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Veröffentlicht am 23.06.2025

Das Ende des "American Dream"

Strandgut
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Earlon »Bucky« Bronco führt mit seinen siebzig Jahren kein einfaches Leben. Seit dem Tod seiner Frau vor knapp einem Jahr fällt ihm es ihm zunehmend schwer, seinen Alltag zu bewältigen. Auch seine Hüfte ...

Earlon »Bucky« Bronco führt mit seinen siebzig Jahren kein einfaches Leben. Seit dem Tod seiner Frau vor knapp einem Jahr fällt ihm es ihm zunehmend schwer, seinen Alltag zu bewältigen. Auch seine Hüfte macht ihm zu schaffen, doch die rettende Operation liegt dank fehlender Krankenversicherung in weiter Ferne. Da erreicht ihn eine Einladung ins englische Scarborough. Dort soll Bucky die einzigen beiden Soulhits performen, die er jemals hatte – doch wer sollte diese fast vergessenen Songs schön hören wollen?

Mit „Offene See“ konnte Benjamin Myers mich begeistern. Nun liegt sein neuer Roman „Strandgut“ vor, der von Werner Löcher-Lawrence ins Deutsche übersetzt wurde. Erzählt wird sowohl aus der Perspektive von Bucky als auch der von Dinah, die ihn vor Ort in England betreut – jeweils in der dritten Person und der Vergangenheitsform. So können wir einen Blick in das Leben beider Figuren werfen, auch wenn Bucky dabei sicherlich im Mittelpunkt steht. Die Mittfünfzigerin Dinah ist ihrerseits in einem Leben mit einen Säufer als Ehemann und einem Incel als Sohn gefangen.

Über einen großen Teil hinweg erzählt der Roman im Prinzip vom Scheitern des „American Dream“. Als junger Mann wurde Bucky um seinen Erfolg als Soulsänger betrogen und mit einem lächerlichen Honorar abgespeist. Auch in seiner Familie ist Schlimmes vorgefallen und inzwischen bleibt ihm gerade genug zum Überleben. Eine Krankenversicherung kann er sich nicht leisten und fristet so sein Dasein zwischen Alkohol und Opioiden. Mit der Reise nach England scheint sich jedoch sein Schicksal zu wenden. Zum ersten Mal erfährt Bucky, dass Menschen seine Musik lieben, dass sie ihnen Kraft gibt und eine deutsche Journalistin scheint den Schlüssel zu noch mehr Glück in der Hand zu halten.

Buckys Geschichte inspiriert auch Dinah, doch noch einen Versuch zu unternehmen, etwas in ihrem Leben zu ändern. Gerade in den letzten Kapiteln schwindet für mich aber die starke Message der Geschichte, denn wir erleben nach einer Handlung voller Schmerzen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch ein geradezu märchenhaftes Ende. Das war mir persönlich zu viel und zu unrealistisch – schade!

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Ein echter Wohlfühlroman

Der alte Apfelgarten
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Schon seit Jahren haben die Schwestern Bette und Nina Crowdie sich voneinander entfremdet. Bette verließ den elterlichen Hof zum Studium und kam als erfolgreiche Anwältin nur selten zurück. Nina hingegen ...

Schon seit Jahren haben die Schwestern Bette und Nina Crowdie sich voneinander entfremdet. Bette verließ den elterlichen Hof zum Studium und kam als erfolgreiche Anwältin nur selten zurück. Nina hingegen unterstützte ihren Vater stets bei der Farmarbeit und fühlt sich von Bette verlassen. Als nun der Vater der beiden verstirbt und ein überraschendes Testament hinterlässt, müssen die beiden gemeinsam beschließen, wie es mit dem Hof weitergehen soll. Können sie einander vertrauen? Ist der Hof überhaupt zu retten? Und was hat es mit dem geheimnisvollen Apfelhain an den Klippen auf sich?

„Der alte Apfelgarten“ ist bereits der vierte Roman der Autorin Sharon Gosling, der in Schottland spielt. Sie alle können unabhängig voneinander gelesen werden, auch wenn wir in diesem Band eine alte Bekannte wiedertreffen und einen Blick auf das Ende ihrer Geschichte werfen können. Übersetzt wurde dieser vierte Roman, wie auch schon die Vorgänger, von Sibylle Schmidt. Die Handlung wird wechselnd aus der Sicht der beiden Schwestern erzählt, so dass wir einen guten Eindruck von ihrem Gefühlsleben erhalten. Beide verstehen einander zu Beginn stets falsch und sind gereizt, haben aber auch ihre Gründe für diese Reaktion.

