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Veröffentlicht am 03.07.2019

Spitzen-Thriller

R.I.P.
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Yrsa Sigurdadottir kann es einfach. Die isländische Autorin hat sich bei mir mit ihren Thrillern um den Ermittler Huldar und die Psychologin Freyja mittlerweile zu einer Lieblingsautorin des Genres entwickelt. ...

Yrsa Sigurdadottir kann es einfach. Die isländische Autorin hat sich bei mir mit ihren Thrillern um den Ermittler Huldar und die Psychologin Freyja mittlerweile zu einer Lieblingsautorin des Genres entwickelt. Der dritte Fall „R.I.P.“ der Reihe steht den beiden Vorgängern in nichts nach: wieder geschehen äußerst grausame Morde, dokumentiert und verbreitet über kurze Videosequenzen, „Snaps“, des Social Media-Netzwerks Snapchat. Die Opfer sind Jugendliche, so dass die Kriminalpolizei auch diesmal wieder im Kinderhaus Reykjavik um fachliche Unterstützung bittet – was natürlich auch ganz im persönlichen Interesse von Huldar liegt, der seine Beziehung mit Freyja gerne nach dem vollkommen missglückten Start endlich auf eine etwas andere Ebene führen würde. Irgendwann wird klar, die Morde haben etwas mit Mobbing zu tun – und: es handelt sich um eine Serie. Bei den Opfern werden Zahlen gefunden, wer steht noch auf der Liste des Killers? Wer hat die Polizeidienstelle telefonisch auf einen Fall hingewiesen, der nicht auffindbar ist? Wie weit gehen die Mobber? Was müssen sich Mobbing-Opfer gefallen lassen, wer steht für sie ein – kumulierend in der für alle zutreffenden Frage – Wer ist bereit, wie weit zu gehen?

Jeder weitere Bezug zum Inhalt verbietet sich, will man nicht Gefahr laufen, ernsthafte Spoiler miteinzubauen. Jedem Freund von Thrillern der etwas härteren Gangart hat die Autorin wieder ein Lesehighlight beschert. Der Spannungsaufbau ist grandios, das Springen zwischen den Schauplätzen und Akteuren, sorgt immer und immer wieder dafür, dass man noch ein Kapitel und noch ein Kapitel mehr liest, um zu erfahren, wie es wo weiter gehen wird. Die Thematik ist aktuell, brisant und glaubwürdig dargestellt, genau wie die Gefühlswelt der Betroffenen, finde ich. Die Verbrechen sind brutal, ein wenig Abscheu und Nervenkitzel gehört aber ja auch irgendwo dazu, wenn ich einen Thriller lese. Und der letzte Satz des Buches – grandios bzw. liest man den nachts, steht man vielleicht auch noch mal auf und schaltet nicht das Licht direkt aus.
Das Buch ist zwar Teil 3 der Reihe, funktioniert aber genauso gut, wenn man es ohne Kenntnis der Vorgänger liest, einzig die Gesamtheit der Animositäten im Kommissariat zwischen Huldar und allen anderen im Allgemeinen und Erla im Speziellen erfasst man vielleicht nicht so ganz, aber das tut dem Ganzen nun wirklich keinen Abbruch. Verfolgt man die Reihe insgesamt, nimmt man natürlich an diesem Drumherum ein bisschen mehr Anteil – und ich schätze das auch. Solange es nicht vollkommen in den Vordergrund rückt, finde ich die Tatsache, dass man Kommissare, Psychologen oder wen auch immer auch neben ihrer Tätigkeit als Privatmenschen mit Problemen und Beziehungen darstellt, einen realistischen Gewinn für das Gesamtwerk (mit anderen Worten: „Huldar gib, nicht auf, ich glaub an dich und Freyja !“).

Fazit: Thriller-Highlight 2019 bisher, absolut empfehlenswert, nichts für zimperliche Gemüter, wer die Autorin noch nicht kennt, sollte sie schleunigst für sich entdecken!

Veröffentlicht am 02.07.2019

Zwei Flügel zum Fliegen

Zwei in Solo
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Sophie ist auf dem Heimweg, als sie plötzlich in eine brenzlige Situation gerät. Ein junger Mann springt ihr zur Seite und auf den zweiten Blick bemerkt sie, dass sie ihn kennt. Ein ehemaliger Schüler, ...

