Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.01.2021

Fundierter Blick auf Beatrice von Burgund

Beatrice von Burgund
1

Ich habe mich sehr gefreut, ein Buch zu entdecken, das sich der Ehefrau von Friedrich "Barbarossa" widmet, die nach allen vorhandenen Informationen eine interessante und willensstarke Persönlichkeit gewesen ...

Ich habe mich sehr gefreut, ein Buch zu entdecken, das sich der Ehefrau von Friedrich "Barbarossa" widmet, die nach allen vorhandenen Informationen eine interessante und willensstarke Persönlichkeit gewesen sein muß, von der man aber insgesamt eher wenig weiß. Schon von außen erfreut das Buch, es ist sehr hochwertig und ansprechend gestaltet. Fundierte Recherche verspricht der Klappentext und dieses Versprechen wurde absolut erfüllt. Die absolut akribische Recherche scheint auf jeder Seite durch, die Autorin arbeitet zudem mit einigen Originaltexten, die hier z.B. als Briefe oder Proklamationen ins Geschehen eingebunden werden. Die Informationen sind historisch korrekt und überwiegend gut in die Geschichte eingearbeitet. Ein wenig ungeschickt wirkt lediglich eine Szene bei der Hochzeit von Beatrice und Friedrich, als gleich zwei von Beatrices Dienerinnen zu ihr kommen, um detaillierte Zahlen und Fakten zur Feier herunterzurattern, die sie in dieser Detailreichheit wohl kaum kennen oder sich so merken konnten; auch ist die Motivation für eine fast geschichtsbuchartige Rezitation nicht überzeugend. Die ist aber, wie gesagt, eher ein Einzelfall.

Der Schreibstil ist auf positive Weise ungewöhnlich. Die Autorin spielt oft mit der Sprache, findet farbige, originelle Metaphern, hat offensichtlich viel Seele und Sorgfalt gerade in die Beschreibungen gelegt. An mehreren Stellen ließ mich der ungewöhnliche Satzbau stutzen, der dort jeweils eher dem englischen Satzbau entsprach, nicht dem deutschen. Das war nicht unbedingt ganz mein Fall, aber als Teil des ganz eigenen Stils der Autorin durchaus interessant. Nur die Liebesszenen gleiten meist zu sehr ins Schwülstige ab. Insgesamt aber habe ich mich an vielen Stellen über den gekonnten Umgang mit Sprache und dem Mut zum Ungewöhnlichen gefreut. Schön wäre es gewesen, wenn das Korrektorat sorgfältiger gearbeitet hätte. Es gibt hier ziemlich viele Fehler und gerade bei den Namen wird es fast ärgerlich. Da heißt Friedrichs Schwester abwechselnd "Bertha" und "Berta". In einer Szene wird ein Gerard zwischendurch gleich mehrfach zu Guillaume. Beatrice spricht mittendrin ihrer Freundin gegenüber von Friedrich plötzlich zweimal als "Barbarossa", ohne daß der Leser erfährt, wie es zu diesem Namen kommt (ich finde es überhaupt sehr schade, daß dies im Buch gar nicht thematisiert wird); ganz davon abgesehen, daß Beatrice diesen Namen zu dem Zeitpunkt nicht als Anrede oder Bezeichnung für Friedrich verwenden würde. An einer Stelle wird historisch inkorrekt gesiezt. Hier wäre also wesentlich mehr Sorgfalt erforderlich gewesen und das Lesevergnügen ist bei so vielen auch inhaltlich relevanten Fehlern doch ein wenig gegtrübt.

Das Erzähltempo ist sehr geruhsam - auf den etwa 550 Seiten werden gerade mal acht Jahre im Leben Beatrices behandelt, wobei die beiden Schwerpunkte auf ihrer Jugend und Friedrichs zweitem Feldzug gegen Italien liegen. Mir war dies oft zu langatmig, gerade wenn immer wieder seitenlange Naturbeschreibungen eingestreut werden. Diese lesen sich zwar vom Stil her schön, sind aber einfach zu lang und zu häufig. Auch Szenen, in denen Beatrice grübelnd irgendwo sitzt, wurden mir zu häufig und ausführlich genutzt. Die Erzählweise ist sehr deskriptiv, es gibt wenig Dialoge und dies nimmt zusammen mit den detailfreudigen Naturbeschreibungen, introspektiven Betrachtungen und vielen Erlebnissen aus zweiter Hand der Erzählung die Lebhaftigkeit. Dies fällt inbesondere im Vergleich zu jenen Szenen auf, in denen Beatrice erster Hand etwas erlebt, in denen Dialoge geführt werden - das Buch gewinnt in diesen Szenen sofort an Farbe. Dies ist natürlich Geschmackssache, manche Leser werden die ruhige Erzählweise als angenehm empfinden. Ich hätte es vorgezogen, weniger der langatmigeren Passagen und dafür mehr Jahre im Leben Beatrices im Buch zu haben.

