Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2021

Nicht die Jugend

Unsichtbare Tinte
0

bringt die Geheimnisse zutage in diesem Roman, es braucht seine Zeit, gewisse Erkenntnisse zu erlangen. Jean assistiert in jungen Jahren einem Detektiv und bekommt den Auftrag, Noëlle Lefebvre zu finden. ...

bringt die Geheimnisse zutage in diesem Roman, es braucht seine Zeit, gewisse Erkenntnisse zu erlangen. Jean assistiert in jungen Jahren einem Detektiv und bekommt den Auftrag, Noëlle Lefebvre zu finden. Daraus resultiert quasi eine lebenslange Suche, denn diese Person ist quasi nicht aufzufinden. Es gibt ein paar Anhaltspunkte, ein paar Namen fallen im Zusammenhang mit ihr, hauptsächlich Männer. Alte und etwas jüngere, die verschiedener Art mit ihr verbunden sein sollen. Oder doch nicht?

Erst die Erkenntnis, dass Noëlle dem selben Ort entstammt wie er selbst, gepaart mit der Einsicht, dass Namen Schall und Rauch sind, bringt den mittlerweile nicht mehr so jungen Jean auf die Spur.

Und den Leser in den Genuss von Modianos glasklarem Stil. Er kann den schmalen Band in dem Bewusstsein zuklappen, dass gut Ding Weile haben will. Nicht in Bezug auf die Dicke des Buches, sondern auf die Zeit, die manchmal ins Land geht, bis man bereit ist, sich gewissen Erkenntnissen zu öffnen.

Veröffentlicht am 01.05.2021

Reich schlägt arm

Die Frauen von Kopenhagen
0

So ist das in der Zeit der Industrialisierung und auch den Nachfolgejahren: die tapfere Nelly kommt aus prekären Verhältnissen, Mutter und Bruder sind Trinker, der Vater hat sich schon zu Tode getrunken. ...

So ist das in der Zeit der Industrialisierung und auch den Nachfolgejahren: die tapfere Nelly kommt aus prekären Verhältnissen, Mutter und Bruder sind Trinker, der Vater hat sich schon zu Tode getrunken. Sie und ihre Schwägerin Marie müssen das Geld für die gesamte Familie verdienen und zwar unter schwersten Bedingungen: in einer Weberei, die bereits Akkordarbeit in Fabrikmanier fordert - an zwei Webstühlen gleichzeitig. Die übermüdete Marie, die gleichzeitig mehrere Kinder versorgen muss, erleidet einen schweren Unfall und stirbt ein paar Tage später. Nelly setzt sich ein für sie und kämpft ohne Ende, dabei muss sie erkennen, dass Groß immer Klein schlägt!

Aber ein bisschen Zuversicht hat sie noch, denn genau in dieser Zeit lernt sie Johannes kennen, der was taugt und mitkämpfen will. Und er mag sie und sie ihn auch! Doch es bleibt ihnen nicht viel Zeit.

Wird Johannes' Schwester Anna, die neu vom Lande in die Stadt gekommen ist, für die beiden Gerechtigkeit erlangen können?

Ein spannendes Thema, es geht sowohl um den Beginn des Arbeitskampfes, der Solidarisierung der Arbeiterschaft als auch um die Emanzipation der Frau, beides Themen, die mir sehr nahe stehen. Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut, fand auch viel Spannendes darin, dennoch blieb ich etwas enttäuscht zurück: zunächst, weil der Erzählstrang von Nelly auf Anna übergeht - irgendwie, so mein Eindruck, wird die dänische Autorin Gertrud Tinning keiner von beiden gerecht. Aus meiner Sicht gibt es immer wieder Stränge, die recht kurzatmig erzählt werden, einiges an Erklärungen fehlt und das ist gerade bei dieser sehr eindringlichen Thematik doch sehr schade.

Ich kann mir vorstellen, dass der Roman deutlich tiefer hätte dringen können, wenn die Autorin ihr Personal etwas eingeschränkt hätte - aus meiner Sicht gibt es so einige Szenen, in denen man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Immer wieder habe ich mich gefragt, wer das denn nun schon wieder ist und musste zurückblättern, um mich auf den Stand zu bringen. Schade - es ist kein schlechter Roman, doch es wäre soviel mehr drin gewesen!