Sophie ist auf dem Heimweg, als sie plötzlich in eine brenzlige Situation gerät. Ein junger Mann springt ihr zur Seite und auf den zweiten Blick bemerkt sie, dass sie ihn kennt. Ein ehemaliger Schüler, Milo, steht vor ihr. Das Szenario ist merkwürdig, irgendwie spannungsgeladen und eines ergibt das andere. Trotz des Altersunterschiedes beginnen die beiden eine Beziehung, die mit vielen Problemen zu kämpfen hat. Milos familiäre Problematik ist nur eine davon. Die beiden begeben sich zusammen auf eine Reise und entdecken sich selbst und lernen sich neu zu definieren und zu positionieren. Über allem steht, dass sie nur gemeinsam, nicht perfekt, aber funktionstüchtig sind, bildlich gesprochen zwei Flügel haben, um zu fliegen.
Ich wollte so gerne mal wieder einen Liebesroman lesen, irgendetwas leichtes, nicht zu kitschiges, aber doch emotional mitreißend. Nach der Leseprobe von „Zwei in solo“ dachte ich auch, dies hier gefunden zu haben, aber letztendlich war es das nicht für mich. Ich fand beide Charaktere irgendwie anstrengend, die Konflikte dann doch irgendwie nicht „Weg zum Ziel“ sondern nervig und alltagsfern. Sehr schade, denn der Schreibstil der Autorin hat mir wirklich sehr gefallen, es sind in der Liebesgeschichte wirklich sehr schöne und gute Ideen eingearbeitet (z.B. Milos „Bearbeitung“ des Drachenläufers für Sophie), aber insgesamt nicht mein Buch.

Veröffentlicht am 12.06.2019

Ein besonderer, ein anderer Krimi

All die unbewohnten Zimmer
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Kriminalkommissariat 111 in München. Die Abteilung steht kurz davor, einen Fall abzuschließen, bei dem eine Frau durch einen Schuss getötet und ein Polizist verletzt wurde, als der oberste Dienstherr den ...

Kriminalkommissariat 111 in München. Die Abteilung steht kurz davor, einen Fall abzuschließen, bei dem eine Frau durch einen Schuss getötet und ein Polizist verletzt wurde, als der oberste Dienstherr den nächsten Fall präsentiert: wieder wurde ein Polizist zum Opfer, erschlagen am Rande einer Demonstration. Das Besondere: Eigentlich war die Abteilung 112 zuständig, doch nun wurde entschieden, weiter ermittelt wird durch das Kommissariat unter Polonius Fischer, dem ehemaligen Mönch mit der besonderen Verhörtechnik. Insbesondere eine merkwürdige Situation für Kommissarin Nasri, die erst seit kurzem nach ihrer Versetzung nach Fürstenfeldbruck wieder zurück in die bayrische Landeshauptstadt gekommen ist und zuvor bei den 112ern war… Deren emeritierter Chef Jakob Franck ist dem Kommissariat nach wie vor lose verbunden, als Berater, helfende Hand, Überbringer schlechter Neuigkeiten. Als dann auch noch der ungewöhnliche Detektiv Tabor Süden, ehemaliger Polizist und Spezialist im Auffinden verschwundener Personen, so gut, dass er den Verschwundenen ihren Schatten zurück zu geben vermag, im Polizeipräsidium auftaucht, da er weiß, wen er just an diesem Tage dort antreffen wird, ist klar, dass hier viele Fäden gewoben wurden, dieser Fall ein besonderer ist, und dass nicht nur, weil ein Kollege betroffen ist.
Nicht streng chronologisch, aus vielen Perspektiven, in der ersten Person und in der dritten beginnt Ani ein dichtes Netz zu spinnen, um Ermittler, Zeugen, Täter und Opfer. Er beleuchtet ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen, ihre Probleme mit sich, mit anderen, mit dem Zeitgeist, den Institutionen. Die Lösung der Umstände um den Tod des Polizisten gehört selbstverständlich ebenfalls zur Handlung. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich bespielt Ani diesen Kriminalroman auf einem hohen Niveau und mit einem gewissen Anspruch.
Man möge es mir verzeihen, aber für einen eingefleischten Krimifan ist das vielleicht alles nichts. Die Lösung des Falls rückt hier in diesem Kriminalroman berechtigterweise in meinen Augen etwas in den Hintergrund zugunsten der Besonderheit, die der Autor bei der Konstruktion des Werks gewählt hat. Denn Ani versammelt seine Protagonisten. Allen schreibt er eine Rolle in diesem Roman zu, und lange habe ich mich gefragt, warum. Erwartet hatte ich, dass ich sozusagen vier Genies, vier Menschen mit einer jeweils einzigartigen kriminalistischen Begabung präsentiert bekomme, die „Helden“ ihrer jeweiligen, seit langen Jahren etablierten Buch-Reihen des Autors. Aber das wäre viel zu glatt, zu unrealistisch, zu anspruchslos. Was der Leser präsentiert bekommt, sind vier Menschen. Jeder anders, mit einer anderen Vorgehensweise, mit einer etwas anderen Art der Interpretation seines Berufsbildes. Die vier arbeiten nicht in einem Kollektiv bei der Lösung dieses Falls zusammen, sondern sind wie sich im Raum bewegende Teilchen, die manchmal eine Bewegungsbahn teilen, sich manchmal berühren und oft nicht und doch tragen alle ihren Teil dazu bei, dass diese Geschichte rund wird – und irgendwie anders ist. Schwer, ein bisschen schwermütig, desillusionierend, tragisch. Denn was für mich als der vorherrschende Eindruck am Ende bleibt, sind tatsächlich wie es der Klappentext sagt, Abgründe. Menschen am Rande des Abgrunds, mitten im Berufsleben oder kurz vor der Pensionierung, aber einfach vollkommen „durch“. Fertig mit der Welt, an der Grenze zum Suchtverhalten (fragt sich auf welcher Seite dieser schmalen Linie), suizidgefährdet, ausgebrannt. Und das ist furchtbar. Großartige Persönlichkeiten, helle Köpfe und verloren in dieser Welt, an diese Welt.
Vielleicht kann man deshalb auch nach der Lektüre nicht leichten Herzens das Buch zuklappen und sagen, „hat mir gefallen“ ohne weiter darüber nachzudenken – oder sollte es zumindest nicht. „All die unbewohnten Zimmer“ liest sich nicht leicht, wie ein Feld-Wald-Wiesen-Krimi, man muss schon ein bisschen mitdenken. Nicht über die Lösung des Falls, die aber tatsächlich auch nicht offensichtlich ist, sondern sich erst stückchenweise für den Leser klärt, sondern über Menschen, Umgang mit Menschen, das Zusammenleben in Häusern, Straßen, Städten, über Menschen, die anderen schlimme Nachrichten überbringen, die Kriminalfälle lösen, die Flaschen sammeln, die ihren Bruder an die Hand nehmen, die vor Friedhöfen stehen, weil jeder von ihnen eine Geschichte hat, die sein Denken und Handeln bestimmt – und dann kann man sagen „hat mir gefallen“ (oder natürlich auch nicht). Mir hat es gefallen, hat es sogar sehr.

