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Veröffentlicht am 31.07.2019

Hinter der Kulisse

Sunset Beach - Liebe einen Sommer lang
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Sunset Beach, Kalifornien: Reiche Kids am Strand, die ständig mit ihren Autos rumkurven und deren größtes Problem es ist, vor Schulbeginn einen Parkplatz zu bekommen. So kamen mir Abby und ihre Freunde ...

Sunset Beach, Kalifornien: Reiche Kids am Strand, die ständig mit ihren Autos rumkurven und deren größtes Problem es ist, vor Schulbeginn einen Parkplatz zu bekommen. So kamen mir Abby und ihre Freunde zu Beginn des Romans vor - dass sie nun ins letzte Schuljahr kommen und für ihren Abschluss büffeln müssen, scheint Nebensache zu sein.

Denn es schwirren zu viele Hormone in der Luft herum. Auch Leo, der noch in Trauer um seinen Vater und gerade von der Ostküste, rübergezogen, wird gleich davon infiziert. Vielmehr ist es Abby, die ihm sofort den Kopf verdreht. Dabei muss er sich doch eigentlich mit ganz anderen Angelegenheiten befassen, bspw. damit, seinen steinreichen Stiefvater - ja, seine Mutter hat tatsächlich schon wieder geheiratet - kennenzulernen und sich um seine Zwillingsschwester Allegra, die eine ernsthafte Depression hat, zu kümmern.

Auch die so beliebte und ziemlich oberflächlich scheinende Abby hat ihre Problemchen, zu denen nun noch der aufdringliche Leo hinzukommt.

Ein Setting, wie es für einen oberflächlichen Urlaubsschmöker gemacht scheint! Doch wenn der Leser sich damit zufriedengeben möchte, hat er nicht mit der Autorin Kira Licht gerechnet, die sich einfach die Freiheit nimmt, in jedes Genre - auch in Teenieromanzen - Botschaften und eine gewisse Tiefe hineinzubringen. Sie vermittelt Werte wie auch Empathie mit einer Leichtigkeit - man könnte auch sagen, Lässigkeit - die ihresgleichen sucht. Die man quasi gar nicht bemerkt - nur nach der Lektüre ist etwas mit dem Leser passiert. Und zwar denkt er über das Gelesene nach und nicht nur einmal.

Dieser Roman ist - wie alle Bücher von Kira Licht - alles andere als Fast Food. Nur ist sie eine der seltenen Autor*innen, die die Gabe haben, ihre durchaus ernsten Gedanken und Inhalte in ein dermaßen gefälliges Format - eines, das beim Lesen runtergeht wie Öl - zu packen und ihre Leser damit quasi aus dem Hinterhalt zu überfallen! Ich liebe ihren Stil und ihre intelligente Leichtfüßigkeit und hoffe, dass ich mich noch auf viele Werke aus ihrer Feder freuen kann!

Veröffentlicht am 31.07.2019

Ausgesprochen ungemütlich

Wo die Freiheit wächst
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Nein, in Köln war es während des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht gemütlich! Es war die Stadt in Deutschland, die am häufigsten Bombenangriffe erleiden musste, nämlich insgesamt 262 Mal. Wenn man sich ...

Nein, in Köln war es während des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht gemütlich! Es war die Stadt in Deutschland, die am häufigsten Bombenangriffe erleiden musste, nämlich insgesamt 262 Mal. Wenn man sich das vergegenwärtigt, wundert man sich nicht mehr, dass fast jede Woche irgendwo auf dem Gelände der Stadt im Zuge von Bauarbeiten eine Fliegerbombe gefunden wird und entschärft werden muss.

1942: Wir begegnen Lene, die in Nippes lebt, einem Stadtviertel im Norden Kölns, nicht allzu weit entfernt von der Innenstadt. Sie ist sechzehn und die Zweitälteste von insgesamt fünf Geschwistern. Ihr ältester Bruder Franz ist an der Ostfront, in Russland, ihr jüngerer Bruder ist vierzehn und ein begeisterter Hitlerjunge. Dann gibt es noch zwei ganz kleine Mädchen. Der Vater wird vermisst, die Mutter hat bereits einen neuen Partner.

