Und sie wussten es doch
Henry Mahler, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Fahnenflucht begangen hat, versucht sich nach Kriegsende mit lauter Aushilfsjobs und Alkohol über Wasser zu halten. Sein erstes Staatsexamen als ...
Henry Mahler, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Fahnenflucht begangen hat, versucht sich nach Kriegsende mit lauter Aushilfsjobs und Alkohol über Wasser zu halten. Sein erstes Staatsexamen als Jurist konnte er noch vor dem Kriegsbeginn ablegen, doch mittlerweile ist er im Leben recht weit unten angekommen. Er haust in einer Bruchbude, und seine Frau ist verschwunden. Eines Tages tritt ein alter Bekannter seines Vaters, Arno Kornbach, in sein Leben. Der Rechtsanwalt bietet ihm einen Job als Privatermittler, Detektiv, mit eigenem Büro in seiner Kanzlei an und offeriert ihm auch sogleich den ersten Job: Oswald Lassaly ist aus Brasilien in seine Heimat Hamburg zurückgekehrt, weil er als vertriebener Jude nicht nur Gerechtigkeit wünscht sondern selbst entscheiden möchte, ob er in Hamburg oder sonst irgendwo leben möchte. Er möchte zumindest einen Teil des ehemaligen Vermögens seiner Familie zurück erlangen und Klarheit darüber bekommen, ob sein Vater sich aus Verzweifelung wirklich selbst umgebracht hat oder mehr dahinter steckt. Doch der Sumpf ist auch 1950 noch tiefbraun. Die Besatzungsmachten haben zwar den groben Dreck beseitigt, doch immer noch besetzen ehemalige Nazi-Funktionäre Posten in wichtigen Ämtern und Behörden. Keiner will etwas gewusst oder getan haben.
Michael Jensen verbindet die wahre Geschichte der jüdischen Familie Lassaly aus Hamburg mit einer spannenden Erzählung aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Unverblümt zeigt er, wieviel brauner Dreck wirklich überlebt und Vermögen gehortet hat und wie viele Kriegsverbrechen ungeahndet blieben. Der Roman hat mich berührt und mich oft fragen lassen, "Was hätte ich getan?", "Wie hätte ich mich gefühlt?" und "Wieviel Mut hätte ich gehabt?". Keiner von uns kann etwas dafür, was damals geschehen ist, aber wir können die Augen öffnen und der Wahrheit ins Gesicht sehen statt beschämt wegzuschauen.
Ich habe viele Bücher um den Zweiten Weltkrieg herum gelesen und bin begeistert, einen so gut geschriebenen Roman in den Händen gehalten zu haben, der sich so intensiv und knallhart mit dem Geschehen nicht mit der Kriegszeit sondern auch der Nachkriegszeit auseinandersetzt.