Veröffentlicht am 27.05.2019

Leider nicht durchgehend fesselnd

Rheinblick
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Bonn, 1972. Die SPD ist der Gewinner der Bundestagswahl. 46% konnte die Partei um den charismatischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt erreichen. Die Kampagne „Willy wählen“ hat die Menschen im Land, vor ...

Bonn, 1972. Die SPD ist der Gewinner der Bundestagswahl. 46% konnte die Partei um den charismatischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt erreichen. Die Kampagne „Willy wählen“ hat die Menschen im Land, vor allem die junge Generation, bewegt und erreicht. Nun beginnt der erste große Kampf nach der Wahl. Nicht mehr der politische Gegner ist für die Konflikte „zuständig“, das Ringen um den Koalitionsvertrag und vor allem die Verteilung der Posten und Pöstchen bestimmt das Denken und Handeln auf der Politbühne.
Teil dieser Bühne ist das Lokal „Rheinblick“, das Wirtin Hilde Kessel mit rheinischer Gelassenheit nach dem Tod ihres Mannes alleine führt. Bei ihr sitzen sie alle am Tresen und beim Mittagstisch, und auch manchmal spät abends betrunken im Taxi nach Hause und manchmal hört Hilde Dinge, die sie am besten gar nicht hören würde. Noch nie hat sie ihren Vorteil aus ihrer „Vertrauensposition“ gezogen, wie der Priester im Beichtstuhl oder die rheinische Version von „what happens in Vegas, stays in Vegas“, ist sie sicherer verschwiegener Boden, zumindest denken das alle…
Im November 1972 geht es also hoch her im Rheinblick, denn unmittelbar nach der Wahl fällt die Hauptperson aus: Brandt muss sich im Klinikum auf dem Venusberg einer Stimmbandoperation unterziehen und hat Redeverbot. Schriftlich nimmt er an den nervenaufreibenden Verhandlungen teil, oder hofft es zumindest und ist angewiesen auf das, was ihm ins Krankenhauszimmer vermittelt wird. In dieser angespannten Situation ist es nicht gerade leicht für Logopädin Sonja Engel, den Kanzler zu Atemübungen zu überreden, insbesondere da ihr Cousin, MdB und möglicher Anwärter auf einen Posten im Kanzleramt, plötzlich an sie herantritt, mit der Bitte, ihre Veschwiegenheitsverpflichtung doch etwas flexibler auszulegen.
Sonja lebt in einer WG, deren Bewohner, den zweiten großen Personenblock im Roman ausmachen. Vier junge Menschen, außer Sonja alle Studenten, die den Schwung der Zeit, ein neues Lebensgefühl, eine neue Freiheit verspüren und leben. Jeder von ihnen mit seinen persönlichen Sorgen belastet, und doch wieder vereint mit auch ihren Verbindungen zum „Rheinblick“ und einem aktuellen Kriminalfall in Bonn, der insbesondere die Journalistin Lotti aus Baden, die vorübergehend bei ihnen unterkommt, beschäftigt.

