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Veröffentlicht am 06.07.2017

alles ändert sich und bleibt doch gleich

Die Hummerkönige
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Die Hummerkönige hat etwas Unaufgeregtes, Langsames, nahezu Leichtes, was den Leser Schritt für Schritt oder besser Welle für Welle in seinen Bann zieht. Bereits auf den ersten Seiten fühlt es sich so ...

Die Hummerkönige hat etwas Unaufgeregtes, Langsames, nahezu Leichtes, was den Leser Schritt für Schritt oder besser Welle für Welle in seinen Bann zieht. Bereits auf den ersten Seiten fühlt es sich so an, als wenn man mit nackten Füssen im kalten Meerwasser steht. Man weiss, dass da draussen etwas lauert, etwas Unbekanntes, Verhängnisvolles. Trotzdem oder gerade deswegen, bleibt man stehen. Mehr noch, macht einige Schritte vorwärts, angelockt von dem Unsichtbaren.

Genauso verhält es sich mit Alexi Zentners Buch. Das Mystische, Unerklärliche lockt genauso wie das Verlangen mehr über die Familie Kings, die „Königsfamilie“ auf Loosewood Island, zu erfahren. Sowie das Meer mit jeder Welle denjenigen gefangen nimmt, der sich hinaus getraut, so fesselt diese Familiengeschichte den Leser mit jeder Seite mehr und hinterlässt auch nach dem finalen Umblättern einen bleibenden Eindruck.

Der ruhigen und gelassenen Erzählweise mutet zu Beginn etwas Oberflächliches und Distanziertes an. Keine Distanz zwischen dem Leser und den Charakteren, eher eine Distanziertheit zwischen den Charakteren und den Geschehnissen. Ein Junge ertrinkt, das Leben geht weiter. Eine Mutter nimmt sich das Leben, trotzdem müssen Köder ausgelegt, Körbe geleert, Hummer gefangen werden.

Zentner gibt kaum Einblick in die Psyche der Figuren. Erstaunlicherweise führt dies nicht dazu, dass sich der Leser nicht mit ihnen identifizieren kann. Viel mehr glaubt man sich schon bald selber mit auf dem Hummerboot, spürt die Wellen unter sich, schmeckt das salzige Meerwasser. Dennoch bleibt ein fahler Nachgeschmack, da der Leser der einzige ist, welcher das Erlebte reflektiert. Vieles bleibt unausgesprochen, Geheimnisse werden gehütet, auf Aussprachen wartet man vergeblich.

Über weite Teile ohne Hektik erzählt, wird der Roman auf seinem Höhepunkt zum Pageturner. Wenn auf rauer, stürmischer See um Menschenleben gekämpft wird, ist es vorbei mit der Gelassenheit und der Puls des Lesers schnellt unweigerlich in die Höhe. Wie so oft folgt auf Sturm Sonnenschein, doch das Meer hat seine Opfer gefordert. Obwohl die Verluste für nahezu alle Figuren eine Zäsur in ihrem Leben bedeutet und sich alles ändert, so bleibt doch alles gleich. Eine neue Hummersaison beginnt und die Boote fahren hinaus aufs Meer.

Alexi Zentners Werk besticht durch seine entschleunigte Erzählweise. Es nimmt uns mit auf eine Reise in die abgelegene Gegend von Nova Scotia, lässt uns das Gehetze des Alltags vergessen und von einem Leben auf einer kleinen Insel träumen. Eine Insel, auf welcher die Bewohner einander unaufgefordert beistehen und gemeinsam allem trotzen, was das Meer und das Leben für sie bereit hält.

Veröffentlicht am 06.07.2017

wundervolle Sprache

Was man von hier aus sehen kann
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„Was man von hier aus sehen kann“ ist ein weiterer Roman der deutschen Autorin Mariana Leky.
Die Ich-Erzählerin Luise lebt mit ihren Eltern und ihrer Grossmutter Selma in einem kleinen Dorf irgendwo Abseits ...

„Was man von hier aus sehen kann“ ist ein weiterer Roman der deutschen Autorin Mariana Leky.
Die Ich-Erzählerin Luise lebt mit ihren Eltern und ihrer Grossmutter Selma in einem kleinen Dorf irgendwo Abseits vom Trubel der Grossstadt in einer kleinen, heilen Welt. Als Selma jedoch eines Nachts von einem Okapi träumt, ist es vorbei mit der Beschaulichkeit im Dorf. Auch wenn vorgeblich nicht jeder daran glaubt, so tun es im Grunde doch alle. Denn wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand. Wer, dass weiss man nicht. Doch innerhalb der nächsten 24 Stunden wird es passieren. So war es schon immer, wenn Selma im Traum ein Okapi sah.



