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Veröffentlicht am 08.01.2026

Es gibt Hoffnung - die Menschen sind besser als gedacht

Hoffnung und Skepsis
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In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen ...

In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen sein soll - sei alles besser gewesen. Weit verbreitet scheint eine zynische Haltung gegenüber anderen Menschen zu sein, geprägt von Misstrauen und Angst.

In diesem Buch geht der Autor, ein in der Forschung tätiger Psychologe, erst einmal auf die Definition des modernen Zynismus ein, der sich von den griechischen Kynikern, auf die das Wort zurückgeht, deutlich unterscheidet, und unserer Psyche und dem Kontakt mit anderen Menschen stark schadet. Wer eine zynische Einstellung zu anderen Menschen hat, geht davon aus, dass diese unehrlich und böse seien, und scheut tiefer gehende Verbindungen. Dabei zeigt Mail Zaki in seinem Buch anhand vieler Studienergebnisse auf, dass die Menschen weit besser sind, als sie voneinander annehmen: so wird systematisch stark unterschätzt, wie viele scheinbar verlorene Geldbörsen, in denen sich die Kontaktdaten des Eigentümers befinden, von den Findern an diesen zurückgegeben werden.

Auch gehen Collegestudierende davon aus, dass es sehr schwierig sei, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen, weil die meisten dafür nicht offen seien - während wiederum fast alle von sich selbst sagen, sich Kontakte mit anderen zu wünschen, und sich auch experimentell zeigt, dass die meisten für Gespräche offen sind. Diese Haltung zeigt sich in vielen Bereichen: Kriminalitätsraten werden etwa stark überschätzt, auch wenn sie tatsächlich in vielen Regionen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen sind.

Dieser verbreitete Zynismus schadet uns auf vielen Ebenen: er macht die Menschen einsamer, kränker, unverbundener. Leider wird diese Einstellung von vielen Medien noch geschürt, um ihre Auflagen- und Clickzahlen zu erhöhen. Dabei weiß man aus der Forschung, dass die Einstellung, die Menschen entgegen gebracht ist, enorm wichtig für deren Entwicklung und Selbstbild ist. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen: Menschen, denen misstraut wird, entwickeln sich wesentlich schlechter und verhalten sich deutlich unehrlicher und krimineller, als solche, denen mit einem positiven Menschenbild begegnet wird.

In diesem Buch finden sich also viele Ansätze dafür, wie wir zynische Einstellungen hinterfragen und ein hoffnungsvolleres, und dabei gleichzeitig nicht naives, realistischeres Menschenbild entwickeln und dadurch positive Beziehungen zu unseren Mitmenschen aufbauen können. Es ist möglich, skeptisch und wachsam zu bleiben, ohne dabei zynisch und abwertend zu werden, und insgesamt eine hoffnungsvolle und offene Einstellung zu kultivieren, ohne blinde Naivität. Dafür zeigt dieses inspirierende und interessante Buch viele Beispiele auf.

Besonders schätze ich auch das wissenschaftlich sehr sorgfältige Vorgehen des Autors. Nicht nur beruhen alle seine Aussagen auf wissenschaftlichen Studien, sondern im Anhang findet sich - zusätzlich zu praktischen Anwendungstipps für das persönliche Leben - eine fundierte Einstufung der präsentierten Ergebnisse danach, als wie stark gesichert diese in der Wissenschaft momentan gelten (viele oder weniger Studien, die diese belegen, eindeutige oder eher widersprüchliche Ergebnisse).

Das Buch ist sicher für alle, die sich für Psychologie interessieren und in diesem Bereich Vorwissen haben, besonders interessant, kann aber aufgrund seiner zugänglichen Schreibweise mit vielen Beispielen auch gebildeten Laien empfohlen werden.

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Veröffentlicht am 07.01.2026

Poetisch, berührend, magisch, wunderschön!

Die Riesinnen
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Ich lese jedes Jahr sehr viele Bücher. Doch gar nicht so oft berührt eines davon so tief mein Herz, wie das "Die Riesinnen" getan haben. Dieses Buch hat für mich einfach alles, was ich am Lesen liebe: ...

Ich lese jedes Jahr sehr viele Bücher. Doch gar nicht so oft berührt eines davon so tief mein Herz, wie das "Die Riesinnen" getan haben. Dieses Buch hat für mich einfach alles, was ich am Lesen liebe: eine unterhaltsame Geschichte mit tiefgründigen, sympathischen Figuren, eine poetische Sprache, philosophische Tiefe bei erzählerischer Leichtigkeit und so viel Weisheit und Liebe! Es ist ein ganz besonderes Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und aus dem ich mir unzählige Stellen herausgeschrieben habe.

