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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein Werk ohne Abschluss

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte ...

Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte - Autorin Judith Hermann begibt sich nun schon zum zweiten Mal auf die Spuren der eigenen Ahnen und muss sich diesmal nicht nur im übertragenen Sinne warm anziehen. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters, der innerhalb der SS im polnischen Radom in den Aufbau und die Auflösung eines Ghettos eingebunden war.

Am Ende seiner Tage lebte er von der Familie getrennt und starb zudem einige Jahre vor der Geburt der Autorin - von ihrer Oma, die von ihm geschieden waren, hörte sie nichts, von ihrer Mutter auch nur wenig über ihn.

Es ist kein leichter Gang, den die Autorin auf sich nimmt - über ihn als Person, als Rädchen im Dritten Reich, weiß sie nur wenig und erfährt auch nicht allzu viel.

Dennoch bedeutet diese Lektüre für mich einen großen Gewinn, nimmt sie mich doch mit auf einen steinigen Weg, den viele von uns auf die eine oder andere Art gehen. Auch in meiner Familiengeschichte gibt es zahlreiche Fragezeichen, die größtenteils in Ausland führen, auch hier ist wenig Fassbares zu finden, zumal auch sie wie ich eine jüngere Schwester hat, mit der sie sich über ihrer beider Fragen austauscht - genau das ist auch bei uns gerade ein großes Thema.

Auf eine gewisse Art falle ich in ihre Geschichte wie in ein weiches Kissen - mit allen Wenns und Abers, Zweifeln und Fragestellungen fängt sie mich auf und ich fühle mich bestens verstanden.

Veröffentlicht am 23.02.2026

Alles schien möglich

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon ...

Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon deswegen, weil die Tore so weit geöffnet waren, gerade in Europa: man konnte in Länder reisen, die bislang unerreichbar schienen (sowohl aus westlicher als auch aus östlicher Perspektive, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen). Und Menschen begegnen, die ganz andere Biographien hatten als man selbst.

So auch in diesem ausgesprochen unterhaltsamen Roman, der seinen Anfang in Rom nimmt und zwar in der Russischen Botschaft - die natürlich auch erst seit neuestem diese Bezeichnung trägt und osteuropäische Gastfreundschaft walten lässt - so etwas kannte man von deren Vorgängerin - der Botschaft der Sowjetunion - ganz und gar nicht. Dort werden zwei Biographien aufgerollt, die unterschiedlicher nicht sein können: die von Jakob Dreiser, einem jungen, begabten Dichter, der stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist - so auch jetzt beim Botschaftsempfang, wo er seine nicht wenigen Freunde trifft und neue Bekanntschaften macht.

Auf der anderen Seite steht Dieter Germershausen, ein schon älteres Semester, dessen Stern eindeutig im Sinken begriffen ist, da sein jahrelanges Treiben als Doppelagent in Ost und West unweigerlich aufzufliegen droht. Er schmeißt sich an Jakob heran, denn er plant ein wichtiges Geschäft. Eines, das ohne die Einbindung des umtriebigen Kerlchens, das sogar Russisch spricht, unweigerlich scheitern wird...

Ein nicht nur witziger, sondern auch sehr atmosphärischer Roman, der diese Aufbruchsstimmung auf der einen und das bedrohliche Sinken auf der anderen Seite sehr passend darstellt. Ich fühlte mich gleich in die frühen 1990er versetzt, in denen ich mich ständig im Baltikum umhertrieb (ich habe entsprechenden familiären Hintergrund), wo es so viel interessanter war als im tiefen Westen der ehemaligen Bundesrepublik, wo man kaum DDR-Atmosphäre genießen konnte. Leider hat mich das Ende ein kleines bisschen enttäuscht und auf dem Weg dorthin schlug die Handlung dann doch ein paarmal für meinen Geschmack zu sehr über die Stränge!

Veröffentlicht am 16.02.2026

Eine riesige Enttäuschung!

Mathilde und Marie
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Oh, was habe ich mich auf dieses Buch gefreut: aus meiner Sicht stimmte hier einfach alles! Allem voran natürlich der Autor, der Entdecker des legendären Romans "Leonard und Paul" des irischen ...

