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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2025

Bildinterpretationen auf Japanisch

HEN NA E - Seltsame Bilder
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Selten so eine Kuriosität in Buchformat in den Händen gehalten. Geschrieben hat es ein Mensch, der sich Uketsu nennt, wer sich dahinter verbirgt, weiß niemand, da diese Person sich nicht zu erkennen gibt. ...

Selten so eine Kuriosität in Buchformat in den Händen gehalten. Geschrieben hat es ein Mensch, der sich Uketsu nennt, wer sich dahinter verbirgt, weiß niemand, da diese Person sich nicht zu erkennen gibt. Dann ist dieser Kriminalroman so aufgebaut, dass Bilder eine sehr zentrale Rolle spielen und die sind auch alle abgedruckt zwischen dem Text.
Ich kann schon mal verraten, dass es mir ganz gut gefallen hat, weil es einfach mal was andere ist mit diesen Bildern zu arbeiten beim Lesen. Sonst sehr japanisch zurückhaltend und leise im Ton. Obwohl es auch zu sehr blutigen und horrormäßigen Szenen kommt.
Dieses durchschimmernde Böse zwischen all den vermeintlich normalen Schichten macht den Roman aus.
Auch die Übersetzung aus dem Japanischen von Heike Patzschke ist sehr zu loben. Liest sich flüssig und gut. Toll fand ich, dass neben den Zeichnungen die Schriftzeichen vom Original erhalten geblieben ist und nur daneben die deutsche Übersetzung stand.
Schwer etwas über den Inhalt zu schreiben ohne zu spoilern. Es beginnt mit einer Vorlesung in der eine Psychologin auf die Kraft der Bilder eingeht und wie bei traumatisierten Menschen das Gezeichnete genau angeschaut werden sollte. Dann gibt es einen Cut und 3 verschiedene Kapitel folgen. Zunächst war ich verwundert, ob das alles einen Sinn erbeben wird und – einziger spoiler – ja, es ergibt einen Sinn. Aber lest selbst!
Fazit: Für alle Krimifans, die gerne mal was anderes lesen und sich mit Hilfe der Bilder auf die Färten begibt!

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  • Spannung
Veröffentlicht am 26.03.2025

Ein Norweger erzählt uns aus dem Jahr 1681 über Leipzig

Die Lungenschwimmprobe
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Tore Renberg legt mit Die Lungenschwimmprobe einen historischen Roman vor, der nicht nur spannend erzählt, sondern auch tief in die Abgründe einer Zeit eintaucht, in der Wissenschaft gegen Aberglauben, ...

Tore Renberg legt mit Die Lungenschwimmprobe einen historischen Roman vor, der nicht nur spannend erzählt, sondern auch tief in die Abgründe einer Zeit eintaucht, in der Wissenschaft gegen Aberglauben, Gerechtigkeit gegen Machtmissbrauch und Menschlichkeit gegen Fanatismus kämpft. Die Geschichte um die junge Anna Voigt, die im Leipzig des Jahres 1681 des Kindsmords beschuldigt wird, ist spannend erzählt und entfaltet sich zu einem vielschichtigen Gesellschaftsbild des 17. Jahrhunderts. Wer an historischen Stoffen interessiert ist, hat hier einen Volltreffer!
Was dieses Buch ausmacht, ist seine kluge Mischung aus historischer Genauigkeit und erzählerischer Kraft. Der Norweger Tore Renberg versteht es, authentische Figuren zum Leben zu erwecken – der fortschrittliche Arzt, der mit seiner bahnbrechenden Methode den Grundstein für die moderne Rechtsmedizin legt, der mutige Anwalt, der gegen alle Widerstände kämpft, und der unbarmherzige Ankläger, der mehr einem Inquisitor als einem Richter gleicht. Doch auch die Nebenfiguren haben Gewicht und machen die Erzählung noch glaubhafter. Besonders gelungen ist die Art, wie er die barocke Welt mit all ihren Widersprüchen und Grausamkeiten einfängt – vom Rechtssystem, das Frauen wie Anna schutzlos zurücklässt, bis hin zur Allgegenwärtigkeit der Kirche, die nicht nur Trost, sondern auch unbarmherzige Kontrolle ausübt.
Das Buch liest sich trotz seiner über 700 Seiten flüssig, denn Tore Renbergs Sprache ist direkt, klar und gleichzeitig voller Atmosphäre. Er vermeidet blumige Übertreibungen und setzt stattdessen auf eine Bildkraft, die das Geschehen fast greifbar macht. Man riecht förmlich den modrigen Kerker, spürt die Kälte der Folterkammer und das beklemmende Gefühl der Ohnmacht, das Anna und viele andere Frauen ihrer Zeit durchleben mussten.
Außerdem ist der Roman sehr gut übersetzt von Karoline Hippe und Ina Kronenberger, wie ich finde, auch wenn ich es mangels Norwegischkenntnissen nur aus Laienperspektive beurteilen kann.
Besonders gelungen ist die Verknüpfung von historischem Geschehen mit emotionaler Tiefe. Hier wird nicht nur ein Prozess erzählt, sondern das Schicksal eines Mädchens, das sich in einer Welt behaupten muss, die ihre Stimme nicht hören will. Und damit wird das Buch auch über seine Zeit hinaus relevant – es zeigt, wie schwer es ist, gegen festgefahrene Strukturen anzukämpfen und wie kostbar jedes bisschen Fortschritt ist.
Sehr gern gelesen.

