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Veröffentlicht am 07.10.2025

Hier geht es NICHT um die Arbeiterklasse

Working Class Girl
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Von diesem Buch habe ich mir anhand des Titels, der Beschreibung und der bisherigen begeisterten Rezensionen so einiges erwartet. An dieser Stelle gleich vorweg: ich kann das Buch nur mit großem Vorbehalt ...

Von diesem Buch habe ich mir anhand des Titels, der Beschreibung und der bisherigen begeisterten Rezensionen so einiges erwartet. An dieser Stelle gleich vorweg: ich kann das Buch nur mit großem Vorbehalt empfehlen und ich rate, sich vorher genau damit zu beschäftigen, worum es sich hier handelt. Es geht um die wahre Geschichte von Katriona O'Sullivan, einer Frau, die sich aus dem tiefsten Elend herausgekämpft hat, studiert hat und Psychologin geworden ist. Dafür hat sie meinen tiefsten Respekt und dafür gebe ich dem Buch auch drei Sterne.

Das Milieu, aus dem die Autorin kommt, ist NICHT ein typisches Arbeiterklassemilieu, sondern eines des tiefsten Elends. Hier ist der deutschsprachige Titel "Working class girl" - auf Englisch heißt das Buch einfach "poor" - ziemlich irreführend. Ihre Eltern sind beide schwer heroinabhängig, dealen mit Drogen, die Mutter prostituiert sich und die mindestens fünf Kinder, zum Teil im Abstand von weniger als einem Jahr geboren, werden völlig verwahrlost und allein gelassen. Die Autorin und Ich-Erzählerin erlebt die Hausgeburt ihrer jüngsten Schwester als Kind mit, davon wird noch jahrelang ein Blutfleck am Boden zeugen. Die Mutter ist auch bei der Geburt völlig auf Drogen und bekommt nichts mit, auch der Vater und weitere anwesende Erwachsene sind komplett zugedröhnt, es ist ein Wunder, dass das Baby die Geburt überhaupt überlebt. Der Blick der Autorin geht aber hauptsächlich auf die Verachtung der Sanitäter gegenüber diesen Menschen und den Zuständen, in denen sie leben. Das zieht sich überhaupt durch das Buch: sehr viel Kritik gegenüber herabwürdigenden Blicken und vermeintlich unzureichenden Hilfsangeboten von Seiten aller, die nicht in diesem völligen Elend leben und immer wieder in-Schutz-nehmen der verantwortungslosen Eltern und ihres Milieus. Die Autorin wird selbst als 7-jähriges Kind von einem Freund der Eltern in der eigenen Wohnung brutal vergewaltigt und für immer traumatisiert. Als sie das ihrer Mutter erzählt, meint die nur lapidar, auch sie sei von diesem Mann vergewaltigt worden.

Diese Beispiele zeigen hoffentlich: nein, in diesem Buch kann man nichts über die Arbeiterklasse und ihre Themen lernen, hier geht es nicht um die Arbeiterklasse (und ehrlich gesagt finde ich, diese, die aus vielen ehrlich hart arbeitenden Menschen besteht, wird durch so einen Titel eines Buches einer Drogenfamilie eher in den Dreck gezogen), sondern um eine Familie in den tiefsten Abgründen, in einem Sumpf aus Drogen, Gewalt und Vernachlässigung, der ausgiebig beschrieben wird. Zugleich sind für mich aber die beschriebenen Personen charakterlich sehr blass geblieben: sowohl die Ich-Erzählerin selbst als auch ihre Familie und weitere Figuren. Gelegentliche Lichtblicke gibt es zwischendurch, zum Beispiel, als der Ich-Erzählerin klar wird, dass auch ihr Englischlehrer aus ganz schwierigen Verhältnissen kommt und es offensichtlich möglich ist, sich aus diesen herauszuentwickeln. An diesen Stellen wird das Buch auch deutlich interessanter, wenn auch immer noch in Bezug auf die Reflexionstiefe weit unter dem Niveau, das es haben hätte können. Literarisch und sprachlich ist es insgesamt kein besonderes Werk und auch inhaltlich konnte ich nicht viel daraus lernen, dafür empfinde ich selbst die Ich-Erzählerin als nicht reflektiert genug.

