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Veröffentlicht am 12.06.2020

Eine kleine Steigerung zu Band 1

Silber – Das zweite Buch der Träume
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Das Wiedersehen mit Liv bereitet überraschend viel Freude. Sie ist so herrlich normal und bodenständig; immer noch ein bisschen zu naiv und kindlich für ihr Alter aber eben so immer noch ein Segen für ...

Das Wiedersehen mit Liv bereitet überraschend viel Freude. Sie ist so herrlich normal und bodenständig; immer noch ein bisschen zu naiv und kindlich für ihr Alter aber eben so immer noch ein Segen für die Geschichte. Sie sprüht nur so vor Lebendigkeit, wirkt authentisch und hat manchmal die dümmsten Ideen. Charmant verpackt leistet sie sich also den ein oder anderen Fauxpas und bringt den Leser damit immer wieder zum Schmunzeln. So lässt sich zwar nicht jede Handlung komplett nachvollziehen, lässt sich aber am Ende doch durch ihre Eigenheit erklären. Mit ihr mitzufiebern ist wunderbar leicht; man nimmt den Draht, den man in Band 1 schon zu ihr aufgebaut hat, einfach wieder auf und verspürt die identischen Gefühle ihr gegenüber, wie man es bereits kennt. Liv ist manchmal vorlaut, manchmal frech, manchmal unreif und manchmal ein wenig schwer von Begriff – sie ist in so mancher Hinsicht unerfahren, kann durchaus mal an den Nerven des Lesers zerren, aber am Ende ist man ihr nie böse; weil sie einfach so liebenswert und greifbar rüber kommt.
Mia, Liv’s kleine Schwester, übernimmt hier in diesem zweiten Band eine weitere Hauptrolle. So lernen wir das Mädchen noch ausgiebiger, noch intensiven und noch tiefgründiger kennen. Kerstin Gier brachte noch eine interessante, humorvolle Fakten zu Mia mit ein und hielt so die Spannung aufrecht. Mia ist eine zuckersüße Persönlichkeit, die definitiv ihre Eigenheiten hat, aber dadurch nicht weniger liebenswert wirkt. Allein ihre Liebe zu Sherlock Holmes und der Detektiv-Arbeit ganz allgemein lassen sie schon unglaublich sympathisch werden. Kurz um: man fiebert hier in dieser Fortsetzung mindestens genau so sehr mit Mia mit, wie man es mit Liv tut.
Weitere Charaktere gibt es natürlich auch wieder – und zwar einige. Von den beiden Stiefgeschwistern der Mädchen, über Mitschüler bishin zu Freunden, Feinden und lästigen Stief-Familienmitglieder. Ein jeder ist, wie schon im vorherigen Teil der Trilogie, ausreichend detaillreich und greifbar ausgearbeitet. Es gab sowohl die, die man prompt ins Herz schließt, die, die man von der ersten Sekunde gefressen hat und die, in denen man sich radikal getäuscht hat. Diese Undurchsichtigkeit, die der ein oder andere an den Tag legte, beeindruckte mich beinah mehr, als er ganze Rest des Buches – immerhin schafften es besagte Charaktere komplett, mich hinters Licht zu führen.

Zum Schreibstil von Kerstin Gier braucht man nun wirklich nicht mehr viele Worte verlieren. Wunderbar leicht, einfach und trotzdem bildhaft und atmosphärisch erzählt sie uns die Geschichte von Liv und ihrer Traumwelt und setzt dabei besonders Humor, Charme und Lebendigkeit. Selten konnte mich ein anderer Autor mit so einer Leichtigkeit einnehmen, wie es Kerstin Gier hier mal wieder gelingt. Und obwohl es sich nicht in Worte fassen lässt, was genau ihre Art und Weise eine Story zu transportieren, so besonders macht, empfinde ich ihre Bücher allein des Stils wegen schon immer als einzigartig.
Als Sahnehäubchen dient dann letztlich die Sprecherin. Simona Pahl macht wieder einen mega genialen Job – anders lässt es sich nicht beschreiben. Sie hat eine so angenehme Stimmfarbe, erzählt eindringlich und authentisch und verleiht mittels verschiedenen Stimmlagen jeder Situation die entsprechende Atmosphäre. Dabei bringt sie sowohl die düsteren Passagen perfekt rüber, als auch den Witz. Fand ein bisschen kindlich verstellt sie ihre Stimme, schenkt jedem Charakter eine Eigenheit und übertrifft sich von Kapitel zu Kapitel immer wieder selbst.

