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Veröffentlicht am 15.05.2025

Unterschwellige Spannung bis zum Schluss

In ihrem Haus
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1961, in einer niederländischen Provinz: Isabel lebt allein in dem großen Haus, in dem sich seit ihrer Kindheit nichts verändert hat.
Dann zieht die Freundin ihres Bruders vorübergehend ein und mit ihr ...

1961, in einer niederländischen Provinz: Isabel lebt allein in dem großen Haus, in dem sich seit ihrer Kindheit nichts verändert hat.
Dann zieht die Freundin ihres Bruders vorübergehend ein und mit ihr Isabels Misstrauen.
Denn es verschwinden immer mehr Gegenstände aus dem Haus und Eva verhält sich immer seltsamer.

“In ihrem Haus” erzählt die Geschichte zweier Figuren, die nicht wirklich sympathisch sind, deren Gefühlswelten dennoch mit voller Wucht auf die Lesenden projiziert werden. Es ist ein Buch, über dessen Inhalt man am besten so wenig wie möglich liest (selbst der Klappentext verrät zu viel), denn die ersten zwei Drittel leben von der unterschwellige Spannung, bei der man sich gemeinsam mit Isabel ständig fragt, was ihre Schwägerin in spe eigentlich vorhat und dutzende Theorien aufstellt. Warum ist sie so interessiert an Isabel, die selbst stets abweisend reagiert? Warum wollte sie unbedingt in diesem Haus leben? Wohin verschwinden die ganzen Gegenstände?
Ich wusste lange überhaupt nicht, wohin die Handlung führt und genau deshalb hatte das Buch eine unheimlich starke Sogwirkung auf mich.
Auch nach dem ersten Twist rätselt man weiter, woher Isabels Wut und Evas Albträume kommen, denn beide scheinen ihre Geheimnisse zu haben.
Yael van der Wouden schafft es, nicht nur für Spannung, sondern auch für jede Menge Emotionen zu sorgen. Man fühlt sehr intensiv mit den Protagonistinnen mit, was auch an den lebendigen Dialogen liegt (wobei das Nicht-Beenden der Sätze hierbei irgendwann sehr überstrapaziert wurde). Ihr kennt das Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem zuvor gestritten wurde? Diese greifbare Anspannung in der Luft? Genau diese unentrinnbare Stimmung erzeugt die Autorin nur mithilfe von Worten.
“In ihrem Haus” ist ein Roman über Rache, Vergebung und Liebe. Ein Roman über Familie und das Klammern an Kindheitserinnerungen, über Glück und Verlust. Und zu guter Letzt setzt er sich mit der NS-Zeit in den Niederlanden auseinander. Ich konnte ihn kaum aus der Hand legen und bin nur so durch die Zeilen geflogen. ⭐️4/5⭐️

Dennoch habe ich einen Kritikpunkt, der allerdings SPOILER enthält:
Die Liebesbeziehung zwischen Isabel und Eva weckt zwar viele Emotionen bei den Leser:innen und die ambivalenten Gefühle sind toll beschrieben, dennoch trägt die Autorin teilweise etwas zu dick auf. Gerade am Ende ist es sehr theatralisch und schwülstig und hat mir ein bisschen die Freude am Buch genommen. Auch die Sexszenen sind sehr ausschweifend und detailliert beschrieben, hier hätte weniger gereicht, denn das Begehren der beiden ist auch so spürbar gewesen.

*Übersetzt von Stefanie Ochel


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Veröffentlicht am 13.05.2025

Unheimlich gute erste 3/4, aber enttäuschendes Ende

So ist das nie passiert
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Eine Dinnerparty unter engen Freunden läuft aus dem Ruder, als Willa sich mit ihren Erinnerungen an ihre vor Jahrzehnten verschwundene Schwester auseinandersetzen muss.

Mit dieser spannenden Ausgangssituation ...

Eine Dinnerparty unter engen Freunden läuft aus dem Ruder, als Willa sich mit ihren Erinnerungen an ihre vor Jahrzehnten verschwundene Schwester auseinandersetzen muss.

