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Veröffentlicht am 17.11.2025

Vom Weg in die Selbstermächtigung

The Witch's Heart - Das Verhängnis
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Von Genevieve Gornichec habe ich vor diesem Buch schon “Sisters in Blood” gelesen, von dem ich absolut begeistert war und zu dem ich auch eine Rezension verfasst habe. Nun also dieses Buch, an das ich ...

Von Genevieve Gornichec habe ich vor diesem Buch schon “Sisters in Blood” gelesen, von dem ich absolut begeistert war und zu dem ich auch eine Rezension verfasst habe. Nun also dieses Buch, an das ich mit entsprechend hohen Erwartungen herangegangen bin, was man natürlich nicht sollte, da jedes Buch für sich stehen sollte. Außerdem ist „The witch’s heart“ das Debüt der Autorin und „Sisters in Blood“ ihr zweites Buch. Das versuche ich, bei meiner Bewertung zu berücksichtigen.

Auch in diesem Buch geht es um alte nordische Mythologie: diesmal um die Riesin und Hexe Angrboda, die gemeinsam mit dem Trickster-Gott Loki drei Kinder in die Welt setzt, aus denen die Totengöttin Hel, der Fenriswolf und die Midgardschlange werden. Das ist eine uralte mythologische Geschichte, die sozusagen den Rahmen für dieses Buch setzt, das hier auf feministische Weise neu interpretiert wird.

Ich habe das Buch als Beschreibung eines langen Weges in die weibliche Selbstermächtigung gelesen. Angrboda war schon früher eine sehr mächtige Hexe, doch wir lernen sie zu einem Zeitpunkt kennen, zu dem sie psychisch und auch körperlich sehr geschwächt ist. Nachdem sie sich geweigert hatte, mit Hilfe der mystischen Technik des „Seid“ in die tiefsten Dunkelheiten zu reisen, um dort für den Göttervater Odin Wissen über die Zukunft zu erlangen, wurde sie fürchterlich bestraft: drei Mal wurde ihr das Herz herausgerissen und sie wurde verbrannt. Tot ist sie nicht so ganz, aber sie hat kaum mehr Erinnerungen an ihre Vergangenheit und Identität und lebt zurückgezogen ganz alleine in einer Höhle im Wald. Da besucht sie der Außenseitergott und Trickster Loki und bringt ihr ihr Herz zurück und die beiden starten erst eine Affäre, dann eine Art On-Off-Beziehung und schließlich eine halbherzige Ehe, während ihre drei gemeinsamen Kinder entstehen: ein halbtotes Mädchen und zwei Söhne: ein Wolf und eine Schlange. Soweit zum Inhalt, ohne spoilern zu wollen.

Die mythologische Geschichte ist durchaus interessant. Schwierig fand ich beim Lesen das sehr wechselnde Tempo: im ersten Drittel des Buches passiert gefühlt kaum etwas Interessantes und in die Handlung plätschert nur so dahin. Dann spitzt es sich in der Mitte zu und es kommt zu dramatischen Ereignissen, die sehr schnell geschildert werden und wonach die Handlung zum langsamen Tempo zurückkehrt bis zum prophezeiten Ende zur Zeit der Götterdämmerung, samt überraschender Wendung. Gewünscht hätte ich mir also einerseits eine Straffung einiger Teile und andererseits, dass andere Teile ausführlicher erzählt worden wären.

Mythologisch gibt die Geschichte einiges an interessanten Themen her: es geht um Vorurteile, Magie, Hexenverfolgung, Ausgrenzung, Mutterliebe, Verrat, Frauenfreundschaft und Queerness (ein Thema, das der Autorin ein besonderes Anliegen zu sein scheint) und die Veränderlichkeit oder Unabwendbarkeit des Schicksals. Das stärkste Thema für mich in diesem Buch war, wie schon erwähnt, das der weiblichen Selbstermächtigung: zu sehen, wie die gedemütigte, geschwächte und verletzte Angrboda schrittweise wieder mehr in ihre Kraft kommt, sich für ihre Kinder einsetzt und eine mutige und selbstlose Entscheidung trifft.