Die Geschichte schließt natürlich an den Vorgänger an – so sind die Begebenheiten die selben geblieben; ebenso wie Charaktere, Setting und Worldbuilding. Jedoch gab es in Band 1 bereits die Anfänge einer Grundstory, die sich auch hier durch dieses Buch zieht. Jedoch schafft es Kerstin Gier, dass Band 2 wie eine ganz neue Geschichte wirkt. Fast so, als wäre es ein neuer Fall, den es für Liv – aber dieses Mal auch für ihre kleine Schwester Mia – zu lösen gilt. Mittels bekannten Elementen, eingebaut in eine sehr erfrischende, charmante Storyline, schafft die Autorin diese heimelige Wohlfühl-Atmosphäre, aber eben gleichzeitig auch eine gewisse Portion Spannung. Dadurch, dass sich hier vieles um Mia dreht, die man als Leser ohnehin schon ins Herz schließen muss aufgrund ihrer zuckersüßen Art, fiebert man noch einmal deutlich intensiver mit, als man es aus dem ersten Teil kennt. Auch hier ist es wieder keine Handlung, die einen komplett vom Hocker reißt, aber sie weiß zu unterhalten und teilweise richtig zu fesseln. Selbst die ein oder andere Überraschung bleibt nicht aus. Besonders besagte Grundidee lässt den ein oder anderen Grusel-Moment entstehen und die Neugier des Lesers entfachen. Super unvorhersehbare Wendungen gibt es dabei nicht, aber das brauchte dieses Buch auch gar nicht, um zu funktionieren. Was es jedoch gebraucht hätte, wäre ein wenig mehr Tempo gewesen. Gerade im mittleren Teil der Geschichte kommt eine gewisse Ruhe auf – Ruhe, in der sich die Autorin viel mit dem Zwischenmenschlichen befasst und Liv’s Liebesleben thematisiert. Hätte man das ein wenig mehr „nebenbei“ einfließen lassen, wäre es sicher dynamischer gewesen. Aber man sollte auch bedenken, dass ich eigentlich schon sehr lange nicht mehr zur Zielgruppe gehöre und deshalb kann ich über solche kleinen Kritikpunkte durchaus hinwegsehen.
Gen Ende nahm die Geschwindigkeit aber zum Glück nochmal zu und mir gefiel, für welche Abwicklung sich Kerstin Gier entschied. Das zog diese Spannungsmomente nochmal ein wenig in die Länge, sodass man einfach mehr davon hatte. Gut gelöst und ein stimmiges Ende für diesen zweiten Band. Und tatsächlich auch mit einem kleinen Cliffhanger versehen, um möglichst schnell Band 3 und somit das große Finale der Trilogie lesen, oder besser gesagt hören, zu wollen.

FAZIT:
Ich tu mir immer schwer, meine Empfindungen zu Kerstin Gier’s Bücher in Worte zu packen, schlicht weil es stets so klingt, als hätte ich es nicht gemocht. Dem war allerdings nicht so – im Gegenteil! Band 2 dieser Trilogie überzeugt noch ein ganzes Stück mehr und lässt das Leserherz so manches Mal höher schlagen; und zwar nicht nur vor Spannung oder auch vor aufkommenden Gefühlen. Die Problematik mit der Protagonistin, ausgelöst durch ihre recht unreife, kindliche Art, blieb zwar bestehen, doch da sich hier auch vieles um Mia dreht, gleicht sich das beinah gänzlich aus. Von mir eine absolute Empfehlung, mit dem Vermerk, dass es eben eher ein jüngeres Publikum bedienen soll. Es kann aber, wie man sieht, auch die Erwachsenen wunderbar unterhalten.

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  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 12.06.2020

Das wohl emotionalste und allgemein beste Buch, das ich jemals gelesen habe.

A Wish for Us
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Wo genau fängt man mit einer Rezension an, wenn einem die Worte fehlen? Tillie Cole hat mit „A wish for us“ eindeutig bewiesen, dass ihr Schreibstil jede Grenze in Sachen Normalität durchbricht. Wunderbar ...

Wo genau fängt man mit einer Rezension an, wenn einem die Worte fehlen? Tillie Cole hat mit „A wish for us“ eindeutig bewiesen, dass ihr Schreibstil jede Grenze in Sachen Normalität durchbricht. Wunderbar herzzerreißend, voller Gefühl und zutiefst berührend erzählt sie die Geschichte von Cromwell und Bonnie. Der einfache Stil passt pefekt zu der ansonsten so beklemmenden, niederschmetternden Storyline. Mit ganz „leichten“ Worten erzeugt sie dabei eine so intensive, emotionale und mitreißende Atmosphäre, die einfach in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt. Und dieses einmalige Erlebnis, so intensiv in die Welt der Musik abtauchen zu können, darf ebenfalls nicht aus den Augen verloren werden neben all den Gefühlen – denn die Musik ist es, die mindestens so viel Zeit und Raum einnimmt, wie die Lovestory. Glaubwürdige Dialoge und nebenbei einfließenden Beschreibungen sorgen für Lebendigkeit und Fortschritt und einen fortwährenden Lesefluss. Dieses Buch aus den Händen zu legen, war mir stellenweise wirklich unmöglich, nicht zuletzt auch wegen den fiesen Kapitelenden, die stets mit einem Cliffhanger abgeschlossen wurden und den Leser quasi zwangen, dran zu bleiben. Wäre es kein Buddyread gewesen, bin ich mir sicher, dass ich innerhalb von wenigen Stunden durch die Geschichte gerauscht wäre.

