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Veröffentlicht am 22.09.2025

Marnies Suche, die mich nicht gefunden hat

Crushing
5

Ich hatte Erwartungen. Ein wunderschönes Cover, ein spannendes Thema - eine Frau auf der Suche nach Identität. Aber schon nach den ersten Kapiteln ahnte ich, dass das für mich kein Match wird.

Worum geht’s? ...

Ich hatte Erwartungen. Ein wunderschönes Cover, ein spannendes Thema - eine Frau auf der Suche nach Identität. Aber schon nach den ersten Kapiteln ahnte ich, dass das für mich kein Match wird.

Worum geht’s? Marnie, die sich selbst als Serien-Monogamistin bezeichnet, beschließt nach vielen gescheiterten Beziehungen: Es reicht. Keine verzweifelten Versuche, die perfekte Partnerin zu sein. Endlich frei. Aber dann tritt Isaac in ihr Leben - ein Mann, der sie wirklich versteht, allerdings vergeben ist. Und während die Freundschaft zu ihm wächst, steht für Marnie die eigentliche Frage im Raum: Wer ist sie wirklich, und was will sie vom Leben, wenn sie nicht gerade in einer Beziehung steckt?

Das klingt nach einer spannenden Ausgangslage. Aber die Umsetzung hat für mich nicht funktioniert. Statt einer echten Suche nach Identität hatte ich eher das Gefühl, dass sie stark von anderen Menschen abhängig bleibt und sich kaum alleine behaupten kann. Sie will unabhängig sein, aber gleichzeitig kann sie keine Sekunde allein sein und der ständige Griff zum Alkohol wird immer wieder wie eine Lösung präsentiert, was ich eher problematisch fand.

Mit dem Schreibstil bin ich ebenfalls nicht warm geworden. Der sarkastische Ton hat zwar hin und wieder für witzige Momente gesorgt, wirkte auf mich insgesamt aber eher angestrengt. Dadurch bin ich nie richtig in die Geschichte hineingekommen. Viele Szenen wirkten vorhersehbar und die Handlung bot für mich kaum Überraschungen.

Fazit:
Am Ende habe ich mich eher durch die knapp 400 Seiten gekämpft, als sie wirklich genossen. Ich hatte mir von der Identitätssuche mehr Tiefe und weniger Partyexzesse, One-Night-Stands und Selbstmitleid erhofft. Das ist schade, weil das Thema an sich unglaublich spannend ist. Für mich war es einfach nicht das richtige Buch.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein Debüt, das sich liest wie Kino im Kopf

Das Geschenk des Meeres
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Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, ...

Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, dass ich komplett in dieser Welt versunken bin. Die Figuren wirken absolut lebendig, sie sind keine bloßen Kulissen, sondern haben Tiefe, Ecken und Kanten. Der Plot baut sich perfekt auf, es gibt Wendungen, mit denen ich null gerechnet habe, und ich konnte das Buch einfach nicht weglegen.

Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in einem schottischen Fischerdorf. Ein Junge wird an den Strand gespült und seine Ankunft wirbelt nicht nur das Leben im Dorf durcheinander, sondern auch das von Dorothy, der Lehrerin des Ortes, die selbst viel verloren hat. Die Erzählung verknüpft die Gegenwart mit Rückblenden in Dorothys Anfänge im Dorf, wo sie von Anfang an Außenseiterin war und unter dem misstrauischen Blick der anderen litt. Stück für Stück taucht man ein in Erinnerungen, alte Wunden, Schuld und Sehnsüchte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen.

Die Themen sind teilweise heavy, aber nichts wirkt künstlich dramatisch, nichts zieht sich, jede Szene trägt was bei.
Ich war durchgehend gefesselt und konnte nicht glauben, dass das wirklich ein Debüt sein soll. Auch habe ich das Gefühl, dieses Buch verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist wirklich klug erzählt und gleichzeitig so spannend, dass man komplett darin versinkt. Für mich definitiv eines der stärksten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Kein cozy read

Botanik des Wahnsinns
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Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein ...

Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein Wunder, wenn man aus einer Familie kommt, in der psychische Erkrankungen nicht Ausnahme, sondern Alltag sind. Depression, Sucht, Schizophrenie, you name it, die sich wie ein Erbe durch die Generationen ziehen. Er wächst auf mit der Frage: Was macht das mit mir?

Um Antworten zu finden, flieht er in verschiedene Richtungen: ins Studium der Psychologie, in die Arbeit in einer Psychiatrie, ins Beobachten und Protokollieren seiner Eltern. Er versucht, Muster zu erkennen, das Chaos in Strukturen zu übersetzen. Doch je mehr er aufschreibt, desto deutlicher wird, dass es nicht um Klarheit geht.

Sprachlich ist das knapp, viele kurze Sätze. Das passt zum Thema. Definitiv kein Text, in den man einfach so reinfällt. Das macht auch Sinn: Die Form ahmt das Chaos nach, über das erzählt wird. Fragmentarisch, abgehackt, rastlos. So liest es sich, so fühlt es sich an.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass der Erzähler unnahbar bleibt, fast kühl. Dann aber gab es Szenen, in denen ich lachen musste und im nächsten Moment dachte: wow, eigentlich ziemlich brutal.