Ein informatives Nachwort erläutert, wo die Autorin bei mangelnder Quellenlage einer Theorie folgte oder Lücken mit Fiktion ausfüllte. Dies ist wirklich gut gelungen, auch die nicht belegten Handlungen sind absolut stimmig, passen zu dem, was wir von den historischen Persönlichkeiten wissen. Sie sind gut in die historischen Fakten eingewoben, ergeben ein passendes Gesamtbild. Beatrices häufiges Erzengelversionen sollten meiner ganz persönlichen Meinung nach dagegen kein Teil einer realistischen historischen Romanbiographie sein.

Wie bereits erwähnt, hätte ich mich gefreut, wenn mehr als nur acht Jahre im Leben Beatrices behandelt worden wären, gerade weil es noch viele Stationen ihres Lebens gab, die sich hervorragend für eine Romanschilderung geeignet hätten. Doch hat die Autorin durchaus eine gute Zeitspanne gewählt, das letzte Kapitel zeigt, daß hier auch ein Lebensabschnitt, eine Stufe der inneren und äußeren Entwicklung vollendet wurde und insofern ist auch dies stimmig.

So kann man in diesem Buch sehr viel über Beatrice und auch Friedrich lernen oder sich als mit den historischen Ereignissen vertrauter Leser an der akribischen, gelungenen Recherche erfreuen. Auch wenn das Erzähltempo fast überwiegend nicht meinem Geschmack entsprach, habe ich den Umgang mit der Sprache genossen und mich gefreut, daß es hier ein Buch gibt, daß die Zeit Friedrichs und Beatrices fundierter betrachtet als die Mainstreamromane zu dieser Epoche.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2021

Hier stimmt fast alles!

Die Kannenbäckerin
0

Bei "Die Kannenbäckerin" hat mich sofort das Titelbild angesprochen. Es ist keines der unsäglichen "Frau-vor-Gebäude"-Titelbilder, die darauf ausgelegt zu sein scheinen, historischen Romanen jegliche Individualität ...

Bei "Die Kannenbäckerin" hat mich sofort das Titelbild angesprochen. Es ist keines der unsäglichen "Frau-vor-Gebäude"-Titelbilder, die darauf ausgelegt zu sein scheinen, historischen Romanen jegliche Individualität zu nehmen, sondern es ist schlicht und gerade dadurch eindrücklich. Auch die Farbgebung des Hintergrunds sowie der Schrift (sehr schöne Schrifttype!) sind angenehm und harmonisch. Die erfreuliche Gestaltung setzt sich auf Buchrücken, Rückseite und im Buchinneren fort. Ebenfalls erfreulich ist das sorgfältige Korrektorat – was leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Auch der Inhalt kann mit dem gelungenen Äußeren mithalten. Wir sind sofort auf der ersten Seite mitten im Geschehen. Annette Spratte erzählt herrlich farbig, vermittelt das, was zu sehen, zu hören und zu riechen ist, so gut, daß ich mich in der Szenerie glaubte. Das Erzähltempo hält, was der Anfang verspricht. Es gab für mich keine überflüssige Passage, ich habe mich nie gelangweilt. Die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche. Manche Dinge wurden mir sogar ein wenig zu knapp abgehandelt.