Empfehlen kann ich es somit nur jenen, die gerne ausführlich über das Elend einer Familie mit zwei drogenabhängigen Eltern lernen möchten, vieles an dem Buch grenzt für mich schon an Elendsvoyeurismus und der Lerneffekt kann für Menschen, die sich grundsätzlich schon viel mit den Themen Sucht, Armut und Verwahrlosung beschäftigt haben, eher gering sein.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Schnell was über Entspannung lernen

Die 1-Minuten-Strategie gegen mentale Erschöpfung
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"Die 1-Minuten-Strategie gegen mentale Erschöpfung" von Cordula Nussbaum ist das perfekte Buch für gestresste Menschen, die sich mit Entspannung beschäftigen wollen, aber meinen, dafür keine längeren Zeitspannen ...

"Die 1-Minuten-Strategie gegen mentale Erschöpfung" von Cordula Nussbaum ist das perfekte Buch für gestresste Menschen, die sich mit Entspannung beschäftigen wollen, aber meinen, dafür keine längeren Zeitspannen am Stück aufbringen zu können. In ganz kurze kleine Häppchen unterteilt und mit vielen praktischen Tipps zum schnellen Ausprobieren und Integrieren ins Leben serviert dieses Buch viele verschiedene Anregungen, um die eigenen Alltagsgewohnheiten zu hinterfragen und kleine Verbesserungen vorzunehmen, um weniger gestresst zu sein.

Fast nebenbei gibt es dazu auch noch einiges an interessantem Hintergrundwissen über Themen wie die neuronale Wirkung von Pausen, das Zusammenspiel der verschiedenen Neurotransmitter im Gehirn oder den Monkey Mind und warum er Meditation so schwierig macht, aber besonders davon profitieren könnte.

Es ist ein leichtes, luftiges, angenehm und schnell zu lesendes Buch, aus dem man doch viel mitnehmen kann und das es schafft, das wichtigste Wissen zum Thema auf den Punkt zu bringen und effizient und verständlich zu vermitteln. Wie fast alle Bücher aus dem GU-Verlag ist auch dieses optisch sehr schön, ansprechend und übersichtlich gestaltet: mit Informationskästchen, inspirierenden Zitaten, lustigen Mini-Cartoons und Selbsttests.

Damit eignet es sich auch gut als Geschenk für vielbeschäftigte Menschen und kann insgesamt einer breiten Zielgruppe, die sich mehr Entspannung und Ruhe im Alltag wünscht, empfohlen werden. Nur wer sich schon sehr viel mit den entsprechenden Themen beschäftigt hat, für den sind eher ausführlichere Bücher dazu empfehlenswert, dieses ist klar ein Einsteigerwerk.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eindringliches Plädoyer für einen Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit der Droge Alkohol

Trocken
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Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn ...

Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn so bin ich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden. Aus beruflichem und privatem Interesse habe ich schon viele Bücher Betroffener über Suchterkrankungen und andere psychische Probleme gelesen, doch lange hat mich keines mehr so berührt wie dieses.

Basierend auf Tagebucheinträgen und Rückblicken nimmt der Autor uns mit auf seine Reise durch die Hölle der Alkoholabhängigkeit. Wir erleben, wie auf den hochintelligenten, aber schüchternen, mit Depressionen und Ängsten kämpfenden Teenager an jeder Ecke in Österreich die Verführung zum Saufen lauert. Ja, leider ist Saufen nicht nur normalisiert in diesem Land, es besteht ein regelrechter Druck, mitzumachen, dem nur wenige unter guten Bedingungen standhalten können. Denn wer nicht trinkt, der macht sich zum Außenseiter und wird immer und immer wieder aufgefordert, mitzumachen und doch nicht so langweilig zu sein (das kenne ich als lebenslange Alkoholverweigerin in Österreich nur zu gut aus eigener Erfahrung).

Bei Daniel Wagner braucht es nicht viel, um ihn zum regelmäßigen Saufen zu verleiten: zu wohltuend ist das angenehme Gefühl der Entspannung und Erleichterung, der Enthemmung und Beruhigung, das damit einhergeht. Nur betrunken fühlt er sich wohl, sicher und kommunikativ. So kommt es schnell zu einer Gewöhnung, bis ein dauerhafter Alkoholspiegel von 2 bis 4 Promille im Blut für ihn völlig normal ist. Wozu es hingegen sehr lange braucht, ist das Eingeständnis, ein Alkoholproblem zu haben: viel zu lange verleugnet er dieses, sieht nur seine Depressionen und Angststörungen sowie die Traumata, die er erlebt hat, als seine Probleme an.