Dazu ein Zitat aus dem Buch:

“Ich bin Angrboda Eisenhexe”, dachte sie. Die Alte. Mutter Hexe, die jene Wölfe gebar, die Sonne und Mond jagen. Ehemalige Gattin von Loki und Mutter sowohl der Gebieterin der Toten als auch der beiden Kreaturen des Chaos, die vom Schicksal dazu bestimmt sind, Verderben über eben die Wesen zu bringen, die unser Leben ruiniert haben. Ich kann das aus eigener Kraft schaffen.“ (S. 303)

Insgesamt ist es ein durchaus interessantes Buch, das mir eine mir bisher unbekannte nordische Mythologie nähergebracht hat und weitgehend unterhaltsam zum Lesen war. Gerade weil ich es als deutlich schwächer empfinde als das darauffolgende Buch der Autorin („Sisters in Blood“) zeigt es mir aber auch ihre Entwicklung und insgesamt ihr Talent, alte Mythologie auf unkoventionelle Art und Weise neu zu interpretieren.

Wer die Autorin noch nicht kennt, dem empfehle ich aber dennoch für den Einstieg eher „Sisters in Blood“, das über alle Stärken dieses Buches verfügt, in dem die erwähnten Schwächen aber nicht mehr vorkommen. Auf weitere Bücher dieser Autorin bin ich gespannt.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Über das Recht auf den selbstbestimmten Tod

Vielleicht ist die Liebe so
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Katja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges ...

Katja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges schon reichen hätte können, um eine unglaubliche Schwere zu transportieren: es geht unter anderem um assistierten Suizid, weitere Suizide in der Familiengeschichte, eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung sowie on top auch noch um eine Familie mit jüdischen Wurzeln, die sich mit dem Gefühl der Überlebensschuld, Entwurzelung, Heimatlosigkeit und transgenerationaler Traumatisierung herumschlagen muss. Das könnte ein Buch sein, das so traurig und düster ist, dass es kaum zu bewältigen ist.

Aber so ein Buch hat die Autorin trotz all dieser herausfordernden Themen nicht geschrieben, sondern im Gegenteil einen leichtfüßig-humorvollen Zugang dazu gewählt. Das ist ein durchaus cleverer Schachzug, um beim Lesen nicht gleich in die komplette Abwehr zu gehen, sondern sich auf das Buch und die damit verbundenen Themen intellektuell und vor allem auch emotional einlassen zu können. Denn ist man erst einmal in das Buch hineingezogen, dann möchte man es fertig lesen und dann regt es insgesamt sehr zum Nachdenken über die erwähnten Themen und noch viele weitere an.

Endgültige Antworten oder gar Positionen möchte dieses Buch nicht vermitteln. Wir nähern uns stattdessen der Geschichte ausschließlich durch die Perspektive der Mitte-40-jährigen Anja an, einer unzuverlässigen Erzählerin. Anja hat es nicht leicht gehabt im Leben bisher: der Vater ist früh an seinem Alkoholismus zugrunde gegangen, die Oma hat sich das Leben genommen, genauso wie eine Cousine der Mutter, und als einzige Tochter einer narzisstischen, zynischen und mit allem unzufriedenen Mutter kriegt Anja von dieser ständig zu hören, was für eine Versagerin sie in deren Augen doch sei und in wie vielen Bereichen sie den Ansprüchen der Mutter nicht genüge. Angespornt durch die ehrgeizige Mutter hat Anja in jungen Jahren eine Karriere als Schauspielerin versucht, diese aber nach einem schockierenden Erlebnis mit einem sexuell übergriffigen Regisseur erst einmal ad acta gelegt, zur Enttäuschung ihrer Mutter. Momentan arbeitet sie als Kellnerin in einer Bar - ein Job, der ihr durchaus gut tut, weil sie sich dort sicher fühlen und erholen kann und gute Freunde hat, der aber natürlich nicht so prestigeträchtig ist, wie ihr immer vermittelt wird, dass ihr Job und ihr Leben sein sollte. Auch bezüglich romantische Beziehungen läuft es herausfordernd für Anja: eigentlich hätte sie sich immer Kinder gewünscht, doch nie den richtigen Mann dafür gefunden. Sie hofft immer noch vergeblich, dass es mit ihrem Ex Carlos wieder etwas werden könnte, obwohl dieser klar mit ihr abgeschlossen hat und das eigentlich auch deutlich wird - für alle, außer für Anja.

Das war schon mal ganz schön viel über Anja und ich könnte noch viel mehr über sie schreiben, denn aus ihrer Perspektive ist, wie gesagt, der ganze Roman erzählt. Doch gibt es noch den wichtigsten Gegenpart in dieser Geschichte: ihre Mutter, die ihr eines Tages so lapidar wie nebenbei erzählt, dass sie entschieden hat, sich am kommenden 18. Februar um 4 Uhr nachmittags, unterstützt von einer Schweizer Sterbehilfeorganisation, das Leben zu nehmen. Am Anfang können wir Lesende - und auch Anja - gar nicht glauben, dass die Mutter, auch wenn sie eine sehr willensstarke und entschlossene Persönlichkeit ist, das tatsächlich ernst meint. Doch die Vorbereitungen für ihren Sterbetag schreiten voran: die Mutter verlangt allen Ernstes von Anja, sie dabei zu unterstützen, ihren gesunden und lebensfrohen Hund einschläfern zu lassen, da sie meint, dieser würde ihren Tod nicht verkraften und es sei besser so. Sie wählt passende Kleidung für ihren Sterbetag, die ruhig hinten offen sein könne, denn dann werde sie ja nur mehr am Rücken daliegen. Auch die Beerdigung und der Leichenschmaus werden geplant. Wenn man eines dieser sonst so egozentrischen Mutter nicht vorwerfen kann, dann ist es, der hinterbliebenen Tochter viel Arbeit zu hinterlassen: die Mutter kümmert sich vor ihrem geplanten Suizid um jedes erdenkliche Detail. Und so rückt der geplante Sterbetag immer näher, ohne dass die Mutter Anstalten macht, ihren Plan abzusagen.

Kann das sein? Ist es möglich, dass eine zumindest äußerlich gesund wirkende Frau Anfang 70 sich so einfach das Leben nehmen "darf", nur weil sie sich immer so über Schönheit und Status definiert hat und ihren eigenen Verfall nicht erleben will? Und, um noch einmal eines draufzulegen: kann es sein, dass sie dabei auch noch von einer Organisation für assistierten Suizid unterstützt wird? Wie steht Anja als Tochter (die entsetzt ist und gerne ihre schwierige Mutter weiter bei sich hätte), aber wie stehen vor allem wir als Lesende zu diesem ethisch sehr kontroversen Thema?

Wie stehen wir dazu, dass wir von der Häufung von Suiziden in der Familiengeschichte erfahren, von den jüdischen Wurzeln, dem religiösen Sich-Entwurzelt-Fühlen der Mutter auch nach Wechseln vom Judentum erst zum Katholizismus, dann zum Protestantismus und schließlich zur Abkehr vom Glauben? Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Mutter, auch wenn und gerade weil sie sich oft der Tochter gegenüber so unfreundlich und abwertend präsentiert, um eine innerlich tief verwundete Person handeln könnte? Würde diese nicht viel eher Psychotherapie brauchen als Unterstützung beim Suizid? Doch wie gehen wir damit um, wenn diese Person das nunmal nicht möchte? Wäre es ethisch angebrachter, ihr den assistierten Suizid zu verweigern (und damit eventuell einen unassistierten Suizid mit allen Konsequenzen in Kauf zu nehmen)?

Auf all diese Fragen gibt es keine leichten oder eindeutigen Antworten. Diese will und kann dieses Buch auch gar nicht geben, aber es kann zum tiefgehenderen Nachdenken und Diskutieren anregen, und das tut es auch. Damit ist es ein sehr intelligentes Buch, dem, wie eingangs erwähnt, es bei aller Schwere gelingt, die erwähnten Themen mit einer Leichtfüßigkeit zu behandeln, die den Zugang öffnet, sich darauf einzulassen. Das ist schon eine besondere Kunst, die ich bewundere. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Klassismus in China

Schwanentage
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Yu Ling ist arm aufgewachsen, der Vater ist früh an Krebs verstorben und in ihrer Vergangenheit gibt es eine schwierige Geschichte, die sowohl in Bezug auf Beziehungen als auch beruflich ein Handicap für ...

Yu Ling ist arm aufgewachsen, der Vater ist früh an Krebs verstorben und in ihrer Vergangenheit gibt es eine schwierige Geschichte, die sowohl in Bezug auf Beziehungen als auch beruflich ein Handicap für sie war. Nun arbeitet sie seit einigen Jahren hingebungsvoll als Kindermädchen des 7-jährigen Kuan Kuan, eines durchaus liebenswürdigen, aber verwöhnten Sohnes einer sehr reichen Familie. Der Vater des Jungen hat eine hohe regierungsnahe Position inne, ebenso wie sein Schwiegervater, während die Mutter sich als Künstlerin selbst verwirklichen will und für ihren Sohn nicht viel übrig hat.

