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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.04.2025

Von der Weimarer Republik bis ins Jahr 2024

Vor hundert Sommern
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Genau hundert Jahre lang haben hier die Leser*innen die Möglichkeit, eine Familie, bzw. deren Frauen zu begleiten. Man spürt das Engagement der Autorin Katharina Fuchs auf jeder einzelnen Seite, ...

Genau hundert Jahre lang haben hier die Leser*innen die Möglichkeit, eine Familie, bzw. deren Frauen zu begleiten. Man spürt das Engagement der Autorin Katharina Fuchs auf jeder einzelnen Seite, es scheint, als hätte sie ihr Herzblut in diesen Roman gesteckt. Es geht um drei Generationen einer Familie, die jeweils aus einer Perspektive erzählt werden, nämlich aus der von Urgroßtante Clara, Großmutter Mathilde, Mutter Anja und Tochter Lena. Die letzten beiden stoßen beim Ausräumen von Mathildes Wohnung auf interessante, ja skandalöse Schätze sowie auf Fotografien und Briefe. Warum ist so wenig über Clara bekannt?

Noch kann Mathilde, die inzwischen in einer Hamburger Seniorenresidenz untergebracht ist, sprechen und endlich ist sie auch bereit dazu!

Ein vielschichtiger Roman mit viel Gegenwarts- wie auch Vergangenheitskolorit, in dem herzzerreißende ebenso wie dramatische Familiengeheimnisse zutage gefördert werden.

Mir haben die Schilderungen aus der Vergangenheit am besten gefallen, aus meiner Sicht wäre der Roman runder geworden, wenn die Autorin sich mehr auf diese konzentriert hätte. Vor allem die Belange der jungen Lena erscheinen mir immer wieder nicht ganz passend und deutlich "too much", was Logik und auch die Relevanz im Vergleich zu den Themen früherer Generationen angeht.

Veröffentlicht am 30.03.2025

Britischer kann es gar nicht zugehen!

Der Tote in der Crown Row
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Ich habe in meinem - zugegebenermaßen doch schon ziemlich langen Leben - zahlreiche gute britische Krimis gelesen, die in den unterschiedlichsten zeitlichen Epochen und an vielfältigen Schauplätzen angesiedelt ...

Ich habe in meinem - zugegebenermaßen doch schon ziemlich langen Leben - zahlreiche gute britische Krimis gelesen, die in den unterschiedlichsten zeitlichen Epochen und an vielfältigen Schauplätzen angesiedelt waren. Aber noch nie einen, der maßgeblich im Temple-Bezirk angesiedelt ist, im Zentrum der juristischen Macht des Vereinigten Königreichs. Das Anfang des 20. Jahrhunderts, der Epoche, in der dieser Fall angesiedelt ist, ausschließlich von Männern besetzt und selbstverständlich auch domininiert wurde. Frauen kamen nur in untergeordneten Positionen (bspw. Reinigungspersonal) oder als schmückendes Beiwerk (Ehefrauen und /oder Geliebte, Gespielinnen) vor.

Umso mehr freut mich, dass dieser wunderbare Krimi/Roman (man kann das Buch aus meiner Sicht beiden Genres zuordnen) von einer Frau, nämlich Sally Smith, verfasst wurde, die in der heutigen Zeit (in der gerade in UK die Emanzipation auch nicht so wahnsinnig weit gediehen ist) lebt und beruflich sozusagen als neuzeitliche Kollegin von Sir Gabriel Ward dem Romanhelden mit überraschend moderner (aber nicht überzogener) Einstellung Frauen gegenüber selbst in qualifizierter Position! Das Buch wurde - so finde ich - mithilfe eines riesigen Wissenspotentials, dem zweifellos sorgfältige Recherchen zugrunde liegen, verfasst und ist neben diesem von Spannung, aber vor allem von einer feinen Ironie geprägt, die jede Seite durchdringt. Einfach herrlich, diese Ermittlungen von Sir Gabriel
- und die ganzen Animositäten, die zu dieser Zeit den Temple-Bezirk prägten! Die Handlung ist ausgeprochen originell, aber niemals unlogisch und mit einer ordentlichen Portion Warmherzigkeit an passender Stelle versehen. Ich empfehle es von ganzem Herzen weiter!

Veröffentlicht am 18.03.2025

Familiengeheimnisse und anderes

Stromlinien
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Töchter einer Delinquentin zu sein, die im Gefängnis sitzt, ist nicht gerade einfach. Die zweieiigen Zwillinge Enna und Jale haben nie etwas anderes gekannt, denn sie sind in diesem Gefängnis ...