Wer hier nun einen Pageturner erwartet liegt falsch. Sehr falsch sogar. Es wird zwar ein Todesopfer geben und ein Mensch wird zu Grabe getragen, doch in diesem Buch geht es um viel mehr.
Es geht um Trauer und Verlust. Um Freude und neue Bekanntschaften. Um Liebe, ob laut ausgesprochen oder seit Jahren geheim gehalten. Um Verliebtsein, um Verlassen und Verlassen werden, um die Endlichkeit des Lebens und um Neuanfänge. Dies alles und vor allem all die Dorfbewohner, die unterschiedlicher nicht sein könnten, porträtiert Mariana Leky in einer wunderbaren Art und Weise. Ihr Erzählstil ist eigenwillig, unaufgeregt und wunderschön poetisch ohne dabei abgehoben zu wirken. Sie ist nicht aus auf Schenkelklopfer und doch gibt es unzählige Szenen, die dem Leser ein Schmunzeln oder Lachen ins Gesicht zaubern. Die Autorin versteht es die Perspektive zu wechseln und den Fokus auf Sachen, Aktionen, Geschehnisse zu legen, die oft übersehen oder nicht bewusst wahrgenommen werden.

„Was man von hier aus sehen kann“ ist nicht einfach mit Worten zu beschreiben und jede Zusammenfassung dieser Geschichte würde nicht nur unpassend, sondern auch unzulänglich sein. „Was man von hier aus sehen kann“ muss man gelesen haben, um es zu verstehen.
Ich empfehle dieses Buch all denjenigen, für welche Lesen ein Genuss ist. Denjenigen, welche gerne einen Satz zweimal lesen, um ihn dann in sich aufzunehmen, auszukosten, zu geniessen. Denjenigen, welche zufrieden sind, ein einzelnes Kapitel zu lesen und die Augen zu schliessen, nicht nur ein-, sondern auch auszuatmen. Und insbesondere all denjenigen, welche die Welt hereinlassen wollen.

Veröffentlicht am 06.07.2017

zu wenig Tiefgang

Überleben ist ein guter Anfang
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n „Überleben ist ein guter Anfang“ erzählt Andrea Ulmer die Geschichte von sechs unterschiedlichen Frauen die ein gemeinsames Schicksal teilen. Sie alle erhielten die Diagnose Brustkrebs und kämpfen bereits ...

n „Überleben ist ein guter Anfang“ erzählt Andrea Ulmer die Geschichte von sechs unterschiedlichen Frauen die ein gemeinsames Schicksal teilen. Sie alle erhielten die Diagnose Brustkrebs und kämpfen bereits mehr oder weniger lang dagegen an. In einer Selbsthilfegruppe finden sie zueinander. Als Sieglinde, die älteste der Frauen, im Alter von 83 Jahren überraschend stirbt, beschliessen die anderen Sieglindes Traum von einer Weltreise in die Tat umzusetzen und bereisen gemeinsam sechs der sieben Kontinente.

Andrea Ulmer verarbeitet in diesem Roman auch ihr eigenes sowie das Schicksal ihrer Mutter, welche an Brustkrebs gestorben ist. Sie schafft dies auf eine ganz eigene, leichte und durchaus humorvolle Art. Der Schreibstil ist flüssig, der Leser hat keine Mühe der Geschichte zu folgen und kann sich sehr gut in die verschiedenen Schauplätze hineinversetzen. Dass eine der Protagonistinnen vorzugsweise in ihrer Mundart spricht, lockert das Ganze mit etwas Lokalkolorit auf.

Die Reisenden müssen nicht nur ihre Ehemänner alleine zu Hause lassen, was nicht selten zu lustigen Episoden führt, sie müssen auch über ihren eigenen Schatten springen und sich herausfordernden Situationen stellen. Dabei versteht es Ulmer die unterschiedlichen Figuren zu porträtieren, obwohl eine tiefergehende Analyse der Charaktere durchaus wünschenswert gewesen wäre. Die Figuren bleiben oberflächlich und ihre Beschreibung verläuft zumeist auf physischer Ebene ohne dass eingehender auf die Psyche der fünf Protagonistinnen eingegangen wird.

Obwohl alle der im Buch beschriebenen Figuren – seien es die krebskranken Frauen oder ihre anteilhabenden Familienangehörigen – eine Entwicklung durchmachen, erlebt keine davon eine richtiggehende Katharsis. Alle ertragen ihr Schicksal mit einer gewissen Ergebenheit und ohne damit zu hadern. Dies lässt die Tatsache, dass alle an Krebs leiden in den Hintergrund treten. Selbst der Tod von Sieglinde schafft es nicht den Leser wachzurütteln und sich in ernstzunehmender Weise mit der tragische Thematik auseinanderzusetzen. Stirbt eine bereits 83-jährige Person, ist der Grund für ihren Tod eher zweitrangig. So wie die Geschichte verläuft und die Figuren charakterisiert werden, könnten die fünf Frauen durchaus aus einem anderen Grund miteinander verbunden oder befreundet sein. Der Brustkrebs gilt hier zwar als gemeinsamer Nenner, dennoch setzt sich der Roman zu wenig damit auseinander.
Aus diesem Grund ist „Überleben ist ein guter Anfang“ eine unterhaltsame Lektüre, welche den Leser leider nicht wirklich zu fesseln vermag und weniger Tiefgang hat als die Buchbeschreibung erhoffen lässt.

