sanatorium leiteten und ihre Mutter 1936 geboren wurde. Flitners bildgewaltiger und zugleich klarer Erzählstil bringt die Kindheit in der Nazizeit, die Schrecken der Kriegstage sowie das unfassbare Leid von Flucht und Vertreibung eindrucksvoll zum Leben. Diese traumatischen Erfahrungen haben unauslöschliche, unsichtbare Narben hinterlassen und eine allgegenwärtige Atmosphäre von Bedrohung geschaffen, die das Familienleben prägte. Insbesondere die Nachkriegszeit war von innerer Zerrissenheit und dem Gefühl von Entwurzelung geprägt, die die weitere psychologische Entwicklung der Mutter maßgeblich beeinflussten.
Äußerst einfühlsam beleuchtet Flitner die komplexe und schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die von beklemmender Distanz, zahllosen Leerstellen und einem anhaltenden Schweigen überschattet wird, das jedoch immer wieder von Momenten zarter, emotionaler Nähe durchbrochen wird. In behutsam komponierten Episoden fügt die Autorin eigene fragmentarische Erinnerungen zu einem eindringlichen Porträt der gemeinsamen Familiengeschichte zusammen, das eine nuancierte und warmherzige Annäherung an die vielschichtige Persönlichkeit ihrer Mutter ermöglicht. Nach und nach entsteht das Bild einer eigenwilligen, faszinierenden und verletzlichen Frau, die mit ihrer Rätselhaftigkeit, Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit bis zuletzt eine zutiefst unverstandene und tragische Figur bleibt.
Vorbelastet durch eine familiäre Veranlagung zu Depressionen, gefangen zwischen zerplatzten Träumen, unausgesprochenen Erwartungen, eingeschränkten Perspektiven und dem Scheitern ihrer Ehe und spätere Beziehungen, zerbrach sie an den inneren Dämonen und wählte letztlich mit 47 Jahren den Freitod.
Flitner verdeutlicht anschaulich, wie die fortwährenden Schatten von Traumata, familiären Geheimnissen sowie den tiefgreifenden kollektiven Erfahrungen von Flucht und Verlust nicht nur ihre Familie, sondern auch nachfolgende Generationen prägen. Offen und ohne Anklage bemüht sie sich mit großer Empathie darum, ihr eigenes Trauma zu verarbeiten, ihre komplexe Beziehungsdynamik auszuloten und durch tiefgründige Einblicke in die komplizierte Biografie ihrer Mutter ein spätes Verstehen und Versöhnen zu ermöglichen. Auf berührende Weise ist es ihr gelungen, aus diesem schmerzhaften Erinnerungsprozess eine befreiende und heilende Kraft zu schöpfen und so inneren Frieden zu finden.
FAZIT
Ein tief berührender, einfühlsam erzählter Erinnerungsroman, der tief in die Abgründe persönlicher und historischer Traumata eintaucht und intime Einblicke in die persönliche Familiengeschichte von Bettina Flitner gewährt.