Worum geht es? Um drei außergewöhnliche Frauen im fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald, einem sehr konservativen Ort, in dem es erst einmal wenig Aufgeschlossenheit für Neues und Unkonventionelles gibt:

„In Wittenmoos ändern sich selten Dinge, darum geht es ja gerade. Das große Sichdrehen braucht eine Achse. Wer neu ist, suche sich seinen Platz, wer von hier stammt, bleibe auf seinem. Es hilft, in manchen Dingen, sofern man bereit ist, das Gewicht zu tragen. Ein Ort, an den man gehört, auch wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat. Geh, und alles hinter dir zerfällt, bleib, und du musst bleiben, wer du bist, weil es sonst nicht funktioniert. Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?“ (S. 102)

Hier leben nun Liese, Cora und Eva: Großmutter, Mutter und Tochter - drei Generationen der Riessberger-Frauen, in der Zeit zwischen den 1960er-Jahren und heute. Es sind tatsächlich "riesige" Frauen, körperlich überragen sie alle anderen Frauen im Dorf deutlich, sind hager, blass, sommersprossig und rothaarig und damit schon äußerlich Ausnahmeerscheinungen, die nie Teil der Masse sein werden. Aber auch innerlich zeichnet die drei Frauen eine große Kraft aus: jeweils an die Zeitumstände angepasst, handelt es sich um mutige, selbstbestimmte und entschlossene Frauen, die auf ihre Weise jede für sich ihren Weg gehen.

Da ist Liese, deren Handlungsmöglichkeiten als Frau auf dem Dorf in den 1960er Jahren noch sehr begrenzt sind. Die eine lieblose Ehe mit dem Metzgerei-Erben Bernhard eingeht, von ihren Schwiegereltern verachtet wird und den Mann enttäuscht, als sie statt des gewünschten männlichen Erben "nur" eine Tochter zur Welt bringt: Cornelia, genannt Cora, lang, hager, blass und rothaarig wie die Mutter. Sie wird ihr einziges Kind bleiben, denn bald kommt Bernhard bei einem Unfall um, und so wird Liese die Tochter alleine großziehen und nebenbei gegen den Willen der Schwiegereltern für ihre Tochter die Metzgerei übernehmen, sich in einem fremden Betrieb und als Frau behaupten und gegen alle Widerstände damit erfolgreich sein.

Kraft gibt Liese der Wald, dem sie sich tief verbunden fühlt: „Man sieht es nicht, das Künstliche, der Wald hat sich seine Ungezähmtheit zurückgeholt. Wild und stur ist er, aber Liese findet ihn nicht bedrohlich. Ist er nicht. Nicht, wenn man ihn respektiert. Es ist, als hätte das dunkle Grün bei allen Schatten eine Wärme in sich. Man geht nicht verloren, im Wald, man wird bloß ein Teil von ihm.“ (S. 24)

Auch Cora hat es nicht leicht in Wittenmoos. Als Tochter einer Witwe und als großes, sommersprossiges, rothaariges Mädchen wird sie ausgeschlossen und gemobbt. Umso mehr bemüht sie sich, Stärke zu beweisen und die anderen zu beeindrucken: „Cora tut, was sie tut, nicht weil sie nicht anders kann, sondern weil sie kann. Wann immer sie denkt, dass sie sich nicht traut, traut sie sich einfach doch. Das hilft, irgendwie.“ (S. 137)

Cora träumt davon, das ungeliebte Dorf zu verlassen, auszubrechen, und die große Welt zu erkunden, und wird doch schließlich umständehalber dort hängenbleiben und ebenfalls als alleinerziehende Mutter ihre Tochter Eva dort aufziehen.

Eva nun hätte alle Möglichkeiten, das Dorf zu verlassen: doch, auch wenn auch sie groß, hager und rothaarig ist, ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und Großmutter nun nicht mehr die Außenseiterin, sondern findet viele Freundinnen und Freunde, fühlt sich wohl in dem Dorf, liebt, wie ihre Großmutter, den Wald, und kann man den vielen Möglichkeiten, in die weite Welt zu reisen, die ihre Mutter so gerne vor ihr ausbreiten würde, wenig anfangen. Kurz unternimmt Eva als junge Erwachsene im Rahmen ihres Studiums und erster Beziehungen einen Ausflug in "die große weite Welt", studiert in einer größeren Stadt in Deutschland und führt eine Beziehung mit einem Mann aus sehr reichem Elternhaus, doch spürt dabei sehr deutlich, was nicht ihres ist, als sie ihren Partner in seinem Elternhaus besucht:

„Alles sieht so teuer aus, dass man nicht mehr atmen möchte, und Eva stellt sich vor, dass es irgendwo eine Tür gibt, eine versteckte, die in einen geheimen Teil des Hauses führt, mit Möbeln, auf denen man sitzen kann, und Dingen, die man anfassen darf.“ (S. 293)

Und so schließt sich der Kreis der Generationen: Eva liebt wie Liese den Wald, doch anders als diese fühlt sie sich auch in der Dorfgemeinschaft wohl und insgesamt in ihrem Heimatort zutiefst verwurzelt und angekommen. Sie erkennt, dass ihre Träume und Wünsche andere sind als die ihrer Mutter:

„Eva müsste das Gefühl haben, etwas zu verpassen, sie ist ja noch jung, aber das Gefühl kommt nicht. Es scheint alles richtig zu sein, wie es ist. Sie mag die Menschen, die sie umgeben, die unaufgeregt sind und freundlich, das macht der Wald mit ihnen. Sie mag, wenn sie selbst draußen ist, es fühlt sich jetzt anders an, alles eine Ahnung dessen, was sie erwartet, wo sie hingehört. Irgendwann wird sie ihren eigenen Wald haben, der unter ihren Händen und Augen wächst, jeden Tag zu etwas Neuem, er wird sich verändern, und sie wird ihn immer wiedererkennen und sich mit ihm verändern, denn das ist ihre Aufgabe.“ (S. 361)

So viele Themen werden in diesem Buch verhandelt: Ausgeschlossen-Werden und Dazugehören, sich selbst fremd oder verwurzelt fühlen, die eigene Wahl des Lebensweges und das, was das Schicksal uns bringt, Verbundenheit mit der Natur, Tochter-Mutter-Großmutter-Beziehungen, unkonventionelle Entscheidungen, der Mut zum Anpacken und vieles mehr.

Die Autorin zeigt ein feines Gespür für menschliche Charaktere und Verbindungen, für die Natur in all ihren Facetten genauso wie für Klassenunterschiede und das Gefühl des Nicht-Dazugehörens, aber auch das Glück, das damit verbunden ist, zu spüren, wo man sich zutiefst zu Hause und zugehörig fühlt.

Die vielen Zitate sollen zeigen, durch was für eine besondere, poetische und punktgenaue Sprache sich dieses Buch auszeichnet und dabei die Natur genauso wie die menschliche Psyche in all ihren Farben und Tiefen erlebbar und spürbar macht. Es ist ein zutiefst emotionales Buch auf hohem literarischem Niveau, das tief berührt. Damit gehört es für mich zu den allerbesten Büchern, die ich jemals gelesen habe, und ich kann es einer breiten Leserschaft absolut ans Herz legen! Hoffentlich werden wir von dieser talentierten Autorin noch viele weitere Werke genießen können.

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Faszinierende neue Einblicke in die Geschichte Afrikas

Motherland
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Was fällt den meisten Menschen ein, wenn sie an die Geschichte Afrikas denken? Kolonialisierung und transatlantischer Sklavenhandel. Vielleicht noch die alten Ägypter. Und das war es schon ziemlich. Dabei ...

Was fällt den meisten Menschen ein, wenn sie an die Geschichte Afrikas denken? Kolonialisierung und transatlantischer Sklavenhandel. Vielleicht noch die alten Ägypter. Und das war es schon ziemlich. Dabei gibt es dabei so viel mehr zu entdecken. Der Historiker, Archäologe und Anthropologe hat selbst bei einem Besuch in einem Museum in seiner Heimat Ghana in seiner Jugendzeit die Erfahrung gemacht, wie wenig vielfältig die afrikanische Geschichte dort zum damaligen Zeitpunkt dargestellt wurde, und das zum Anlass genommen, das zu ändern zu versuchen.

In diesem Buch nimmt er uns mit auf eine faszinierende Reise durch verschiedenste kulturelle Aspekte unterschiedlicher Regionen des afrikanischen Kontinents. Dabei wird deutlich, wie reich die afrikanische Vielfalt an Kulturen immer schon gewesen ist: da gab es mächtige Herrscher und Herrscherinnen, überraschend viele Gesellschaften, in denen Frauen mindestens gleichberechtigt waren und gemeinsam mit den Männern über alle wichtigen Anliegen bestimmten oder sogar alleine in der Position als "Königinmutter" den nächsten Herrscher auswählen konnten, aber auch selbst blutige Kriege und Schlachten anführten. Es gab tüchtige Kaufleute, Händler und Seefahrer, die im regen Austausch mit allen umliegenden Regionen waren.