Veröffentlicht am 06.07.2017

Kurzgeschichten

Spuk!
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Ein Band voller Kurzgeschichten zu rezensieren ist kaum möglich. Schliesslich kann man nicht auf jede einzeln eingehen und auch nicht alle in denselben Topf werfen.
Die Geschichten sind unterschiedlicher ...

Ein Band voller Kurzgeschichten zu rezensieren ist kaum möglich. Schliesslich kann man nicht auf jede einzeln eingehen und auch nicht alle in denselben Topf werfen.
Die Geschichten sind unterschiedlicher Natur, einige fand ich toll, andere konnten mich nicht überzeugen. Öfters handelt es sich meiner Meinung nach auch nicht um Grusel- oder Spukgeschichten, sondern um unverarbeitete Traumata, welche die Protagonisten quälen. Die Thematik des Kriegstraumas ist in mehreren Geschichten zu finden.

Wie immer bei Kurzgeschichten ist sicher für jeden etwas dabei, wobei nicht alle Geschichten jeden Leser gleichermassen überzeugen und begeistern werden.

Veröffentlicht am 06.07.2017

Findelkind auf dem Friedhof

Fuchskind
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Der Kriminalroman „Fuchskind“ von Annette Wieners ist der zweite Teil der Krimiserie um die ehemalige Polizistin und jetzige Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes. Die Lektüre des ersten Buches „Kaninchenherz“ ...

Der Kriminalroman „Fuchskind“ von Annette Wieners ist der zweite Teil der Krimiserie um die ehemalige Polizistin und jetzige Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes. Die Lektüre des ersten Buches „Kaninchenherz“ ist keine Voraussetzung für das Verständnis von „Fuchskind“.
Eines frühen Morgens, als es auf dem Friedhof noch keine Besucher oder Mitarbeiter hat, nimmt Gesine Cordes unerklärliche Geräusche und einen unbekannten Gast war. Nach einiger Zeit findet sie einen kleinen, erst einige Wochen alten Jungen, der versteckt unter Büschen auf dem Friedhof zurückgelassen wurde. Am selben Tag wird bei der Bushaltestelle nahe des Friedhofs eine nackte Frauenleiche gefunden. Zusammen mit Marina Olbert von der Mordkommission setzt Gesine alles daran herauszufinden, ob und inwiefern die beiden Fälle miteinander in Verbindung stehen und wer der Täter ist.

Die Sprache ist einfach gehalten und der Schreibstil sehr flüssig, sodass unterschiedliche Leser der Handlung mühelos folgen können. Die relativen kurzen Kapitel werden gelegentlich durch eine Seite aus Gesines Notizbuch über Giftpflanzen unterbrochen. Durch diese Einschübe unterscheidet sich der Roman von anderen Büchern. Die Notizen zu den Pflanzen inklusive der Zeichnungen geben der Geschichte etwas Spezielles und sind darüber hinaus sehr lehrreich.

Die Handlung ist nachvollziehbar jedoch nicht gross vorausschaubar, was einen guten Krimi ausmacht. Auch die Figuren sind treffend beschrieben, der Leser kann sich problemlos mit ihnen identifizieren. Sie sind weder überspitzt gezeichnet noch klischeehaft zusammengestellt und konstruiert. Insbesondere die Tatsache, dass der Fokus nicht nur auf Gesine Cordes liegt, sondern auch Marina Olbert einen grossen Anteil am Verlauf der Geschichte hat, kommt gut an. Es ist bei weitem nicht so, dass die Lösung des Falles nur durch Gesine möglich war. Hier wird Hand in Hand gearbeitet und von verschiedenen Seiten her ermittelt.

Obwohl es sich um einen Kriminalroman handelt, gibt es durchaus berührende Szenen im Buch. Zwischenmenschliche Beziehungen werden genauso thematisiert wird der Kriminalfall selbst. Die Beziehungen sind dabei vielschichtig und auch Kinder spielen eine bedeutende Rolle. Gerade die mit grosser Sorgfalt portraitierte Beziehung Gesines zu ihren Nichten ist eine sehr tiefgehende und liebevolle und wird ebenso beschrieben.

Annette Wieners schafft es mit „Fuchskind“ einerseits einen spannenden Krimi zu erzählen, der sich von anderen abhebt und andererseits dem Leser einen kurzweiligen Nachmittag zu bereiten.