Die Gliederung, in Form der beiden verschiedenen Perspektiven, brachte jede Menge Abwechlung ins Spiel, besonders deshalb, weil mit Bonnie und Cromwell zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinander treffen und jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Cromwell, der gefeierte Newcomer im EDM-Bereich und Bonnie, die Einzelgängerin, die Klassische Musik über alles liebt. Doch während sie auf den ersten Blick wie Feuer und Wasser, wie Tag und Nacht, wie Schwarz und Weiß wirken, offenbaren sich sehr schnell erste Gemeinsamkeiten. Aber reicht das, um diese unüberbrückbare Distanz zu mindern? Beide haben ihre ganz eigene Arten, mit dem Schicksal fertig zu werden und genau diese Unterschiedlichkeit macht die beiden aus – sowohl getrennt, als auch in Kombination.
Cromwell, der seine Sorgen, Nöte und Ängste in Alkohol ertränkt und nur abschalten kann, wenn er am Mischpult steht, ist ein durch und durch gebrochener Charakter. Seine Mauern, die er um sich und sein Herz gebaut hat, erinnern an Wolkenkratzer und zum ersten Mal, seit ich New Adult lese, hab ich diese Mauern selbst gespürt. Er gibt sich kalt, distanziert – tut alles, um sich selbst; aber auch sein Umfeld zu schützen. Seine Piercings und sein über und über tätowierter Körper machen ihn auch optisch besonders – und dabei auch noch immens attraktiv. Nicht jede Reaktion, nicht jede Aktion ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, doch im Laufe der Zeit, lernt man mit seiner Art umzugehen. Man lernt zu verstehen und dieser Prozess war so einmalig, so authentisch und so wunderbar, dass Cromwell sicher für immer einen Platz in meinem Herzen haben wird. Doch auch er selbst macht eine Entwicklung durch, die ganz deutlich mitschwingt aber nur langsam, Schritt für Schritt, an die Oberfläche dringt.
Doch auch Bonnie funkelt stärker als jeder Diamant. Die schüchterne, graue Maus, die sich am liebsten hinter ihren Instrumenten versteckt, ist so herzerwärmend liebenswert, dass es beinah weh tut. Dabei lässt sie sich aber durchaus aus der Reserve locken und dann kann sie auch mal für sich einstehen und ihre Interessen vertreten. Dieses „aus sich raus kommen“ war wunderschön zu beobachten, weil es ihr einfach Leben einhaucht und sie so noch greifbarer macht. Aber was wirklich weh tut ist, zu beobachten, wie sie von Cromwell behandelt wird. Man leidet automatisch mit ihr mit; schlägt sich auf ihre Seite und müsste den herzlosen Arsch eigentlich hassen – doch man kriegt es einfach nicht hin; man liebt ihn – genau so wie man Bonnie liebt und jedes Aufeinandertreffen der Beiden ist Segen und Fluch zugleich für den Leser. Bonnie durchlebt im Vergleich zu Cromwell eine eher weniger offensichtliche Entwicklung, und doch ist sie da und lässt Bonnie an sich selbst und ihren Aufgaben wachsen.
Ja selbst die Randfiguren stechen so krass aus der Masse heraus – da wäre Easton, der wohl den größten Teil in Sachen Nebenrolle einnimmt. Bonnie’s Zwillingsbruder ist eine wahre Bereicherung, denn er bringt, im Gegensatz zu den Protagonisten, sowas wie Lebensfreude in die Handlung. Seine lebensbejahende, offenherzige und sympathische, quirrlige Art tut unheimlich gut und sorgt immer wieder für Auflockerung. Doch auch der Professur der Uni ist nicht so unwichtig, wie man auf den ersten Seiten noch denkt – er nimmt auch einiges an Raum ein; ist dabei sympathisch, greifbar und voller Lebendigkeit. Alle anderen, wie Kacey zum Beispiel, waren ausreichend beleuchtet, um sie sich problemlos vorstellen zu können und mehr war in dieser Hinsicht auch gar nicht nötig.

Die Idee hinter „A wish for us“ ist uns allen bekannt. Schwere Vergangenheit, Verlust, Angst, Distanz, neues Leben, neue Chance, Bad Boy trifft auf Good Girl – das alles haben wir hier und da schon mal gelesen. Doch das, meine Lieben, ist nur der Grundgedanke hinter diesem Werk. Hier zählt ganz klar die Umsetzung und die Realisierung der Idee. Denn Tillie Cole setzt alles auf eine Karte: Gefühle! Sie berührt auf einer Ebene, die einen komplett in den Würgegriff nimmt und nicht mehr loszulassen scheint. Von der ersten Sekunde an fühlt man sich an die Seiten gefesselt, eingehüllt in diese einnehmende Atmosphäre. Cromwell und Bonnie schicken uns auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und wecken in uns Emotionen, die besser tief verborgen geblieben wären. Gefühle, die einem streckenweise wortwörtlich den Atem abschnüren, uns zutiefst bedrücken und die uns allen die Tränen in die Augen treiben. Dabei gibt es so viele, überraschende Wendepunkte innerhalb der Handlung, sodass der Ausgang bis kurz vor Schluss komplett undurchsichtig bleibt. Hochgradig mitreißend, abwechslungsreich und dank vielen einfallsreichen, kleinere Plots dauerhaft spannend. Ich habe noch nie etwas derartiges beim Lesen empfunden – ich habe noch nie in meinem Leben so sehr wegen zwei fiktiven Charakteren geweint – und vor allem nicht so oft innerhalb eines einzigen Buches. Tillie Cole hat mein Herz in tausend Teile zerrissen, es in mühseliger Kleinarbeit wieder zusammengeflickt, nur um es dann wieder mit einer solch gewaltigen Wucht zu zertrümmern, die ihresgleichen sucht. Ich gebe zu: ich habe mehrfach mit dem Gedanken gespielt, das Buch vorläufig abzubrechen, weil ich diesen Emotionen nicht standhalten konnte. Ich habe oft nach Atem gerungen, diesen riesigen Kloß im Hals versucht runterzuschlucken; aber es war unmöglich. Diese Geschichte hatte mich so sehr im Griff, dass ich mich manchmal zu labil fühlte, um auch nur noch eine einzige Seite daraus zu lesen. Das große Finale kam dann, gefühlt viel zu schnell, mit einem riesigen Knall. Man ahnt, worauf es hinauslaufen wird, aber jede einzelne der zig Theorien, die man im Laufe der Geschichte aufgestellt hat, ist nichts im Vergleich mit dem, was wir dort erleben müssen. Wenn man der Einstieg und der Mittelteil so derart emotional und schmerzhaft war; wie soll sich dann das letzte Drittel beschreiben lassen? Eigentlich gar nicht – weil es sich nicht in Worte fassen lässt, was dieses Finale mit dem Leser anstellt. Weinen, lachen, hoffen, bangen, toben, uvm. – und das alles in einer einzigen Sekunde. Es spielt sich so viel auf einmal ab, es passiert gefühlt alles in einem einzigen Moment und schlägt man das Buch dann letztlich zu, fühlt man sich komplett verloren und ruhelos. Ich habe oben schon angeschnitten, dass ich die Geschichte erst einmal sacken lassen musste; und genau so war es. Nichts, aber auch gar nichts hat mich jemals so in seinen Bann gezogen und so tief im Herzen berührt wie dieses Buch.