Obwohl die Geschichte während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges einsetzt, bleiben uns detaillierte Schilderungen von Grausamkeit erspart. Dem Leser wird durchaus vermittelt, welche Härten das Leben mit sich brachte und welches Leid die Menschen erdulden mußten, aber das geschieht ohne Effekthascherei. Es gibt einen Überfall von Soldaten auf das Dorf, aber wir sind nicht dabei und erfahren davon, wie die Protagonistin selbst, erst nachher. Es hat mir gefallen, daß hier auf blutrünstige Schilderungen verzichtet wurde. Fokus sind die Charaktere und ihre Entwicklungen, insbesondere natürlich die Protagonistin Johanna. Diese Charaktere sind sorgfältig konzipiert und gerade Johanna, sowie ihr Onkel und ihre Tante haben mich berührt und ich habe an ihrem Schicksal Anteil genommen. Wenn man so mitgeht, dann ist die Charakterzeichnung wirklich gelungen. Niemand ist hier eindimensional. Auch die positiv gezeichneten Charaktere haben ihre Fehler und ihre unsympathischen Momente. Die negativen können ab und zu überraschen und bei manchen stellt sich der erste Eindruck als falsch heraus. Dadurch wirken alle Charaktere echt und ich sah schon bald das Dorf, sowie den Hatterod-Hof richtig vor mir.

Johannas innere Reise ist besonders interessant und umfassend. Man erlebt, wie sie innerlich wächst und sich entwickelt. Interessant ist hier auch ihre Haltung zu Gott, den sie nach ihren vielen Schicksalsschlägen zunächst gänzlich ablehnt, was sich nach und nach ändert. Hier fand sich allerdings für mich der zweite kleine Schwachpunkt des Buches – was als interessante, nachvollziehbare Entwicklung beginnt, bekommt im letzten Viertel des Buches einen idealisiert-missionarischen Anstrich, der dann zum Selbstzweck wird, und auf die Geschichte aufgepfropft wirkt. Das war sogar mir als durchaus gläubigem Menschen zum Ende hin zu viel und wurde in seiner Wirkung genau dadurch geschwächt.

Erfreulich waren die historischen Details, die gut recherchiert sind, auch zur Töpferei in jener Zeit habe ich eine Menge gelernt – dies auf unterhaltsame Weise, alle Fakten wurden ausgezeichnet in die Geschichte eingeflochten und waren interessant zu lesen. Schade war es, daß stellenweise die Dialoge viel zu modern wirkten. Auch hier hatte ich gerade im letzten Viertel bei manchen Dialogen eher ein Gefühl von 20. Jahrhundert. Da gibt es ein paar richtige Ausreißer, wie "Es ist eine tolle Chance für ihn." Niemand im 17. Jahrhundert (und lange danach) hätte so gesprochen, ganz zu schweigen davon, daß "toll" zu jener Zeit eine völlig andere Bedeutung hatte.

So gibt es also mit der teilweise etwas raschen Behandlung einiger Themen und seelischen Auswirkungen, dem Missionarischen und den teilweise nicht historisch korrekten Dialogen ein paar Wermutstropfen. Demgegenüber steht aber eine ausgesprochen interessante Geschichte, die in einem angenehmen Schreibstil geschildert wird, auf völlig unaufgeregte Art sehr spannend ist und den Leser mit mitreißende Charakteren und überwiegend herrlich geschilderter Atmosphäre überzeugt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.01.2021

Schiller wird erzählerisch lebendig

Der lange Weg nach Weimar
0

Ich habe schon den ersten Band von Udo Weinbörners Schiller-Roman mit Freude gelesen. In diesem zweiten Band begleiten wir Schiller durch die letzten 22 Jahre seines Lebens. Der Einstieg aber findet im ...

Ich habe schon den ersten Band von Udo Weinbörners Schiller-Roman mit Freude gelesen. In diesem zweiten Band begleiten wir Schiller durch die letzten 22 Jahre seines Lebens. Der Einstieg aber findet im Jahr 1824 statt, als Beethovens 9. Symphonie, basierend auf Schillers Ode an die Freude, in Wien uraufgeführt wird und wir dieses monumentale Ereignis durch die Augen von Schillers Kindheitsfreund Streicher erleben dürfen. Hier zeigt Udo Weinbörner, daß diese emotionalen, großen Szenen eine seiner Stärken sind. Er läßt das Geschehen auferstehen, man sitzt als Leser regelrecht neben Streicher, ist mittendrin, ganz dabei. Es ist meisterhaft, wie hier die Atmosphäre vermittelt wird!