Oh, was habe ich mich auf dieses Buch gefreut: aus meiner Sicht stimmte hier einfach alles! Allem voran natürlich der Autor, der Entdecker des legendären Romans "Leonard und Paul" des irischen Autors Rónán Hession. Dank Torsten Woywod, der gemeinsam mit seiner Partnerin extra einen Verlag gründete, wurde dieses Buch überhaupt ins Deutsche übertragen. Dann das Thema: Selbstfindung wie auch das Einander-finden in einem Bücherdorf in den Ardennen!

Die sind nicht weit von meiner Heimat Köln und das Dorf Redu existiert tatsächlich - also nahm ich mir vor, dieses Buch zu lesen und im Anschluss das Dorf zu besuchen. Der erste Teil des Vorhabens ist vollendet, doch leider ist meine Enttäuschung groß! Was natürlich vor allem aus meiner überaus hohen Erwartung resultiert.

Wie bereits erwähnt, war das erwähnte Thema neben dem Autor ebenfalls ein Grund für diese Lektüre. Allerdings kam der Text sehr hölzern und blutleer hinüber, meiner Ansicht nach konnte der Autor seine Figuren nicht mit Leben füllen und auch der so besonderen Landschaft nicht das gewisse Etwas verleihen. Die inhaltliche Umsetzung blieb aus meiner Sicht völlig kraftlos. Wenn ich weiterlesen wollte, musste ich zunächst die letzten paar Seiten wiederholen, um mich zu erinnern was passiert war.

Ich hätte nie gedacht, dass mir diese Lektüre schwer fallen würde und dass ich das Buch am Ende mit einer unermesslichen Erleichterung zusammenklappe, aber genau das war der Fall. Kein Roman für mich also - leider!

Veröffentlicht am 16.02.2026

Eine Jugend ab vom Schuss

Sommer auf Perigo Island
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Die erlebt Pierce zu Beginn der 1990er Jahre auf der kleinen Insel Perigo Island in Neufundland, Kanada. Es ist ein karges, hartes und auch gefährliches Leben, das man dort führt. Die meisten Männer sind ...

Die erlebt Pierce zu Beginn der 1990er Jahre auf der kleinen Insel Perigo Island in Neufundland, Kanada. Es ist ein karges, hartes und auch gefährliches Leben, das man dort führt. Die meisten Männer sind Fischer, so auch Pierces Vater, der eines Tages nicht mehr zurückkehrt. Seine Mutter arbeitet weiter wie die meisten Frauen in der Fischfabrik, doch schwebt ein Damoklesschwert über allen Bewohnern der Insel: die Gewässer sind überfischt - es zeichnet sich ein Ende dieser Lebensform ab und zwar in nicht mehr allzu ferner Vergangenheit.

Pierce verbringt seine Sommerferien mit seinen Freunden Bennie und Thomas und begegnet dem Mädchen Anna, mit der er sich so gut versteht, dass sie seine Schwester sein könnte. Auf einmal wird sie vermisst und die Jungs machen sich auf die Suche: nicht zu dritt, sondern zu viert, denn Bennies New Yorker Cousine Emily ist zu Besuch und Pierce erlebt ganz neue Gefühle.

Bei ihrer Suche stoßen sie auf ein geheimnisvolles Haus, das von einem unheimlichen Mann bewohnt wird und begegnen auch weiteren Dämonen in sichtbarer und unsichtbarer Form.

Doch Pierce trifft in diesem Sommer auch Verständnis, Verbundenheit und entdeckt so einiges hinter seinem bisherigen Horizont.

Während der Lektüre habe ich meine eigenen frühen Teenagerjahre noch einmal erlebt und fühlte mich verstanden, auch wenn ich selbst weiblich bin und in einer deutschen Großstadt aufwuchs. Das Dickicht, durch das man sich in seiner Jugend selbst finden muss, schildert der Autor Perry Chafe so eindringlich, lebendig und nachvollziehbar, dass es mir unmöglich war, mich dem auch nur eine Sekunde zu entziehen! Ein wundervoller Roman: zum Identifizieren, zum Erinnern, Erfahren, Verstehen und, und, und! Ich wünsche ihm viele Leser!