Töchter einer Delinquentin zu sein, die im Gefängnis sitzt, ist nicht gerade einfach. Die zweieiigen Zwillinge Enna und Jale haben nie etwas anderes gekannt, denn sie sind in diesem Gefängnis geboren und wachsen bei der Großmutter, einer mehr als introvertierten Wissenschaftlerin auf.

Die Handlung ist auf mehreren Zeitebenen angesiedelt: wir lernen genauso ihre Mutter kennen, die früh den Vater verloren hat - es gibt wieder und wieder Hinweise, aber erst spät wird in Gänze klar, warum sie eingelocht wurde.

Wir erfahren weiteres über die Gefängnisinsel in den 1920er Jahren, teilweise Ungeheuerliches, das mit ihr in Zusammenhang steht und ebenso mit der Familie der Zwillinge.

Ein atmosphärischer und ungewöhnlicher Roman der ganz besonderen Art, den ich als ausgesprochen lesenswert empfehlen kann. Definitiv eine Lektüre, die man nicht so schnell vergisst!

Veröffentlicht am 17.03.2025

Ausgesprochen brutal und blutig

Der Nachtgänger
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ist Joona Linnas neuester Fall, in den der Meister allerdings vergleichsweise spät einsteigt, zudem leider ohne Saga Bauer - natürlich gegen seinen Willen, er hätte sie zu gerne dabei gehabt und insistiert ...

ist Joona Linnas neuester Fall, in den der Meister allerdings vergleichsweise spät einsteigt, zudem leider ohne Saga Bauer - natürlich gegen seinen Willen, er hätte sie zu gerne dabei gehabt und insistiert auch immer wieder diesbezüglich erfolglos beim Vorgesetzten

Die Schilderung des aktuellen Falles gestaltet sich diesmal sehr rund und übersichtlich - nach und nach werden ganz unterschiedliche Menschen auf die brutalste Art und Weise umgebracht. Bis eine Gemeinsamkeit ersichtlich wird, braucht es eine ganze Weile, die aber weder langatmig noch langweilig ist.

Immer wieder geschehen die Morde im Umfeld des somnambulen Jugendlichen Hugo - Zufall oder Absicht?

Lars Kepler, bzw. das Team, das hinter diesem Pseudonym steht, verfährt nach seinem üblichen Schema: Gewalt und viel Aktion, aber auf die originelle Art. Trotz der allgegenwärtigen Brutalität - einem Umstand, mit dem ich mich generell schwer tue - hat mir der Fall diesmal besonders gut gefallen, weil vieles Dennoch macht es immer wieder Spaß, einen Fall mit Joona zu lesen, wobei Saga diesmal sehr fehlte. Schade!.

Eine runde, klare Sache - ein absolutes Plus.

Ein Fall ohne Saga Bauer - ein kleines Minus. Hoffentlich bleibt es nun nicht dabei!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 17.03.2025

Ein Leben (nicht nur) in Blumen

Schwebende Lasten
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Hanna Krause ist Magdeburgerin, 1913 geboren und hat fast ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht. Früh zur Waisen geworden wurde sie von ihren deutlich älteren Halbschwestern groß gezogen - ihre Kindheit ...

Hanna Krause ist Magdeburgerin, 1913 geboren und hat fast ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht. Früh zur Waisen geworden wurde sie von ihren deutlich älteren Halbschwestern groß gezogen - ihre Kindheit und Jugend spielte sich vor allem in einem Blumenladen, den die in Magdeburg verbliebene Schwester bewirtschaftete, ab.

Später heiratete sie Karl, der ihretwegen nach Berlin fuhr und ihr einen Heiratsantrag machte - und einen Blumenladen in Magdeburg versprach. Sie wurde Mutter von fünf Kindern, musste bald erkennen, dass sie mit einem Trinker verheiratet war, liebte aber ihr Leben inmitten von Blumen. Sie erlebte den Zweiten Weltkrieg, die gesamte DDR-Zeit und noch ein paar Jahre mehr.

Ich konnte diesen faszinierenden Roman von Annett Gröschner nicht aus der Hand legen - auf weniger als 300 Seiten vermag sie vor uns Leser*innen nicht nur das Schicksal von Hanna Krause, sondern auch das der Stadt Magdeburg im 20. Jahrhundert auszubreiten. In wenigen Worten, doch keinesfalls lakonisch vermag sie es, ganze Leben vor uns auszubreiten. Ich habe mit Hanna gebangt, gehofft, gelacht, geweint, mich über ihren Mann geärgert und die Kinder betüddelt.

Ein solch akzentuierter Stil, eine derart lebendige Sprache sind mir lange nicht mehr begegnet und ich hoffe, dass dieser Roman entsprechend gewürdigt und mit Preisen überhäuft wird!