Mit dieser spannenden Ausgangssituation startet “So ist das nie passiert”. Perspektivwechsel zwischen Willa und ihrer besten Freundin Robyn und Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit lassen einen direkt tief in die Geschichte eintauchen und die ersten 300 Seiten konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen.
Auch der leichte Schreibstil trug dazu bei, ja es ist kein literarisches Meisterwerk, aber für eine gute Geschichte bedarf es ja nicht unbedingt einer anspruchsvollen Sprache. Nachdem das Thema der verdrängten/ falschen Erinnerungen so prominent in der Eingangsszene platziert wurde, habe ich mit einer raffinierten Auflösung gerechnet, bei der nichts so ist, wie es in Willas Erinnerungen zu sein scheint.
Dahingehend wurde ich leider enttäuscht: Es läuft genau auf die Lösung hinaus, die die ganze Zeit angedeutet wurde, es gibt keinen großen Twist und der ganze Plot drumherum ist so konstruiert, dass ich nur dachte: “SO ist das NIE passiert.”
Das rosarote Ende hat mir dann den Rest gegeben, es fehlten nur noch flauschige Hundewelpen und Glitzerstaub, um das Bild perfekt zu machen.
Ich hatte also 300 Seiten lang ein wirklich tolles Leseerlebnis, die letzten 100 Seiten haben mich dann aber sehr enttäuscht. ⭐️3,5/5⭐️

*Übersetzt von Carola Fischer und Beate Brammertz

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Wenig Handlung

Fassaden
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“Fassaden” erzählt die Geschichten zweier Frauen: Anna im Jahr 2019, die mit ihrem Mann David in eine Pariser Wohnung gezogen ist und ihren Beruf als Psychoanalytikerin momentan nicht ausführen kann. Sie ...

“Fassaden” erzählt die Geschichten zweier Frauen: Anna im Jahr 2019, die mit ihrem Mann David in eine Pariser Wohnung gezogen ist und ihren Beruf als Psychoanalytikerin momentan nicht ausführen kann. Sie beschließt, die Küche zu renovieren und freundet sich mit Clémentine an.
Und Florence im Jahr 1972, die damals in derselben Pariser Wohnung gelebt und dieselbe Küche renoviert hat. Sie ist in den letzten Zügen ihres Psychologiestudiums und möchte unbedingt schwanger werden, während ihr Mann nicht dafür bereit ist.

Das alles klingt nach einem vielversprechenden und tiefgehenden Psychogramm zweier Frauen, gerade die Idee der Wohnung als Gemeinsamkeit fand ich sehr außergewöhnlich, aber um ehrlich zu sein: Es passiert kaum etwas.
Die Autorin behandelt ihre beiden Protagonistinnen wie zwei Objekte und untersucht auf 480 Seiten wissenschaftlich genau (und ebenso emotionslos) deren Libido. Es geht nur um weibliche Lust, um sexuelle Beziehungen und darum, wie man die klassische Monogamie ausweiten kann.
Im Klappentext erwähnt wurde zum Beispiel noch Annas Fehlgeburt, die jedoch so gut wie gar nicht thematisiert wird. Clémentine ist Teil einer feministischen Gruppe, die im Kampf gegen Femizide nachts Parolen an Häuser schreibt. Hat das irgendeine Bedeutung für die Handlung? Nein.
Der komplette Erzählstrang rund um Florence und ihren Mann ist so belanglos, dass ich ihn gerade noch einmal nachlesen musste.
Und dass Florence und Anna dieselbe Wohnung bewohn(t)en, spielt auch keine Rolle. So viele Stichpunkte, die mich im Klappentext total angesprochen haben, aber kaum ausgeführt wurden.
Zu den Figuren baut man keine Beziehung auf, versteht ihre Gefühle und Taten nicht. Irgendwann wollte ich nur noch meine Ruhe vor ihnen haben.
Zugleich ist der Roman ein Liebeslied an die Stadt Paris, kann man mögen, mich persönlich haben die Großstadtbeschreibungen eher abgeschreckt.
Kurz: Ich hätte das Buch auf jeden Fall abgebrochen, wäre es kein Rezensionsexemplar gewesen. Ist es deshalb ein schlechtes Buch? Nein. Ich habe aufgrund des Klappentextes nur etwas komplett anderes erwartet - eine richtige Erzählung mit Storyline und Gefühlen eben.