Veröffentlicht am 28.04.2021

Those were the days, my friend

Die Geschichte von Kat und Easy
0

...we thought they'd never end

Ein Lied, dessen Refrain genau auf die Ausgangsituation dieses Romans passt, auch wenn es bereits 1968 entstand.

Freundinnen für ein Jahr waren Kat (Katharina) ...

...we thought they'd never end

Ein Lied, dessen Refrain genau auf die Ausgangsituation dieses Romans passt, auch wenn es bereits 1968 entstand.

Freundinnen für ein Jahr waren Kat (Katharina) und Easy (für Isi bzw. Isolde) vor langer Zeit. Unzertrennlich damals in den 1970ern, genauer gesagt: 1972/73. Sie haben diese verrückte Zeit zwischen Kindheit und Reife miteinander erlebt, Tage, in denen man unbedingt erwachsener wirken will, als man ist. Und dadurch nicht einmal seiner besten Freundin alles so erzählt, wie es war. Sondern so, wie es sein sollte oder wie es gerade eben am günstigsten war.

Das wurde nicht nur ihrer Freundschaft zum Verhängnis. Nein, etwas viel, viel Schlimmeres, was sogar im engeren Sinne mit dem Umgang mit Wahrheit zu tun hatte, geschah und trennte sie bzw. veranlasste Kat dazu, sich nie mehr bei ihrer damals besten Freundin Easy zu melden.

Die dies jedoch ihrerseits Jahre später tut und Kat zu einer Reise nach Griechenland einlädt. Eine Episode, an der ich aufgrund meiner eigenen Griechenland-Vergangenheit (ich habe dort zur Jahrtausendwende für ein Jahr gearbeitet) meinen besonderen Spaß hatte.

Ein leichter Roman, aber kein oberflächlicher. Einer, der aufzeigt, dass jeder seine eigene Wahrnehmung hat und gar nicht unbedingt so ist, wie man ihn jahrelang gesehen hat. Und auch niemals so war. Allerdings bleibt er aus meiner Sicht sowohl in Bezug auf Handlung als auch auf Sprachgewalt einen Ticken hinter "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" zurück. Aber das macht nicht, es ist immer ein großer Genuss, Susann Pásztor zu lesen. War es letztes Mal wie eine Schifffahrt entlang den Fluss Charon, ist es diesmal wie ein riesiges Picknick auf einer Wiese auf Kreta (wo der "griechische" Teil der Handlung angesiedelt ist). Einer Wiese mit Brennesseln drauf bzw. einem Kuchen mit ein paar Tropfen BIttermandel drin.

Besonders genossen habe ich auch in diesem Roman wieder die Charaktere, die die Autorin Susann Pásztor scheinbar - wie den ganzen Roman - nur so aus dem Handgelenk geschüttet und mit einer gehörigen Prise von Originalität versehen hat, jeden einzelnen von ihnen. Vor allem bei Nebenfiguren tobt sie sich aus und ich hatte in diesem Roman meinen besonderen Spaß an den Veränderungen (oder eben auch gerade nicht) zwischen 1973 und der Gegenwart (bzw. 2019, wenn ich richtig gerechnet habe, was Alter und andere Hinweise betrifft).

Für damals wie heute (bzw. vor ein paar Jahren) lässt sich zusammenfassend sagen: Kiffend erleben Kat und Easy Tages des Glücks und der Verzweiflung - nicht so umwerfend wie der Vorgänger-Roman, aber ein Roman von Susann Pásztor ist immer eine lohnende Lektüre!

Veröffentlicht am 27.04.2021

Romy, die Romantikerin

Mit fünfzig erwartest du Meer
0

Romy wird doch tatsächlich schon in den nächsten Tagen fünfzig - wie konnte das Leben so schnell vergehen? Mit der Arbeit als Problemberaterin bei einer Frauenzeitschrift, dem Großziehen von Sohn und ...

Romy wird doch tatsächlich schon in den nächsten Tagen fünfzig - wie konnte das Leben so schnell vergehen? Mit der Arbeit als Problemberaterin bei einer Frauenzeitschrift, dem Großziehen von Sohn und Tochter und Familienreisen an langweilige historische Ausgrabungsstätten, dem Tätigkeitsgebiet des Gatten: Sie kann sich gar nicht vorstellen, dass trotz derart nüchterner Tätigkeiten die Jahre so schnell verflogen sind und ihr Mann Werner sie tatsächlich noch zu überraschen vermag. Mit einem sehr romantischen Geschenk, nämlich einer Reise nach Bella Italia zum Konzert ihres Lieblingssängers.