Lene macht eine Ausbildung zur Friseuse und schreibt Briefe - an ihre Freundin Rosi, die in Detmold in den Arbeitsdienst verschickt wurde, an den Bruder an der Front und irgendwann auch an Erich, den sie nach langen Jahren wiedergetroffen hat und jetzt ziemlich toll findet. Und sie erhält Antworten.

Mit Lene erleben wir den Alltag in Köln, der alles andere als erbaulich ist: ständige Bombenangriffe, die vielen Verluste sind fast schon an der Tagesordnung. Immer mehr Juden müssen ihre Wohnungen verlassen und immer mehr von ihnen sieht man in Züge steigen.

Und immer mehr zweifeln am Nationalsozialismus, allen voran Erich. Aber auch Lene ist nicht überzeugt davon. Aber offen darüber reden kann sie nicht.

Es werden viele Themen angesprochen in dem Roman wie Euthanasie, politische Häftlinge, ältere Menschen in Kriegszeiten, Mangelernährung und vieles mehr. Aber es gab Gegenwehr. Auch unter jungen Leuten. In Köln nannten sie sich Edelweißpiraten und sie waren sehr mutig. Und manche erhalten die Quittung dafür. Auch Lene wird zu einer von ihnen.

Der Leser erfährt, wie es den Menschen so ergeht und sieht, dass es keinen Alltag ohne Krieg gibt. Der Krieg hat wirklich alle Menschen in Deutschland in seinem Griff und man kann ihm nicht entrinnen.

Was aber nicht heißt, dass es überhaupt nichts Schönes gibt, allerdings relativieren sich die Dinge. Es gibt Freundschaft, Liebe, überraschende kleine und große Gesten von Mitmenschen. Ja, die kann man auch in Zeiten erleben, die dunkler nicht sein können.

Frank M. Reifenberg schildert eindringlich und ergreifend das Leben der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Wobei diese viel näher an der Armee war, als man es sich heute vorstellen kann: durch die Soldaten, die es fast in jeder Familie gab, aber auch durch die feindlichen Angriffe.

Ein sehr, sehr trauriges, aber sehr wichtiges Buch, in dem die Stimmung, das Atmosphärische eine große Rolle spielt. Starker Tobak, aber ich bin froh, dass ich es lesen durfte. Als Kölnerin habe ich einen unglaublich tiefen Einblick in die jüngere Vergangenheit meiner Stadt erhalten und ich wünsche einem jeden, dass es auch zu seinem Herkunftsort einen solch großartigen Roman über die dunklen Zeiten des Zweiten Weltkriegs gibt. Es war ein Riesengewinn und ein großes Geschenk, ihn zu lesen!

Veröffentlicht am 29.07.2019

Otto und sein Hofstaat

Otto
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Otto ist ein Mann mit Geschichte. Und einer mit mehreren Vergangenheiten in verschiedenen Ländern. Mit unterschiedlichen Sprachen. Otto ist auch ein Despot - jedenfalls ziemlich oft. Und ein ...

Otto ist ein Mann mit Geschichte. Und einer mit mehreren Vergangenheiten in verschiedenen Ländern. Mit unterschiedlichen Sprachen. Otto ist auch ein Despot - jedenfalls ziemlich oft. Und ein Patriarch - eigentlich immer. Er wird von seinen Töchtern gleichermaßen geliebt und gehasst.

Vor allem Timna, seine Ältere und diejenige, aus deren Perspektive der Leser die Handlung erlebt, ist vollkommen auf ihn fixiert. Auch wenn er sie wahnsinnig nervt, springt sie immer, wenn er ruft. Zumindest fast immer. Dafür beleidigt er sie viel seltener als ihre jüngere Schwester Babi - immerhin ist sie seine Lieblingstochter. Auch, wenn auch Babi oft zugegen ist - zusammen bilden die Töchter sozusagen Ottos Hofstaat.

Otto ist weit gekommen in seinem Leben von Siebenbürgen in Rumänien nach Polen, dann ins gelobte Land - am Ende seines Lebens ist er in München gelandet. Denn Otto ist schwer krank und verbringt mindestens genauso viel Zeit im Krankenhaus wie in seinem kleinen Reihenhaus in einem Vorort von München. Otto ist Jude, er hat viel gelitten, viel erlebt und viel überstanden, letzteres verlangt er auch von seinen Mitmenschen, insbesondere den Töchtern. Er nutzt sie heftigst aus, sie haben stets bei Fuß zu sein, wenn er ruft - warum sind sie immer noch bereit dazu?