Nun hat Yu Ling gemeinsam mit ihrem Freund Dhongu geplant, den kleinen Kuan Kuan zu entführen, um Lösegeld von der Familie zu erpressen. So eine richtige Entführung ist es aber von Anfang an nicht so wirklich, dazu liegt ihr der Kleine viel zu sehr am Herzen und so inszeniert sie mit ihm erst einmal einen schönen Ausflug ins Freie samt feinem Grill-Barbecue. Am Weg fällt dem Kleinen, der gewohnt ist, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird, auch noch ein Transporter mit Gänsen auf, die er für Schwäne hält und von denen er unbedingt einen haben will und auch kriegt. Währenddessen wird klar, dass das mit der Entführung eh nicht so recht was werden kann, da der Vater des Jungen verhaftet wurde und die Mutter verschwunden ist und auch sonst von den entfernteren Verwandten keiner erreichbar ist. Also kehrt Yu Ling, nach einigen Umwegen, mit dem Jungen erst einmal wieder ins Haus ihrer Dienstgeber zurück, wo die Gans im Garten einquartiert wird, Kuan Kuan dort ein Zelt aufbaut und Yu Ling entdecken muss, dass Dhongu sich mit ihren Ersparnissen aus dem Staub gemacht hat.

Dieses Buch zeigt die enormen Klassenunterschiede, die es offensichtlich auch im modernen China gibt, klar auf: während die Reichen - von denen wohl viele korrupt sind oder dies zumindest von den Ärmeren angenommen wird - sich jeden erdenklichen Luxus leisten können, arbeiten viele Ärmere fast ununterbrochen und können sich damit auch nach Jahren harter Arbeit nichts aufbauen.

Durch die Entführung des Jungen, aber vor allem dadurch, dass dessen Familie auf einmal in gröberen Problemen steckt, kehrt sich das Glück auf einmal um, zumindest kurzfristig, wie Yu Ling durchaus zufrieden bemerkt, immerhin wurde sie von ihrer Dienstherrin oft ziemlich respektlos behandelt: "Yu Ling dachte an die Hausherrin, Qin Wen. Inzwischen musste sie erfahren haben, dass man erst ihren Vater und dann ihren Mann verhaftet hatte. Ihre Schönwetterfreunde hielten sich in dieser Situation gewiss auf Distanz. Jetzt ist sie auf der Flucht, ganz allein, und weiß nicht, wohin, dachte Yu Ling, während ich gemütlich in der Sonne sitze und Grillspieße futtere." (S. 26)

Auch sonst geht es viel um Klassenunterschiede und weise Betrachtungen dazu, wie zum Beispiel auch diese Zitate zeigen:

"Es hieß, die Armen liebten es zu träumen, doch das stimmte nicht; Träume gehörten zu den Privilegien der Reichen, und die Welt sorgte auf alle erdenkliche Arten dafür, ihnen diese Träume vorzuenthalten." (S. 75)

"Sich mit den technischen Gimmicks dieses Haushalts auszukennen, war für ihre Zukunft wenig hilfreich, es war höchstens ein Grund mehr, sich zu quälen. Genau deshalb war es grausam, Kindermädchen oder Chauffeur zu sein: Man tauchte in einen völlig anderen Lebensstil ein, wurde davon in gewisser Weise geprägt, aber zurück in seinem alten Leben, würde man damit so lächerlich wirken wie ein ausgebauter Einbaubackofen. Es blieb dir nichts übrig, als dich in dein früheres Selbst zurückzuverwandeln. Aber ging das überhaupt?" (S. 103)

Damit ist es insgesamt ein sehr kluges und wichtiges Buch, das dazu anregt, sich über Klassismus, Privilegien und die eigene Position in der Gesellschaft - nicht nur in China - Gedanken zu machen. Ich habe es gerne gelesen, auch wenn es inhaltlich in einigem ganz anders war, als im Klappentext angekündigt wurde, und ich auch aus dem Ende nicht ganz schlau geworden bin.

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Rekonstruktionsversuch eines Lebens anhand weniger Quellen

Fräulein Hedwig
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"Fräulein Hedwig" war die Großtante von Christoph Poschenrieder. Selbst ist der Autor 1964 geboren, während sie nur bis zu den 1940er-Jahren lebte - persönlich hat er sie also nicht mehr kennen gelernt. ...