Der Glaube an Hexerei und traditionelle Rituale im Umgang damit sind ein großes Thema, genauso wie Mythen und Sagen, wie die Geschichte vom Spinnengott Ananse. Besonders interessant ist dabei, dass diese Figur sowohl bei den Menschen am afrikanischen Kontinent als auch bei den versklavten Menschen in der Karibik und ihren Nachfahren eine Rolle spielte, aber jeweils an die spezifischen Lebensbedingungen angepasst wurde.

Überhaupt spielen Geschichten und mündlich Vorgetragenes eine große Rolle in vielen afrikanischen Kulturen: für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, zum Loslassen und Ausagieren von Emotionen, zur Lösung von Konflikten und für die Weitergabe von Wissen. Eine moderne Form davon ist etwa der Rap. Auch die Ahnen spielen eine große Rolle und werden in so einigen afrikanischen Kulturen als lebendige Tote betrachtet, die ihre Nachkommen schützen und zu denen man eine respektvolle Beziehung pflegen sollte, um sicher und gesund zu bleiben.

Sehr interessant für mich waren auch die Ausführungen zum Thema Rassismus und dass dieser eine relativ neue "Erfindung" zu sein scheint, während davor über mehrere Jahrtausende Menschen unterschiedlichster Hautfarben miteinander im privaten und geschäftlichen Austausch und auch hochrangige Positionen für alle davon zugänglich waren, ohne dass irgendeine davon abgewertet worden wäre.

Ein Werk wie dieses muss sich notwendigerweise beschränken und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben. Insofern handelt es sich um ausgewählte Einblicke in jene kulturellen Aspekte, die dem Autor gerade besonders interessant zu erzählen oder besonders repräsentativ schienen. Insgesamt ist dabei eine vielperspektivische Neuerzählung der afrikanischen Geschichten und Kulturen entstanden, von der ich definitiv sagen kann, dass sie mein Afrikabild sehr erweitert und bereichert hat.

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Über das hohe Lebensalter und die damit verbundenen Abschiede

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, ...

Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, erkennt sie die beiden nicht einmal mehr. Selbst ist Bo geistig noch sehr fit, abgesehen von der normalen Altersvergesslichkeit. Doch sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich: manchmal schafft er es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo und feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen eines Hosen- oder Hemdknopfes fallen ihm schwer.

Er wohnt noch alleine mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem alten Haus und wird regelmäßig von einem ambulanten Pflegedienst besucht und unterstützt. Sein Hund ist eine seiner größten Freuden und er kann nicht vorstellen, sich von diesem zu trennen - auch wenn sein Sohn Hans immer wieder darauf drängt, den Hund herzugeben, denn Bo könne sich nicht mehr gut genug um ihn kümmern, sei nicht mehr zu langen Spaziergängen mit ihm in der Lage und außerdem fürchte der Sohn, sein Vater könne bei einem der Spaziergänge im Wald stürzen und sich schwer verletzen. Doch lange weigert sich Bo mit allen Mitteln dagegen, für den Hund ein neues Zuhause zu suchen...

Dieses Buch hat mich sehr tief berührt. Es ist aus der Sicht von Bo geschrieben, der von seinem Alltag erzählt, sich immer wieder in der Du-Form an die geliebte, demente Ehefrau wendet, und uns an den Erinnerungen an sein Leben teilhaben lässt. So viele einzelne Momente ziehen an ihm innerlich vorbei, während er sich immer mehr von der äußeren Welt abwendet und seinem Tod nähert: von dem harten, fordernden Vater und der Befreiung von diesem, von der liebevollen, aber schwachen Mutter, von vielen glücklichen Ehejahren mit Fredrika, von der Freude über den gemeinsamen Sohn und später über die Enkelin und dem Erstaunen darüber, was für eigenständige, von einem selbst ganz unterschiedliche Wesen da entstanden sind, von der Freundschaft zu einem ebenfalls alten, lebenslang alleinstehenden Freund, der mehr in der Welt herumgekommen ist als Bo selbst, und von vielem mehr. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind kurze Notizen des Pflegeteams, z.B. "8:15 Uhr: Medikamentengabe + Atemtrainer. Bo mürrisch, weigert sich, seinen Haferbrei zu essen. Er will, dass ich mit dem Hund rausgehe, aber ich habe keine Zeit. Eva-Lena." (S. 199)

Geschrieben von einer Autorin, die selbst noch nicht einmal 40 ist, empfinde ich die Erzählstimme als äußerst authentisch. Wahrscheinlich verfügt die Autorin über viel Einfühlungsvermögen und stand ihrem Großvater sehr nahe: die Idee für dieses Buch, ihr Debüt, entstand, nachdem sie ein Heft mit Notizen seines Pflegeteams gefunden hatte.