Für mich sind Sharon Goslings Romane richtige Wohlfühlbücher. Ihr gelingt es immer, den Charme eines bestimmten Ortes einzufangen und deutlich zu machen, was er den jeweiligen Protagonistinnen bedeutet. Dieses Mal ist es ein Hain mit einer sehr alten Apfelsorte, die perfekt für die Ciderherstellung geeignet ist. Gosling erzählt gleichzeitig die Geschichte dieses Gartens und die Geschehnisse in der Gegenwart. Dabei gibt es zwar auch eine Liebesgeschichte, diese ist aber nur ein Aspekt von vielen, wie zum Beispiel komplizierte Familienverhältnisse oder die Schwierigkeiten, mit denen Besitzer kleiner Farmen zu kämpfen haben.

Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich die beiden Schwestern im Laufe des Romans wieder annähern und ihre eigene Haltung reflektieren. Dabei werden sie von sympathischen Nebenfiguren unterstützt, müssen aber auch das ein oder andere Hindernis überwinden.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Etwas überfrachtet

Der Kaiser der Freude
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Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, hat beschlossen, sich von einer Brücke in den Fluss zu stürzen. Doch dann lernt er am Ufer Grazina aus Litauen kennen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Sie ...

Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, hat beschlossen, sich von einer Brücke in den Fluss zu stürzen. Doch dann lernt er am Ufer Grazina aus Litauen kennen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Sie überredet ihn, nicht zu springen und stattdessen bei ihm einzuziehen – eine Situation, von der beide profitieren sollen, denn Grazina kämpft mit den Geistern ihrer Vergangenheit und ihrer Gesundheit, während Hai nicht zu seiner Mutter zurückkehren kann, weil er ihr ein ganz anderes Leben vorspielt.

Nach „Auf Erden sind wir kurz grandios“ und zwei Gedichtbänden ist „Der Kaiser der Freude“ nun der zweite Roman von Ocean Vuong; die deutsche Übersetzung verfassten Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl. Die Handlung wird von einem allwissenden Erzähler in der dritten Person und der Vergangenheitsform erzählt. Die Sprache ist dabei, wie man es vom Autor gewohnt ist, sehr poetisch, voller Vergleiche und langer Umschreibungen.

Um Grazina finanziell zu unterstützen, sucht Hai sich in einem Diner Arbeit, wo sich eine bunte Mischung an Außenseitern zusammengefunden hat, von denen jede/r seinen eigenen Träumen nachhängt: Hais Cousin Sony möchte zum Beispiel seinen Vater wiedersehen, der die Familie vor vielen Jahren verlassen hat, Chefin BJ sehnt sich nach einer Karriere als Wrestlerin. So vielfältig wie die Charaktere sind auch die Themen der Handlung: Rassismus, abwesende Eltern, enttäuschte Erwartungen, Neurodivergenz, Armut, Traumata usw. Diese Fülle habe ich nicht unbedingt als positiv wahrgenommen, denn sie lässt die Geschichte unbestimmt und schwammig wirken.

Vuongs Roman ist stark in seinen zwischenmenschlichen Begegnungen, vor allem in den Szenen, in denen Hai Grazina durch die schlimmen Phasen hilft, in denen sie sich immer noch im Krieg glaubt. Darüber hinaus will das Buch einfach zu viel. Die schöne Sprache des Autors verpufft oft im Nichts, der Protagonist bleibt blass, obwohl die Handlung sehr umfangreich ist. Etwas weniger Nebenhandlung und verschachtelte Sätze, dafür etwas mehr Tiefe – das hätte „Der Kaiser der Freude“ für mich gebraucht.

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Veröffentlicht am 26.05.2025

Ein Streifzug durch patriarchale Mythen

Witches, Bitches, It-Girls
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Mit „Das Patriarchat der Dinge“ hat die Autorin und Journalistin Rebekka Endler ein Werk vorgelegt, an das ich immer wieder denken muss und aus dem ich immer wieder zitiere – meistens, wenn ich wütend ...

Mit „Das Patriarchat der Dinge“ hat die Autorin und Journalistin Rebekka Endler ein Werk vorgelegt, an das ich immer wieder denken muss und aus dem ich immer wieder zitiere – meistens, wenn ich wütend bin. Nun ist mit „Witches, Bitches, It-Girls“ ihr zweites Buch erschienen, in welchem sie in insgesamt 9 Kapitel darstellt, wie patriarchale Mythen uns prägen, wie sie unser Denken und Handeln bestimmen und wie wir das Patriarchat selbst weiter am Laufen halten.

Bei Rebekka Endler beginnt und endet alles mit Pandora, einem perfekten Beispiel der weiblichen Schuldigen, die – wie auch schon die biblische Eva – für alle Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird. Doch was muss die Antwort sein, auf all diese „patriarchalen Beben“, die sich aktuell auf der ganzen Welt ereignen? Der Autorin zufolge kann es da nur eine Antwort geben: intersektionaler Feminismus.

Das Buch beschäftigt sich mit einer wahren Vielzahl an Themen: Die ständige Inszenierung der Frau als Opfer und Objekt, der angeblich zunehmende „Männerhass“ oder die Instrumentalisierung der als „Karen“bezeichneten genervten Frau. Darüber hinaus entlarvt sie Mythen, wie die der angeblich gehäuft auftretenden Falschanschuldigungen gegen Männer, die Ideologie der Tradwives oder die Darstellung der filles fatales in Film und Literatur. Besonders wichtig fand ich das Kapitel „Ist die Frau der Frau eine Wölfin“, denn wenn wir ehrlich sind, leisten auch wir Frauen oft genug dem Patriarchat Vorschub – Rebekka Endler nimmt sich da selbst nicht aus. Dennoch bleibt am Ende, wie bei Pandora, die Hoffnung.

„Witches, Bitches, It-Girls“ versteht sich als Brücke zwischen den unterschiedlichsten feministischen Sachbüchern und verhandelt daher keines der Themen erschöpfend. Endler bezeichnet ihr Buch selbst als einen „anekdotischen Streifzug“ und genau das ist es, was man als Leser*in erhält. Das wirkt manchmal ein wenig sprunghaft und hin und wieder ist in den Kapiteln das übergreifende Thema nicht ganz klar. Zudem hätte ich mir noch eine Literaturliste gewünscht. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau; ein wichtiges, aber auch unterhaltsames Buch.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Interessante Idee, bleibt aber fragmentarisch

Tokyo Sympathy Tower
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Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem ...

Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem Park in Shinjuku entstehen und in dem die Insassen ein luxuriöses Leben führen sollen. Eine Meinung will sie sich zum Projekt nicht erlauben – und dass, obwohl es in ihrer Vergangenheit durchaus ein Erlebnis gibt, weswegen sie den Turmbau ablehnen müsste.

„Tokyo Sympathy Tower“ ist das erste Werk der Autorin Rie Qudan, das ins Deutsche übersetzt wurde – und zwar von Ursula Gräfe, die auch schon die Texte von Haruki Murakami oder Sayaka Murata übertrug. Der Roman schildert die Ereignisse vor und nach dem Bau des Turms, wobei der Erzähler sowohl die Perspektive von Sara, als auch die ihres 15 Jahre jüngeren Liebhabers Takuto Tojo einnimmt. Das ist durchaus spannend, weil beide – vielleicht aufgrund ihres Alters, vielleicht aber auch aufgrund ihres Charakters oder ihrer Erfahrungen – eine sehr unterschiedliche Haltung zum Turm aufweisen.

Das Konzept, das zum Bau des Turms führte, erdachte der Soziologe und Glücksforscher Masaki Seto. Ihm zufolge steht dem „Homo felix“, dem glücklichen Menschen, der „Homo miserabilis“ gegenüber, also derjenige, der unser Mitleid verdient. So möchte er Kriminelle von nun an bezeichnet wissen und fordert unsere Empathie für Menschen ein, deren Schicksal oder Umstände ihnen weniger günstige Karten in die Hände gespielt haben. Dass diese Haltung nicht jeder teilt und es zu Demonstrationen, Bomben- und Morddrohungen und schließlich auch zu einem Attentat aufgrund des Turmbaus kommt, scheint nicht weiter verwunderlich.

Die Autorin stellt hier zwei sehr gegensätzliche Haltungen einander gegenüber, deren Wahrheit wohl irgendwo dazwischenliegt. Takuto unterstützt den Bau des Turms und lebt nach der Fertigstellung selbst dort. Der Journalist Max Klein, der einen Artikel über ihn schreiben soll, vertritt die Gegenposition. Ihm ist der Gedanke verhasst, dass Verbrecher im Luxus leben sollen, während er selbst zu kämpfen hat. Ein grundsätzlich sehr interessanter Roman, der aber fragmentarisch wirkt.

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