Auch sonst erfreut der Autor wieder mit gekonnter Sprache und herrlichen Formulierungen. "Jeder zerrissene Faden des Umgangs knüpfte sich schnell wieder an" oder "nur einen kleinen flammenden Moment des Lebens lang" sind nur zwei Beispiel dafür, welchen Lesegenuß diese Formulierungen bieten können. Das Buch ist fast überwiegend angenehm zu lesen, nur vereinzelt gab es ein paar Szenen oder Dialoge, die ein wenig holprig wirkten. Der Schreibstil wirkt zudem zugänglicher als beim ersten Band und so läßt sich das Buch auf sprachlich hohem Niveau leichter lesen, was ich begrüße. Ein weiterer erfreulicher Punkt: während im ersten Band oft leichte Verwirrung bei mir (und anderen Lesern) herrschte, wie viel Zeit vergangen war, in welchem Jahr von Schillers Leben wir uns befanden, steht nun jedem Kapitel eine Orts- und Zeitangabe voran. Sehr schön ist ebenfalls die Voranstellung von Zitaten, sowie die Verwendung von Zitaten im Text.

Weniger erfreulich war das stellenweise schlechte Korrektorat, dem nicht nur kleinere Fehler, sondern auch einige Doppelformulierungen und plötzliche Ortsnamenänderungen (aus Nierstein wird Niederstein, aus Sachsenhausen wird Sandhausen), sowie ein Wechsel der Erzählperspektive und ein inhaltlicher Fehler durchgerutscht sind. Auch der sehr gedrängte Buchsatz stört das Leseerlebnis. Dialogteile werden oft nur durch einen Bindestrich abgetrennt, nicht durch eine neue Zeile kenntlich gemacht. Szenenwechsel werden nicht durch eine Leerzeile gekennzeichnet. Während man sich an die Dialoge so gewöhnen kann, wird die fehlende Leerzeile beim Szenenwechsel zum Ärgernis, da sie häufig zur Verwirrung führt und aus dem Lesefluss reißt.

Schiller wird in diesem Buch, wie schon in Band 1, gekonnt zum Leben erweckt. Ich bin mit seiner Lebensgeschichte sehr vertraut und es war herrlich, zu sehen, wie die Fakten hier mit leuchtender Farbe erfüllt wurden. Penible Recherche wird mit erzählerischem Talent verwoben. In der zweiten Hälfte gibt es dann leider viele längere Passagen, die reinen Berichtscharakter haben, das Romanhafte aus dem Roman nehmen und nur die Biographie lassen. Das fand ich bedauerlich, gerade weil der Autor eigentlich so viel erzählerisches Feuer hat. Die zweite Hälfte hat mich ohnehin weniger erfreut als die erste. Während Schillers zwei Jahren in Mannheim die erste Hälfte des Buches, fast 200 Seiten, gewidmet sind und hier äußerst detailreich erzählt wird, werden die nächsten immerhin 20 Jahre in der zweiten Hälfte des Buches ebenfalls in etwa 200 Seiten abgehandelt. Das ist ein starkes Ungleichgewicht, das verständlich gewesen wäre, wenn in Schillers Leben in jener Zeit wenig geschehen wäre. Doch ist es eine aufregende Zeit für ihn, in der viel Relevantes und Erzählenswertes passiert, und die knappe Abhandlung wird dem nicht gerecht. Es wurde am Text auch merklich gekürzt, so daß manche Szenen abrupt und ein wenig verwirrend enden, Charaktere nicht hinreichend eingeführt werden, etc. Ich fand es nicht erfreulich, daß plötzlich von der in Band 1 und der ersten Hälfte dieses Bandes verwendeten Erzählgeschwindigkeit abgewichen wurde.

So war dieser Band teilweise ein etwas getrübtes Vergnügen. Nichtsdestotrotz ist es aber ein Roman, der Schiller mit erzählerischem Talent und erkennbarem Herzblut zum Leben erweckt, mit gelungener Sprache erfreut und eine verdiente Würdigung Schillers ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.01.2021

Vielfältige Familiengeschichte

Hannah und Ludwig
0

Mit "Hannah und Ludwig" erzählt Rafael Seligmann die Geschichte seiner Eltern und ihrer Familien in der Zeit von 1934 bis 1957 und beleuchtet damit das Leben der nach Palästina eingewanderten Juden und ...

Mit "Hannah und Ludwig" erzählt Rafael Seligmann die Geschichte seiner Eltern und ihrer Familien in der Zeit von 1934 bis 1957 und beleuchtet damit das Leben der nach Palästina eingewanderten Juden und die Aufbruchsstimmung in einem Teil der Erde, der in die Weltpolitik so eingebunden wurde, daß er erst einmal zu sich selbst finden mußte. Da ich über diese Zeit in Palästina/Israel bisher nicht viel wußte, war ich angetan von der Fülle an Wissen, die dieses Buch enthält.

Schon der erste Eindruck ist ansprechend, ein ausgesprochen passendes Titelbild, das die Ankunft von Einwanderern in Palästina zeigt, auch haptisch hochwertig gestaltet (das Korrektorat/Lektorat hätte sich daran ein Beispiel nehmen können, wobei hier immerhin ein wenig sorgfältiger gearbeitet wurde als beim letzten Buch, das ich von diesem Verlag las). Erfreulich ist auch ein Glossar, auch wenn ich ein paar Begriffe dort vergeblich suchte. Ganz am Ende finden sich einige Familienfotos, ebenfalls sehr erfreulich.

Der Autor beginnt mit der Ankunft der Brüder Ludwig und Heinrich und berichtet uns das Geschehen mit Ludwig als Ich-Erzähler. Ludwig Seligmann ist Rafaels Vater und ich fand das Vorgehen, sich durch die Erzählperspektive gewissermaßen in dessen Haut zu begeben, sehr ungewöhnlich und mutig. An manchen Stellen scheint es, als ob der Autor vor zu viel innerer Nähe zurückschreckt, gerade Ludwigs erste Beziehungen sind seltsam distanziert geschildert und wirken teils fast nicht zur Geschichte gehörig. Auch ist Ludwigs Verhaltensweise vereinzelt nicht nachvollziehbar, weil der Ich-Erzähler hier seine Gedanken nur vage anschneidet. Im Allgemeinen aber funktioniert die Erzählperspektive gut, denn so erleben wir diese erste Zeit in Israel durch Ludwigs Augen und können wirklich in das Geschehen eintauchen. Die Sprache ist durchgehend ausgezeichnet und gerade im ersten Drittel zeichnet sie sich durch farbige Beschreibungen aus, die mit wenigen Worten ganze Bilder heraufbeschwören können. Das gelegentliche Einbeziehen von Dialogen mit jiddischen Anklängen oder Dialekten aus den jeweiligen Heimatregionen trug sehr zur Farbigkeit bei. Ich hatte beim Lesen wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Dieses Farbigsein nimmt allmählich etwas ab, dafür geht der Autor im zweiten Teil viel tiefer in die Gefühlswelt der Personen.

Inhaltlich war gerade der erste Teil für mich faszinierend, in dem wir Ludwig und Heinrich bei ihren ersten Schritten in der neuen Heimat begleiten. Die Brüder gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Situation um und das las sich spannend und gab viele Einblicke in die Lage der deutschen Juden in Palästina, die ihr Heimatland vermissten, sich mit der gänzlich anderen Kultur nicht immer anfreunden konnten und gleichzeitig in dem schmerzlichen Bewusstsein leben mußten, daß ihr Heimatland sie nicht mehr wollte. Oft kommt dazu noch die Angst um in der alten Heimat zurückgebliebene Verwandte. Heinrich leidet unter dem Verlust seiner Heimat sehr und richtet sich in Palästina in einem Provisorium ein, das zu einem andauernden Zustand wird. Leider verschwindet er nach dem ersten Drittel des Buches fast völlig aus der Geschichte und taucht nur noch in gelegentlichen Einschüben auf. Nachdem er uns so intensiv vorgestellt wurde, fand ich es schade, daß wir über seine Gedanken dann so gut wie nichts mehr erfahren.

Der zweite Weltkrieg wird überraschend schnell abgehandelt und auch hier fehlten mir oft Informationen dazu, wie die Familienangehörigen manche Dinge erlebten, was sie über die Geschehnisse dachten. Die historischen Hintergrundinformationen werden oft nicht eingebunden, sondern textbuchartig erzählt. Das geht manchmal nicht anders, aber ich dachte oft "Ja, gut, aber wie empfand die Familie dies?" Im letzten Drittel, nach der Gründung Israels, werden die textbuchartigen Einschübe länger und lasen sich in dieser Häufigkeit für mich oft ein wenig trocken. Bei einigen jüdischen Traditionen (z.B. dem Mikwebesuch der Braut) wären dagegen ein paar erklärende Hintergrundsätze sehr willkommen gewesen.

