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Veröffentlicht am 01.10.2025

Alternative, feminine Historie

Die Frau der Stunde
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Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative ...

Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative Historie, in der statt Helmut Schmidt und Hand-Dietrich Genscher Bundeskanzler und Außenminister/Vizekanzler sind, ein anderer fiktiver sozialdemokratischer Kanzler an der Macht und durch einen Eheskandal des auch männlichen Außenministers, der daraufhin zurücktreten muss, eine Frau ins Außenministerium einzieht. Etwas, was so nie geschehen ist. Diese Frau ist Catharina Cornelius und sie ist die Frau der Stunde, denn durch ihr Nachrücken wird die rot-gelbe-Regierungskoalition gerettet. Nur sehen nicht alle der alt eingesessenen Herren im Bundestag und den Ministerien sie als die Retterin, sondern vor allem wird sie fehl am Platz gesehen. Wir begleiten nun Catharina in diesem alternativen 1978 und 1979 und lernen dabei viel über Frauen in der Politik der damaligen Zeit, auch wenn sie nie, wie im Roman erfunden, schon Ende der Siebziger reale Machtpositionen inne hatten.

Der alternativ-historische Roman von Specht konnte mich wirklich positiv überraschen. Bin ich zwar nicht von Politik aber vom allgemeinen Politikbetrieb heutzutage recht gelangweilt, kommt in Spechts Roman niemals Langeweile auf. Wir werden direkt an der Seite von Catharina in ihr neues Leben geworfen und lernen dabei auch noch viele andere Frauenfiguren kennen, die symbolisch für Frauen dieser Zeit stehen. So Suzanne, die als Journalistin arbeitet und eine für die Zeit moderne Ehe führt, in der ihr Ehemann, der Lehrer ist, zuhause sich um Haushalt und die drei Kinder kümmert. Ebenso Azadeh, eine iranische Dokumentarfilmerin, die zunächst von außen die Umwälzungen in ihrem Heimatland beobachtet, die kurz vor und nach der islamische Revolution das Land und die Menschen überrollen, und bald mit ins Geschehen gezogen wird. Aber auch ältere Frauen der Politik, seien sie früher in der Weimarer Republik für das Volk im Parlament eingetreten oder als fädenziehende Ehefrau an der Seite von politisch aktiven Ehemännern tätig. Und auch junge Frauen einer neuen Generation, die erstmals im Politikbetrieb Fuß fassen wollen. Diese vielen Figuren, die Catharina nicht allein im Zentrum des Romans stehen lassen, machen die Geschichte äußerst facettenreich. Gleichzeitig scheut sich Specht natürlich nicht, all die Hürden und Gefahren für Frauen in der Politik darzustellen. Dies ist keine „was-wäre-wenn“-Geschichte durch die rosarote Brille, sondern eine realistische Einschätzung, wie diese Konstellation mit einer Vizekanzlerin Ende der Siebziger Jahre hätte aussehen können.

Heike Specht schreibt süffig und durch den Wechsel zwischen den verschiedenen Protagonistinnen in den Kapiteln bekommen wir einen weiten Blick auf das Personal. Für mich war es allerdings gerade zu Beginn schwer, mich in diese alternative Historie reinzudenken. Es wird mal in der Vergangenheitsform von Willi Brandt gesprochen und wir wissen dann, dass die historische Person gemeint ist. Aber bei den vielen Figuren rund um Catharina war mir manchmal nicht klar, ob diese wirklich existiert haben, nur zu unbekannt sind, um heutzutage noch Wiedererkennungswert zu haben bzw. ob es sich um einen Schlüsselroman handelt, der hinter den fiktiven Namen Anspielungen auf reale Personen in sich trägt. Dafür kenne ich mich leider nicht gut genug in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik aus. Mit der Zeit habe ich diese Fragezeichen in meinem Kopf allerdings ablegen und mich auf den Plot an sich konzentrieren können.

So, wie der Roman endet, vermute ich stark, dass es sich um den Beginn einer Buchreihe handelt. Normalerweise lese ich nicht gern Reihen, muss allerdings zugeben, dass mich Specht mit ihrer Idee und ihrem Schreibstil fesseln konnte. Sollte also Catharinas Geschichte weitergehen, bin ich dabei.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Hippe Freikirche - veraltete Probleme

Monstergott
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Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in ...

Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in der die Menschen Jesus scheinbar so nahe kommen, dass sie sogar ekstatisch in Zungen sprechen. Das wäre ja alles schön und gut, wenn nicht dieselbe hippe Kirchengemeinde in tradierten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und sexueller Orientierung feststecken würde. Esther möchte in der Gemeinde mehr Aufgaben übernehmen, darf aber nicht, weil sie nun einmal eine Frau ist, und Ben hat sexuelle Bedürfnisse, die in der Gemeinde einfach nicht existieren dürfen.

Ich sage gleich vorweg, was dieses Buch glücklicherweise nicht macht: Es führt uns nicht ein zackiges, weltliches Erweckungserlebnis vor, durch welches sich unsere beiden Hauptprotagonist:innen, denen wir in stets wechselnden Kapiteln auf ihrem Weg begleiten, einfach mal eben so von ihrer Kirche und ihrem Glauben abwenden, weil das ja alles sowieso Blödsinn und nicht mehr modern ist. Nein, wir verfolgen in diesem zweiten Roman von Caroline Schmitt, die bereits mit ihrem Debüt „Liebewesen“ ein hervorragendes literarisches Werk vorgelegt hat, zwei Personen, die zunächst einmal ganz stark mit sich selbst hadern. Mit ihrer Identität und ihren Wünschen. Denn wenn das eigene Koordinatensystem schon in der Kindheit festgezurrt wurde und sich fast alle sozialen Kontakte auf eine eingeschworene Gemeinde begrenzen, fragt man sich doch automatisch erst einmal, was mit einem selbst denn falsch läuft. Gerade Ben, der nie etwas anderes gelernt hat, als dass jegliche von der heterosexuellen Norm abweichende Tendenzen des Teufels Werk sind, kommt mit sich selbst und seinem Leben immer weniger klar. Bereits in der Eingangsszene erleben wir etwas, was unzählige Male pro Tag Menschen in gewissen Glaubensgemeinschaften angetan wird, die nicht dieser Norm entsprechen: Eine Dämonenaustreibung. Es sollte bekannt sein, dass bei solche bestialischen Praktiken bereits Menschen ums Leben gekommen sind für den Glauben.

In klarer, ungeschönter Sprache lässt und Schmitt mit dem Geschwisterpaar fiebern. Bei Ben sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie legt zunächst einmal offen, dass es diese Freikirchen, die ich ehrlich gesagt bisher nur aus englischsprachigen Ländern kannte, auch in Deutschland gibt und dass diese Kirchen durch ihre Soziale-Medien-wirksame Inszenierung an Popularität gewinnen. Zum anderen zeigt Schmitt, wie stark hier ein Geschäft mit Ängsten und Hoffnung gemacht wird, wie Glauben kommerzialisiert wird und mit wie viel Unkenntnis und Naivität die Bibel wörtlich genommen wird, ohne Kritik zuzulassen. Auf den nur 260 Seiten destilliert die Autorin eine spannende und lehrreiche Geschichte zusammen, die die Augen öffnet für eine Parallelgesellschaft, die sich bisher vollkommen aus dem modernen, gesellschaftlichen Diskurs herausnimmt und im Gegenteil immer radikaler zu werden scheint.

Ich bin absolut begeistert. Was Caroline Schmitt bei mir mit ihrem Debüt bereits begonnen hat, führt sie nun weiter: Leserinnenbindung! ;) Ich würde ungesehen jeden folgenden Roman von ihr lesen wollen und bin gespannt darauf, welchem Thema sie sich als nächstes annimmt.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Von der Selbstabschaffung

Haus zur Sonne
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Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen ...

Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen autobiografischen Anteilen, wenn es um das erneute Aufflammen von Manie und darauffolgender Depression nach einer langen Lebensphase eines scheinbar „normalen“, scheinbar neurotypischen Autoren geht, der zuletzt ein hoch gelobtes Werk über seine bipolare Störung geschrieben hat und nun, vier Jahre nach den ersten manischen Symptomen der aktuellen Episode am absoluten Ende steht. Nicht nur psychisch am Ende, sondern auch finanziell, sozial, gesellschaftlich. Mit der Erkenntnis, dass diese Erkrankung wirklich und unumkehrbar chronisch ist und ihn bis ans Ende seines Lebens nicht nur begleiten sondern auch immer wieder zerstören wird, entschließt er sich (erneut) zu Sterben. Selbstmordversuche gab es in der Vergangenheit bereits, doch nun entdeckt er im Wartezimmer des Arbeitsamtes einen Flyer für das „Haus zur Sonne“, welches ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“ verspricht. Er bewirbt sich und darf in diese Klinik der etwas anderen Art einziehen. Aber nur, bis zu seinem assistierten Suizid.

Der Autor stellt in seinem Roman authentisch und glaubhaft dar, wie stark die Erkrankung der bipolaren Störung an einem Menschen zehren kann bis zu dem Punkt der absoluten Verzweiflung, dass ein Suizid als einziger Ausweg erscheint. Und er straft die neurotypischen Menschen Lügen, die selbstbewusst und lebensfroh an der Behauptung festhalten, der oder die Betroffene müsse nur noch mehr Therapien, Medikationen, Lebensveränderungen durchführen, sodass es sich doch immer lohne weiterzuleben. Nein, in manchen Fällen fällt die Bilanz stets negativ aus und hier muss offen darüber gesprochen werden, ob diesen Menschen nicht ein würdevoller Abgang ermöglicht werden sollte. Das „Haus zur Sonne“ bietet hier nun den fiktionalen Anteil des Werkes von Melle. Denn hier sind sogenannte „Simulationen“ möglich. Diese gelingen durch eine (bisher noch nicht existierende) Technik, die absolute Immersion ermöglicht und die Klienten der Klinik alle nur vorstellbaren Situationen mit allen Sinnen und Emotionen durchspielen lassen kann. Am Ende steht aber für jede:n Teilnehmer:in der Tod.

Melle legt vollkommen unverblümt das Abwägen zwischen Leben und selbstgewähltem Tod offen. Er verwirklicht etwas, was der Ich-Erzähler im Roman wie folgt zusammenfasst:

„Die, die da draußen erzählen und veröffentlichen, sind eh die Überlebenden. Sie waren stark genug. Wo sind all die anderen, die nicht erzählen konnten, die untergingen? Und wie wäre es also mit einer Geschichte, in der keiner gerettet würde? Die eben nicht von einer Rettung handelte, sondern im Gegenteil von einem langsamen Untergang eines Unrettbaren oder vieler Unrettbarer? Die vielleicht nicht einmal eine Botschaft mit sich brächte? Und die dennoch aus ihrer Warte erzählt wäre, nicht auktorial, nicht von einem Checkerautor zusammengehalten, der am Ende meist doch gar nicht weiß, was es heißt, wirklich unrettbar verloren zu sein?“

Nach dieser Passage sollte sich jede und jeder ein eigenes Bild davon machen, ob er oder sie diesem Buch gewachsen ist. Eins ist klar: Man wächst mit dem Buch, egal von welcher Warte aus man das Lesen beginnt!

Dass dieses Buch sich alle Zeit der Welt nimmt, um in Ruhe die Argumente für und wider des assistierten Suizids am Beispiel dieses geplagten Autors herauszuschälen und genau das einlöst, was in dem Zitat oben auf der Metaebene den Lesenden vermittelt wird, macht für mich den Roman, neben seinen sprachlichen Stärken und seiner Authentizität, zu einem sehr wichtigen und vor allem lesenswerten Werk. Es geht um „einen andere, einen menschenfreundlicheren, würdigeren Umgang und Zugang“ mit und zum Thema. Vor allem macht der Roman eins deutlich: Bei einem Menschen, der seit Jahren Selbstmordgedanken hat, geht es nie um eine sogenannte „Kurzschlussreaktion“, die einfach verhindert werden könnte. Es ist ein langwieriger, kräftezehrender Prozess bis dies als der einzige Ausweg erscheint. So muss man sich auch zeitweise durch diesen Roman kräftezehrend hindurchkämpfen. Aber genau das ist meiner Vermutung nach auch so gewollt, um klarzumachen: Nehmt die Gedanken von jemandem, der diese Gedanken hat, niemals auf die leichte Schulter, denkt niemals, es wäre einfach an diesen Punkt zu kommen geschweige denn einfach wieder von diesem Punkt wegzukommen.

Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese Mischung aus autobiografischem Roman und Fiktion, um ein Thema im wahrsten Sinne des Worte zu Ende zu denken.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Ein „Sandwichwerk“

Dr. No
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„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber ...

„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber die Auswirkungen von nichts toll findet. Alles verstanden? Nein? Das ist nicht schlimm. Dieser Roman ist absurd und abstrakt, darauf muss man sich einlassen können.

Percival Everetts Roman „Dr. No“, welcher im englischsprachigen Original bereits 2022 zwischen den großartigen Werken „The Trees“ („Die Bäume“) und „James“ erschien. Wir in Deutschland bekommen den Roman also zeitversetzt und nach „James“ zu lesen. Im Vergleich zu den beiden genannten Werken wirkt „Dr. No“ allerdings wie das berüchtigte, mittlere, problembehaftete „Sandwichkind“ aka „Sandwichwerk“. Und handelten die beiden anderen von so vielen Dingen, handelt „Dr. No“ von nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der autistische Mathematikprofessor Wala Kitu (was „nichts nichts“ bedeutet) ist Spezialist für genau das: Nichts. Nun will der Schurke John Sill das Wissen von Wala nutzen, um den USA nichts anzutun, denn dies sei der mächtigste Weg als Schurke zu agieren, den es für ihn gibt. Reich ist er schon. Macht hat er dadurch auch schon. Was will er mehr? Rache! Und so entspinnt sich eine James-Bond-Parodie, die stark beginnt aber meines Erachtens eher schwach endet.

Vor allem aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit als auch bösem Humor und absoluter Sprachvirtuosität ist Percival Everett einer meiner bevorzugten Autoren. Aber diese Experimentierfreudigkeit kann auch dazu führen, dass ein Buch nicht so wirklich funktioniert. Und leider ist dies hier geschehen. Die ersten Kapitel des Romans waren wirklich großartig und ich dachte, ein 5-Sterne-Buch vor mir zu haben. Wala ist unser Ich-Erzähler und er ist Autist. Die Gedanken und Dialoge dieses Menschen hat der Autor absolut authentisch erschaffen können. Eigentlich noch nie habe ich mich so wohlgefühlt mit einem Ich-Erzähler. Gerade in der ersten Hälfte des Romans besticht Everett damit, Wala mathematikphilosophische Monologe vom Feinsten zu entwerfen. Auch der bereits von ihm bekannte Humor findet Einzug in diesen Roman und ich musste so oft laut auflachen ob des trockenen Humors als auch der schieren Verrücktheit . Grandios. Aber eben hauptsächlich in der ersten Hälfte grandios.

Aber etwa zur Hälfte begann das Buch zu schwächeln. Alle lohnenswerten Witze waren gemacht, die philosophischen Elemente ausgeschöpft, die Bond-Parodie hatte ihren Lauf genommen. Der Rest des Buches wirkte wie eine uninspirierte Abarbeitung des Spoinageplots. Es gab noch ein paar andere Kleinigkeiten – Nebenhandlungen, die zu nichts führten, merkwürdige Charaktere, die spät in der Geschichte eingeführt wurden und keinen Zweck erfüllten –, die mir das Gefühl gaben, dass das Buch eine sorgfältigere Überarbeitung hätte gebrauchen können.

Ich würde den Roman dennoch wegen der cleveren Wortspiele und der unglaublich authentischen Erzählstimme des autistischen Protagonisten empfehlen und runde mit sehr viel Wohlwollen auf 4 Sterne auf. Aber Everett hat eindeutig schon Besseres geleistet. Ich hoffe somit, dass dieses Werk eher ein „Ausrutscher“ zwischen zwei großartigen Werken war und wir als nächstes wieder die bekannte Klasse von Everett erleben können.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Konnte mich leider nicht überzeugen

Onigiri
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Yuko Kuhn erzählt in ihrem Roman „Onigiri“ die Geschichte der Ich-Erzählerin Aki, deren Mutter vor 50 Jahren aus Japan nach Deutschland kam und mit dieser sie nun noch einmal eine Reise in ihre Heimat ...

