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Hanne2

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.05.2025

Ganz nett, aber wenig Nachhall

Von hier aus weiter
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Marlene bleibt nach dem Suizid ihres Partners alleine zurück und muss ihr Leben irgendwie neu sortieren. Während sie noch überlegt, ob und wie sie weiterleben kann, stolpert Jack, ein ehemaliger Schüler ...

Marlene bleibt nach dem Suizid ihres Partners alleine zurück und muss ihr Leben irgendwie neu sortieren. Während sie noch überlegt, ob und wie sie weiterleben kann, stolpert Jack, ein ehemaliger Schüler in ihr Leben, bekocht sie und ist zusammen mit Ida, einer jungen Hausärztin, aufmerksam und zurückhaltend an ihrer Seite. Beim Lesen gibt es immer wieder ein warmes Gefühl des Trostes, wenn Menschen in einer schweren Krisenzeit zusammenrücken und Unterstützung erleben. Und trotz des schweren Themas ist der Roman eher leicht, zum Teil mit trockenem Humor geschrieben. Für meinen Geschmack plätscherte er jedoch so vor sich hin und außer einem "achja, ganz nett", konnte mich keine der Figuren wirklich berühren oder mitreißen. Immer wieder gab es irritierende Momente beim Lesen, die nicht aufgeklärt wurden und von meinem Gefühl auch nichts zur Handlung beigetragen haben. Zum Ende hab ich eher etwas lustlos zu Ende gelesen und mir sind keine Szenen tiefer als Bilder in Erinnerung geblieben. Zwischendrin hat mich das Buch von der Stimmung her etwas an "Was man von hier aus sehen kann" erinnert, wobei mir letzteres deutlich besser gefallen hat. Das Buch ist nicht schlecht, hat aber bei mir keinerlei Nachhall gehabt.

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Autobiografische, gesellschaftliche und theoretische Reflexion zum Thema Missbrauch

Das Lieben danach
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Helene Bracht, selber Psychotherapeutin, schreibt in dem Buch über den eigenen als junges Mädchen erlebten sexuellen Missbrauch und wie dieser ihr späteres Beziehungs- und Liebesleben in ihrem eigenen ...

Helene Bracht, selber Psychotherapeutin, schreibt in dem Buch über den eigenen als junges Mädchen erlebten sexuellen Missbrauch und wie dieser ihr späteres Beziehungs- und Liebesleben in ihrem eigenen Denken, Fühlen und Handeln zum Teil subtil, oft sehr massiv beeinflusst hat. Das Cover passt sehr gut zum Inhalt - eine wunderschöne und üppige Blüte, möglicherweise eine Pfingstrose, bei der man erst auf den 2.Blick erkennt, da stimmt was nicht, da ist doch etwas beschädigt, abgeknickt. Helene Bracht schreibt lebendig, klug und reflektiert. Großartig wenn man dazu bedenkt, dass es sich um ein Debut handelt. Dabei bleibt es immer ihre Geschichte. Sehr persönlich begibt sie sich auf Spurensuche. Anekdotisch erzählt sie von Liebes- und Beziehungsversuchen, angereichert mit einem enormen Wissen zu sexualisierter Gewalt und deren Auswirkung auf die Psyche der Betroffenen. In der Darstellung des Erlebten hätte ich mir gewünscht, dass es vielleicht stellenweise weniger explizit beschrieben wird. Nicht aus Scham, der Täter hat allen Grund sich zu schämen, auch wenn er vermutlich längst tot ist!! Sondern aus dem Wunsch heraus, die Autorin möge sich etwas mehr selber schützen. Aber möglicherweise versteht man gerade die hochambivalenten Gefühle und Verhaltensweisen im Anschluss nur durch das Vorwissen über das Erlebte besser. Spannend fand ich den Seitenstrang, in dem Helene Bracht über ihre Mutter, deren Bezug zur Sexualität, aber auch deren Befreiung schreibt. Insgesamt ist es ein lesenswertes Buch, für das zumindest ich immer wieder Pausen gebraucht habe. Vom SRF gibt es in der Philosophieserie "Sternstunde Philosophie" eine Folge mit ihr, die ich ergänzend sehr weiterempfehlen kann.

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Ein leiser, teils poetischer Roman

Schwimmen im Glas
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In dem Roman geht es um Lore, die in kleinen Sequenzen aus ihrer Kindheit erzählt. Ländlich aufwachsend in den 90er Jahren in Österreich, zwischen Eltern- und Großelternhaus pendelnd. Es gibt keine Unterteilung ...

In dem Roman geht es um Lore, die in kleinen Sequenzen aus ihrer Kindheit erzählt. Ländlich aufwachsend in den 90er Jahren in Österreich, zwischen Eltern- und Großelternhaus pendelnd. Es gibt keine Unterteilung in größere Kapitel. Nur Absätze markieren die gedanklichen Wechsel. Beim Lesen stellt sich schnell ein Fluss ein. Vieles bleibt aus dem kindlichen Verständnis und dessen unschuldigen Betrachtung heraus offen und unerklärlich. Und dennoch begleitet einen als Leser eine Ahnung, was der Großvater wohl erlebt haben mag, wie die Beziehungsqualitäten zwischen den Erwachsenen sein mögen, welche Rollenbilder Männer und Frauen in sich tragen. Schwimmen im Glas - ein poetischer Ausdruck über die Begrenztheit der Lebens- und Erlebensmöglichkeiten vor allem von Frauen in einem patriarchalem Umfeld. Ich mochte den leisen, feinfühligen Ton der Autorin, wie die Fragezeichen in der Luft hängen bleiben, vieles nicht ausgesprochen wird. Letztendlich waren es mir manchmal fast etwas zu viel Fragezeichen und Verbleiben in der Vorahnung beim Lesen. Dennoch ein lesenswertes Buch vor allem für diejenigen, die eine teilweise poetische Sprache schätzen.

