Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.02.2025

Drei Jungs - volles Leben

Pink Elephant
0

Drei Jungs – Ali, Tarek und Vincent. Vincent, das Opfer aus dem Reihenhaus. Ali und Tarek, Hochhauskinder, diejenigen, die ihn scheinbar grundlos vermöbeln. Es kommt zu einem Täter-Opfer-Gespräch und Vincent ...

Drei Jungs – Ali, Tarek und Vincent. Vincent, das Opfer aus dem Reihenhaus. Ali und Tarek, Hochhauskinder, diejenigen, die ihn scheinbar grundlos vermöbeln. Es kommt zu einem Täter-Opfer-Gespräch und Vincent wird neugierig. Ist er hier wirklich das Opfer?
Drei Freunde - Ali, Tarek und Vincent. Die drei kommen sich näher. Vincent findet hier mit seinen 14 Jahren etwas was er von zu Hause nicht kennt: echtes Leben. Seine Eltern sind karrieretechnisch auf der Überholspur, haben aber ihr Einzelkind wohlstandsverwahrlosen lassen. Vincent sieht in Tarek und Ali seine Crew.
Diese Geschichte rauscht förmlich auf eine Katastrophe zu. Toll erzählt und mit viel Bedacht formuliert. Spannend ist diese Coming-of-Age Geschichte auch alleine aus dem Grund, dass man in Frage stellen könnte, ob Luca Kieser es zusteht so einen Roman zu schreiben. Viele Klischees schwingen mit, wenn hier über den weißen privilegierten Jungen aus dem Reihenhaus gesprochen wird und den Kindern mit Migrationshintergrund, die im Hochhaus leben. Hierzu ist wohl recht viel an Auseinandersetzung im Bezug auf Rassismus in dieses Roman geflossen, zwei Sensitivity reader haben den Autor beraten. Ein genaues Lektorat und eine lange Auseinandersetzung des Autors mit den pain points. 10 Jahre lang hat Luca Kieser am Roman geschrieben.
Ich finde ihn gelungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.02.2025

Wie ein kleiner Junge und ein großer Junge Freundschaft schließen

Ein Liekesch für Jascha
0

Was um alles in der Welt ist ein Liekesch? Fragt man sich doch, wenn man diesen Titel liest: „Ein Liekesch für Jascha“. Recht einfach erklärt, denn der kleine Jaša aus Bosnien ist noch nicht so lange in ...

Was um alles in der Welt ist ein Liekesch? Fragt man sich doch, wenn man diesen Titel liest: „Ein Liekesch für Jascha“. Recht einfach erklärt, denn der kleine Jaša aus Bosnien ist noch nicht so lange in Deutschland, dass er jedes Wort in der Schule versteht und so wird kurzer Hand aus der Bemerkung der Sportlehrerin, dass Jaša ein paar Liegestütze machen soll um die dünnen Ärmchen aufzupeppen: Liekesch. DAS zentrale Element dieser Geschichte. Wo findet man dieses Sportgerät? Richtig, im Sportgeschäft, hier trifft er auf einen jungen Mann, Frank, der scheinbar Rechtschreibschwierigkeiten hat und seiner kürzlich verstorbene Mutter Briefe schreibt. Das eine kommt zum anderen und Frank und Jaša, den man allerdings Jascha ausspricht, haben sich gefunden.
Eine zarte Geschichte über das Leben mit all seinen Hürden die es so mit sich bringen kann. Ohne Belehrung, einfach mit viel Gefühl erzählt. Hier fühlen sich sicherlich viele abgeholt, die sich als defizitär empfinden. Tolle Geschichte und gut geschrieben von dem Duo Mehrnousch Zaeri-Esfahani & Frauke Angel. Wunderbar ist auch die Art wie Franks Briefe inklusive der Rechtschreibfehler (natürlich verbessert!) dargestellt werden. Großartig.
Auch tun die schönen Illustrationen von Barbara Jung natürlich auch noch viel mit dem Text. Beides ergänzt sich sehr gut.
Selbst lesbar ab der 2/3 Klasse. Die Altersangabe an 8 Jahren passt. Vorlesbar auch schon ab der Vorschule.
Fazit: Was ein herzallerliebstes Buch! Muss in alle Kinderzimmer einziehen, weil es nett ist und viel Wärme verströmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.02.2025

Eine Frau, die in den 50er Jahren in Hollywood eintaucht

Not your Darling
0

Eines dieser Bücher, die leicht starten und dann doch eine unerwartete Wendung nehmen und es "schwerer" wird. „Not your darling“ von Katherine Blake ist ein leicht lesbarer Roman, in dessen Zentrum Loretta ...

Eines dieser Bücher, die leicht starten und dann doch eine unerwartete Wendung nehmen und es "schwerer" wird. „Not your darling“ von Katherine Blake ist ein leicht lesbarer Roman, in dessen Zentrum Loretta Darling steht, die eigentlich anders heißt….denn sie ist aus Großbritannien durch einen Coup in den USA gelandet mit dem unverrückbaren Ziel: Hollywood. Sie erreicht ihr Ziel, lernt neue Leute kennen und ergattert Jobs, erst als Kellnerin und dann in der Branche ihrer Wahl: Makeup Artistin! Sie hat ein unvergleichliches Gespür ein Gesicht in Szene zu setzen und erarbeitet sich den Spitznamen LipGirl. Das ist aber nur eine Seite der Geschichte, es gibt auch sehr unangenehme Ereignisse, in ihrer Gegenwart und Vergangenheit.
Einerseits liest es sich locker und leicht, weil sie eine starke Frau ist, die sich dem ein und anderen Kniff bedient und so sich das Leben zu dem macht wie sie es braucht. Einschüchtern, dass klappt bei ihr nicht. Aber es sind nun mal die 50er Jahre und das Patriachat und deren misogyne Ausprägungen werden hier sehr deutlich aufgezeigt. Machtlos und wehrlos stehen Frauen diesem oft gegenüber. Zum Schreien!
Dieser Roman kombiniert die Leichtigkeit und den Aufbruch in ein neues Leben mit dem furchtbaren männlichen Selbstverständnis mehr Macht zu haben. Auch hier wird differenziert was ich gut fand, es gibt auch positive Männer, die sich anders verhalten.
Leider sind so mache Szenen entweder einem schnellen Lektorat zum Opfer gefallen oder die Übersetzung passt nicht ganz. Oder beides. Die Figuren lesen sich so manches Mal etwas hölzern und dann wunderte es mich und die Geschichte kommt mental ins Stocken.
„Wir kommen allein auf diese Welt und verlassen sie allein wieder. Was wir in der Zwischenzeit machen, liegt an uns. Also, halt an deinen Plänen fest, was auch immer du für welche hast. Setz sie um, und lass dich von niemandem ablenken, besonders nicht von den Männern. Deine Ambitionen sind das einzige Glück, das du jemals empfinden wirst.“ (S 186)

Ansonsten, eine Frau, die ihren Weg geht, sehr konsequent handelt, auch wenn es so manches mal drüber ist und kämpft für eine neue bessere Zukunft in vielerlei Hinsicht. Es gibt herrliche Stellen, diese überzeichneten Momente, wo Loretta nonchalant die anderen an die Wand spielt.

Durch das Setting in Kalifornien in den 50er Jahren musste ich ab uns an, an "Eine Frage der Chemie" denken und wenn es um das Aufsteigen und das Vorankommen geht, dass Loretta so stark an den Tag legt, hatte ich "City of Girls" im Hinterkopf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2025

Ein literarisches Juwel

Umlaufbahnen
0

Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes ...

Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes beim Lesen.
Samantha Harvey nimmt uns mit in eine Raumstation, in der vier Männer und zwei Frauen (davon 2 Kosmonauten) inmitten der Unendlichkeit des Alls die Erde sechzehnmal am Tag umkreisen. Diese scheinbar einfache Prämisse entfaltet eine unendliche Komplexität. Die Protagonist:innen schweben nicht nur physisch, sondern auch emotional und existenziell – zwischen der Sehnsucht nach dem Planeten, den sie hinter sich gelassen haben, und der Ehrfurcht vor der erhabenen, verletzlichen Schönheit dieser leuchtenden Kugel im Nichts. Die Idee, diese Dualität zwischen Nähe und Distanz, zwischen Isolation und universeller Verbindung zu erforschen, ist schlicht genial.
Die Prosa ist von einer sprachlichen Eleganz, die ihresgleichen sucht. Die Beschreibungen der Erde aus dem All – „diesiges blassgrün schimmerndes Meer“ oder „Gran Canarias steile, strahlenförmige Schluchten wie eine eilig gebaute Sandburg“ – sind so präzise und poetisch, dass man das Gefühl hat, die Welt tatsächlich mit den Augen der Astronaut:innen zu sehen. Die Erde wird zur Diva in einem Ozean der Leere, gleichzeitig majestätisch und fragil.
Die fragmentarische Struktur des Romans, die auf klare Handlung und Spannungsbögen verzichtet, spiegelt die Schwerelosigkeit des Settings wider. Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen treiben wie Partikel im Raum und bilden ein einzigartiges literarisches Mosaik. Der Booker Prize 2024 ist sehr verdient gewonnen.
Der Roman wird von existenziellen Überlegungen durchzogen wie ein stilles Pulsieren, verstärkt durch die persönlichen Geschichten der Astronaut:innen: die sterbende Mutter einer Raumfahrerin, die Fragen einer Tochter, die Sehnsucht nach Blumen vor einem Fenster in Moskau. Es macht das Lesen so wahnsinnig intensiv. Das letzte Mal, dass ich mich so unbedeutend klein in diesem Universum fühlte, war am Abgrund des Grand Canyon.
Die Isolation des Alls bringt die Charaktere nicht nur einander näher, sondern auch sich selbst. Samantha Harvey zeigt mit großem Einfühlungsvermögen, wie widersprüchlich der menschliche Geist ist: der gleichzeitige Wunsch, zurückzukehren, und für immer zu bleiben. Diese Paradoxien machen das Buch so zutiefst menschlich und berührend.
Der Roman ist auch äußerst gut von Julia Wolf übersetzt. Großartig auch, dass sie es auf den Klappentext hinten geschafft hat. Immerhin außen sichtbar. Tolle Übersetzungsleistung.
Fazit: Dieser Roman ist große Kunst! Ein außergewöhnliches Buch, das sowohl Herz als auch Verstand anspricht. Wer sich auf die Schwerelosigkeit dieser poetischen Reise einlässt, wird nicht nur die Erde, sondern auch sich selbst mit neuen Augen sehen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
0


“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...


“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere