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Veröffentlicht am 09.10.2021

Zurück auf die Shipley-Farm

Was wir in uns sehen - Burlington University
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Chastity und Dylan sind schon eine Weile befreundet, ihren Familien leben auf benachbarten Farmen. Vor einigen Jahren konnte sich Chastity aus den Fängen einer Sekte befreien und lebt seitdem bei einem ...

Chastity und Dylan sind schon eine Weile befreundet, ihren Familien leben auf benachbarten Farmen. Vor einigen Jahren konnte sich Chastity aus den Fängen einer Sekte befreien und lebt seitdem bei einem Paar, dem ebenfalls die Flucht von dort gelang. Dylan hingegen kämpft immer noch mit dem Verlust seines Vaters, der vor sieben Jahren verstorben ist. Als die beiden ein gemeinsames Projekt starten (Karamellbonbons aus Ziegenmilch) und somit viel Zeit zusammen verbringen, stellen sie fest, dass Freundschaft vielleicht nicht alles ist, was sie sich voneinander wünschen.

Mit „Was wir in uns sehen“ legt Sarina Bowen einen New Adult-Roman vor, der sich inhaltlich an ihre True North-Reihe anschließt. Dylan gehört nämlich zur Shipley-Familie, während Zach aus Band 3 in derselben Sekte wie Chastity war. Das Schema ist grundsätzlich dasselbe, wie in ihren anderen Romanen: Es wird abwechselnd aus Dylans und Chastitys Perspektive in der Ich-Form und im Präsens erzählt. So erhält man einen guten Einblick in die Gedanken und Gefühle der Protagonisten und ist immer mitten im Geschehen.

Besonders gut gefallen hat mir an dieser Geschichte, dass Chastity kein klassisches Opfer ist. Ja, sie hat in der Sekte Schlimmes erlebt, aber sie hat nun ein neues Leben mit einem anderem Fokus. Sie tritt selbstbewusst auf, weist Dylan durchaus in seine Schranken, hat aber auch Spaß daran, Neues auszuprobieren, egal ob das Süßigkeiten sind oder Autofahren. Dylan hingegen ist, zum Glück, kein klassischer Macho; er hatte zwar bisher keine richtige feste Beziehung, es wird aber recht bald deutlich, dass das von Verlustängsten herrührt. Im Prinzip ist er derjenige, der sich nicht traut, seinen Emotionen für Chastity Raum zu geben – ich mag es, dass sie in dieser Hinsicht die „Stärkere“ ist.

Davon abgesehen ist der Verlauf der Handlung natürlich nichts Neues, aber allein die Farm der Shipleys gibt einem schon das Gefühl, nachhause zu kommen. Und wir lernen in diesem Band die Hauptcharaktere des nächsten besser kennen: Dylans Freund Rickie und seine Zwillingsschwester Daphne – ich freu‘ mich drauf!

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Veröffentlicht am 08.10.2021

Natürlicher Lebensraum

Auf Basidis Dach
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Eine Tasse Pfefferminztee in einem Café in Fès, schwungvoll aus einem halben Meter eingegossen. Ein Handy voller Kontakte von Taxifahrern in ganz Marokko, die meisten von ihnen hören auf den Namen Mohammed. ...

Eine Tasse Pfefferminztee in einem Café in Fès, schwungvoll aus einem halben Meter eingegossen. Ein Handy voller Kontakte von Taxifahrern in ganz Marokko, die meisten von ihnen hören auf den Namen Mohammed. Eine Dachterrasse voller Erinnerungen, manche von ihnen sogar voller Blut. Eine ältere Frau, die sich nur noch mit einem einzigen Wort verständigen kann, „Allah“. Und mittendrin eine junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln und nach der Antwort auf die Frage, ob jeder von uns eigentlich einen natürlichen Lebensraum hat.

In ihrem Buch „Auf Basidis Dach“ schreibt Mona Ameziane, Journalistin und Moderatorin (unter anderem der sehr hörenswerten Büchersendung „1Live Stories“), über ihre „halbe Heimat“ Marokko. Als Tochter einer Deutschen und eines Marokkaners beantwortet sie bereits mit vier Jahren die Frage nach ihrer Herkunft mit „Ich komme aus halb Marokko und halb Deutschland“. Auch im Erwachsenenalter setzt das sich fort, doch dieses Mal stellt Ameziane sich selbst die Fragen, u.a. „Bin ich eigentlich marokkanisch genug?“.

