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Veröffentlicht am 05.02.2025

Interessante Sozialstudie mit hart arbeitender Heldin

Frau Hempels Tochter. Roman
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Laura lebt mit ihren Eltern in einem Berliner Mietshaus. Ihr Vater ist Schuster, die Mutter Portiersfrau (= Hausmeisterin) des Gebäudes. Beide arbeiten hart, damit ihre Tochter aufsteigen und ein besseres ...

Laura lebt mit ihren Eltern in einem Berliner Mietshaus. Ihr Vater ist Schuster, die Mutter Portiersfrau (= Hausmeisterin) des Gebäudes. Beide arbeiten hart, damit ihre Tochter aufsteigen und ein besseres Leben führen kann. Vor allem Frau Hempel nimmt stets zusätzliche Aufgaben an und knüpft wichtige Kontakte, um Laura zu unterstützen. Als diese als Kindermädchen in den Haushalt eines Bankdirektors eintritt, beginnt sie von einem Leben in Wohlstand zu träumen. Doch dann fällt ihr im Fenster gegenüber ein junger Mann auf.

„Frau Hempels Tochter“ von Alice Berend erschien erstmals im Jahr 1913. Als jüdische Schriftstellerin geriet sie ab 1933 in den Fokus der Nationalsozialisten, ihre Werke wurden verboten und sie musste in die Schweiz und später nach Italien auswandern. Die Handlung wird von einem auktorialen Erzähler vermittelt, der uns einen Blick in die Köpfe der Figuren, aber auch auf das große Ganze werfen lässt. Im Mittelpunkt stehen Mutter und Tochter Hempel, was der Titel bereits ausdrückt. Laura ist zwar die Protagonistin, wird hier aber nur in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter benannt.

Frau Hempel ist das, was wir heute eine „Macherin“ nennen würden. Sie arbeitet viel und spart eisern – die Zukunft ihrer Tochter hat für sie höchste Priorität. Als sie das verlockende Angebot erhält, eine Badeanstalt zu kaufen, greift sie zu und spannt Mann und Tochter mit in das neue Familienunternehmen ein. Laura hingegen gibt sich hauptsächlich ihren Träumen hin und folgt den Vorschlägen ihrer Mutter, ohne selbst nachzudenken. Als sie sich in einen verarmten Grafen verliebt, scheint die Beziehung keine Zukunft zu haben, denn beide Parteien wünschen sich gesellschaftlichen Aufstieg und benötigen somit eigentlich eine „gute Partie“.

Frau Hempel ist für mich die heimliche(?) Protagonistin und eine bemerkenswerte Frau, die genau versteht, wie Klasse funktioniert und wie man sich von ihren Fesseln befreit. Interessant ist hierbei, dass auch sie sich gelegentlich den Dünkel erlaubt, den sie an Höhergestellten unerträglich findet – eine spannende Sozialstudie mit einer hart arbeitenden Heldin.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Gute Idee mit mäßiger Umsetzung

Shanghai Story
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Es ist das Jahr 2040 und das Ehepaar Leo und Eko Yang hat es in Shanghai zu Wohlstand gebracht. Doch die Beziehung der beiden ist belastet, denn beide träumen davon, anderswo, mit einem anderen Menschen ...

Es ist das Jahr 2040 und das Ehepaar Leo und Eko Yang hat es in Shanghai zu Wohlstand gebracht. Doch die Beziehung der beiden ist belastet, denn beide träumen davon, anderswo, mit einem anderen Menschen neu anzufangen. Auch die drei Töchter Yumi, Yoko und Kiko haben ihre ganz eigenen Probleme. Yumi ist egoistisch und macht sich ständig über ihre jüngere Schwester Yoko lustig. Die ist eher zurückhaltend und beschäftigt sich lieber mit Zahlen als mit Menschen. Yukiko, das Nesthäkchen, von allen nur „Baby Kiko“ genannt, will ein Star werden und dafür ist ihr jedes Mittel recht. Doch wie konnte es soweit kommen? Wie sind die Yangs als Familie an diesen Punkt gelangt?

In „Shanghai Story“ (deutsche Übersetzung von Jan Schönherr) erzählt Juli Min die Geschichte der Familie Yang von der Ehe der Eltern bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Interessant dabei ist, dass nicht chronologisch, sondern rückwärts berichtet wird. Wir starten also im Jahr 2040 mit einer zerrütteten Familie und bewegen uns rückwärts auf den Juli 2014 zu, in welchem Leo und Eko geheiratet haben. Durch diese besondere Art des Erzählens erfahren wir oft nicht, was aus bestimmten Ereignissen oder Figuren geworden ist, einiges erhält jedoch nach und nach einen Sinn, wenn wir z.B. zunächst von der Wirkung einer Angelegenheit lesen und später erst die Ursache in der Vergangenheit finden.

