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Veröffentlicht am 15.12.2025

Auf Mutters Spuren, sehr berührend.

Mama & Sam
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Sie steht in der Wohnung ihrer Mutter und starrt auf das Loch im Dielenboden. Es sieht aus wie diese Kreidezeichnungen nach polizeilichen Ermittlungen. Die Tatortreinigerin erklärt, dass die Körperflüssigkeiten ...

Sie steht in der Wohnung ihrer Mutter und starrt auf das Loch im Dielenboden. Es sieht aus wie diese Kreidezeichnungen nach polizeilichen Ermittlungen. Die Tatortreinigerin erklärt, dass die Körperflüssigkeiten in das Holz gezogen sind. Vierzehn Tage hätte sie da gelegen, das sagte auch der Leichenbeschauer. Eine Nachbarin hatte die Polizei gerufen, weil das Licht Tag und Nacht brannte und weil der Geruch sie störte.

An Weihnachten hatte sie nach langer Zeit die Tür wieder für ihre Mutter geöffnet. Hatte sich ganz fest vorgenommen, toleranter zu sein, sich nicht wieder ärgern zu lassen. Die Tante hatte bis dahin zwischen den Stühlen gestanden zwischen der Tochter-Mutterpause und sich das beidseitige Gemecker angehört.

Sie solle sich doch einfach an die schönen Momente erinnern, sagt die Tante. Sie erinnert aber vor allem die cholerischen Ausbrüche der Mutter. Sobald die Mutter abends von der Arbeit kam, zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück. Die Tochter musste in ihrem Zimmer bleiben und bis dahin alle WC-Gänge erledigt haben. Und so pinkelte das Mädchen zuerst in die Zimmerecken, dort wo sie dachte, dass es am wenigsten auffallen würde. Nach der ersten harschen Ohrfeige hob sie die Matratze an und pinkelte auf den Lattenrost, sicher, dass die Mutter dort nicht nachsehen würde, aber der Geruch verriet sie.

Sie wird noch einmal in die Wohnung fahren müssen, um Papiere zu sichten. Behörden müssen informiert werden, das Erbe angenommen oder ausgeschlagen werden.

Fazit: Sarah Kuttner hat in ihrem dritten Roman eine misslungene Mutter-Tochter-Beziehung verhandelt. Mit ihrer wunderbar einfachen und direkten Sprache lässt sie ihre Protagonistin auf den Nachlass ihrer Mutter los. Im Laufe der Geschichte erfahre ich, dass die Tochter wusste, dass die Mutter einem Love-Scammer verfallen war. Sie hatte sogar zusammen mit der Tante versucht, der Mutter zu erklären, auf was sie sich eingelassen hat, doch die fühlte sich bevormundet und verbat sich die Einmischung. Das Interessante an Kuttners Geschichte ist, wie die Tochter beim Durchgehen des Nachrichten-Chats den Mutterspuren folgt und einen Menschen entdeckt, der ihr so nah wird, wie er ihr zu Lebzeiten nie sein konnte. Sie entdeckt die liebevolle Frau mit den unbefriedigten Bedürfnissen und Ängsten. Wie klug und witzig sie sein konnte. Und sie entdeckt das ganze Dilemma. Die kühle Mutter, wie sie sie kannte, als überforderte, depressive Alleinerziehende. Echte Wertschätzung hatte sie nie erlebt. Endlich war da jemand, der sie so annahm, wie sie war. Als die Mutter ahnte, dass sie betrogen und vorgeführt wird, konnte sie auf die Liebesbekundungen nicht mehr verzichten. Die Scham hätte alle guten Gefühle zunichte gemacht. Eine wundervolle Annäherung an eine Frau, ganz ähnlich meiner eigenen Mutter. Zu sehen, wie sie Bewunderung für diese Frau entwickelt und der Ton, der immer versöhnlicher wird, die Erinnerungen an Momente, die eben doch schön waren, das hat mich ganz tief berührt und mir ein paar Tränchen geschenkt.

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Veröffentlicht am 12.12.2025

Identitätsfindung in Zeiten von AIDS

Zwei Männer in einem Raum
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Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)

Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem ...

Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)

Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem vorhanglosen Fenster auf einen trostlosen Kinderspielplatz und entdeckt rechts davon die Blue-Boy-Bar. Seine Verabredung hat ihn ins Bel Ami eingeladen und trifft ihn am Billardtisch zum Vorspiel. Im Abgang zum Keller schaut er auf das gelbe Schild mit den schwarzen Buchstaben: AIDS. Im Jahr 1983 war er Mitte dreißig und besessen von Männerkörpern. Diverse Immunologinnen versuchten die Schwulenszene zu missionieren, zur Abstinenz zu bewegen oder doch zumindest Gummis überzuziehen, aber warum? Sie zeugten ja nicht. In New York husteten sie sich die Lunge aus dem Leib und starben wie die Fliegen. Pneumocystis carnii, hieß es. Bilder vom Kaposi-Sarkom verbreiteten sich. Es komme vom f**** sagten sie. Es treffe nur Schwule.

Walter Vogt

Die beiden hatten ihn in einer verruchten Bar angehauen. Er erfuhr, dass beide ein positives Ergebnis hatten und zeigte sich unfähig, diese gegenwärtige Bedrohung, diese Seuche, wie sie gemeinhin genannt wurde, zu verdauen. Seit etwa zwei Jahren versuchte er mal mehr, mal weniger flapsig dieses Syndrom wegzurationalisieren. Diese Bürde, die von der Liebe kam, mit der mittlerweile etwa dreißig Prozent infiziert waren und die, die das Vollbild aufwiesen, daran starben. Er hatte einen emotionalen Schutzwall um sich aufgebaut und jetzt trafen die beiden jungen Männer ihn mit voller Wucht. Mit seinem pseudowissenschaftlichen Geschwätz versuchte er Ängste zu bannen, verhaspelte sich, hielt inne und schämte sich für seinen negativen Test. Ein Davongekommener. Mehr Glück als Verstand. Keinesfalls wollte er in diesem Gespräch in die Rolle des Arztes verfallen und die beiden zu Patienten machen. Sie waren keine Patienten und es war auch nicht ihr Anliegen, welche werden zu wollen. Sie waren Betroffene, von einem durchaus möglichen, frühen Tod Betroffene. Er hatte sich eingebildet, selbst über den Tod nachgedacht zu haben, aber sicher nicht unter einer potenziellen Bedrohung, sondern eher spielerisch, ja möglicherweise halbherzig.

Fazit: Dieser späte autobiografische Text Walter Vogts (1927-1988) aus dem Jahr 1986 wurde im schweizerischen Literaturarchiv gesichtet und von Guy Krneta jetzt erstmalig herausgegeben. Die „Reihe der Autor
innen ALIT präsentiert die Werke vergessener und verkannter Autor*innen aus deren Nachlass. Die Worte Walter Vogts sind flankiert von einem Vorwort (Vorbeben) von Christoph Geiser und einem Nachwort (Nachbeben) von Kim de l`Horizon (das ich sehr erhellend finde)

Walter Vogt, Psychiater und Autor, machte sich mit seiner Kritik an den „Göttern in Weiß“ Mitte der Sechzigerjahre keine Freunde. In späteren Büchern bekannte er sich zu seiner Bisexualität und schrieb über seine Erfahrungen und Erkenntnisse als Mensch zwischen den Geschlechtern. In diesem Text findet er Worte für seine Zerrissenheit in der Liebe zu einem mit Aids infizierten, deutlich jüngeren Mann. Der Autor spricht leidenschaftlich über seine Gefühle, sein Verlangen und den Wunsch nach Erkenntnis in einer Zeit der Entmenschlichung (Schwulenseuche) und Schuldzuweisung. Ich mag seine klugen Gedankengänge und die Schilderungen seines Erlebens ebenso wie seine Erzählweise. Befremdlich liest sich die scheinromantisierende, diskriminierende Sprache über die kurzen Freuden mit einem „herumstreunenden ägyptischen Jungen“, dem Vogt einen Kuss abkauft. Einen raubkatzenhaften arabischen Jungen. Aus dem übermütigen, bubenhaften siebzehnjährigen Exilkroaten mit den feurigen Augen wird Jahre später der bemitleidenswerte gealterte Luchs mit dem stumpfen Haar und der trockenen Haut, den man in jungen Jahren, in seinen kroatischen Bergen besser erlegt hätte. Vogt verniedlicht, entmenschlicht und diskriminiert seine Sexualpartner, schreibt sich in eine Distanz, die ihn besser, größer, besonders macht, den privilegierten weißen Mediziner. War er ein Kind seiner Zeit, das Rassismus internalisiert hat? Oder war sein Selbstwert so gering, dass er sich über andere (Minderheiten) erheben musste? Wahrscheinlich spielt beides eine Rolle. Etwas, das ich ebenfalls heraushöre und mich unangenehm berührt, das ist die männliche Gier. Sex wird stets mit Liebe gleichgesetzt. Es scheint einerlei mit wem, wie alt und unter welchen Umständen, Hauptsache, es ist funny, das stößt mich ab. Ein interessantes Zeugnis einer unheimlichen Zeit und ein gelungener Einblick in die Schwulenszene, der mir als Außenstehende bisher verschlossen blieb.