Denn zu lange fügt sich auch ein sehr problematisches Trinkverhalten immer noch recht harmonisch in die bestehende Suchtkultur in diesem Land ein: bis ihm sein Leben immer mehr entgleitet: nicht nur ist seine Mutter tragisch viel zu früh an Krebs verstorben, auch wenden sich Freundinnen und Freunde immer mehr von ihm ab, seine Leberwerte sind jenseits von gut und böse, er wandelt am Rande des Suizids und ist am schnellsten Weg zu einem sehr verfrühten Ende. Bis langsam in ihm Einsicht zu wachsen beginnt und er versucht, sich seinem "Monster", dem Alkoholproblem, zu stellen. Aber der Weg zurück wird lange und steinig sein, von Rückschlägen und Schwierigkeiten gepflastert... doch am Ende steht ein Mensch, der es geschafft hat, trocken zu werden und dieses Buch darüber zu verfassen.

Hier noch ein paar eindringliche Zitate aus dem Buch. Es sind außergewöhnlich viele für eine Rezension von mir, und ich habe mir beim Lesen noch viel mehr davon notiert, weil der Autor einfach über eine so eindringliche Sprache verfügt, die seine Gefühle und seinen inneren Kampf, aber auch seine Wut über die gesellschaftlichen Umstände in Österreich, die regelrecht zum Saufen verleiten, so treffend auf den Punkt bringt:

"Ich war betrunken, als du gestorben bist, und ich war betrunken, als du beerdigt wurdest. Es tut mir unendlich leid, Mama. Dei Bua ist jetzt trocken." (S. 5)

"Irgendwann haben wir in Österreich still und heimlich Alkohol als Kulturgut ausgerufen und beschlossen, dass wir uns gemeinschaftlich einfach so lange ansaufen, bis wir kritische Stimmen als kulturfeindlich wahrnehmen. Und wir brauchen dafür nicht einmal eine Lobby, wie die Tabak- oder Waffenindustrie. Überall, in jedem Gasthaus, auf jeder Feier, bei jeder noch so beliebigen Veranstaltung findet man sie, die ehrenamtlichen Lobbyisten..." (S. 12)

"Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression." (S. 16)

"Depression - Wenn du da bist, machst du alles andere nichtig. Du trittst meine Türen ein und verbarrikadierst dich in mir, bis ich mich dir ergebe. Bis ich dir gehöre. Bereit, von dir zerbröckelt zu werden. Alle Scheinwerfer sind auf dich gerichtet und dann beginnst du dein scheußliches Lied zu singen. Du singst vom Tod und von der Dunkelheit. Du singst all die Dämonen aus ihren Löchern hervor, die in den dunkelsten Ecken meiner Gedanken auf ihren Einsatz warten." (S. 58)

"ICH WILL LEBEN, durchführt es meinen gesamten Organismus, implodiert in mir und exlodiert aus mir heraus. Ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper und bebe, als würde mich diese Erkenntnis mit aller Kraft wachrütteln." (S. 61)

"Visiten, Therapien, Verlaufsgespräche. Ich fühle mich überlegen und lasse mich nicht wirklich behandeln. Ich stelle dem medizinischen Personal nur eine meiner Masken zur Verfügung, an mein Inneres lasse ich sie nicht ran." (S. 64)

"Na ja, und irgendwann steht man dann beim Billa an der Kassa. Unter Schweißausbrüchen beim Weinregal und pochendem Suchtdruck bei der Bierabteilung hat man es irgendwie dorthin geschafft und ist am Limit des Zumutbaren. Man kann weder vor noch zurück und ist verdammt, an einem Ort zu stehen, der vollgesogen ist mit Scham, Stress und Druck. Und dann stellt's ihr geldgierigen Arschlöcher da allen Ernstes Schnapsflascherln hin? WOFÜR?! Falls man für die Bratensauce am Sonntag seine 0,1 Liter Underberg vergessen hat? Bullshit." (S. 115)

Ich wünsche diesem besonderen und mutigen Buch aus tiefstem Herzen, dass es den Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, gewinnt, und damit verbunden viel Aufmerksamkeit erregt, die hoffentlich endlich zu dem längst überfälligen Umdenken führt, das einen Wandel in der österreichischen Gesellschaft bewirkt, wenn es um die Einstellung zu Alkohol geht und dem, was wir Jugendlichen damit antun, wenn wir sie regelrecht in die Arme dieser gefährlichen Sucht, dieses tückischen Monsters, drängen.