Yuko Kuhn erzählt in ihrem Roman „Onigiri“ die Geschichte der Ich-Erzählerin Aki, deren Mutter vor 50 Jahren aus Japan nach Deutschland kam und mit dieser sie nun noch einmal eine Reise in ihre Heimat antreten möchte. Die Mutter ist an Demenz erkrankt und kann sich kaum merken, dass ihre eigene Mutter vor einem halben Jahr verstorben ist. Aki sieht die letzte Chance, mit ihrer Mutter noch einmal die Familie in Japan zu besuchen.

Inhaltlich dreht sich der Roman viel weniger um die neuntägige Reise nach Kobe in Japan sondern vielmehr um Erinnerungen aus der Kindheit von Aki als auch Erzählungen ihrer Mutter und ihres Vaters, wie die Mutter als junge Frau in Deutschland ankam und sich hier ein Leben aufgebaut hat. Es geht um das Aufwachsen als Halbjapanerin in Deutschland mit Großeltern, die aus der Oberschicht stammen und die japanische Frau ihres Sohnes nie richtig akzeptierten. Die Reise dient hier nur als nebensächliches Vehikel, um Erinnerungen aufleben zu lassen.

Leider war mir der Erzählstil der Autorin zu verworren und wie in einem Zettelkasten zusammengeworfen. Handelt die eine Erinnerungsanekdote noch von diesem Thema über zehn, zwanzig Zeilen hinweg, geht es in der nächsten Anekdote schon wieder um etwas anderes. Auch weiß man häufiger nicht so richtig, ob man sich jetzt in der Gegenwart oder der Vergangenheit befindet. So war mir manchmal auch nicht gleich klar, ob jetzt etwas über die Großmutter von Aki erzählt wird, über ihre Mutter oder sie selbst. Gleichzeitig macht es der Schreibstil der Autorin schwer, inhaltlich zu folgen. Sie verzichtet nicht nur auf Anführungszeichen bei der direkten wörtlichen Rede sondern fädelt diese auch merkwürdig in die Sätze ein. So entstehen unnötige Bandwurmsätze wie diese hier:

„Als wir in Deutschland ankommen, ist es sehr früh am Morgen und noch dunkel, im Taxi versteht meine Mutter nicht, wo sie ist, sie hat keine Vorstellung mehr von dem Ort, an dem sie lebt, darf ich zu dir kommen, Aki, fragt sie, und ich sage, natürlich, Mama, wir fahren erst mal zu mir und du kommst in Ruhe an, später bringt Kenta dich nach Hause.“

oder

„Beim Abendessen sitzt meine Mutter mir gegenüber am Esstisch, Aki, darf ich diesen Tee trinken, fragt sie mich und zeigt auf ihre Tasse, dann verschwindet sie plötzlich unter dem Tisch, um einzelne angetrocknete Reiskörner, die an den Kinderstühlen und auf dem Boden kleben, einzusammeln, sie ist immer aufs Neue entsetzt darüber, wie es bei uns nach dem Essen aussieht, ihr Kopf taucht wieder oberhalb der Tischkante auf, überrascht über meinen Anblick lacht sie mich an und ich freue mich einfach nur darüber, dass sie da ist.

Inhaltlich zeichnet die Autorin sicherlich ein gutes Bild von einer demenzerkrankten Person, die anfängt, sich in der Welt nicht mehr zurechtzufinden. Aber sprachlich konnte mich der Roman einfach gar nicht überzeugen. Ich habe mich durch diese 200seitige Aneinanderreihung von beschreibenden Sätzen gequält und auch ungewöhnlich lang am Buch gelesen. Zehn Seiten kamen mir gefühlt häufiger wie 50 Seiten vor. Immer wieder war ich erschrocken, dass ich wieder „nur“ 20 Seiten geschafft habe, obwohl es sich wie 100 anfühlte.

Eigentlich mit großen Interesse in die Lektüre gestartet, konnte ich keinerlei Verbindung zu den Protagonistinnen aufbauen und habe auch keine Emotionen wahrgenommen, sodass ich insgesamt das Buch einfach nicht gern gelesen habe. Schade.

2,5/5 Sterne

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