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Veröffentlicht am 02.12.2025

Essen als Druckmittel

Halbe Portion
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Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, ...

Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. Sie wuchtet den schweren Schreibtisch mitten in den Raum. Sie wird ihn einnehmen, ihm zeigen, dass sie ab jetzt hier wohnt. Sie könnte etwas essen, nicht weil sie hungrig ist, sondern um den Appetit zu stillen und schaut, was ihr Vormieter dagelassen hat. Buchstabensuppe in der Tüte. Klingt heimelig nach Kindheit. Vier Portionen sollen es sein. Nun gut, dann wird sie vier Portionen essen. Kurz danach verspürt sie immer noch ein kleines Loch. Sie füllt es mit Lindor Schokokugeln, die längst abgelaufen sind. Sie hatte sie bei Amazon entdeckt und konnte bei 29,79 statt 38,99 für ein Kilo nicht widerstehen. Eine Kugel hat 74 Kalorien. Sie packt eine aus und schiebt sie zwischen die Lippen. Schmeckt gut. Die freche Kugel hinterlässt Lust auf noch eine, 148 Kalorien. Nun fühlt sie sich schuldig, deshalb nimmt sie noch eine und spürt das Dopamin durch ihr Hirn fluten. Jetzt ist es auch egal, die müssen eh weg. Sie packt noch eine aus, lässt sie auf der Zunge zergehen, 222 Kalorien. Sie denkt, dass das zügellose Essen sie glücklich machen wird, dass das Essen und spätere Übergeben besser ist, als die Schoki wegzuwerfen. Nach 14 Kugeln ist ihr ein bisschen übel. Sie geht vor der Kloschüssel auf die Knie, kotzt Schokolade, Buchstabensuppe und sogar die Karotten, die sie mittags sorgsam in Streifen geschnitten und in Humus getunkt hatte. Sie fühlt sich schlecht, zurückgeworfen, willenlos und labil.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Elisabeth Pape hat in ihrem autofiktionalen Romandebüt Magersucht beleuchtet. In abwechselnden Kapiteln, die früher und heute genannt werden, erfahre ich, dass sie mit ihrer Mutter von der Ukraine nach Berlin kam. Die alleinerziehende Mutter lebte vom Bürgergeld, vom Vater kam keine finanzielle Unterstützung. Die lieblose, zwanghafte Mutter ist auf ihr Gewicht und das ihrer Tochter fixiert. Sie kontrolliert, was ihr Kind sich zuführt und teilt überstreng zu wenig Nahrung ein. Essen wird zum Druckmittel, das (durch verhasstes Klavierspielen oder gute Noten) verdient werden muss. Essen wird zum Liebesersatz für die fehlende Zuneigung. Ein Teufelskreis, der frühe Prägung erfährt und durch Erniedrigung und Bestrafung befeuert wird. Meine psychiatrischen Erfahrungen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagen mir, dass die Ess-Brech-Sucht und Magersucht ganz schwer zu therapieren ist. Und genau das zeigt die Autorin so gekonnt. Die Hauptdarstellerin zählt jede Kalorie, jeden Cent und vergleicht jedes Supermarktangebot. Sie gönnt sich nichts außer der Reihe, isst, was notwendig ist, um sich „normal“ zu fühlen. Sie findet eine Therapeutin, weil sie wirklich wirklich aus dieser tiefen Lebenskrise hinausfinden will. Doch sie scheitert am Alltag. Jede Entscheidung, die ihre Verantwortung fordert, macht ihr Angst, die sie zum Überessen zwingt. Jede ungewollte Entgleisung schürt ihren Selbsthass und zwingt sie in die Vorratskammer. Jedes Missfallen und das Gefühl, ungeliebt zu sein, befeuert das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen. Jeder Stressmoment drängt sie zum Kühlschrank. Die Gedanken kreisen um nichts anderes als Essen und ob sie es sich leisten kann. Verarmungswahn trifft auf eine nicht reale Körperwahrnehmung. Was für ein enormer Stress, der alles an Energie kostet. Diese Geschichte zu lesen ist anstrengend und nervenzehrend. Die Ambivalenz der Betroffenen überträgt sich auf mich, ich liebe und hasse dieses Buch. Ich träume nachts vom Essen. Unglaublich, was die Autorin da geschafft hat, denn deutlicher kann man einem Außenstehenden nicht vor Augen führen, wie beschissen diese Erkrankung ist.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Außergewöhnliche Erzählung über Männlichkeit