Ein kurzer, jedoch durchaus heftiger Familienroman, in dem sich die Protagonisten nicht nur einmal nahezu zerfleischen. Und in der Mitte - quasi als Dreh- und Angelpunkt - steckt Otto. Ich habe ihn nicht lieben gelernt im Handlungsverlauf, nein, eher habe ich gemeinsam mit Timna gelitten. Aber auch genossen, denn die Autorin hat eine faszinierende Art zu schreiben. Ich habe also während der Lektüre von und mit seinen Töchtern gelernt, mit Otto zu leben.

Man kann getrost sagen, dass Dana von Suffrin bereits in ihrem Debütroman stilistisch ihren eigenen Weg geht. Einen Weg voller Sarkasmus und schwarzem Humor, gelegentlich blitzt auch mal ein Strahl liebevolle Ironie hervor. So ist ein Roman entstanden, der gleichermaßen fordert und fasziniert-

Veröffentlicht am 26.07.2019

Das Dorf Ivy Hill im frühen 19. Jahrhundert

Die Braut von Ivy Green
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Dies ist der letzte Teil einer Trilogie um das englische Dorf Ivy Hill in den 1820er Jahren: Hier leben die Freundinnen Mercy, Jane und Rachel. Während Rachel über ihrem Stand geheiratet hat und nun sozusagen ...

Dies ist der letzte Teil einer Trilogie um das englische Dorf Ivy Hill in den 1820er Jahren: Hier leben die Freundinnen Mercy, Jane und Rachel. Während Rachel über ihrem Stand geheiratet hat und nun sozusagen zur Haute Volée gehört, ist Jane Besitzerin eines Gasthofs und verwitwet. Mercy war jahrelang erfolgreich mit der Leitung einer Schule in ihrem ehemaligen Elternhaus, doch nun muss sie diese aufgeben: ihr Bruder hat geheiratet und möchte hier mit seiner Familie leben.

Und dieses "Männer zuerst" steht in der damaligen Zeit leider völlig außer Frage: Frauen sind sozusagen rechtlos und komplett auf ihre männliche Verwandtschaft angewiesen, außer sie haben Besitz geerbt.

Meist ist es jedenfalls so: Mercy bspw., die so lange selbständig tätig war, nimmt nun eine Stelle als Gouvernante an. Sie hat es mehr als gut getroffen, dennoch ist dies für sie ein gesellschaftlicher Abstieg. Aber es ergeben sich weitere zukunftsweisende Veränderungen und zwar nicht nur bei ihr, sondern auch bei den anderen Hauptfiguren und auch bei weiteren Akteuren.

Sehr angenehm ist die stets leicht mitschwingende christliche Komponente, die sich sehr gut in den sozialhistorischen Kontext des Romans einfügt - die Frauen und auch ihr Umfeld sind sich bewusst, dass sie gesegnet waren bzw. sind und dass vor Gott alle gleich sind. So erlaubt sich die Autorin Julie Klassen, den Leser mit der ein oder anderen gesellschaftskritischen Kapriole zu überraschen: sowohl Menschen, die aus beruflichen Gründen am Rande der Gesellschaft stehen, als auch solche, die sich aufgrund ihrer Herkunft dort befinden, spielen wieder und wieder eine Rolle. Es ist keine ideale Welt, sondern eine sehr realistische und man erkennt beim Lesen, dass die Autorin sehr gut recherchiert hat. Es wird verdeutlicht, dass bereits damals zu erkennen war (für die, die bereit dafür waren), dass vor Gott alle gleich sind und dass man dies auch in die breite Gesellschaft tragen kann und soll.

Als dritter Band einer Reihe sollte dieser tatsächlich nicht separat, sondern in der Folge gelesen werden, denn es geht um Entwicklungen in Ivy Hill über mehrere Jahre hinweg und es wäre schade, hier etwas zu verpassen. Ein kluger und eindringlicher Roman, wenn man als Leser bereit ist, die Botschaften der Autorin zu empfangen!

Veröffentlicht am 23.07.2019

Allein, die Welt hat mich vergessen

Der Gesang der Flusskrebse
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Von tochteralice
Die erste Zeile aus einem alten Nina-Hagen-Lied: Die Überschrift für Kyas Leben. Denn Kya ist ab ihrem sechsten Lebensjahr komplett auf sich gestellt - zuerst verabschiedet sich die Mutter, ...

Von tochteralice
Die erste Zeile aus einem alten Nina-Hagen-Lied: Die Überschrift für Kyas Leben. Denn Kya ist ab ihrem sechsten Lebensjahr komplett auf sich gestellt - zuerst verabschiedet sich die Mutter, dann nach und nach die wesentlich älteren Geschwister. Zurück bleibt sie mit ihrem Vater, einem unberechenbaren Säufer und Alkoholiker, der sich kein bisschen um sie kümmert (abgesehen von wenigen Highlights) und dann irgendwann auch die Biege macht. Da ist sie immer noch ein ziemlich kleines Kind.

Kya hat nichts: kein Geld und kein Wissen und vor allem überhaupt keinen Rückhalt. Nirgendwo.

Sie war nur einen Tag in ihrem Leben in der Schule (ein Desaster!), kann weder lesen, rechnen noch schreiben. Vor allem aber hat sie niemanden, der für sie sorgt, der sich auch nur ein Fitzelchen für sie interessiert. Und sie lebt mitten im Marschland, in den Sümpfen der us-amerikanischen Südstaaten. Wo sie sich selbst beibringt, das zurückgelassene Motorboot ihres Vaters zu führen und allmählich auch, sich einen Lebensunterhalt zu sichern. Sie verkauft Muscheln an einen afroamerikanischen Ladenbesitzer namens Jumpin', der sich ebenso wie sie am Rande der Gesellschaft befindet. Nicht vergessen, wir befinden uns in den Südstaaten, zudem datiert die Handlung in den 1950er und 1960er Jahren, genauer gesagt zwischen 1952 und 1970. Jumpin' und seine Frau Mabel werden zu Bezugspersonen für Kya, genauer gesagt zu einer Art Verbindung zur Zivilisation, einer Art Anker in der Gesellschaft. Gewissermaßen zu ihrer Rettung in einer ausweglosen Zeit. Zu dem, was am nächsten an Eltern herankommt.

Zudem kommt es inhaltlich zu einem kleinen Bruch, als ein Junge - Tate - in Kyas Leben tritt und zu einer Art Professor Higgins (Pygmalion, Sie erinnern sich) wird. Er bringt ihr nämlich Lesen und Schreiben und einiges mehr bei. Sie hat das Gefühl, ihm völlig vertrauen zu können, bis er eines Tages weg ist. Und irgendwann von einem anderen Jungen, Chase, der eine Art Star in der Stadt ist, ersetzt wird. Jahre später wird dieser tot aufgefunden - das kann ich getrost verraten, weil das Buch damit beginnt, doch es ist keinesfalls ein Krimi, vielmehr ein gesellschaftskritischer Roman.

Leider einer, der ab dem zweiten Drittel stellenweise ein wenig an dem bis dahin so faszinierenden herben Zauber und Schwung verliert, zu sehr in Sphären wie Liebe, Leidenschaft und Rache abdriftet. In eine Gefühlswelt, die mich an in diesem Kontext ausgesprochen unpassende Musical-Szenen à la Westside Story erinnert.

Ich habe den Roman dennoch über weite Teile sehr gern gelesen - die Autorin hat einen wunderbaren Stil und versteht es, das Marschland der amerikanischen Südstaaten so eindringlich zu beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat als würde man selbst dort feststecken, Muscheln sammeln oder einfach auf einem Steg sitzen und den zahlreichen Vögeln zuschauen. Obwohl ich fast durchgehend immer wieder Kritikpunkte hatte, konnte ich einfach nicht aufhören zu lesen.

Es kommen zahlreiche Passagen vor, die an Romane wie "Vor dem Sturm" von Jesmyn Ward und "Winters Knochen" von Daniel Woodrell erinnern - letzterem kam sie von der Atmosphäre gelegentlich gefährlich nahe, ohne jedoch ganz an seine Kraft heranzureichen.

Ein Roman, der mich zwiegespalten zurück lässt, mich aber dennoch zu fesseln vermochte!