In kurzen, aber inhaltsvollen Kapiteln berichtet die Autorin von ihrer letzten Reise nach Marokko, auf der sie ihr Vater begleitet, aber auch von Erfahrungen und Erlebnissen aus ihrer Kindheit und Jugend. Dabei macht sie, für mich persönlich, einfach alles richtig. Sie stellt die eigene Person in den Mittelpunkt, voller Ehrlichkeit und ohne Arroganz. Sie erzählt ebenso von schwierigen Momenten, wie von glücklichen, von traurigen, wie von lustigen – einfach eine perfekte Mischung. Und sie akzeptiert auch, dass es nicht auf alle Fragen eine eindeutige Antwort gibt, so zum Beispiel auf die nach der Rolle der Frau in Marokko.

Aus Mona Amezianes Worten ist auf jeder Seite die Liebe zu ihrer Familie zu lesen, die ihr die Möglichkeit gegeben hat, mit dem besten aus zwei Welten aufzuwachsen – ihr Basidi (so nennt man den Großvater in Marokko) gab ihr neben der Liebe zur Literatur auch noch den Titel für ihr Buch mit auf den Weg. „Auf Basidis Dach“ ist aber auch eine Liebeserklärung an ein Land, das die Autorin fasziniert, das sich ihr aber vielleicht nie ganz erschließen wird. Und das ist in Ordnung.

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Veröffentlicht am 01.10.2021

Vier Frauen

Im Menschen muss alles herrlich sein
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Alles beginnt mit einem Eklat. Während der Geburtstagsfeier ihrer Mutter Lena wird Edi(ta) im Hof zusammengeschlagen – Lena und ihre Freundin Tatjana beugen sich über sie, Tatjanas Tochter Nina beobachtet ...

Alles beginnt mit einem Eklat. Während der Geburtstagsfeier ihrer Mutter Lena wird Edi(ta) im Hof zusammengeschlagen – Lena und ihre Freundin Tatjana beugen sich über sie, Tatjanas Tochter Nina beobachtet alles aus der Entfernung. Zwei Mütter, zwei Töchter und dazwischen jede Menge ungesagter Dinge, über das eigene Leben, die Zukunft, aber vor allem die Vergangenheit in der Sowjetunion.

In „Im Menschen muss alles herrlich sein“ erzählt Sasha Marianna Salzmann die Handlung aus wechselnden Perspektiven und über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Ich-Erzählerin Nina kommt nur drei Mal kurz zu Wort, ihre Passagen sind jedoch nicht weniger eindrücklich. Den größeren Teil nehmen Lenas und Tatjanas Leben in der Sowjetunion, die Flucht und der Neuanfang in Deutschland ein. Edi erleben wir in der Gegenwart in Berlin und auf dem Weg zu bewusster Geburtstagsparty.

Salzmann gelingt es, in klaren Worten und Sprachbildern die Situation der vier Frauen einzufangen. Lena studierte ursprünglich Medizin, um ihrer psychisch kranken Mutter zu helfen; in Deutschland darf sie nur noch Krankenschwester sein und sich um die Tochter und den arbeitslosen Mann kümmern. Auch Tatjana landete, schwanger mit Nina, in Berlin. In der Gegenwart verheimlicht sie etwas und Familie und Freunde schauen auf sie herab, weil sie allein lebt. Beiden Frauen fällt es schwer, über die Vergangenheit zu sprechen und beide liebe ihre Töchter sehr, wenn sie auch deren Verhalten nicht immer verstehen.

Edita und Nina führen ein eigenes Leben, dennoch kommen sie nicht richtig von der Familie und der Vergangenheit los. Nina leidet unter Ängsten, verbringt die meiste Zeit in ihrer Wohnung und beschäftigt sich mit dem Zerfall der Sowjetunion. Edita überlegt, während ihres Volontariats eine Dienstreise in die Ukraine zu machen. Zur Metapher für diese Situation wird im Roman die Giraffe des georgischen Malers Pirosmani. Da er selbst nie eine gesehen hatte, malte er das Tier aus seiner Vorstellung - auch Edita und Nina bleibt nur ihre ganz eigene Vorstellung von der Lebensrealität ihrer Mütter. Ein Roman, den ich sehr gerne auf der Shortlist gesehen hätte.

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Einfach nur öde

Die nicht sterben
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Eine junge Frau kehrt nach dem Kunststudium aus Paris zurück in den Sehnsuchtsort ihrer Kindheit, das Dorf B. südlich von Transsylvanien. Auf dem Anwesen ihrer Großtante verbrachte sie einst die schönsten ...

Eine junge Frau kehrt nach dem Kunststudium aus Paris zurück in den Sehnsuchtsort ihrer Kindheit, das Dorf B. südlich von Transsylvanien. Auf dem Anwesen ihrer Großtante verbrachte sie einst die schönsten Sommer, doch heute scheint alles einen faden Beigeschmack von politischer Korruption und Verrat zu haben. Als dann auch noch Gerüchte über das Grab Vlad Tepes‘ auftauchen und in B. seltsame Dinge geschehen, wird das einst Geborgenheit schenkende Nest für die Protagonistin zum Alptraum.