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Veröffentlicht am 08.04.2025

Zwei Themen, die irgendwie nicht zusammen gehen

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Die Leseprobe hatte mich für das Buch eingenommen und mich neugierig gemacht. In witzigem und kurzweiligem Ton erzählt die Autorin von Nina, die auf der Gartenparty ihres Ex-Mannes den deutlich jüngeren ...

Die Leseprobe hatte mich für das Buch eingenommen und mich neugierig gemacht. In witzigem und kurzweiligem Ton erzählt die Autorin von Nina, die auf der Gartenparty ihres Ex-Mannes den deutlich jüngeren David kennenlernt und sich schneller als sie sich versieht, Hals über Kopf in ihn verliebt. Ich mag den Humor, die etwas skurrile Figurenzeichnung und die scharfe Beobachtungsgabe von Anika Decker sehr und hätte mir auch anfangs den Roman super als unterhaltsame Verfilmung vorstellen können. Gekonnt erzählt sie von Klischees und Erwartungen im Gruneberger Milieu, von Rollenbildern angesichts verschiedener Themen wie Liebe und Altern. Eine herzerwärmende Geschichte zum Abtauchen? Nicht ganz. Leider ist diese Geschichte letztendlich mehr um das Thema Me-Too/Gewalterfahrung bzw. Ungerechtigkeit gegenüber weiblichen Darstellern in der Filmbranche herumgestrickt. Vermutlich ein Thema, das der Autorin, die mehrere Drehbücher geschrieben hat, selber sehr wichtig ist. Ich würde behaupten, dass ich eine gewisse Toleranz für Unerwartetes in Romanen habe bzw. es auch schätze, wenn Geschichten nicht vorhersehbar sind. Für mich ging letztendlich die Wendung trotzdem nicht auf. Vielleicht weil ich mich schon sehr auf Nina und David gedanklich eingelassen hatte, diese aber mehr zum Sidekick wurden und ich mich dann fast etwas gelangweilt durch den Rest des Romans gequält habe immer auf der Suche nach den beiden. Vielleicht aber auch weil das Me-Too-Thema dann doch zu sehr an der Oberfläche behandelt wurde, so dass es mich emotional gar nicht richtig berührt hat bzw. in mir beim Lesen kein richtiger Raum für das Thema entstand.

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Wunderbare Sprachbilder

Wild wuchern
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Marie flieht aus zu Beginn noch unbekannten Gründen aus Wien in die Berge auf die Alm zu ihrer Cousine Johanna. Atemlos, gehetzt  erzählt die Protagonistin von ihrer Flucht. In kurzen Sätzen, etwas grob ...

Marie flieht aus zu Beginn noch unbekannten Gründen aus Wien in die Berge auf die Alm zu ihrer Cousine Johanna. Atemlos, gehetzt  erzählt die Protagonistin von ihrer Flucht. In kurzen Sätzen, etwas grob wirkt anfänglich die Sprache, und dennoch war ich sofort mit allen Sinnen in der Geschichte, habe mit Spannung die weitere Dynamik verfolgt. Es gibt keine Unterteilung in Kapitel, was aber sehr gut zum Fluss der Geschichte passt. Ich mochte die Sprachbilder sehr, z.B. "Wenn einen die Angst mal hat, dann hängt sie dran an einem, als wäre man ins Spinnennetz gerannt. Spinne noch im Nacken, Fäden im Haar"(S.8).  Die Dialoge zwischen den beiden Frauen sind sehr reduziert, keine Rührseligkeit, mehr Skepsis und Herantasten. Die Bilder der Berghütte und der umgebenden Berglandschaft entstehen sehr kontrastreich im Kopf. Gleichzeitig ist der Text weit weg von jeglichem Kitsch, wirkt eher rauh. Immer wieder stolper ich beim Lesen, z.B. "...versteckt sich in der kargen Einöde. Und nach ein paar Tagen geht die geprügelte Frau dann wieder zurück nach Haus und lässt sich weiterprügeln. So machen das doch alle." Achja?  Psychologisch sehr fein zeigt Katharina Köller neben dem Leben auf der Alm und der Annäherung zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen insbesondere Maries kindliche Suche nach Anerkennung in einem Milieu, was von Narzissmus, Abwertung und fehlender Feinfühligkeit geprägt ist. Ihr naiver Glaube, dass wenn sie sich nur genug anpasst und anstrengt, irgendwann wie die Goldmarie belohnt wird. Spannend aber auch wie ihr die Veränderung gelingt ausgelöst durch eine existentielle Not - plötzlich traut sie sich lästig zu sein, hört auf gefallen zu wollen, zeigt einen bisher ungeahnten Willen. Katharina Köller schafft es die Dynamik konstant zu halten und sogar nochmal zu steigern und gerade einige Szenen aus dem letzten Drittel sind mir sehr in Erinnerung geblieben bzw. haben mich berührt. Ein wunderbares Buch, was ich ganz erfüllt und zufrieden beendet habe und das ich von Herzen weiterempfehle.

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