Vielleicht kann dadurch eine Bewegung entstehen, die dafür eintritt, dass keinen Alkohol zu trinken als mindestens genauso normal angesehen wird wie zu saufen, dass sich eine Kultur des Feierns, der Gemeinsamkeit und der Freude jenseits der Sauferei entwickelt und dass auch die kleinen Alkoholflaschen an den Supermarktkassen, die offensichtlich so eine Gefahr für viele trockene ehemalige Alkoholikerinnen und Alkoholiker sind, endgültig der Vergangenheit angehören. Möge es so sein!

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Unter der scheinbaren Leichtigkeit liegen viele Schichten

Goldstrand
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Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit ...

Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit Niveau. „Goldstrand“ ist da keine Ausnahme.

Im Zentrum des Buches steht Eli, vielleicht Sohn einer italienischen Mutter und eines ukrainisch-bulgarischen Vaters, der bei den faschistischen Großeltern aufgewachsen ist, wochenends von der ledigen Mutter besucht wurde, später Filmregisseur wurde und nun auf der Couch einer Psychoanalytikerin, der „dottoressa“, liegt und sein Leben analysiert. Wenn das nun alles überhaupt wahr sein sollte, denn es handelt sich um einen unzuverlässigen Erzähler und es gibt im Buch viele sonderbare Begebenheiten, die hinterfragen lassen, was real und was erfunden ist.

Vordergründig kommt „Goldstrand“ leichtfüßig daher und geschrieben ist das Buch äußerst szenisch, wie eine Aneinanderreihung von bildlich beschriebenen Filmszenen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als der junge Eli auf den wöchentlichen Besuch seiner Mama wartet: „Jeden Samstag putzte ich mir die Ohren, zog ein sauberes Hemd an und erwartete sie am Tor. Endlich kam sie, meistens im Laufschritt auf hohen Absätzen und außer Atem, das lockige Haar hochgesteckt zu einem Vogelnest, aus dem es lebhaft zwitscherte: Da steht mein Junge und wartet! Heute wird es großartig, das wird ein vollkommener Tag!“ (S. 56/57)

Die Geschichte begleitet uns fast ein Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Buch liest sich leicht und schnell und doch hat es im Hintergrund eine enorme Tiefe: an vielen Stellen gibt es Verweise auf hochkarätige Werke der Literatur sowie Referenzen auf Philosophie und Mythologie, die man nur mit einer umfassenden humanistischen Bildung vollständig erkennt und zu schätzen weiß, z.B. „Dunkle Wolken hängen über den Symplegaden, es zieht ein Sturm auf, und wieder wird es Nacht. Als endlich die Morgendämmerung heraufzieht, erreiche ich nach vierzig Tagen und Nächten Goldstrand.“ (S. 141)

Doch auch ohne eine solche lässt sich das Buch problemlos lesen. Es ist, wie so viele anspruchsvolle Werke, ein Kaleidoskop, in das jeder Betrachter und jede Betrachterin je nach momentanem Blickwinkel und Perspektive etwas anderes hineininterpretieren und herauslesen kann.

Dabei informiert es wie nebenbei über die Idee des sozialistischen Goldstrandes an der bulgarischen Schwarzmeerküste und darüber, was nach dem Untergang des Kommunismus daraus geworden ist, genauso wie darüber, wie verschiedene politische und soziale Systeme die Menschen prägen: wie beifällig sind viele passende Referenzen in das Buch eingewoben und informieren uns fast nebenbei über den zeitgeschichtlichen Bezug, z.B. „Zu Beginn der dritten Amtszeit von Silvio Berlusconi besuchte mich Vera zum ersten Mal allein.“ (S. 113)

Insgesamt ist es somit gerade ein in seiner Kürze und Prägnanz vielschichtiges und tiefgründiges Werk, das auf Leserinnen und Leser wartet, die ein solches zu schätzen wissen.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Zwei Verlorene wandern durch London

Alle unsere Leben
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Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich ...

Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich herumschleppen und es nie so wirklich passt? Die Sehnsucht nach Verbundenheit und Ankommen zu spüren und gleichzeitig Angst vor Starre und Verbindlichkeit zu haben?