Und leider hört sich das jetzt – sogar für mich in der Rückschau, während ich diese Rezension schreibe-, spannender an, als es tatsächlich im Roman ist. Ab einem gewissen Zeitpunkt zieht es sich doch sehr arg in die Länge. Grundsätzlich fand ich die Konzeption eigentlich sehr gut, die Studenten-WG, das Politlokal, der angeschlagene Kanzler und die ihn belagernden Genossen, um die Weichen für die neue Legislaturperiode zu stellen, allem voran glaube ich, (soweit ich mich traue, das einschätzen zu wollen, so als nicht Zeitzeugin) treffend eingefangen Zeitgeist verspürt zu haben.

Aber gerade mit einer der Hauptpersonen, der Logopädin Sonja, habe ich mich nie anfreunden können, will ich ihre Rolle fast überflüssig und – sinnlos? – fand. Ihre Anwesenheit auf dem Venusberg hat meiner Meinung nach so gar keine Auswirkung auf die Handlung an sich. Sie dient irgendwie mehr oder weniger nur als Bindeglied zur Studenten-WG, um den Handlungsstrang um Max und Lotti und den Kriminalfall einbinden zu können in das große Ganze und das hat mir irgendwie einfach nicht gefallen.

Dann habe ich auch leider noch einen Kritikpunkt zur Sprache, nicht im allgemeinen, sondern im sehr speziellen und persönlichen Empfinden. Denn insgesamt liest sich das Buch wunderbar und trotz der für mich zu konstatierenden inhaltlichen Längen ist es ein gut zu lesender, flüssiger Plot. Aber immer dann, wenn Hilde Kessel sprach, (oder eben nicht immer!!!) hat es mich leicht geschaudert. Die Autorin wollte der Wirtin einen zu ihr passenden rheinischen Zungenschlag verpassen. Es ist schwer bis unmöglich, Dialekt wirklich schriftlich treffend einzufangen, das ist mir auch klar. Aber: einen kompletten Satz in Hochdeutsch und dann einfach nur bei einem Wort den letzten Buchstaben weglassen – das wirkt dann immer mehr wie ein Tippfehler für mich, gerade wenn es im Satz noch zwei - drei andere, einfache!, Möglichkeiten gegeben hätte (z.B. im Stil von „er hätte es mit dir besprechen müsse.“ – „er hätt et mit dir bespreche müsse‘ wäre schon viel harmonischer und sicher nicht viel komplizierter umzusetzen gewesen. Mit anderen Worten in den drei Worten „na sischer dat“ des Taxiunternehmers lag für mich mehr Rheinland als in allen Hilde-Sätzen zusammen.

Toll fand ich tatsächlich den „Soundtrack“ zum Buch, jede der Kapitelüberschriften besteht aus einem Zitat aus einem Liedtext und im Anhang des Buches sind diese und weitere im laufenden Text genannte Lieder alle noch einmal aufgeführt. Also wer die Muse dazu hat, kann sich seine Playlist zur Lektüre zusammenstellen. Diese Idee fand ich sehr kreativ und bemerkenswert.

Fazit: gute Idee, sicher sehr gut recherchiert, mit sehr viel eingefangenem Zeitgeist – das ist die große Stärke des Romans. Aber insgesamt auch einige Schwächen, die dafür sorgen, dass zumindest ich nicht sehr begeistert bin.

Veröffentlicht am 27.05.2019

New Life in New York

Eine eigene Zukunft
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Emilio Arenas aus Malaga hält es nie lange bei seiner Familie in Andalusien. Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Welt, immer kehrt er wieder, ist kurze Zeit Teil der Familie, zeugt ein Kind, um dann ...