Was nicht gesagt werden kann
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István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm ...

István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm an. Sie reden viel über Sex. Der unfreiwillige Freund hat ein Mädchen gefunden, mit dem er es macht. Er überredet sie, es auch mit István zu machen. Sie besuchen sie. István ist mit ihr allein in ihrem Zimmer, kriegt kaum ein Wort heraus. Er muss unverrichteter Dinge wieder gehen. Sie findet ihn nicht sexy, erfährt er. Er sei noch nicht so weit. Sein Freund hängt jetzt lieber mit anderen ab.

Die Nachbarin braucht Hilfe beim Einkauf. Seine Mutter sagt zu. István geht mit ihr zum Supermarkt, sie sprechen kein Wort. Er trägt ihr die Sachen hoch und folgt ihr in die Küche. Sie bietet ihm etwas Süßes an und obwohl er sich unwohl fühlt, setzt er sich an ihren Tisch und isst. Er spürt, dass sie Zuneigung für ihn empfindet. Er fühlt nichts für die alte Frau, die älter ist als seine Mutter. Sie fragt, ob sie ihn küssen darf. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihre Lippen berühren seine ganz sanft. Dann bittet sie ihn zu gehen. István stellt sich vor, wie sie nackt aussieht. Die Vorstellung erregt ihn. Er kann kaum erwarten, dass sie wieder einkaufen gehen. Wieder bietet sie ihm eine Süßigkeit an, wieder küsst sie ihn, diesmal mit Zunge. Beim nächsten mal darf er in ihrem Wohnzimmer auf der Couch sitzen. István hilft ihrem Mann in seinem Schrebergarten, um neben der Schule ein bisschen Geld zu verdienen. Nach einigen Monaten beendet die Nachbarin die Liebschaft. István ist ihr zu nahe gekommen, behauptete, dass er sie liebe. Er steigert sich in ihre Ablehnung hinein, lauert ihr im Hausflur auf. Sie geht ihm aus dem Weg und dann hält er es nicht mehr aus. Er klingelt am späten Abend bei ihr. Ihr Mann öffnet. István sagt, dass er sie sprechen will. Der Mann sagt, dass er verschwinden soll. Es kommt zu einem Handgemenge, der Mann stürzt die Treppe herunter und stirbt.