"Fräulein Hedwig" war die Großtante von Christoph Poschenrieder. Selbst ist der Autor 1964 geboren, während sie nur bis zu den 1940er-Jahren lebte - persönlich hat er sie also nicht mehr kennen gelernt. Hedwig hatte eine Schwester Marie, und zwei Brüder, einer von letzteren der Großvater des Autors. Marie wiederum hat sich viel um die ältere, psychisch erkrankte Schwester gekümmert, und nach deren Tod damit begonnen, die Familiengeschichte aufzuschreiben - ein Vorhaben, das unvollendet geblieben ist.

Basierend auf Maries Notizen und eigenen Quellenforschungen versucht der Autor nun, in diesem Buch das Leben seiner Großtante Hedwig nachzuzeichnen. Wir finden Auszüge aus ihren Krankenakten, Bittbriefe der Mutter an das Staatsministerium um finanzielle Unterstützung nach dem frühen Tod des Familienvaters, Briefe von anderen Familienangehörigen und eben Maries unvollendete Familiengeschichte. Sehr sorgfältig und behutsam legt der Autor diese Quellen offen und nimmt dazu Stellung, was wir wissen können, was wir vermuten können und was im Dunkeln bleibt.

So entsteht das Bild einer sehr intelligenten, aber auch sensiblen, eher introvertierten jungen Frau, für die schon früh die damals so verbreitete ausschließliche Rolle der Gattin und Mutter nicht so recht zu passen schien, die musikalisch interessiert war und gerne Musikerin geworden wäre, als Mädchen auch nicht studieren durfte, und von ihrer Mutter gedrängt wurde, Lehrerin zu werden. Eine besondere Berufung zu dieser Tätigkeit scheint Hedwig vermutlich nicht verspürt zu haben und es muss für sie herausfordernd, überwältigend und zugleich einsam gewesen sein, als in der Stadt Aufgewachsene erst einmal am Land als Hilfslehrerin für über 40 Kinder in einem Raum zuständig zu sein. So bricht auch in ihren 20ern zum ersten Mal klar sichtbar ihre bipolare Erkrankung aus, sie muss immer längere Krankenstände nehmen und Zeit in Kliniken verbringen. Ein "Fräulein" wird sie ihr Leben lang bleiben, denn sie heiratet nie.

Dem guten sozialen Status der Familie ist es zu verdanken, dass man sich in den Kliniken erstmal sehr um sie bemüht, sie hat auch ein geräumiges Einzelzimmer, es gibt schöne Parklandschaften zum Spazieren-Gehen und die Familie weiß Hedwig dort erst einmal gut versorgt, auch wenn sie sich Sorgen macht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass in späteren Jahren die Gefahr, die im Dritten Reich von diesen Kliniken ausging, als menschenverachtendes Gedankengut schon längst weit verbreitet war, von den Verwandten nicht gesehen wurde.

Insgesamt ist das Buch ein interessantes Porträt einer intelligenten Frau, die viel Potential gehabt hätte, das sie unter den gegebenen Umständen nicht leben konnte. Ich habe es sehr gerne gelesen, vor allem mit dem Fokus auf "Was können wir wissen?" und "Wie können wir uns anhand spärlicher Quellen ein Bild von einer verstorbenen Verwandten zu machen versuchen?".

Wer sich hier aber einen spannend geschriebenen Roman erwartet, ist mit diesem Buch nicht gut beraten. Es ist eben sehr nah an den Quellen erzählt und diese Quellen sind spärlich, das reicht insgesamt für einen großen Spannungsbogen oder viel Unterhaltungswert nicht aus. Es ist ein stilles, ruhiges Buch, das zum Nachdenken anregt, aber auch aufzeigt, wie viele weiße Löcher in einer Geschichte bleiben, wenn jemand schon länger tot ist und es nicht mehr viele erhaltene Quellen gibt.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Tiefgründigkeit versteckt hinter Langatmigkeit

Was wir wissen können
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Die Bewertung dieses Buches fällt mir sehr schwer und ich denke seit Wochen darüber nach. Insgesamt habe ich mich dazu entschieden, dem Buch 3 Sterne zu geben, doch das ist eine Durchschnittswertung, die ...

Die Bewertung dieses Buches fällt mir sehr schwer und ich denke seit Wochen darüber nach. Insgesamt habe ich mich dazu entschieden, dem Buch 3 Sterne zu geben, doch das ist eine Durchschnittswertung, die diesem Buch insgesamt auch kaum gerecht wird.