FAZIT:
„A wish for us“ von Tillie Cole ist – unbeschreiblich. Es lässt sich nicht in Worte fassen, wie hier mit den Gefühlen des Lesers gespielt wird; wie gebannt und gefesselt man durch bloße Worte sein kann; wie grenzenlos das Talent der Autorin tatsächlich ist. Wundervolle Charaktere, ein hochgradig emotionaler Schreibstil und eine so schmerzhafte, herzzerreißende Handlung machen dieses Buch zu mehr als nur einem Highlight. Es war ein Genuss in die Welt von Bonnie und Cromwell abzutauchen, aber gleichzeitig auch eine Tortur, ihre Story mitzuerleben. Kurz um: es war ein einmaliges Lese-Erlebnis; das so schnell nichts mehr toppen wird. Emma Scott war ja schon berührend, aber gleichzeitig auch rein gar nichts, im Vergleich zu diesem Werk. Eine Geschichte, die absolut nichts für schwache oder labile Gemüter ist. Verdiente 5 Sterne plus.

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Veröffentlicht am 12.06.2020

Absolut solider Thriller mit viel Undurchsichtigkeit

Ein Tod ist nicht genug
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In „Ein Tod ist nicht genug“ begnen wir gleich mehreren Hauptfiguren, die scheinbar alle einen entscheidenden Teil zur Handlung beitragen. An vorderster Front steht Harry Ackerson, ein 22-jähriger junger ...

In „Ein Tod ist nicht genug“ begnen wir gleich mehreren Hauptfiguren, die scheinbar alle einen entscheidenden Teil zur Handlung beitragen. An vorderster Front steht Harry Ackerson, ein 22-jähriger junger Mann, dem mit einer einzigen Nachricht der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Sein Vater soll verunglückt sein. Doch nicht nur, weil Harry seinen Vater gut kannte und wusste, dass er fit war, sondern auch weil sein Bauchgefühl ihm das verriet, glaubt er nicht an einen Unfall. Harry ist ein interessanter Charakter, wirkte auf mich aber oft wesentlich älter als Anfang 20. Allein von seinem Auftreten her und seine Handlungen wirkte er mehr wie Mitte/Ende 30 und ich tu mir noch immer schwer, das alles in Einklang zu bringen. Sehen wir über diesen Punkt aber man hinweg, war Harry ein Mann, den man durchaus nachvollziehen konnte und der stets bedacht und überlegt handelte. Teilweise etwas schweigsam, teilweise ein wenig „altmodisch“, aber im Großen und Ganzen sympathisch. Er hatte einfach eine ganz eigene, eher distanzierte Art an sich, mit der man sich als Leser erst einmal anfreunden muss. Eine gesunde Neugier, die er scheinbar in die Wiege gelegt bekommen hat, treibt ihn an und hält die Story am Laufen.
Neben Harry lernen wir aber auch seine Stiefmutter Alice kennen, indem sie vom Autor eine eigene Zeitebene verpasst bekommen hat. Das heißt, wir springen regelmäßig zwischen der Gegenwart von Harry und der Vergangenheit von Alice hin und her. Dies sorgte vor allem dafür, dass wir Alice ziemlich eingehend und über eine sehr langen Zeitraum begleiten, immerhin spielt sie auch in der heutigen Zeit noch eine wichtige Rolle und begegnet uns da, neben Harry, ebenfalls noch. Alice ist ein total vielschichtiger Charakter, der überrascht, schockiert und irgendwie begeistert. Diese Frau, die in ihrem Leben schon so viel erleben musste, passt exakt zu der Alice, die wir an Harry’s Seite kennenlernen. Und sie passt in dieses Buch wie keine andere. Dabei lässt sich gar nicht so recht in Worte fassen, was sie so anders macht – aber sie ist es; definitiv. Sie ist so unnahbar, so gefühllos und trotzdem irgendwie ein Sympathieträger. Das hilft jetzt sicher keinem groß weiter, der mehr über meine Meinung zu ihr erfahren will, aber ich kann es nicht greifen, was sie zu dem machte, was sie ausmachte. Wichtig ist eigentlich aber nur, dass sie eine wahre Bereicherung für die Geschichte war und so viel an Spannung, interessanten Elementen und Tiefgang mit sich brachte, dass man sie einfach gern begleitete.
Daneben gab es aber noch andere Persönlichkeiten, die die Charaktere aufwerteten. Da war die mysteriöse Frau bei der Beerdigung, von der man unbedingt und möglichst schnell so viel wie möglich wissen möchte, um aufzuklären, wer sie ist. Und es gab Jake, Alice’s Mutter und Gina – sie alle waren ausreichend detailliert und tiefgründig ausgearbeitet und dargestellt, um sich ein Bild von ihnen zu machen. In Sachen Charaktere hat Peter Swanson also wieder sämtliche Punkte abgeräumt – war aber auch nicht anders zu erwarten.