Es finden sich viele tiefsinnige Gedanken übers Älter-Werden, pflegebedürftig werden und den Tod in diesem Buch und darüber, was es bedeuten, ans Ende des Lebens zu kommen. Damit hilft das Buch, sich in die Perspektive von Menschen am Ende ihres Lebens hineinzuversetzen:

"Wegen der Herztabletten musste ich die Arthritismedikamente absetzen; aber zum Glück verursachen die Finger keine großen Schmerzen. "Herz oder Gelenke", sagte der Honorararzt mit einem blöden Lächeln im Gesicht. "Da fällt die Entscheidung nicht schwer, oder?" (S. 19)

"Bei Sixtens Anblick denke ich automatisch an Hans. Ich werfe die Fotos auf den Tisch. Wenn Ellinor meine Tochter und nicht meine Enkelin wäre, wenn sie anstelle von Hans das Sagen hätte, dann wäre alles besser. Sie würde mir Sixten niemals wegnehmen." (S. 111)

"Der Körper ist schwer. Schwerer als üblich. Schwankend setze ich mich auf dem Bettrand auf. Die Matratze ist so weich, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten." (S. 258)

"Ture war ein langes Leben vergönnt", sagt die Pastorin. Deshalb ist die Kirche auch so leer. Die meisten seiner Bekannten sind gestorben. (S. 351)

Natürlich ist es auch ein trauriges Buch, denn es sind traurige Themen, von denen es handelt: Älter werden, pflegebedürftig werden, Menschen verlieren, Tiere verlieren, Fähigkeiten verlieren, immer weniger Selbstbestimmung, Schmerzen, Abschied nehmen, Sterben. Doch sind es dabei zugleich zutiefst existenzielle Menschheitsthemen, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert werden, und es lohnt sich sehr, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür kann ich dieses warmherzige und berührende Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen!

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Veröffentlicht am 01.01.2026

Umfangreiche und interessante Einführung in die Quantentheorie

Warum niemand die Quantentheorie versteht
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Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.

Auch ...

Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.

Auch deshalb gibt es mittlerweile einige Bücher am Markt, die versuchen, dieses komplexe und spannende Gebiet verständlich zu erklären. Dieses ist eines davon: hier haben sich ein Physikprofessor und seine Frau, eine Künstlerin, zusammengetan, um zu versuchen, die Grundlagen der modernen Physik in möglichst verständlicher Sprache darzustellen.

Herausgekommen ist ein sehr interessantes Buch, das mit wenig Mathematik und Formeln auskommt, aber sich immer noch auf einem eher hohen Niveau bewegt. Bevor es um die Quantentheorie selbst geht, wird ausführlich auf die Geschichte der Physik eingegangen und erzählt, welche berühmten Männer und Frauen (ja, auch davon gab es so einige, die im Buch auch Würdigung finden) durch welche Experimente auf verschiedene physikalische Naturgesetze gekommen sind. Sehr interessant für alle historisch Interessierten.

Wer sich aber rein für die Quantentheorie selbst interessiert, hat mit diesem umfangreichen Teil vielleicht nicht so viel Freude, auch wenn er durchaus hilfreich ist, um zu verstehen, welche bisherigen Annahmen diese über den Haufen geworfen hat.

Sehr lesefreundlich ist, dass das Buch kompliziertere Abschnitte, die für das nähere Verständnis nicht zwangsläufig erforderlich sind, in blau darstellt. So können diese von daran nicht interessierten Leserinnen und Lesern übersprungen werden. Weiters versuchen die Autoren, mit Hilfe von Graphiken und Abbildungen und durch die Beschreibung vieler Experimente, die Inhalte so verständlich wie möglich zu vermitteln.

Insgesamt ist es aber bei allen Versuchen, die Quantentheorie einfach darzustellen, dennoch ein Buch, das sich an gebildete Menschen richtet, die bereit sind, komplexen Denkmustern zu folgen und diese nachzuvollziehen. Ich habe einiges Neues gelernt, manches aber nicht komplett verstanden, dies ist aber wohl meinem mangelnden Vorwissen in diesem Gebiet anzulasten und nicht dem interessanten, aber schon anspruchsvollen Buch.

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