Emilio Arenas aus Malaga hält es nie lange bei seiner Familie in Andalusien. Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Welt, immer kehrt er wieder, ist kurze Zeit Teil der Familie, zeugt ein Kind, um dann wieder an der Pier zu stehen, auf in den nächsten weit entfernten Winkel der Welt. Zurück bleiben seine Frau Remedios und irgendwann drei Töchter.
Auf sich alleine gestellt, aber Teil der spanischen weiblichen Gemeinschaft aus Müttern und Schwiegermüttern, Nachbarinnen und Cousinen. Anfang der 1930er Jahre fasst er schließlich in New York Fuß, die spanische Gemeinde rund um die Cherry Street in Midtown Manhattan wird tatsächlich so etwas wie ein Zuhause. 1936 bucht er Schiffspassagen für seine Frau und seine drei mittlerweile fast erwachsenen Töchter Victoria, Mona und Luz. Er übernimmt ein einfaches spanisches Lokal, „El capitan“, das Grundlage für das zukünftige Leben der Familie sein soll. Seine drei Töchter sind alles andere als begeistert von dem neuen Leben in Amerika, Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder zurück in die spanische Heimat zu reisen, insbesondere als Emilio einem Unfall zum Opfer fällt.
Doch dann kommt alles anders: plötzlich sind sie Teil eines Schadensersatzverfahrens bedingt durch den Tod des Vaters, das ihnen plötzlich große finanzielle Möglichkeiten verspricht. Doch wollen sich dubiose Anwälte ihre unglückliche Lage zu Nutze machen. Außerdem müssen die drei überlegen, wie sie künftig für den Unterhalt sorgen. Einerseits wollen sie nicht Fuß fassen in der neuen Welt, andererseits sind sie gezwungen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, und plötzlich entstehen Träume und Wünsche, Pläne und Verbindungen. So stark der familiäre Zusammenhalt der drei Schwestern ist, so unterschiedlich sind sie in ihren Charakterausprägungen. Mona, die mittlere ist eindeutig die überlegteste, analytischste der drei, sie entwickelt quasi den Businessplan für den neuen „capitan“ : für die Töchter des Kapitäns „Las hijas de capitan“ wie das neue Lokal heißen soll, ein Nachtklub mit Gesang und Tanz, Flamenco und coplas. Luz lebt für die Musik, das Schauspiel und es dauert nicht lange, bis andere auf ihr Talent aufmerksam werden, ihr vieles versprechen, doch wenig für sie tun. Victoria ist mir immer ein wenig passiv vorgekommen. Sie fügt sich, sie hilft, steht auch meist der Mutter zur Seite – und geht schließlich den ersten Schritt der drei, in dem sie eine Ehe eingeht. Das ist das Ziel der Mutter für alle drei: möglichst schnell einen Mann finden, ebenfalls Spanier und dann zurück nach Andalusien. Die Idee, einen Nachtklub aus dem capitan zu machen, für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Doch mit der Zeit bemerken die Töchter das auch irgendwann, dass sie ihre „eigene Zukunft“ bauen müssen und die scheint dann doch in Amerika zu liegen, an der Seite selbst gewählter Männer und selbst gewählter beruflicher Zukunften.

Maria Duenas hat einfach ein Händchen – oder ein Herzchen? – für wundervolle Figuren, starke Persönlichkeiten und ein Gespür für Familien – und Gesellschaftsstrukturen. Ein bisschen Sozialgeschichte, ein bisschen Politik, so wie im richtigen Leben greift alles ineinander. Umfeld und Umwelt sind untrennbar mit dem Denken und Handeln der Protagonisten verknüpft. Wie schon in ihrem Roman „Wenn ich jetzt nicht gehe“ fallen insbesondere wieder die unglaublich guten Schilderungen von Orten, Atmosphäre und Menschen auf. Man erlebt das quirlige Manhattan, die spanischen Nachbarn, die aufeinander einbrüllenden Schwestern, die zänkische Dona Maxima und die verliebten, gut angezogenen männlichen Nebencharaktere so hautnah, als sähe man sie auf einer Leinwand vor sich. Dadurch entsteht für mich ein unheimlich großer Lesegenuss, der auch dieses Mal wieder aufgefangen wird von einer wirklich ebenso spannenden Handlung, denn die Schwestern erleben so einiges, bevor klar ist, das sie in Amerika wirklich angekommen sind, wie und mit wem sie ihr Leben fortan bestreiten werden.

Fazit: Maria Duenas ist eine große Erzählerin. Ich hoffe sie findet noch viele zeitgenössische oder historische Schauplätze für ihre Ideen. Auch hier erzählt sie eine einfach runde, lesenswerte Geschichte. Ohne Kitsch, ohne langwierige Verstrickungen – aus dem Leben.