Als Ludwig Hannah, seine spätere Frau, kennenlernt, kommt diese als zweite Ich-Erzählerin dazu, so daß die Erzählperspektiven wechseln. Diese Wechsel werden lediglich durch drei Leerzeilen angezeigt, die ich im Lesefluß auch nicht immer so deutlich wahrgenommen habe, so daß ich oft anfänglich verwirrt war, wenn sich die Erzählperspektive änderte. Als nachher noch Rafaels Erzählperspektive dazukommt und zwischen drei Ich-Erzählerin gewechselt wird, wird es gelegentlich noch ein wenig verwirrender. Hier wäre es ausgesprochen hilfreich gewesen, einfach kurz "Hannah","Ludwig" oder "Rafael" davorzusetzen. Dies hätte den Fluß nicht unterbrochen und wäre erheblich leserfreundlicher gewesen. Sinnvoll sind diese wechselnden Perspektiven nämlich durchaus, da sie gerade in der Beziehung zwischen Ludwig und Hannah verschiedene Gesichtspunkte beleuchten.

Da der Autor sowohl Ludwigs wie auch Hannahs Familie einbindet, erfahren wir eine Vielzahl von Schicksalen und bekommen so ein vielfältiges Bild der Erfahrungen, die ausgewanderte Juden in jener Zeit machten. Das fand ich sehr anschaulich, wenn auch mancher viel zu kurz kommt und einige Dinge unklar bleiben. Es entfaltet sich ein gut geschildertes Panorama jener Zeit und jener Gegend. So ist "Hannah und Ludwig" ein Buch, das in gelungener Sprache viele Informationen vermittelt und uns am Schicksal zahlreicher Menschen teilhaben läßt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2020

Originelle Idee, deren Umsetzung mich enttäuschte

Tödliche Gemälde
0

Dieses Buch hat mich gleich neugierig gemacht - ein Kunstkrimi, in dem ein Lebemann und Kunsthändler zugleich ein Serienmörder ist und mit seinen Morden Kunstwerke nachstellt. Das alleine gefiel mir schon, ...

Dieses Buch hat mich gleich neugierig gemacht - ein Kunstkrimi, in dem ein Lebemann und Kunsthändler zugleich ein Serienmörder ist und mit seinen Morden Kunstwerke nachstellt. Das alleine gefiel mir schon, dann kommt laut Klappentext noch hinzu, daß ausgerechnet sein mit ihm verfeindeter Zwillingsbruder der Ermittler in diesen Fällen ist und es zu einem "psychologisch raffinierten" Verwirrspiel kommt. Das versprach eine ausgefeilte Geschichte. Meine Erwartungen wurden leider nicht erfüllt.

John Blumenstein, der Lebemann und Kunsthändler, wird uns erst einmal sehr ausführlich vorgestellt. Mehr als fünfzig Seiten lang begleiten wir ihn dabei, wie er nach Handbuch den Bonvivant gibt. Sein Dasein als Lebemann wird uns nämlich vorwiegend durch ausführliche Passagen mit seinen Gedanken zu Weinen und ausführlichen Beschreibungen seiner Menüs geschildert. Die Weinpassagen lesen sich wie aus dem Weinführer und auch bei den Menüs liest es sich wie eine Speisekarte. Später kommen vermehrt Rezepte hinzu - eine Frau, mit der John Essen geht, erklärt ihm bei jedem Gericht, wie sie es zubereiten würde, und auch mitten in einer Mordserie findet sich Zeit, genüßlich zu kochen und dem Leser seitenlang die Zubereitungsweise zu schildern. Da zudem ständig erwähnt wird, wie teuer dies und jenes ist, hat John, genau wie die Erzählweise, einen deutlichen Anklang von nouveau riche. Wir lesen, daß John Bonvivant ist, aber wir erleben es nicht. Außerdem wird hier sehr mit dem Holzhammer gearbeitet.