Der Schreibstil punktet genau so. Peter Swanson hat eine sehr angenehme Art, eine Geschichte zu erzählen und schafft es trotz einfacher Sprache und wenig Aufwand, eine packende, düstere Stimmung zu erzeugen. Die war es dann letztlich auch, was so fesselt. Man kann ohne Anstrengung, einfach abtauchen und sich von den Worten des Autors mitreißen lassen. Dabei bringt er gar nicht so viele Beschreibungen oder Details ein, erzeugt aber trotzdem ein klares, fortlaufendes Bild der Geschehnisse. Auch die Gliederung begeistert wieder – wie oben schon angeteasert, hat sich Peter Swanson wieder für zwei Zeitebenen entschieden. Wir lesen also die Gegenwart an Harry’s Seite, bekommen aber eben auch besagten Einblick in Alice‘ Vergangenheit, der durch diese eigene Ebene enorm eingehend ausfällt. Anfangs befürchtete ich noch, das würde dem Ganzen zu viel vorweg nehmen, doch schnell wird klar, dass eigentlich beide Aspekte quasi ihre eigene Geschichte erzählen, die dann einfach später ineinandergreifen. Für mich ein absolutes Phänomen, weil sich beides so gut ergänzt und die Spannung so noch einmal auf eine andere Stufe angehoben wird. Top gemacht! Ehrlich!

Die Idee hinter diesem Thriller ist grundsätzlich, von oben betrachtet, nichts Neues. Ein mysteriöser Unfall, der den Verdacht aufkommen lässt, dass mehr dahinter steckt. Die Ermittlungen der Polizei sind ebenfalls ein Faktor, nehmen aber einen eher geringen Teil des Buches ein. Stattdessen konzentriert sich der Autor rein auf die Familien; auf die Lebensumstände; auf die vielen kleinen Nebeneinflüsse, die der Geschichte so viel Gutes tun. Die Spannung ist von der ersten Sekunde an greifbar, weil sich prompt einige Fragen auftun, die es zu klären gibt. Dabei fährt die Handlung hier, im Gegensatz zu „Alles was du fürchtest“, nicht mit angezogener Handbremse, sondern ist durchgängig zügig und temporeich. Interessante neue Entdeckungen von Harry oder andere Wendungen treiben die Story ebenfalls voran und lassen so keine Langeweile entstehen. Dazu kommt, dass sich immer, wenn eine offene Frage beantwortet wird, etliche neue aufkommen. Man weiß einfach nie so recht, woran man gerade ist und jedes Mal, wenn man meint, man habe das Ziel des Buches durchschaut, wird die Geschichte in eine andere Richtung gelenkt. Obwohl ich kein Neuling auf diesem Gebiet bin und behaupten kann, dass ich vieles kommen sehe, war ich hier durchweg komplett planlos. Im Nachhinein hat sich allerdings dann herausgestellt, dass es dem Leser ohnehin nicht möglich gewesen wäre, die Auflösung zu entschlüsseln, ehe sie vonstatten geht. Dafür lagen durchweg zu wenige Infos offen, um auf diese Idee zu kommen. Das ist dann leider auch der entscheidende Punkt: ich hätte mir ein wenig mehr Hinweise gewünscht, die auf das Ende hindeuten, damit das ganze Mitraten und Miträtseln auch einen Sinn ergibt.
Das Ende hatte es aber, in Sachen Spannung und Überraschung noch einmal in sich. Hoch brisant wird das Ganze aufgelöst und ist voller Höhepunkte. Selbst innerhalb der Schluss-Teils wechselt Peter Swanson noch einmal die Richtung und ändert im letzten Moment einfach alles. Vor allem die allerletzte Szene lässt einen beinah aufkeuchen, weil man damit einfach nicht gerechnet hätte.
Alles in allem eine bekannte Idee, geschickt insziniert und erzählt. Mit viel Spannung, vielen Wendungen, einem (fast zu) neugierigen Protagonisten, der die Arbeit der Polizei übernimmt und einer unvorhersehbaren (ob das nun so gut ist, lasse ich mal dahin gestellt) Auflösung und einem spektakulären Schlusspart.

FAZIT:
„Ein Tod ist nicht genug“ von Peter Swanson ist ein undurchsichtiger, temporeicher Thriller, der einfach Spaß macht. Außergewöhnliche Charaktere, ein angenehmer, flüssiger und leicht zu lesender Schreibstil und eine stimmige, düstere Atmosphäre runden das Ganze schließlich ab. Einziger Fleck auf der ansonsten reinweißen Weste: zu wenig Hinweise um auf diese Auflösung zu kommen; so war das Mitraten und Miträtseln einfach irgendwie sinnlos. Ansonsten gibt’s aber wieder eine Empfehlung und ich freue mich, auf das nächste Buch des Autors!

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Veröffentlicht am 12.06.2020

Sehr anschaulich und intensiv, aber nicht ganz perfekt.

Der Wintersoldat
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„Der Wintersoldat“ ist, stilistisch betrachtet, eher schwere Kost. Das Buch liest sich nicht einfach so schnell weg; es bedarf Aufmerksamkeit und Konzentration und hin und wieder den Griff zu Google, um ...

„Der Wintersoldat“ ist, stilistisch betrachtet, eher schwere Kost. Das Buch liest sich nicht einfach so schnell weg; es bedarf Aufmerksamkeit und Konzentration und hin und wieder den Griff zu Google, um das ein oder andere Wort nachschlagen zu können. Daniel Mason erzählt dabei sehr eingehend und detailliert, setzt auf Fachbegriffe und eine authentische Sprache für die damalige Zeit. Dass das nicht in Jugendbuch-Manier vonstatten geht, ist nur nachvollziehbar. Doch trotz des eher langsamen Lesetempos, das man hier unweigerlich an den Tag legt, fesselt die Geschichte rein durch Wortwahl und unzählige geschickt geplatzierte Beschreibungen. Greifbare Bilder lassen einen durchgängigen Film im Kopf entstehen und versetzen den Leser inmitten die Eiseskälte der Karpaten. Es herrscht also eine drückende, dichte Atmosphäre, die einzunehmen weiß. Erzählt wird dabei in teils sehr langen Kapiteln, die sich teilweise über 50 Seiten erstrecken. Für mich streckenweise ein wenig anstrengend, doch man gewöhnt sich schnell an die Begebenheiten und arrangiert sich damit. Allgemein fand ich die Gliederung aber insgesamt absolut gelungen und die Kapitelenden wurden exakt dorthin gelegt, wo sie hingehörten, um für möglichst viel Motivation zu sorgen und weiterlesen zu wollen.

Lucius als Protagonist brauchte ein paar Seiten lang, ehe er greifbar wurde. Es fällt einem, vor allem als Nicht-Mediziner, recht schwer, sich mit ihm zu identifizieren, da er einfach rein für sein Studium lebt. Doch hat man sich erst einmal an den eher wortkargen, zurückhaltenden Einzelgänger gewöhnt, ist es unglaublich interessant, seinen Werdegang – und sein Leben ganz allgemein – zu begleiten. Lucius unterscheidet sich in so vielerlei Hinsicht von anderen Protagonisten und ist deshalb wunderbar erfrischend und anders; und dementsprechend großartig! Natürlich spielen auch die damaligen Lebensumstände eine tragende Rolle, doch mir bereitete es größte Freude, Lucius immer näher und näher kennen zu lernen. Er hatte definitiv ein Herz, wenngleich das manchmal hinter seiner unbeholfenen und unerfahrenen Art verborgen blieb. Aber genau das machte ihn auch so liebenswert. Die Verbindung zu ihm vertiefte sich also von Kapitel zu Kapitel und mit ihm mitzufiebern wurde immer leichter. Dabei legte er eine so deutliche, authentische Entwicklung an den Tag und wuchs an jeder seiner Aufgaben. Nicht jeder Gedankengang; und auch nicht jede Handlung war komplett nachvollziehbar; doch das war auch gar nicht nötig. Wichtig war, dass man ihn im Groben und Ganzen glaubhaft fand und seine Reaktionen ihren Teil zur Geschichte beitrugen. Außerdem sollte man niemals ausser acht lassen, dass sich Zeiten nunmal ändern und wir uns definitiv nicht mit den Menschen, die während des ersten Weltkriegs gelebt haben, vergleichen sollten.
Neben Lucius gab es aber auch noch ein paar weitere Figuren, die alle für sich sehr interessant waren. Der eine blieb aufgrund seiner Position als unwichtiger Nebencharakter recht blass, doch die tragenden Nebenrollen hatten vom Autor alle ihre ganz eigenen Ecken und Kanten und besonderen Merkmale verpasst bekommen. So zum Beispiel Lucius‘ Eltern, die beide sehr eindrücklich aufzeigen, wo die damaligen Werte lagen. Oder aber Margarete, die Ordensschwester, die mein Herz im Sturm erobern konnte; einfach indem sie zupackte. Tat, was getan werden musste und sich vor keinerlei Arbeit zu schade war. Diese drei, und noch einige weitere tun einiges für den Verlauf der Geschichte und hauchen der gesamten Storyline noch einmal zusätzliches Leben ein.

Die Geschichte, die schon vor dem ersten Weltkrieg beginnt, ist extrem gut durchdacht und ausgearbeitet. Daniel Mason hat hier einen wirklich tollen Job gemacht, indem er ausgezeichnet recherchiert, geplant und in Szene gesetzt hat. Wir bekommen schon durch den Prolog erste Einsichten in eine spätere Szene, ehe wir „zum Anfang“ springen und alles vorn erleben. Dies erzeugt eine unausweichliche Neugier im Leser, der natürlich dann wissen möchte, wie es dazu kam und das danach noch geschieht. Doch zuvor lernen wir Lucius erst einmal kennen; erfahren von seiner Liebe zur Medizin und seinem Studium. Selbst kurze Einschnitte aus Lucius‘ Kindheit bleiben nicht aus, was dem Charaktere zusätzlichen Tiefgang verleiht und vieles von dem, was er später noch denkt oder tut, verständlich macht. Dabei setzt er Autor aber keineswegs auf einen irren Spannungsbogen, sondern eher auf Inhalt und Sprache. Ganz unaufgeregt erzählt er uns von Lucius‘ Werdegang, dessen Studium und allem, was nebenbei noch passiert und was er erlebt. Er erzählt vom Familienleben des Protagonisten und von seinen beiden einzigen Freunden. Erst nach und nach zieht dann der Krieg und die damit einhergehende Problematik auf. Die Stimmung wird düsterer, drückender und auf eine unterschwellige Spannung wird auch nicht verzichtet. Trotzdem ist und bleibt die Geschichte eher ruhig. Actiongeladene Szenen gibt es nicht, stattdessen Einblicke in das Leben während dieser schwierigen Zeit. Gefallene Kameraden, Soldaten, die mehrere Gliedmaßen verlieren und durch posttraumatische Belastungsstörungen quasi den Verstand verlieren, stehen an der Tagesordnung. Das ganze schockiert in einem Ausmaß, dass nur schwer begreiflich ist. Doch eben weil Daniel Mason alles so selbstverständlich beschreibt, wird es zur bitteren Realität. Es geht nicht nur um das Lazarett, in dem Lucius fortan als Arzt arbeitet, sondern eben auch die ganz allgemeinen Fakten zum ersten Weltkrieg – welche Länder sind wo eingefallen, welche Gebiete wurden eingenommen, usw. Doch neben all dieser Grausamkeit, die hier herrscht, werden die Emotionen nicht vergessen. Anthony Doerr (Pulitzer-Preisträger 15) sagt über „Der Wintersoldat“, es sei eine Mischung aus Krimi, Kriegs,- und Liebesgeschichte und damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Daniel Mason hat Undurchsichtigkeiten eingebaut, eine Reise zu sich selbst, eine herzzerreißende Liebesgeschichte und eben den Krieg. Diese Mischung ist ihm nahezu perfekt gelungen, auch wenn der Krimi vielleicht ein wenig hinten an stehen muss.
Der Schlusspart, der sich über mehrere (sehr lange) Kapitel erstreckt, bringt dann doch nochmal etwas von der erhofften Spannung mit und überzeugt durch einige interessante Wendungen und einen sehr überraschenden Schlusspunkt. Etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe, und das mich sehr sprachlos und bedrückt zurückließ. Ein Werk, das man erst einmal sacken lassen muss.

FAZIT:
„Der Wintersoldat“ von Daniel Mason ist ein fachlich perfekt recherchiertes Werk voller Authensität, Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit. Mittels eines angenehmen, atmosphärischen Schreibstils tauchen wir als Leser in den Alltag während des ersten Weltkriegs ein und bekommen einen realistischen Einblick in das damalige Leben eines jungen Medizinstudenten. Mit einer ganz unaufgeregten Art erzählt der Autor von Krieg, Tod und schweren Verletzungen, aber auch von Hoffnung, Liebe und Freundschaft. Nicht perfekt, aber definitiv ein Erlebnis und noch definitiver einen Blick wert. Für alle, die sich für die Zeit rund um den ersten Weltkrieg und vielleicht sogar für Medizin interessieren, ein Muss.

  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.06.2020

Sehr interessante, spannende Hexen-Geschichte!

Game of Gold
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Shelby Mahurin entschied sich für eine äußerst vorlaute, selbstbewusste und teils freche Protagonistin. Lou unterscheidet sich schon auf den ersten Seiten ganz deutlich von anderen Hauptfiguren und erschlich ...

Shelby Mahurin entschied sich für eine äußerst vorlaute, selbstbewusste und teils freche Protagonistin. Lou unterscheidet sich schon auf den ersten Seiten ganz deutlich von anderen Hauptfiguren und erschlich sich mit ihrer mutigen, kämpferischen Art prompt meine Bewunderung – und einen Platz in meinem Herzen. Obwohl sie alles andere als liebenswürdig war, fiel es mir dennoch nicht schwer, sie zu mögen. Sie zu begleiten, bereitet einfach Freude und sie ist darüber hinaus auch ständig für neue Überraschungen gut. Sie lässt sich nichts gefallen, sie ist wortgewandt, klug und voller kreativer Ideen. Gleichzeitig lässt die Autorin aber auch immer wieder Lou’s Schwachpunkte durchblitzen und ihre Eigenheiten verleihen der jungen Hexe eine Einzigartigkeit, wie man sie oftmals vergeblich sucht. Louise, wie sie mit vollem Namen heißt, ist nicht austauschbar; ohne sie hätte die ganze Geschichte nicht funktioniert. Es bedurfte ihrer Lebendigkeit und ihrer mitreißenden, einnehmenden Aura, damit die Handlung in diesem Tempo voranschreiten konnte. Wäre Lou ein zartes Mauerblümchen gewesen, wäre niemals diese Atmosphäre und Dynamik aufgekommen, die das Buch brauchte. Niemals wäre so viel Zündstoff vorhanden gewesen und niemals hätte ich so mit ihr mitgefiebert, wie ich es schlussendlich tat. Für „Game of Gold“ gab es keine passendere Besetzung als diese junge Frau voller Geheimnisse, Herz, Zuversicht und Kampfgeist.
Doch auch der männliche Part konnte sich definitiv sehen lassen. Reid ist ein „Soldat“ durch und durch. Seine ganze Ausstrahlung schreit nach Autorität, Tapferkeit und unerschütterlicher Treue. Obwohl er gerade zu Beginn noch recht unnahbar und unantastbar wirkte, entwickelte ich dann doch recht zügig einen Draht zu ihm. Reid Grigory besitzt eine äußerst harte Schale, und sein Vertrauen zu gewinnen schien beinah unmöglich. Doch über kurz und lang ließ die Autorin durchscheinen, dass sich hinter der Fassade ein ordentlicher Kerl mit einem doch recht großen Herz versteckt. Reid machte die wohl deutlichste Entwicklung innerhalb der Geschichte durch. Während er anfangs noch die Augen vor dem Offensichtlichen verschloss, begann er immer mehr an sich und seiner Einstellung zu zweifeln. Gen Ende war er kaum noch wiederzuerkennen und das allein brachte ihm ein gehöriges Maß an Pluspunkten ein.
Jetzt rückblickend waren es aber nicht die Protagonisten und ihre Persönlichkeiten allein, die so begeisterten – sondern die Dynamik untereinander. Hier spielen auch die Nebenfiguren eine ganz wichtige Rolle, indem sie, jeder für sich, weitere interessante Eigenschaften in den Topf warfen und so weiteren Zündstoff erzeugten. Egal ob sympathisch oder nicht, sie alle lenkten die Richtung der Handlung. Übrigens: und das ist beinah das wichtigste in Puncto Charaktere: sie alle schienen irgendwas zu verbergen. Und jedes Mal wenn man glaubte, jemanden durchschaut zu haben, änderte sich wieder alles.