Fazit: David Szalay, der diesjährige Booker Prize Gewinner, hat das Leben eines Mannes gezeichnet. Der Ungar István wächst vaterlos bei seiner Mutter auf. Der tragische Unfall des Nachbarn führt ihn in die Jugendstrafanstalt. Danach ist er auf dem Arbeitsmarkt chancenlos und geht zur Armee. Der Irakeinsatz beschert ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. István geht von Ungarn nach London und erarbeitet sich ein komfortables Leben. Die Geschichte ist ganz einfach geschrieben, der Klang ist lakonisch und ruhig. Die Lebensumstände sind prekär. Ich habe bisher nie einem Autor zugehört, der seinem Charakter so konsequent treu bleibt. István trifft selbst keine Entscheidungen, das machen immer andere für ihn. Er selbst treibt augenscheinlich willenlos durch sein Leben. Frauen sind für ihn beliebig, sie stoßen ihm zu und umgarnen oder überreden ihn. Zwei bis dreimal in seinem Leben zeigt er aggressives Verhalten, sonst ist er erstaunlich kontrolliert. Die Dialoge sind ermüdend wortkarg und emotionslos. Das Wort okay ist sein treuster Begleiter. Dennoch ist er empathisch, kann mit seinem Gegenüber mitfühlen. Er macht freiwillig Sport, rettet zweimal aus eigener Überzeugung einem Menschen das Leben, aber ansonsten bleibt er von sich selbst entfremdet. Und obwohl dieser Mensch so bewegungsunfähig ist, hat mich die Geschichte gefesselt. Ich wollte nach jeder Seite wissen, wie es weitergeht. Mir ist nicht wirklich klar, was die übergeordnete Botschaft ist oder ob es die überhaupt gibt. Am ehesten verstehe ich, dass István keine männlichen Vorbilder hatte und ganz ungünstig durch Frauen geprägt wurde. Dadurch fehlt ihm die Fähigkeit, seinen eigenen Mann zu stehen. Er scheint ein Bild verkörpern zu wollen, an dem er sich festhalten kann, wie an einer Krücke, das aber leer, körperlos bleibt und das ist gar keine Seltenheit. Eine außerordentliche Erzählung über Männlichkeit, die mich bewegt hat.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Transgenerative Kriegstraumata

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Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. ...

Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. Sie weiß, dass es so nicht ist und selbst wenn. Vielleicht hat sie die Wörter zu lange gefangen gehalten, grübelt sie.

Elias sagt, dass ihr sprachlicher Ausdruck so präzise ist wie der einer Synchronsprecherin. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Deutsche Sprache als Kind vor dem Fernseher gelernt hat, überlegt sie. Monate später im Kindergarten, hörte sie die vage vertrauten Worte auch aus Kindermündern. Ihre Muttersprache ist Albanisch. Als jedoch Ende der 90er der Kosovokrieg begann, war Schluss mit dem heimatlichen Wortschatz. Sie mussten weg. Sobald sie die serbische Grenze erreichten, mussten sie schweigen. Nur ihr Vater konnte fließend Serbisch, hatte es in der Schule und beim Militär gelernt. Der Grenzbeamte forderte ihre Pässe, aber Mamas Hände zitterten so sehr, dass sie den Reißverschluss des roten Lederbeutels nicht öffnen konnte. Sie gab ihn dem Vater mit gesenktem Blick. Der Grenzbeamte sah auf sie herab, ließ sie aussteigen und das Auto ausräumen. Die Pässe gab er ihnen nicht zurück, er schob sie von sich, als wären sie Unrat. Da hatte sie zum ersten Mal gesehen, wie ihre Eltern gedemütigt wurden.

Wenn man mich fragt, woher ich „ursprünglich“ komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit. S. 11

Fazit: Jehona Kicaj hat sich in ihrem Romadebüt ihrer Heimat, dem Kosovo genähert. Ihre Protagonistin war ein stilles Kind, weil sie zur Sprachlosigkeit erzogen wurde. Ihre Eltern haben frühzeitig die Flucht nach Deutschland ergriffen und sind von der ethnischen Säuberung, des Völkermordes, den die serbischen Soldaten an den Kosovaren (ebenso an Kroaten und Bosniern) verübt haben, verschont geblieben. Doch offensichtlich erlebt man einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die zurückgebliebenen Angehörigen, im Asyl ebenfalls, nur anders. Das stille Kind wächst zu einer stillen Frau heran, die die traumatischen Erfahrungen nicht verarbeiten kann. Und so zerbeißt sie in den Nachtstunden die Worte, die herauszufallen drohen. Mir gefällt gut, wie die Autorin die Protagonistin geschaffen hat. Eine unauffällige, introvertierte Frau, die unterm Radar fliegt. Ihr einziger näherer Bekannter hilft ihr, ihre Geschichte sichtbar zu machen und zu begreifen, indem er ihr zuhört und Interesse zeigt. Ein ruhiger Roman, der die Mechanismen dieses Unrechts sichtbar macht, die Feindseligkeit und den Hass der serbischen Bevölkerung, die sich völlig im Recht gefühlt hat und das Versagen der europäischen Staaten, die bei der Entwicklung der humanitären Katastrophe tatenlos zugeschaut haben. Ein wichtiges Buch über transgenerative Traumata.

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