Jasper Ffordes Roman ist eine Satire über Xenophobie, Rassismus, die Macht des Stärkeren und Machtmissbrauch, welcher zu Zeiten des Brexits geschrieben wurde.
Die Geschichte spielt in Großbritannien auf dem Land. In dem kleinen, noch heimeligen Dorf Much Hemlock ist es mit der Ruhe vorbei, als eine Kaninchenfamilie dort sesshaft wird, die außerhalb einer Kaninchenkolonie ...
Die Geschichte spielt in Großbritannien auf dem Land. In dem kleinen, noch heimeligen Dorf Much Hemlock ist es mit der Ruhe vorbei, als eine Kaninchenfamilie dort sesshaft wird, die außerhalb einer Kaninchenkolonie leben darf.
1965 fand in Großbritannien das Spontane Anthropomorphe Ereignis statt, bei dem u.a. 18 Kaninchen (Wildkaninchen, Laborkaninchen, Hauskaninchen), 6 Wiesel, 3 Füchse teil vermenschlicht worden waren.
Entsprechend ihrer Natur haben sich die Kaninchen mittlerweile derart vermehrt, dass mehr als 1 Million anthropomorphe Kaninchen in Großbritannien leben.
Peter Knox, Nachbar der neuen Dorfbewohner Connie und Doc Rabbit, früherer Studienfreund von Connie und Spotter bei RabCoT, werden von unterschiedlichen Seiten verschiedene Aufgaben auferlegt. Zum einen wollen die Dorfbewohner nicht von den Kaninchen unterwandert werden und wünschen sich ein kaninchenfreies Dorf, weshalb er diese, ggf. mithilfe einer Provision, zum Wegzug bewegen soll. Zum anderen erwartet sein Arbeitgeber RabCoT, Rabbit Compliance Taskforce, die Beobachtung der Kaninchen, in der Hoffnung, so den Untergrund der Kaninchenbewegung ausfindig machen zu können, der nicht nur eine angekündigte Zwangsumsiedlung aller Kaninchen an die walisische Grenze verhindern möchte.
Peter Knox ist ein zurückhaltender und nachgiebiger Zeitgenosse. Ihm sind Falschverdächtigungen und Denunziation zuwider. Er möchte eigentlich nur in Ruhe seiner Arbeit, die ihm ein gutes, auskömmliches Leben ermöglicht, nachgehen.
Durch die unterschiedlichen Erwartungshaltungen seiner Umgebung und der wieder aufkommenden Zuneigung zu seiner früheren Studienfreundin, wird er aus seiner Komfortzone gerissen.
Verrichtet er weiterhin gewissenhaft seine erfolgreiche Arbeit als Kaninchen-Identifikationsagent, die eine „ungesunde positive Haltung gegenüber Kaninchen“ untersagt, und unterstützt er die systematische Diskriminierung und Ausgrenzung der Kaninchen durch die Regierung und Teile der Bevölkerung? Oder soll er den neuen, liebgewonnenen Nachbarn Connie und Doc beistehen, den veganen, friedfertigen und freundlichen Kaninchen, die sich selbstverständlich gut in die Gesellschaft integrieren möchten?
Dies ist ein kurzweiliger, in feinster Satire geschriebener, hochaktueller gesellschaftskritischer Roman.
Angesiedelt in Großbritannien, könnte sich die Geschichte ebenso auf dem Kontinent oder über dem großen Teich ereignen. Sie ist gespickt mit einer Fülle von Anspielungen an die reale Gegenwart. Der Umstand, dass einem zuweilen das herzhafte Lachen im Hals stecken bleiben mag, ist den Parallelen zu den derzeitigen, sich überschlagenden politischen Entwicklungen in der realen Welt geschuldet, insbesondere jenen nach Veröffentlichung des Romans.
Die rasante Vermehrung der Kaninchen steht der sich ebenso rasant entwickelnde Angst und Abwehr gepaart mit wachsender Aggression und Hass allem Fremden und Neuem gegenüber.
Für seine manchmal herzerfrischend überbordende und sehr zugespitzte Satire bedient sich der Autor der Welt der Fabeln.
Auf der eine Seite stehen die liebenswürdigen, friedlichen Kaninchen, die aufgrund ihrer kurzen Lebenszeit ein fröhliches, hedonistisches Lebensziel verfolgen. Sie gehen sehr aufrecht, ehrlich, direkt und ihre Umgebung genau einschätzend durchs Leben. Sie sind die moralische Instanz. Sie sind diejenigen, die zwar selbst Teil einer Nahrungskette sind, sich dies aber nicht zu eigen machen, sondern sich für ein veganes, friedvolles und rücksichtsvolles Leben entscheiden. Was keineswegs bedeutet, dass sie sich ihren ausgefuchsten, gewalttätigen Feinden einfach ausliefern.
Auf der anderen Seite steht eine große Zahl Menschen, unterstützt von den Füchsen an vorderster Front und den Geheimagenten, den Wieseln. Für sie bedeuten die Kaninchen mit ihrer anderen Lebensweise und -einstellung und ihrer raschen Vermehrung eine Gefahr für ihre Gesellschaft, die mit allen Regeln und Mitteln der Macht und Gewalt bekämpft werden muss. Andersdenkende in eigenen Reihen trifft dasselbe Schicksal.
Doch der Widerstand der Kaninchen wird stets aufs Neue intelligent geplant und ausgeführt, mit den überraschendsten Wendungen, ganz im Sinne Haken schlagender Kaninchen.
Dies wiederum führt zu sich überschlagender diskriminierender und fremdenfeindlicher Rhetorik, die immer mehr das Unsagbare nicht nur sagbar macht, sondern auch danach handeln lässt. Immer das Ziel vor Augen, den Widerstand der Kaninchen zu vernichten, oder auch mehr…
Es bleibt spannend bis zum Schluss.
Mit Begeisterung habe ich den Roman gelesen. Man taucht sofort ohne Einleitung in die Geschehnisse ein. Dies fand ich anfangs etwas schwer ob der Vielzahl der Personen und des Umstands, dass manche von ihnen teil vermenschlicht sind, was nicht immer gleich erkennbar ist. Hinzu kommt, dass der Roman nicht zu 100 Prozent in unserer Welt noch in einer Parallelwelt spielt. Doch der flüssige Schreibstil und die lockere Erzählweise des Peter Knox mit seinem trockenen britischen Humor fangen dies leicht wieder auf. Man merkt dem Autor an, dass ihm Peter Knox mit seiner Tochter und die Kaninchen sehr ans Herz gewachsen sind.
Äußerst gelungen finde ich auch die gewählte Erzählform sowie die Wahl Jasper Ffordes, einen „Kaninchen-Identifikationsagenten“ als Protagonisten zu wählen, der diesen Beruf nur ergriffen hat, weil er ein sehr guter Beobachter ist. Gerade die Erzählform des erlebenden Ichs kombiniert mit der überdurchschnittlichen Beobachtungsgabe des Peter Knox, die zuweilen den Eindruck eines auktorialen Erzählers vermittelt, hat mich gefühlt stärker in den Entwicklungsprozess des Peter Knox mit einbezogen und mich bei der Auseinandersetzung der Thematik nicht von der Leine gelassen.
Hier sei noch auf den deutschen Buchtitel bzw. Cover in Perfektion hingewiesen. Der Steckbrief eines „Karnickels“ lässt einen an die alte Redensart „Karnickel hat angefangen“ denken.
Der Autor führt uns erbarmungslos vor Augen, dass eine noch so tolerante und friedfertige Gesinnung allein nicht ausreicht, um gegen hasserfüllte Rhetorik und Taten bestehen, vielleicht auch überleben zu können. Wem trotz oder gerade in der heutigen Zeit dieses Thema am Herzen liegt und britischen Humor und Satire (as it‘s best) liebt, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht…