Relevante Themen wie Machtmissbrauch und Überarbeitung, aber für meinen Geschmack sehr viel Potenzial verschenkt & wenig Spannung
Mit "Die Assistentin" legt Caroline Wahl nach 22 Bahnen und Windstärke 17 einen weiteren Roman vor, der in einem völlig anderen Setting spielt: München, ein Verlagshaus, eine junge Frau am Anfang ihrer ...
Mit "Die Assistentin" legt Caroline Wahl nach 22 Bahnen und Windstärke 17 einen weiteren Roman vor, der in einem völlig anderen Setting spielt: München, ein Verlagshaus, eine junge Frau am Anfang ihrer Karriere und der Preis, den sie dafür zahlen muss. Wahl, 1995 in Mainz geboren, hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert und bereits mit ihren ersten beiden Büchern Publikum wie Kritik überzeugt.
Worum geht’s genau?
Charlotte, eigentlich mit dem Traum Musikerin zu werden, tritt die Stelle als Assistentin eines Verlegers in München an. Zunächst wirkt es wie der perfekte Start: Nähe zur „Macht“, Vertrauen vom Chef. Doch bald verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, das Lob kippt in Übergriffigkeit, die Arbeit wird zur Belastung. Charlottes Gesundheit, ihre Beziehung zu Bo und ihre Musik geraten ins Wanken und die Frage bleibt: Wie viel darf ein Job kosten?
Meine Meinung
Ich habe Caroline Wahls erste beiden Bücher sehr gemocht, aber "Die Assistentin" fühlte sich für mich wie ein Bruch an. Zwar sind die Kapitel angenehm kurz und die Grundidee – Machtmissbrauch im Literaturbetrieb – relevant, doch beim Lesen stellte sich kaum Spannung ein. Jetzt könnte man sagen es ist ja auch kein (richtiger) Krimi – auch wenn es sich schon stellenweise so liest – dennoch erwarte ich mir auch bei Romanen einen Spannungsbogen. Auch die auktoriale Erzählstimme wirkte auf mich eher befremdlich und nahm der Geschichte Tempo.
Sprachlich schwankte der Roman stark: Einerseits gibt es eindrückliche Vergleiche, andererseits auch sehr (!) unglückliche wie Charlottes Gedankengänge über Narben vom Ritzen (S. 8f.). Auch sehr lange, verschachtelte Sätze machten die Lektüre anstrengend. Positiv fiel mir die kritische Spiegelung gesellschaftlicher Muster auf etwa die feministische Umkehrung des Satzes „Der Mann sah immer noch gut aus für sein Alter“ (S. 15), der sonst so oft auf Frauen angewendet wird.
Die Figuren blieben für mich jedoch erstaunlich blass. Charlotte reflektiert viel, aber es mangelt an Dialogen und echten Entwicklungen. Ihre Familie – vor allem die Eltern – wird widersprüchlich gezeichnet: mal fordernd, mal gleichgültig, mal ratend, sie solle „doch eine Therapie probieren“ (S. 333). Diese Szenen wirkten nicht schlüssig, sondern inkonsequent.
Interessant waren die Einblicke ins Verlagshaus, auch die Parallelisierung mit Stücken von Dürrenmatt (S. 112) brachte einen gewissen Biss. Doch gerade dort, wo es spannend hätte werden können, bremst sich der Text selbst aus. Etwa wenn explizit angemerkt wird: „Zwischenstand. Die Dramaturgie ist irgendwie gar nicht so gut, es schleppt sich“ (S. 256). Das wirkt fast wie eine vorweggenommene Entschuldigung.
Thematisch greift Wahl viele relevante Punkte auf: Arbeitsbedingungen, Überstunden bis zum „Karōshi“ (Tod durch Überarbeitung, S. 230), Grenzverletzungen zwischen Beruflichem und Privatem (S. 192f.) sowie die Frage, wo sexuelle Belästigung anfängt (S. 257). Auch Charlottes Bedürfnis, bemuttert zu werden (S. 214), zeigt ihre innere Verletzlichkeit. Doch anstatt dass diese Motive zusammenlaufen, bleiben sie fragmentarisch nebeneinander stehen.
Immer wieder tauchen Wiederholungen auf („Was sollte sie auch sonst auf solche Fragen antworten?“, S. 247), vulgäre Sprache („kacke“, „scheißbrünette“), dazu merkwürdige Einschübe wie Charlottes Googeln von Nachbarn und Morden (S. 27). Ich habe mich oft gefragt: Dient das dem Plot oder soll es nur Atmosphäre schaffen?
Und ja, es gibt Wahl-typische Elemente: das Schwimmen, das Meer (S. 299), Parallelen zu den Vorgängerromanen. Doch auch diese wirken hier eher wie ein Fremdkörper.
Fazit
Die Assistentin wollte viel: Kritik an Machtstrukturen, feministische Perspektiven, psychologische Tiefe. Herausgekommen ist für mich aber ein sprachlich durchwachsener, stellenweise langatmiger Roman, der die richtigen Themen anspricht, sie aber nicht stringent erzählt. Einige starke Momente konnten das für mich nicht retten.