Das sind einige der persönlichen Themen, mit denen sich dieser Roman beschäftigt. Doch es gibt noch eine weitere Ebene:

Wie könnte es gewesen sein, zur Zeit der IRA-Anschläge sichtbar und/oder hörbar irisch in London zu sein? Mit welchen Zuschreibungen und Ausgrenzungen könnte man zu kämpfen haben? Und was macht das mit einem? Wer definiert, wer wir sind, wir selbst oder die anderen und wie sie uns wahrnehmen?

Auch darum geht es in diesem Buch.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven zweier psychisch verwundeter Menschen erzählt: Milly und Pip. Milly ist als sehr junge Frau schwanger aus Irland ausgewandert. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt, ihre Mutter hat sich suizidiert, als Milly klein war, sie selbst ist bei den eher lieblosen Großeltern aufgewachsen, hat Schlimmes erlebt und war zusätzlich als Protestantin eine Außenseiterin im katholischen Irland. So richtig dazu gehört hat sie nie und das wird sich auch in London nicht ändern, auch wenn sie durchaus ihre Freundschaften haben wird und bei vielen beliebt ist. In London findet sie Arbeit in einem Pub, wo sie Pip kennen lernt und sich ihm aufgrund des gemeinsamen Irlandbezuges verbunden und auch sonst zu ihm hingezogen fühlt.

Pip hat einen englischen Vater und eine irische Mutter, aber ebenfalls letztere als Kind verloren. Äußerlich ein attraktiver junger Mann mit einer aufstrebenden Boxkarriere, verfällt er doch schon in jungen Jahren dem Alkoholismus und wird viele Jahrzehnte damit zu kämpfen haben. Kann sich auf keine Frau dauerhaft einlassen, auch nicht auf Milly, trotz der Anziehung zu ihr.

Der Zeitverlauf des Erzählens ist interessant gewählt: Pip erzählt aus der Perspektive als älterer Mann um die 60 Jahre, nach seinem Alkoholentzug, auf sein bisheriges Leben zurückblickend und bedauernd. Nun erkennt er, wen er alles verletzt hat durch die Handlungen, die aus seinem Alkoholismus resultierten, und was er alles versäumt hat und nicht wieder gutmachen kann. Gemeinsam mit seinem Mentor Colin von den Anonymen Alkoholikern gibt er sich Mühe, nun nicht mehr rückfällig zu werden. Es ist eine reflektierte, bedachte Perspektive, die ich durchaus sehr mochte.

Millys Erzählperspektive hingegen beginnt mit der jungen Frau und begleitet sie über die folgenden Jahrzehnte, in denen sie wächst und reift, Verbindungen knüpft, aber auch Abwertungen und Ausgrenzungen aufgrund ihres Irisch-Seins erlebt, und ihre eigenen alten Verletzungen und Wunden mit sich herumträgt. Wir erleben also Millys Älter-Werden, Wachsen und Reifen mit.

Dabei wechseln sich Milly-Kapitel mit Pip-Kapiteln ab und es bleibt bis zum Ende spannend, ob es doch noch ein Happy End für die beiden, deren tiefe Verbindung spürbar ist, geben kann.

Insgesamt würde ich das Buch aber nicht als Liebesroman bezeichnen, stärker als literarisches Drama mit interessanten historischen Bezügen. Das Buch liest sich grundsätzlich leicht, interessant und unterhaltsam. Ein wesentliches Element sind lange Spaziergänge der Charaktere (überwiegend) in London, auf denen scheinbar nichts passiert außer Umgebungsbeobachtungen... doch bevor man sich sehr langweilen könnte, passiert dann doch wieder etwas und die Handlung geht interessant weiter. Wer London gut kennt, wird hier sicherlich einiges wiedererkennen und innerlich noch einmal deutlicher diese Spaziergänge und Umgebungen nachvollziehen können. Wer London nicht ganz so gut kennt oder stärker handlungsgetriebene Romane mag, könnte stellenweise ein bisschen ungeduldig werden angesichts der so ausführlichen Umgebungsbeschreibungen.

Das Buch macht nachdenklich über viele Themen, so wie ich es in den Fragen am Anfang dieser Rezension aufgezeigt habe. Es ist ein empfehlenswertes, interessantes und gut geschriebenes Buch, das bei mir auch danach noch stark emotional nachhallt. Leseempfehlung für jene, die tiefgründige Bücher mögen.

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