Fazit: „Botanik des Wahnsinns“ ist kurz, fordernd und verstörend. Kein cozy read, sondern ein Text, der einen zwischendurch laut „WTF“ denken lässt. Sehr eigen, aber genau deshalb interessant. Dazu kommt, wie intelligent es geschrieben ist. So viele Sätze, die man am liebsten anstreichen will, so viele Gedanken, die hängen bleiben. Und ja, das Cover ist auch einfach richtig gut.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Beeren pflücken slowed me down

Beeren pflücken
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Endlich habe ich „Beeren pflücken“ gelesen und dachte mir zunächst: „interessanter Buchtitel“. Auf den ersten Blick für mich nicht catchy, weil er in derselben Kategorie liegt wie „Pilze sammeln“, „Wäsche ...

Endlich habe ich „Beeren pflücken“ gelesen und dachte mir zunächst: „interessanter Buchtitel“. Auf den ersten Blick für mich nicht catchy, weil er in derselben Kategorie liegt wie „Pilze sammeln“, „Wäsche waschen“ oder „Spazieren gehen“. Vielleicht ist das aber genau der Trick: einen harmlosen, fast langweiligen Titel wählen, der gerade dadurch Aufmerksamkeit erzeugt.

Gott sei Dank geht es nicht darum, über drei­hundert Seiten lang Beeren zu sammeln, sondern um Verlust und darum, was dieser mit Menschen macht. Peters erzählt von einer indigenen Familie, deren Sommer von der Arbeit in den Blaubeerfeldern geprägt ist, und parallel von einem Mädchen, das in einem streng kontrollierten Zuhause groß wird.

Zwei Figuren stehen im Zentrum, zwei Lebenswelten, scheinbar weit voneinander entfernt. Beide tragen etwas aus ihrer Kindheit mit sich herum, das sie nie loswerden. Das Buch zeigt, wie sich so etwas einbrennt und wie es das Leben von innen heraus steuert. Früh wird klar, in welche Richtung das alles zeigt.

Das Tempo ist langsam. Wer einen Sog über Handlung sucht, wird enttäuscht werden. Wer Atmosphäre und innere Logik mag, kommt auf seine Kosten.

In der Geschichte wird viel über Verlust gesprochen, ohne es als Leid auszustellen. Es zeigt, dass Trauer nicht linear verläuft, sondern als Hintergrundrauschen bleibt. Ich hätte mir an ein paar Stellen mehr Reibung gewünscht, weniger Ausweichen ins Andeutende. Das ist Geschmackssache.

Fazit: Ich habe „Beeren pflücken“ gern gelesen. Aber die Art, wie die Geschichte erzählt ist, hat mein Lesen gebremst. Kein Buch, das man einfach weginhaliert, sondern eins, bei dem man automatisch langsamer wird. Mal spannend, mal anstrengend, aber am Ende lohnend.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Ein Roman über das Dazwischen

Super einsam
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Das Buch kam im letzten Moment. Ich war schon halb aus der Tür, Koffer in der Hand, Richtung Bahnhof, Richtung Meer, als das Rezensionsexemplar im Briefkasten lag. Super einsam von Anton Weil. Ich packte ...

Das Buch kam im letzten Moment. Ich war schon halb aus der Tür, Koffer in der Hand, Richtung Bahnhof, Richtung Meer, als das Rezensionsexemplar im Briefkasten lag. Super einsam von Anton Weil. Ich packte es ein, ohne Erwartungen. Im Zug fing ich an zu lesen und war direkt überrascht über diesen Zufall: Der Protagonist will nämlich genau dorthin. Weg. Raus. Irgendwohin, wo es leiser ist.

Es folgt kein klassischer Großstadtroman, sondern das literarische Protokoll einer Identitätskrise. Der Erzähler ist auf eine leise, eindringliche Art verloren. Nicht spektakulär, scheiternd, nicht destruktiv, sondern einfach schwebend im Ungefähren. Zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Rollen, die nicht mehr passen, und einem Selbstbild, das sich ständig verschiebt.

Weils Sprache ist direkt, klar, manchmal schnell schroff. Aber nie platt. Es gibt keine gestalteten Bilder, keine übertriebenen Metaphern. Stattdessen: ehrliche, dichte Sätze, in denen viel mehr drinsteckt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Oft merkt man erst im zweiten Absatz, wie präzise ein Gefühl getroffen wurde. Und das ist vielleicht das Beeindruckendste an diesem Buch: wie es innere Unruhe sichtbar macht, ohne sie zu erklären.

Die Handlung selbst ist eher ein Verlauf als ein Plot. Vieles bleibt offen, wird nur angerissen. Darin liegt die Kraft. In den Lücken. In dem, was nicht gesagt werden muss, weil es zwischen den Zeilen spürbar ist.

Ein Kapitel ist mir besonders geblieben: eine Kneipenszene, in der alles zusammenkommt: Einsamkeit, Nähe, Fremdheit, und dieser seltsame Trost, den man manchmal nur in der Anwesenheit anderer Körper findet. Selten wurde das so genau beschrieben, ohne es zu stilisieren oder zu romantisieren.

Super einsam erzählt nicht vom Finden, sondern vom Fragen. Nicht vom Aufbruch, sondern vom Dazwischen. Ein stiller, starker Roman über das Gefühl, sich selbst ständig zu entgleiten und trotzdem weiterzugehen.

Für alle, die Literatur mögen, die:

+von Identität erzählt, ohne sie zu definieren
+den Sound Berlins kennt oder kennenlernen will
+das Ungesagte Wichtige findet als die Pointe
+keine Helden braucht, um berührt zu sein

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