In „Die nicht sterben“ erzählt die Schweizerin Dana Grigorcea von der Demaskierung einer vermeintlich wunderschönen Kindheit. Wir folgen dabei stets der namenlosen Ich-Erzählerin, welche die Handlung nach und nach offenbart und treffen auch gleich auf den ersten Makel des Romans: die ersten 100 Seiten passiert kaum etwas. Stattdessen schwadroniert die Protagonistin in blumigen, eher altmodisch wirkenden Worten über die Landschaft, das Dorf und die Menschen darin. Würde nicht der EU-Beitritt Ungarns erwähnt, hätte ich die das Geschehen deutlich früher verortet.

Es gibt durchaus Momente, in denen die Geschichte stark ist, so zum Beispiel, wenn über das Netz aus Bestechlichkeit gesprochen wird, welches der Bürgermeister über das Dorf gespannt hat. Oder wenn sich Großtante und Nichte gegenseitig einen gewissen Vampirroman vorlesen und ihn einfältig und peinlich finden. Doch leider kommen solche Passagen viel zu kurz. Stattdessen wird eine Vampirhandlung hinzugefügt, die nicht nur hanebüchen ist, sondern auch keinerlei neue Elemente enthält – im Prinzip haben wir eine Neuerzählung von „Dracula“ vor uns, gewürzt mit etwas Postkommunismus und Korruption.

Im Verlauf der Handlung verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung immer mehr, bis unklar ist, was eigentlich tatsächlich geschieht. Darüber hinaus stören auch die unzähligen, unübersetzten Redewendungen aus den unterschiedlichsten Sprachen. Mir ist klar, was damit ausgedrückt werden soll, aber wenn ich seitenlang ständig etwas nachschlagen müsste, dann ist es doch zu viel des Guten. Die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 kann ich leider nicht nachvollziehen.

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Schonungsloser Blick auf die Generation Y

Schöne Welt, wo bist du
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Alice und Eileen sind seit dem Studium beste Freundinnen. Während Alice eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, weiß Eileen nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. In E-Mails tauschen sich ...

Alice und Eileen sind seit dem Studium beste Freundinnen. Während Alice eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, weiß Eileen nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. In E-Mails tauschen sich die beiden miteinander aus, auch über die Männer in ihrem Leben: Felix, den Alice kürzlich auf Tinder kennengelernt hat und Simon, in den Eileen schon seit ihrer Jugend verliebt ist. Die vier bilden ein seltsames Kleeblatt aus Beziehungsproblemen, gestörter Kommunikation und Klassenunterschieden – werden sie sich am Ende verlieren?

„Schöne Welt, wo bist du“ ist der dritte Roman aus der Feder von Sally Rooney. Wie bereits in „Gespräche mit Freunden“ stehen vier Personen im Fokus, zwei Frauen und zwei Männer. Die Geschichte folgt dabei hauptsächlich Alice und Eileen; mal wird die Handlung unmittelbar in der dritten Person erzählt, mal erfahren wir sie nur vermittelt aus den E-Mails der beiden Freundinnen. Die Autorin verwendet im Text für wörtliche Rede keine Anführungszeichen. Das kann durchaus verwirrend sein, aber man gewöhnt sich daran.

Auch thematisch gesehen knüpft Sally Rooney an ihre ersten beiden Bücher an. Vorrangig geht es sicher um Beziehungen – zwischen Partnern, aber auch zwischen Freunden. Alice und Eileen sind zwar miteinander verbunden, in ihren Mails wird jedoch deutlich, dass etwas im Argen liegt. Felix behandelt Alice rüde, ihn stört der Klassenunterschied enorm. Er schuftet in einer Fabrik, Schriftstellerei empfindet er nicht als Arbeit im klassischen Sinne. Eileen ihrerseits liebt Simon schon seit vielen Jahren, dennoch schaffen die beiden es nicht, den entscheidenden Schritt aufeinander zu zu machen.

Es ist seltsam mit Sally Rooneys Romanen. Ich lese sie gerne, aber bisher hat mich noch keines richtig begeistert und das ist auch hier wieder der Fall. Vielleicht kann ich die Generation dieser vier Charaktere nicht nachvollziehen, aber die meisten Probleme im Buch könnten mit ehrlicher Kommunikation ganz einfach beseitigt werden. Stattdessen wird geschwiegen, verletzt und sich theatralisch in Szene gesetzt, schade! Werde ich Sally Rooneys nächstes Buch trotzdem lesen? Aber sicher.

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