Die Mitglieder der Familie Yang bleiben, vielleicht aufgrund der Art zu Erzählen, den gesamten Roman hindurch nur schwer greifbar. Sie alle sind nicht sonderlich sympathisch und miteinander bilden sie eher eine Zweckgemeinschaft, als eine echte Familie. Sie sprechen nicht über Probleme, gehen einander aus dem Weg, halten nach außen hin aber die Fassade einer perfekten reichen Familie aufrecht. Einblicke in das Leben ihrer Angestellten, wie des Fahrers oder des Kindermädchens, ergänzen das Bild.

Grundsätzlich folgt „Shanghai Story“ einer guten Idee, die Umsetzung ist aber wenig gelungen. Das Rückwärts-Erzählen bringt keinerlei Gewinn und verkompliziert die Geschichte nur. Auch die Botschaft am Ende des Romans bleibt leider unklar.

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Veröffentlicht am 29.01.2025

Geschichte über eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung

Die Gabe
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Eine Schriftstellerin ist todkrank und will noch ein allerletztes Gedicht schreiben. Dazu zieht sie vom Krankenhaus in die kleine Wohnung ihrer Tochter in Tokios Rotlichtviertel. Die versucht, ihre Arbeit ...

Eine Schriftstellerin ist todkrank und will noch ein allerletztes Gedicht schreiben. Dazu zieht sie vom Krankenhaus in die kleine Wohnung ihrer Tochter in Tokios Rotlichtviertel. Die versucht, ihre Arbeit als Hostess vor der Mutter zu verbergen, aber es ist ein komplizierter Tanz der beiden um die Wahrheit und die Beziehung zwischen ihnen bereits belastet. Kann die Mutter das Leben der Tochter akzeptieren? Oder sind sich beide vielleicht ähnlicher, als sie denken?

„Die Gabe“ ist der Debütroman der japanischen Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki und wurde von Katja Busson ins Deutsche übersetzt. Die Handlung wird ausschließlich aus der Perspektive der Tochter in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt – hier wäre der Blickwinkel der Mutter sicherlich auch interessant gewesen, doch diesen erhalten wir nur an einer Stelle gegen Ende des Romans, durch eine andere Figur.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist kompliziert. Schon zu Beginn erfahren wir, dass die Tochter mehrere Narben am Körper trägt, für welche die Mutter verantwortlich ist. Nach und nach kommen weitere Puzzleteile hinzu, bis wir am Ende die Situation kennen, die zu dieser Verletzung geführt hat – dennoch bleibt vieles unklar. Auf der einen Seite steht eine Mutter, deren Erfolg als Schriftstellerin ausblieb und die ihr Kind allein großzog. Auf der anderen Seite ist eine Tochter, die stets ihre Grenzen ausgetestet hat, die sich aber auch mit Schuldgefühlen herumschlägt. Erst der nahende Tod der Mutter ermöglicht einen Dialog zwischen beiden.

„Die Gabe“ ist ein stiller, kleiner Roman, in welchem die Protagonistinnen namenlos bleiben und in welchem, objektiv betrachtet, nicht viel geschieht. Dennoch entwickelt der Text eine ungeheure Kraft und schafft es, die Komplexität familiärer Beziehungen darzustellen. Darüber hinaus wird hier auch ein realistischer Blick auf die Arbeit im Rotlichtviertel geworfen. Die Tochter hat alle ihre Freundinnen und Kontakte dort, man unterstützt sich gegenseitig. Allerdings hat sich auch kürzlich eine dieser Freundinnen das Leben genommen. Ein wirklich lesenswerter Roman!

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Ein wichtiges, aber schwer zu ertragendes Buch

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
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Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, ...

Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, genau um 20.25 Uhr, erhält sie einen Anruf ihrer Mutter, Gisèle Pelicot. Ihr Vater Dominique wurde verhaftet, weil er ihre Mutter über etwa 10 Jahre hinweg betäubt, anderen Männern zum Missbrauch angeboten und die Taten ins Internet gestellt hat. Im Laufe der Ermittlungen soll sich herausstellen, dass auch sie auf Fotos ihres Vater zu sehen ist, ebenso wie ihre beiden Schwägerinnen.

„Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ wurde von Michaela Meßner und Grit Weirauch ins Deutsche übersetzt und enthält Caroline Darians tagebuchartige Aufzeichnungen vom 1.11.2020 bis zum 28.11.2021. Der Prozess gegen ihren Vater ist also nicht Bestandteil des Buches, wird aber im Vorwort kurz angesprochen. In der Ich-Form versucht die Autorin, das Geschehene zu verarbeiten; vor allem der Gedanke, Tochter des Opfers und des Täters gleichzeitig zu sein, beschäftigt sie. Immer wieder lässt sie in kursiver Schrift Erinnerungen an den Vater einfließen, gute und schlechte, und spricht ihn direkt an.

„Warum habe ich nichts von all dem geahnt?“, das fragen sich Caroline und ihre Familie, dabei gab es durchaus Anzeichen. Gisèle Pelicot hatte häufig Erinnerungslücken und gynäkologische Probleme. Der Vater geriet ständig in finanzielle Schwierigkeiten und das Ehepaar war bereits einmal geschieden, heiratete dann aber wieder. Gefasst wurde Dominique Pelicot nur, weil er drei Frauen unter den Rock fotografiert hatte und diese ihn anzeigten – eine mutige Tat, die seiner Ehefrau vermutlich das Leben rettete. Mutter und Tochter reagieren sehr unterschiedlich auf die Geschehnisse: Gisèle versucht, einzelne Dinge zu leugnen und bringt ihrem Peiniger sogar warme Kleidung ins Gefängnis; Caroline wütet und rechnet mit dem Verbrecher ab, der nicht länger ihr Vater ist. Dieser schreibt währenddessen Bittbriefe aus dem Gefängnis, inszeniert sich als Opfer und spricht von seiner Frau ironischerweise als der „Liebe meines Lebens“.

Dieses Buch ist nicht einfach zu lesen, aber es ist ein enorm wichtiges. „Die Schuld muss die Seite wechseln“, das sagt die Autorin in ihrem Text und aus diesem Grund wollte ihre Mutter auch, dass der Prozess in der Öffentlichkeit stattfindet. Caroline hat inzwischen einen Verein gegründet, um sich für die Opfer der so genannten „chemischen Unterwerfung“ einzusetzen – die in Deutschland übrigens keinen eigenen Straftatbestand darstellt!

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Spannender Jugendthriller auf engem Raum

Five Survive
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Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem ...

Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem Weg zum ersten Campingplatz verfahren sie sich und landen mit einem platten Reifen irgendwo im Nichts. Sie steigen aus, wechseln das Rad und wollen gerade wieder losfahren, da ertönen Schüsse. Nun sind alle Reifen zerfetzt und der Benzintank leer – doch wer lauert dort draußen auf sie und warum?

Ja, ihre Bücher mögen gehypt sein, aber Holly Jacksons Geschichten funktionieren einfach für mich. Schon ihre „A Good Girls’ Guide to Murder“-Trilogie fand ich sehr spannend und auch „Five Survive“ wartet mit vielen unerwarteten Wendungen und einer erdrückenden, aufgeladenen Stimmung zwischen den Figuren auf. Die deutsche Übersetzung stammt von Cherokee Moon Agnew. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Red, so dass wir als Leser*innen immer nur ihren Wissensstand haben – wobei von Beginn an klar ist, dass auch Red Dinge vor uns verbirgt.

Es ist eine bunt gemischte Truppe, die sich im Wohnmobil befindet. Red, deren Mutter ermordet wurde und die ihn ärmlichen Verhältnissen lebt, Maddy, ihre beste Freundin und deren älterer Bruder Oliver, die beide reich sind. Reyna, Olivers Freundin, die – wie Red – nie ganz dazugehören wird, weil sie ebenfalls aus eher prekären Verhältnissen stammt. Simon, der sich als Spaßmacher gibt und Arthur, ein Freund von ihm, den eigentlich keiner so genau kennt. Schließlich meldet sich der Schütze von außerhalb: einer der 6 Freunde hat ein Geheimnis und wenn er oder sie es nicht preisgibt, werden alle sterben.

Im Wohnmobil entwickelt sich eine unheimliche Machtdynamik. Aus anfänglicher Teamarbeit und ausgetüftelten Fluchtplänen werden schnell gegenseitige Anschuldigungen. Vor allem Red gerät in den Fokus und muss sich fragen, wem sie eigentlich noch trauen kann und ob es vielleicht nicht doch sie selbst ist, die mit dem schrecklichen Geheimnis gemeint ist. Ein wirklich spannender Jugendthriller, an einigen Stellen vielleicht etwas konstruiert.

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