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, erkläre ich deshalb, wie ich diese 3 Sterne ergeben. Es sind der Durchschnitt aus:

1 Stern für das unglaublich langweilige Leseerlebnis, das ich bei diesem Buch über weite Strecken hatte. Da werden ewig lang im ersten Teil ein viktorianisch anmutendes Abendessen mit unzähligen Charakteren und über das ganze Buch verteilt diverse Sexeskapaden einer Protagonistin, die zur weiteren Handlung nach meiner Ansicht nur wenig beitragen, geschildert. Ich lese viel und habe mich schon lange nicht mehr dermaßen durch ein Buch gequält und gelangweilt. Ohne begleitende Leserunde hätte ich die Lektüre sicherlich abgebrochen.

Allerdings bin ich schon auch froh, sie nicht abgebrochen zu haben, denn ich vergebe außerdem:

5 Sterne für die Tiefgründigkeit, die in diesem Buch versteckt ist. An der Oberfläche ist oben beschriebene Langatmigkeit, die zu diesem in weiten Teilen mühsamen Leseerlebnis führen kann, das ich beschrieben habe. Doch dahinter gibt es so viel mehr an versteckten Ebenen und Botschaften, die clever konstruiert sind, auch nach Wochen noch zum tiefgehenderen Nachdenken anregen und wegen denen man das Buch durchaus noch öfter lesen könnte, um noch mehr davon zu entdecken (wenn es denn nicht an der Oberfläche so langweilig wäre - ihr merkt meine Ambivalenz):

Da ist zum einen das Titelthema "Was wir wissen können". Wir befinden uns in der ersten Erzählebene des Buches im Jahr 2119 in einer dystopischen Zukunft, die durch viele kleine Details liebevoll beschrieben wird: der Klimawandel ist weit fortgeschritten, zusätzlich gab es im 21. Jahrhundert noch einige schreckliche Kriege, sodass es nur mehr etwa halb so viele Menschen gibt wie jetzt. Kontinentaleuropa ist von Russland besetzt, die USA sind keine Demokratie mehr, Großbritannien ist noch einigermaßen frei, aber überflutet. Die gute Botschaft: Universitäten und Wissenschaftler gibt es nach wie vor, auch in den Geisteswissenschaften, auch wenn diese weniger Ansehen genießen als die Naturwissenschaften und deren Wissenschaftler etwa nur jeden zweiten Tag die KI nützen dürfen, und sich auch mit eher untalentierten und unambitionierten Studierenden rumplagen müssen.

Vor diesem Hintergrund sucht der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe gemeinsam mit seiner Frau Rose nach einem verschollenen Gedicht, dem "Sonettenkranz für Vivien", das der berühmte Dichter Francis Blundy, der zu unserer jetzigen Zeit lebte und wirkte, für seine geliebte Frau Vivien verfasst und bei einem legendären Abendessen vorgetragen haben soll. Leider ist dieses Gedicht verschollen, es finden sich nur Referenzen darauf. Dabei könnte es uns vielleicht beim Verständnis der damaligen Zeit und bei dem, was man vielleicht damals schon hätte ahnen oder wissen können (über den Klimawandel? Über die Zukunft?) helfen? Und was können wir überhaupt über die Vergangenheit wissen, anhand der bruchstückhaften Quellen, die wir finden und interpretieren können? Was war wirklich und was scheint nur so und war möglicherweise ganz anders? Und welchen Quellen und Erzählerinnen und Erzählern können wir überhaupt wie sehr vertrauen?

Das ist, neben der interessanten dystopischen Zukunft, ein wiederum sehr spannendes Hintergrundthema, das sich nach und nach immer stärker zeigt, je weiter man mit der Lektüre dieses Buches kommt, die langatmigen Schilderungen des Abendessens durchsteht, und sich auf das Buch einlässt. Das letzte Drittel des Buches ist dann auch noch einmal aus einer völlig anderen Perspektive geschildert, die noch einmal ein neues Licht auf die Vergangenheit wirft und damit sehr zum Nachdenken anregt.

Insgesamt ist es ein tiefgründiges und interessantes Buch, das aber den Leserinnen und Lesern aufgrund der Langatmigkeit einiges abverlangt. Dennoch kann ich genau diese dem Autor nicht zum Vorwurf machen, denn vielleicht wollte er uns dabei spiegeln, wie es Geisteswissenschaftlern und Geisteswissenschaftlerinnen gehen kann, die sich durch einen Haufen scheinbar banales und uninteressant wirkendes Quellenmaterial wühlen müssen, um dann hoffentlich ein paar Erkenntnisperlen zu finden.

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