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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.10.2025

Wie ein Song ohne Refrain

Deep Cuts
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Ein Roman über eine Studentin, die Songs auseinandernimmt, als wären sie Anatomie, und über einen Typen, der ihr Talent sofort erkennt. Es geht um Musik, um eine Liebe und um die frühen 2000er. Das klingt ...

Ein Roman über eine Studentin, die Songs auseinandernimmt, als wären sie Anatomie, und über einen Typen, der ihr Talent sofort erkennt. Es geht um Musik, um eine Liebe und um die frühen 2000er. Das klingt hart nach Leidenschaft und Nostalgie, aber für mich hat es nicht funktioniert.

Schon nach den ersten Kapiteln wusste ich, dass ich emotional nicht andocken kann. Percy blieb mir fremd. Ich sah sie in Bars über Jukebox-Hits reden und Songs zerlegen, aber ich habe nichts dabei gespürt. Die Gespräche über Akkorde und Bridges waren mir zu spezifisch und irgendwann einfach zäh. Ich habe sogar die Playlist parallel gehört, um näher ranzukommen, aber es hat nichts verändert.

Manche Gedanken über Songs waren ganz spannend, ja, manchmal auch fast augenöffnend, und genau da habe ich kurz gemerkt, was dieses Buch hätte sein können. Aber insgesamt gingen diese Momente unter, weil Figuren und Story für mich nicht genug Tiefe hatten. Percy sollte verletzlich wirken, doch das kam bei mir nicht an. Auch die Beziehung zu Joe blieb blass, ohne Knistern, und ich konnte emotional einfach nicht mitgehen.

Ich sehe, was die Autorin erzählen wollte, trotzdem hat die Geschichte für mich keine Wirkung entfaltet. Ich habe bis zum Ende durchgehalten, in der Hoffnung auf einen Moment, der mich packt. Aber er kam nicht. Ein paar Radiohead-Zeilen bleiben hängen, und einzelne Gedanken über Musik fand ich spannend, aber im Gesamtbild war es zu wenig für mich.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Mein Überraschungshighlight

Die Sache mit Rachel
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Ich war nicht vorbereitet. Ich dachte, das wird ein nettes Buch, das man eben liest und wieder vergisst. Aber schon nach den ersten Seiten war ich komplett drin und wollte nicht mehr aufhören.

Worum geht’s? ...

Ich war nicht vorbereitet. Ich dachte, das wird ein nettes Buch, das man eben liest und wieder vergisst. Aber schon nach den ersten Seiten war ich komplett drin und wollte nicht mehr aufhören.

Worum geht’s? Rachel studiert in Cork und arbeitet nebenbei in einem Buchladen. Dort trifft sie James. Er ist quirlig, direkt, ein bisschen zu schnell - und trotzdem mag man ihn sofort. Aus einem Gespräch wird Freundschaft und kurz darauf eine WG. Aber Rachel hat ein Auge auf ihren Literaturprofessor Fred Byrne geworfen. Deshalb organisieren James und sie eine Lesung, um ihm „näherzukommen“. Nur verfolgt Byrne ganz andere Pläne, und plötzlich sind die drei viel tiefer ineinander verstrickt, als sie es je wollten.

Ich habe diese Figuren geliebt. Rachel ist verletzlich, aber gleichzeitig so stur, dass man ihr einfach folgen muss. James bringt Witz und Chaos, die beiden zusammen sind elektrisierend. Deshalb tat es so weh, als die Geschichte langsam dunkler wurde. Ich hatte wirklich das Gefühl, nachts mit ihnen in der Küche zu sitzen, mit einem Glas Wein, und zu ahnen, dass alles kippen wird.

Und dann dieses 2010er-Cork als Setting. Die Bars, die Straßen, die Stimmung der Finanzkrise. Nichts wirkt aufgesetzt, es ist einfach da und macht die Geschichte lebendig. Das Beste ist aber Caroline O’Donoghues Sprache. Sie trifft genau den Punkt, ohne jemals kompliziert zu sein. Sie beschreibt Gefühle so, dass man sofort denkt: Genau, so ist es.

Fazit:
Ich habe das Buch verschlungen. Deshalb ist es für mich ein echtes Highlight. Wer Sally Rooney mag, wird hier sofort andocken, nur dass Caroline O’Donoghue leichter und schneller erzählt. Für mich ist klar: Das war mein erstes, aber sicher nicht mein letztes Buch von ihr.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Marnies Suche, die mich nicht gefunden hat

Crushing
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Ich hatte Erwartungen. Ein wunderschönes Cover, ein spannendes Thema - eine Frau auf der Suche nach Identität. Aber schon nach den ersten Kapiteln ahnte ich, dass das für mich kein Match wird.

Worum geht’s? ...

Ich hatte Erwartungen. Ein wunderschönes Cover, ein spannendes Thema - eine Frau auf der Suche nach Identität. Aber schon nach den ersten Kapiteln ahnte ich, dass das für mich kein Match wird.

