Feinsinnige Gesellschaftssatire in unaufgeregtem Gewand
In einem ZugEduard Brünhofer ist ein bekannter Autor – oder war er es? Irgendwie scheint er beides gleichzeitig zu sein. Jedenfalls sitzt besagter Brünhofer nun im Zug von Wien nach München und wird von einer Mitreisenden ...
Eduard Brünhofer ist ein bekannter Autor – oder war er es? Irgendwie scheint er beides gleichzeitig zu sein. Jedenfalls sitzt besagter Brünhofer nun im Zug von Wien nach München und wird von einer Mitreisenden in ein Gespräch verwickelt, das er eigentlich gar nicht führen möchte – behauptet er jedenfalls. Doch vielleicht rührt diese Unbekannte genau an den Stellen in seinem Inneren, die schon lange darauf warten, erkundet zu werden.
Die beiden unterhalten sich über eine geraume Weile sehr angeregt. Während Brünhofer das Gespräch mit eigenen, oft bissigen Gedanken garniert, die er nicht mit seiner Reisegefährtin teilt, steuern beide auf ein Geheimnis zu, das erst in München gelüftet wird. Auf den ersten Blick passiert wenig, doch auf den zweiten Blick offenbart sich die ganze Meisterschaft der Erzählung.
Die Magie des Buches liegt in den Zwischentönen und der unterschwelligen Gesellschaftskritik. Glattauer lässt Brünhofer herrlich ehrlich über seine Ehe, seine Karriere und die mysteriöse Mitreisende reflektieren. Besonders gelungen: Die vom Wein gefärbte Stimmung Brünhofers spiegelt sich meisterhaft in der Sprache wider. Man mag darüber streiten, wie positiv der Alkohol hier wegkommt, aber Glattauer nutzt ihn auf charmante Weise als Katalysator für die Auflösung der Geschichte.
Sicherlich ist dieses Buch, das fast ausschließlich aus einem Dialog besteht, nicht für jeden Geschmack geeignet. Wer äußere Action und klassische Spannung sucht, wird hier weniger fündig. Wer sich jedoch an präziser, differenzierter Sprache und psychologischen Nuancen erfreuen kann, findet in dieser Geschichte eine echte Bereicherung.
Fazit: Kurzweilige, kluge und amüsante Unterhaltung für alle, die das Abenteuer im Alltäglichen suchen. Mir hat es sehr gefallen!