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Veröffentlicht am 24.03.2025

Land gegen Stadt - nein, viel viel mehr drin in diesem Roman

Hier draußen
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Landleben, Idylle, Naturverbundenheit – so romantisch sich diese Begriffe auch anhören mögen, in Martina Behms Roman "Hier draußen" zeigt sich schnell: Das Dorfleben hat seine eigenen Tücken. Fehrdorf, ...

Landleben, Idylle, Naturverbundenheit – so romantisch sich diese Begriffe auch anhören mögen, in Martina Behms Roman "Hier draußen" zeigt sich schnell: Das Dorfleben hat seine eigenen Tücken. Fehrdorf, ein kleines holsteinisches Dorf, wird für die Großstädter Ingo und Lara Fenske zur Herausforderung. Die Menschen dort wissen, wo sie hingehören – nur die Neuzugezogenen straucheln. Und als Ingo auf dem Heimweg einen weißen Hirsch anfährt, geraten Aberglauben, Traditionen und die gut gehüteten Geheimnisse der Dorfbewohner ins Wanken.
Martina Behm bringt mit feinem Humor und einem messerscharfen Blick für Details das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land auf den Punkt. Ihre Figuren sind keine Klischees, sondern vielschichtig und lebendig. Besonders beeindruckend ist, wie sie verschiedene Perspektiven einnimmt: Mal erleben wir eine Szene durch die Augen eines Jungbauern, für den eine Rinderflucht vor allem peinlich ist, mal aus Sicht der wortkargen Landbewohner oder der überforderten Neuankömmlinge. Diese erzählerische Dynamik hält das Buch spannend und sorgt für eine außergewöhnliche Lebendigkeit.
Ein besonderes Highlight ist die atmosphärische Dichte: Staubige Landstraßen, schwere Landmaschinen, der weiße Passat der Fenskes – die Bilder, die die Autorin zeichnet, lassen mich mitten ins Geschehen eintauchen. Dazu kommt ihre schnörkellose, pointierte Sprache, die das Buch zu einer echten Leseperle macht. Besonders gelungen ist auch, wie sie die ungeschönte Realität des Landlebens zeigt: das harte Dasein der Landfrauen, die Herausforderungen der Landwirtschaft und die Frage, was "Bio" wirklich bedeutet.
"Hier draußen" ist ein Roman, der viel mehr ist als nur eine Stadt-gegen-Land-Geschichte. Er ist scharf beobachtet, klug erzählt und wunderbar unaufgeregt in seinem Humor. Wer literarische Unterhaltung ohne Kitsch und Klischees sucht, wird an diesem Buch große Freude haben. Und nach dem letzten Satz bleibt nur eine Frage: Wann kommt mehr von Martina Behm?

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Ein Buch, dem man sich mit Konzentration widmen sollte

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Rabea Edels Roman "Portrait meiner Mutter mit Geistern" entfaltet eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Raisa ...

Rabea Edels Roman "Portrait meiner Mutter mit Geistern" entfaltet eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Raisa und ihrer Mutter Martha, die von unausgesprochenen Wahrheiten und generationsübergreifenden Traumata geprägt ist. Die Autorin verknüpft persönliche Schicksale mit historischen Bezügen und schafft eine poetische Reflexion über Erinnerung, Verlust und das Erbe der Vergangenheit.
Allerdings verliert sich der Roman zunehmend in einer komplexen, fast labyrinthischen Erzählstruktur. Zeitsprünge, Perspektivwechsel und lose Enden erschweren die Orientierung und lassen manche Handlungsstränge unvollendet erscheinen. Während kunstvolle Konstruktionen durchaus ihren Reiz haben, fehlte mir an manchen Stellen die innere Stringenz – zu oft hatte ich das Gefühl, dass einzelne Fäden ins Leere laufen oder nicht konsequent weiterentwickelt wurden. Diese narrative Unübersichtlichkeit schuf leider auch eine emotionale Distanz zu den Figuren, wodurch es mir schwerfiel, vollständig in ihre Schicksale einzutauchen.
Leider half dann auch die Ahnentafel nicht, da es dort Brüche zum Text gibt und die Jahreszahlen teilweise nicht stimmen können.
"Portrait meiner Mutter mit Geistern" ist zweifellos Ein Roman mit viel literarischem Feingefühl und starken Momenten. Doch wer sich eine stringent erzählte Geschichte mit klaren Linien wünscht, könnte sich in den kunstvollen Verästelungen verlieren. Trotz meiner Schwierigkeiten mit dem Aufbau des Romans erkenne ich das handwerkliche Können und die poetische Kraft der Autorin an. Insgesamt vergebe ich 2 von 5 Sternen und empfehle das Buch Leser:innen, die Freude an experimenteller, verschachtelter Erzählweise haben.
Vielleicht ist es einfach nicht meines oder mir fehlte momentan die Konzentration auf diesen Text.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Eine Ehe in den 50er Jahren der USA

Es geht mir gut
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Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. ...

Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. Der Mann als Ernährer und die Frau als Hausfrau und Mutter. Wer da nicht depressiv wird…und das auf beide Seiten. Jeder bleibt in einer traditionellen Rolle verhaftet, die eng und ungewollt ist, nur um einem Ideal der Gesellschaft zu entsprechen mit den Erinnerungen aus den Weltkriegen gepaart. Das schreit nach Ausbruch und so kommt es hier auch.
Leiser als erwartet, viel viel leiser als erwartet. Insgesamt hatte ich eine hohe Erwartungshaltung an diesen schmalen Band der leider nicht erfüllt wurde. Aber auch geschuldet der nicht so sonderlich geglückten Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Ob es im Original („The Most“) ist kann ich nicht beurteilen, denke aber schon, dass die Geschichte besser transportiert wird.
Es geht um die Ehe von Kathleen und Virgil. Beide seit 9 Jahren verheiratet und kürzlich nach Delaware gezogen. Er hat einen neuen Job angenommen und die Familie muss mit. Nun statt in einem Haus in einem heruntergekommenen Apartmentgebäude gelandet mit einem kleinen Pool, der scheinbar nie genutzt wird.
Über die Zeit kommen Unzulänglichkeiten, Fehler und Emotionen ans Licht für uns Leser:innen. Es hängt fortwährend eine depressive, kaum aushaltbare Stimmung in der Luft.
Toll ist die Schilderung was zu jener Zeit als „normal“ galt, der Norm entsprechend, welche Rolle Männer zugeschrieben wurde und wie Frauen zu sein hatten. Das ist aus meiner Sicht die große Stärke des Romans.
An der deutschen Ausgabe schätze ich die das tolle Cover sowie und die schöne Hardcoverausgabe!
Fazit: „Normal war nicht länger hinnehmbar“ (S. 151)

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