Wer sich mit weiblicher Lust, Beziehungsmodellen und Großstadtliebe auseinandersetzen will, verpackt in einem bildungssprachlichen und sachlichen Schreibstil, wird sicherlich ein Highlight hinter den “Fassaden” finden. ⭐️2/5⭐️

*Übersetzt von Eva Bonné


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Veröffentlicht am 06.05.2025

Aktueller denn je

Grund zur Hoffnung
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"Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, können wir helfen. Nur wenn wir helfen, können wir Leben retten."

Jane Goodall berichtet über ihr unglaubliches Leben. Von ihrem ...

"Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, können wir helfen. Nur wenn wir helfen, können wir Leben retten."

Jane Goodall berichtet über ihr unglaubliches Leben. Von ihrem Aufwachsen in England während des Zweiten Weltkrieges, ihrer Liebe zu Tieren von Geburt an und schließlich ihrer aufregenden Reise nach Afrika, wo sie jahrzehntelange Forschungen betrieben und bahnbrechende Erkenntnisse in Bezug auf Schimpansen  gewonnen hat.

Die Beschreibungen ihres Lebens sind dabei spannender als jeder Abenteuerroman. Besonders die Jahre der Primatenforschung, die sie völlig unkonventionell durchgeführt hat, sind wahnsinnig interessant und berührend. Mit ihrer völligen Hingabe ist es ihr gelungen, ein komplett neues Bild auf Menschenaffen und Tiere allgemein zu werfen und somit auch wichtige Rückschlüsse auf die Menschheit zu ziehen.

“Grund zur Hoffnung” ist ein Buch über die Frau, die seit ihrer Kindheit einen Traum hatte und alles dafür getan hat, diesem näherzukommen - allen Widerständen zum Trotz. Es ist ein Buch voller Mut, Wärme und Empathie. Ein Buch, das aufzeigt, warum die Natur und die Tierwelt schützenswert sind, warum wir nicht aufgeben und weiter für diese - unsere - Erde kämpfen sollten. Und gleichzeitig ein Appell an die Menschlichkeit in uns.


Ich habe es innerhalb kürzester Zeit verschlungen und bin schwer beeindruckt. Die Biografie ist inzwischen 26 Jahre alt und könnte aktueller nicht sein. ⭐️5/5⭐️

*Übersetzt von Erika Ifang

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Wie ein oberflächlicher Actionfilm

Von hier bis zum Anfang
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“Von hier bis zum Anfang” ist ein hochgelobtes und vielfach ausgezeichnetes Buch. Es bietet viele gute Ansätze, würde meiner Meinung nach aber besser als Film funktionieren.

Erzählt wird die Geschichte ...

“Von hier bis zum Anfang” ist ein hochgelobtes und vielfach ausgezeichnetes Buch. Es bietet viele gute Ansätze, würde meiner Meinung nach aber besser als Film funktionieren.

Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven: Walk, der beste Kindheitsfreund des Mörders, heute selbst Polizist und Duchess, Stars 15-jährige Tochter. Eigentlich zwei Erzählerinnen, die viel erlebt haben, doch leider ist deren Bericht sehr emotionslos und die Darstellung ihrer selbst eher eindimensional.

Was mich aber viel mehr gestört hat, waren folgende Punkte: Die ganze Handlung besteht aus Rache und Selbstjustiz, zwei Dingen, denen ich nicht viel abgewinnen kann und die den ganzen Raum einnehmen in einer Story, die so viel mehr geboten hätte (und nebenbei sehr glorifiziert werden).
Außerdem sind die Charaktere ziemlich eindeutig in Gut und Böse aufgeteilt (und bleiben es auch bis zum Schluss), dieses facettenlose Schwarz-Weiß-Denken zieht sich durch das gesamte Buch.
Geschmückt wird das Ganze dann noch mit völlig überbordender Dramatik, Schusswaffen, an den Haaren herbeigezogenen Zufällen und noch mehr Schusswaffen - falls jemandem noch nicht klar war, dass das Buch in den USA spielt.

Mir persönlich war das alles etwas zu drüber, Logik und literarischer Anspruch sind dafür etappenweise auf der Strecke geblieben. Als Film könnte ich es mir wie gesagt aber ganz gut vorstellen. ⭐️3/5⭐️

Übersetzt von Conny Lösch

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