Worum geht’s? Marnie, die sich selbst als Serien-Monogamistin bezeichnet, beschließt nach vielen gescheiterten Beziehungen: Es reicht. Keine verzweifelten Versuche, die perfekte Partnerin zu sein. Endlich frei. Aber dann tritt Isaac in ihr Leben - ein Mann, der sie wirklich versteht, allerdings vergeben ist. Und während die Freundschaft zu ihm wächst, steht für Marnie die eigentliche Frage im Raum: Wer ist sie wirklich, und was will sie vom Leben, wenn sie nicht gerade in einer Beziehung steckt?

Das klingt nach einer spannenden Ausgangslage. Aber die Umsetzung hat für mich nicht funktioniert. Statt einer echten Suche nach Identität hatte ich eher das Gefühl, dass sie stark von anderen Menschen abhängig bleibt und sich kaum alleine behaupten kann. Sie will unabhängig sein, aber gleichzeitig kann sie keine Sekunde allein sein und der ständige Griff zum Alkohol wird immer wieder wie eine Lösung präsentiert, was ich eher problematisch fand.

Mit dem Schreibstil bin ich ebenfalls nicht warm geworden. Der sarkastische Ton hat zwar hin und wieder für witzige Momente gesorgt, wirkte auf mich insgesamt aber eher angestrengt. Dadurch bin ich nie richtig in die Geschichte hineingekommen. Viele Szenen wirkten vorhersehbar und die Handlung bot für mich kaum Überraschungen.

Fazit:
Am Ende habe ich mich eher durch die knapp 400 Seiten gekämpft, als sie wirklich genossen. Ich hatte mir von der Identitätssuche mehr Tiefe und weniger Partyexzesse, One-Night-Stands und Selbstmitleid erhofft. Das ist schade, weil das Thema an sich unglaublich spannend ist. Für mich war es einfach nicht das richtige Buch.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein Debüt, das sich liest wie Kino im Kopf

Das Geschenk des Meeres
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Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, ...

Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, dass ich komplett in dieser Welt versunken bin. Die Figuren wirken absolut lebendig, sie sind keine bloßen Kulissen, sondern haben Tiefe, Ecken und Kanten. Der Plot baut sich perfekt auf, es gibt Wendungen, mit denen ich null gerechnet habe, und ich konnte das Buch einfach nicht weglegen.

Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in einem schottischen Fischerdorf. Ein Junge wird an den Strand gespült und seine Ankunft wirbelt nicht nur das Leben im Dorf durcheinander, sondern auch das von Dorothy, der Lehrerin des Ortes, die selbst viel verloren hat. Die Erzählung verknüpft die Gegenwart mit Rückblenden in Dorothys Anfänge im Dorf, wo sie von Anfang an Außenseiterin war und unter dem misstrauischen Blick der anderen litt. Stück für Stück taucht man ein in Erinnerungen, alte Wunden, Schuld und Sehnsüchte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen.

Die Themen sind teilweise heavy, aber nichts wirkt künstlich dramatisch, nichts zieht sich, jede Szene trägt was bei.
Ich war durchgehend gefesselt und konnte nicht glauben, dass das wirklich ein Debüt sein soll. Auch habe ich das Gefühl, dieses Buch verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist wirklich klug erzählt und gleichzeitig so spannend, dass man komplett darin versinkt. Für mich definitiv eines der stärksten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Kein cozy read

Botanik des Wahnsinns
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Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein ...

Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein Wunder, wenn man aus einer Familie kommt, in der psychische Erkrankungen nicht Ausnahme, sondern Alltag sind. Depression, Sucht, Schizophrenie, you name it, die sich wie ein Erbe durch die Generationen ziehen. Er wächst auf mit der Frage: Was macht das mit mir?

Um Antworten zu finden, flieht er in verschiedene Richtungen: ins Studium der Psychologie, in die Arbeit in einer Psychiatrie, ins Beobachten und Protokollieren seiner Eltern. Er versucht, Muster zu erkennen, das Chaos in Strukturen zu übersetzen. Doch je mehr er aufschreibt, desto deutlicher wird, dass es nicht um Klarheit geht.

Sprachlich ist das knapp, viele kurze Sätze. Das passt zum Thema. Definitiv kein Text, in den man einfach so reinfällt. Das macht auch Sinn: Die Form ahmt das Chaos nach, über das erzählt wird. Fragmentarisch, abgehackt, rastlos. So liest es sich, so fühlt es sich an.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass der Erzähler unnahbar bleibt, fast kühl. Dann aber gab es Szenen, in denen ich lachen musste und im nächsten Moment dachte: wow, eigentlich ziemlich brutal.

Fazit: „Botanik des Wahnsinns“ ist kurz, fordernd und verstörend. Kein cozy read, sondern ein Text, der einen zwischendurch laut „WTF“ denken lässt. Sehr eigen, aber genau deshalb interessant. Dazu kommt, wie intelligent es geschrieben ist. So viele Sätze, die man am liebsten anstreichen will, so viele Gedanken, die hängen bleiben. Und ja, das Cover ist auch einfach richtig gut.

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