Der Schreibstil der Autorin vermittelt derweil ein glasklares Bild des mittelalterlich-angehauchten Settings. Dank einfacher und verständlicher Sprache ist der Lesefluss wunderbar leicht und wird zu keinem Moment durch unnötige Beschreibungen oder gar Stolpersteine unterbrochen. Shelby Mahurin erzeugt durch ihre Wortwahl eine stimmige Atmosphäre, die mitreißt und einnimmt und schafft so den Spagat zwischen actionreicher Fantasy-Story und interessanter Mittelalter-Geschichte. Sowohl ruhige, wie auch temporeiche Passagen sind perfekt dargestellt und erzeugen die nötige Stimmung. Die hitzigen Wortgefechte wurden ebenso gut in Worte gefasst, wie adrenalin-gespickte Spannungsmomente. Erzählt wird dabei stets abwechselnd aus den Sichten der Protagonisten. Dabei sind beide für sich allein sehr spannend in Szene gesetzt und ergänzen sich auf ganzer Linie, um die Dynamik des Buches aufrecht zu erhalten.

Die Idee hinter „Game of Gold“ birgt einiges an Überraschungen. Da es ohnehin nur wenige Hexen-Geschichten gibt, ist der Spielraum für solche Handlungen dementsprechend groß. Lou’s Erlebnisse innerhalb des Buches sind deshalb sehr erfrischend und innovativ, wenn auch nicht gänzlich neu. Trotzdem baut die Autorin schon früh einen Spannungsbogen auf und füttert diesen immer wieder mit neuen Plots und Geschehnissen, die jede Form von Langeweile im Keim ersticken. Bereits auf den ersten Seiten sind einige „Dinge“ passiert, die den Leser quasi sofort und ohne Umschweife an die Geschichte binden. Danach nimmt die Geschwindigkeit allerdings erstmal ab und es passiert wenig nennenswertes. Trotzdem lässt dieses „gefesselt sein“ zu keiner Sekunde auch nur annähernd nach – im Gegenteil! Je näher man die Figuren kennenlernt und je mehr Interaktionen zwischen ihnen geschehen, umso tiefer zieht es den Leser ins Geschehen hinein. Natürlich gibt es immer wieder Wendungen, doch so richtig actionreich und explosiv wird es lange Zeit erstmal nicht. Es ist selbst mir ein Rätsel, wieso ich dennoch so gefangen war. Selbst in den Stunden, in denen ich nicht las, grübelte ich fast ununterbrochen über den weiteren Verlauf nach oder dachte mit Freuden daran, später weiterlesen zu können. Es war wohl der Tatsache geschuldet, dass es allein durch die Protagonisten einiges an Zündstoff gab. Natürlich sind sich die Hexe und der Hexenjäger lange Zeit Spinne Feind und das allein trug eben auch dazu bei, immer weiter und weiter lesen zu wollen. Bleibt das Verhältnis zwischen den beiden so? Bringen sie sich irgendwann doch noch um? Oder nähern sie sich an und es gibt ein Happy End? Fragen über Fragen, und nur wer das Buch selbst liest, wird darauf antworten erhalten.
Das Ende dieses ersten Bandes öffnete dann aber auch endlich die Türen für Action, Spannung, Rasanz – oder kurz um: das große Gefecht. Was für ein Schlussteil! Über mehrere Kapitel überrascht die Autorin mit einer Wendung nach der anderen, setzt auf Kampf, List und den großen Twist, der den ganzen weitere Verlauf der Reihe in eine völlig neue Richtung lenkt. Atemlos, wie ich war, hetzte ich durch die letzten Seiten und konnte kaum glauben, was ich da alles erfuhr. Das meine lieben Freunde, war der Inbegriff von Wow-Effekt und Feuerwerk. Ein grandioser Schluss, der einiges der zuvor aufgekommenen Ruhe wieder gänzlich wettmachte und einfach überzeugte. Außerdem hat Shelby Mahurin im letzten Satz noch einen bitterbösen Cliffhanger eingebaut, sodass die Vorfreude auf Band 2 auch bei mir beinah ins Grenzenlose schoss. Ich möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht!

FAZIT:
„Game of Gold“ von Shelby Mahurin ist ein absolut mitreißendes, spannendes Debüt mit einzigartigen Protagonisten, interessanten und abwechslungsreichen Nebenfiguren, einem atmosphärisch dichten Stil und einer Handlung, von der die Welt definitiv mehr braucht. Die Hexen in diesem Roman sind etwas ganz besonderes und sehr vielschichtig und greifbar ausgearbeitet. Keine Hexe gleicht der anderen – und auch kein Mensch dem anderem. Besonders das Ende war ein regelrechtes Feuerwerk, das die kurzzeitig aufgekommenen Ruhe-Passagen beinah gänzlich wett machen konnten. Für mich nur ganz knapp am absoluten Highlight vorbei – und wer weiß? Vielleicht haut mich Band 2 bzw. das große Finale dann komplett um? Wir werden sehen.

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  • Handlung
  • Charaktere