Zu schön, um wahr zu sein! Das wird Romy nur zu bald klar, als sie eine Rechnung über ein Hotelzimmer mit Doppelbett findet, wo Werner doch dienstlich unterwegs war. Ebenso wie seine knusprige junge Assistentin, die Romy schon eine ganz Weile ein Dorn im Auge ist.

Sie drückt noch mal ein Auge zu - nur, um sich zusammen mit Werner auf einer Butterfahrt wiederzufinden, wo alle naselang angehalten wird, um Pfannen und andere Herrlichkeiten sowohl an Mann als auch an Frau zu bringen.

Romy reichts! Mit Lilo, einer lebenslustigen Reisebekanntschaft setzt sie sich kurzerhand ab - und verpasst doch tatsächlich den Bus. Nun steht sie da ohne Geld, ohne Tasche und ihr Handy ist fast leer. Irgendwie jedoch kommen sie weiter - und Romy lernt neue Leute kennen. Und alte Vertraute von einer neuen Seite!

Doch der Roman hat auch ein paar Längen und es kommen recht viele Klischees drin vor - dennoch habe ich ihn gern zur Entspannung gelesen, empfehle ihn aber nur mit Einschränkungen weiter. Wer beim Lesen abschalten möchte, für den ist dies die richtige Lektüre!

Veröffentlicht am 25.04.2021

Wilde Mischung

Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde
0

Nämlich eine aus einem Heldenepos, einer Familiengeschichte und einer sehr unkonventionellen Aufarbeitung der schmerzhalten Zeitgeschichte der Ukraine.

Es wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die eine betrifft ...

Nämlich eine aus einem Heldenepos, einer Familiengeschichte und einer sehr unkonventionellen Aufarbeitung der schmerzhalten Zeitgeschichte der Ukraine.

Es wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die eine betrifft Wilhelm, das ist der titelgebende Erzherzog, dem man noch viel mehr zuschreiben kann, als im Titel angegeben ist. Wir folgen ihm von Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wo sich seine Spur verliert. Oder auch nicht. Es kommt darauf an, wem bzw. welcher Version man am Ende Glauben schenken will. Er entstammt quasi einer Nebenlinie der Habsburger, die schon zu Zeiten der KuK- Monarchie auf heute ukrainischem Territorium residierte.

Sein Status erlaubt ihm zunächst so einige Freiheiten, allerdings nimmt er sich diese auch noch, als sie schon längst nicht mehr erlaubt sind. Aber erlaubt ist aus Wilhelms Sicht alles, was nicht ausdrücklich verboten ist und er lebt definitiv nach dieser Maxime, die ihm so manches Mal zum Verhängnis wird.

Der andere Strang beschäftigt sich mit Wilhelms Enkelin Halyna, einem Kind der Sowjetunion beziehungsweise dessen Nachfolgeregime in der Ukraine. Von KuK-Glanz ist hier keine Spur, diese Verbindung wird nicht einmal erwähnt. Nein, hier erleben wir eine Frau, die mit dem schnöden Alltag in der postsowjetischen Ukraine fertig werden muss, wobei weder ihr Mann Hryz noch der Sohn Oles zu kurz kommen sollen. Um sie ranken sich weniger ihre Eltern als vor allem die Großmütter beider Seiten. Zumindest in ihrer Jugend.

Ein Roman, für den ich trotz - behaupte ich jetzt einfach mal - überdurchschnittlichen Kenntnissen zu Osteuropa längst nicht ausreichend vorbereitet war. Autorin Natalka Sniadanko galoppiert durch die Zeitgeschichte, wobei sie gerne auch mal auf ungeschehene Pfade abbiegt - man könnte auch sagen, sie spinnt Seemannsgarn. Um das zu können, muss man erstmal sehr gut Bescheid wissen und dazu ausgesprochen eloquent sein. Die Autorin ist beides und hat mich damit hoffnungslos überfordert! Dadurch konnte ich den Roman, der zugegebenermaßen teilweise sehr große Längen aufweist, nur teilweise genießen.