Auch sonst macht es der Schreibstil schwer, irgendetwas in der Geschichte zu erspüren, zu erleben. Der Großteil des Buches wird ohne literarische Finesse als Bericht heruntererzählt. Es gibt kaum Dialoge, welche aber ohnehin keine Lesefreude sind. Sie wirken manieriert. Beispiel: "Ha, du feinster aller Brüder! Hab ich dich!" Der Leser liest und bleibt unbeteiligt. Nur in einigen wenigen Szenen habe ich das Gefühl gehabt, die Szene wirklich vor mir zu sehen. Diese Szenen sind gut und zeigen, was aus dem Buch hätte werden können. Da erleben wir dann auch John als Mensch, nicht nur als Schablone. Dieser charakterliche Einblick ist auf gelungene Weise grausig. Sonst haben alle Charaktere etwas Schablonenhaftes, sie sind nicht sorgfältig ausgearbeitet und nicht überzeugend. Johns Bruder Martin bleibt völlig blass, bis er dann plötzlich durchdreht und überzogen wird. Die weiblichen Charaktere scheinen einer Wunschphantasie entsprungen - gleich vier von ihnen befinden sich in Ehen/Beziehungen, in denen der Partner sie körperlich nicht befriedigt und so springen sie lustvoll den nächstbesten Mann an, gerne auch mitten im Park oder bewaffnet mit einer Reisetasche voller erotischer Spielsachen oder mit einem Würgefetisch ausgestattet.

Wirklich interessant dagegen ist der Einblick in den Kunsthandel - hier merkt man, dass dies das Metier des Autors ist und hier geht die Erzählung dann auch meistens weg vom Handbuchartigen und wird echt. Die Kunstwerke, um die es in den Morden geht, werden dem Leser überwiegend gelungen nahegebracht (im letzten Drittel des Buches werden leider auch die Beschreibungen wieder handbuchartig). Auch die Auswahl jener Gemälde, die John dann durch seine Morde nachstellt, ist gelungen. Man kann Johns Begeisterung für manche Gemälde absolut nachempfinden, erfährt interessante Hintergründe und betrachtet die Gemälde selbst genauer - sie sind nämlich im Buch abgebildet, was eine hervorragende Idee ist. Überhaupt ist das Buch optisch sehr schön gestaltet. Leider erstreckt sich diese Sorgfalt nicht auf das Korrektorat, es sind mir doch zu viele fehlende Worte, zusätzliche Worte, falsche Worte oder grammatikalische Fehler aufgefallen.

Leider aber wurde neben diesem interessanten Kern in die Geschichte noch viel zu viel hineingepackt - zusätzlich zu den lustvollen Frauen, den ausgiebigen Menüs und teuren Weinen hat John nämlich auch noch mit einem Geheimdienst zu tun. Das wirkte von Beginn an auf mich etwas deplatziert und sorgt für einige absurde Szenen. So sind die Geheimdienstmitarbeiter nicht nur in einem Fall unrealistisch vertrauensselig, sondern lassen sich auch von einer italienischen Hausfrau deftig die Leviten lesen. So ein Verhalten ginge ja gar nicht, wirft sie den toughen Agenten vor, und man möge sich doch bitte besser benehmen. Was die Agenten dann auch brav beherzigen. Auch sonst fehlt der Geschichte überwiegend der Realismus. John kommt ein praktischer Zufall nach dem anderen zur Hilfe, alles funktioniert reibungslos, alles läuft glatt. Noch nie hatte ein Serienmörder es so komfortabel. Das nimmt der Geschichte, ebenso wie die ausführlichen Essens- und Weineinschübe, die Spannung.

Von der versprochenen psychologischen Raffinesse habe ich, wenn überhaupt, nur leichte Ansätze gefunden. Die Holzhammermethode zieht sich durch alle Themen und durch diese ständigen Übertreibungen, dazu zahlreiche Wiederholungen, wird die Wirkung der Geschichte geschwächt und die guten Ansätze gehen unter. Letztlich hatte ich das Gefühl, eine Ansammlung von Auszügen aus Weinführern, Kochbüchern, Reise- und Kunstführern zu lesen, die mit der überzogenen Handlung eines James-Bond-Filmes angereichert wurden. Schade, denn aus der Idee hätte wirklich ein tolles Buch werden können und die Ansätze waren defintiv vorhanden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere