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Veröffentlicht am 10.05.2020

Was „normalen“ Leuten nicht passiert…

Die Komplizin
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Es ist eine ganz alltägliche Situation, die so ständig passiert: Die junge Krankenschwester Anna Selbig ist mit dem Auto auf dem Heimweg von der Arbeit. Doch dieses Mal wird alles anders sein: An einer ...

Es ist eine ganz alltägliche Situation, die so ständig passiert: Die junge Krankenschwester Anna Selbig ist mit dem Auto auf dem Heimweg von der Arbeit. Doch dieses Mal wird alles anders sein: An einer roten Ampel stürmen plötzlich zwei bewaffnete Männer in ihren Wagen und zwingen sie zur Kooperation. Diego und sein Bruder sind Mitglieder der kriminellen Gang der „Streetsurfer“ und wurden zum gefühlslosen, brutalen Handeln und Töten erzogen. Seit einiger Zeit kann sich Diego allerdings nicht mehr mit den Zielen und dem Vorgehen seiner Vereinigung identifizieren, er plant den Ausstieg – und nutzt dabei Annas Auto zur Flucht. Die Leben von Diego und Anna verstricken sich auf der Reise von Hamburg nach Spanien immer mehr miteinander und langsam entwickeln sich erste Gefühle zwischen Entführer und Entführten. Neben der Polizei sind ihnen aber auch die „Streetsurfer“ dicht auf den Fersen – wird es ihnen gelingen, ein neues Leben zu starten?

„Die Komplizin“ von Ellen Puffpaff ist ein logisch und durchdacht konstruierter Thriller voller Überraschungen. Er beginnt zunächst in zwei Handlungssträngen, welche den Leser in die unterschiedlichen Welten Annas und Diegos einführen. Bereits in den ersten Szenen erkennt man den deutlichen Bezug zum Cover, die im Buch geschilderte Situation ist sehr passend dort abgebildet und der Leser direkt abgeholt und mitten im Geschehen. Die Spannung wird somit gleich zu Beginn des Buches aufgebaut und fällt bis zum Ende hin nie wirklich ab. Viele Kapitel enden mit Cliffhangern, so dass man unmöglich aufhören kann zu lesen, da Neugierde, wie es wohl weiter geht, einfach zu groß ist. Ich mag es sehr, dass das Buch ständig unvorhergesehene Wendungen nimmt, mit denen man nicht gerechnet hat. Gegen Ende hin nimmt die Geschichte noch einmal richtig Fahrt auf, die Ereignisse haben sich regelrecht überschlagen. Leider hinterlässt es mich aber mit gemischten Gefühlen, vieles was mich noch interessiert hätte wurde leider nicht mehr aufgeklärt. Es soll ein Folgeband erscheinen, in dem diese Fragen gelöst werden, für mich endete die „Die Komplizin“ deshalb aber unbefriedigend.

Ellen Puffpaff ist es gelungen, ihre Charaktere sehr stark auszuarbeiten, insbesondere die Protagonisten wirken authentisch und lebensnah. Anna gefällt mir richtig gut. Sie ist ein starker, sympathischer Charakter, mit dem man sich als Leser identifizieren und mitfühlen kann. Ihre fürsorgliche und verständnisvolle Art trägt maßgeblich dazu bei, dass sich ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Diego aufbauen kann. Dieser wird als Gegensatz zu Anna dargestellt und fungiert in „Die Komplizin“ als tragische Figur, die sich einfach nur wünscht normal zu sein. Diego kämpft mit seinen inneren Dämonen und wirkt zerrissen zwischen Schuldgefühlen, seiner Sozialisation und den neuen, bisher ungewohnten Gefühlen. Trotz seiner Vergangenheit und Unberechenbarkeit gelingt es der Autorin, Diego dem Leser im Laufe seiner Entwicklung verständlich zu machen und Mitleid mit ihm zu empfinden.

Die Wandlung der Charaktere im Laufe der Geschichte und die Entstehung ihrer (teilweise ungesunden) Beziehungen zu- bzw. voneinander weg geben dem Buch eine weitere Brisanz – das sich ständig neu ordnende Beziehungsgeflecht der agierenden Personen zu verfolgen ist psychologisch sehr interessant. Anna entwickelt ein regelrechtes Stockholm-Syndrom ihrem Peiniger gegenüber, während die eigentliche langjährige Beziehung zu ihrem Partner Nico immer mehr in Vergessenheit gerät. Schnell hängt Anna ganz tief mit drin, ihr Leben ist sogar von Diego abhängig – so entwickelt sich Anna langsam aber sicher von der Geisel zur Komplizin; eine interessante Wendung, die sogar (zumindest in Teilen) nachvollziehbar dargelegt wird.

Insgesamt ist „Die Komplizin“ eine vertrackte Geschichte, die trotz allen ungeheuerlichen Vorkommnissen immer realistisch bleibt und tatsächlich so passieren könnte. Deshalb kann sich der Leser gut mit Anna identifizieren, die auch nur dadurch, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war und den falschen Leuten über den Weg gelaufen ist, in eine derartige Lage geraten ist. Das Buch zeigt gut auf, wie schnell man als ganz normaler Mensch vollkommen unverschuldet in eine brenzlige Situation geraten kann. Ein großes Lob an die Autorin für so viel Realitätsnähe!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2020

Lovestory ohne wirkliches „Rockstar-Feeling“

Rock'n'Love
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Lily Tennison hat es nicht leicht im Leben: Als einzige Tochter eines reichen texanischen Unternehmers hat sie mit der Familie gebrochen, um sich ihren Traum vom Kunststudium zu verwirklichen, welchen ...

Lily Tennison hat es nicht leicht im Leben: Als einzige Tochter eines reichen texanischen Unternehmers hat sie mit der Familie gebrochen, um sich ihren Traum vom Kunststudium zu verwirklichen, welchen ihre Eltern nicht unterstützen. Dieses Studium kann sie nur finanzieren, indem sie sowohl kellnert, als auch als Eventmanagerin in einem Luxusressort arbeitet. Eines Tages flieht die berühmte Rockband Caged genau dorthin vor den Schattenseiten des Ruhms. Die vier Jungs mischen sehr schnell das Ressort auf, schließlich gehören sie zu den begehrtesten Junggesellen Texas. Lily möchte sich diesem Hype verweigern, kann aber auch die Anziehungskraft zu Cameron Knight, dem sexy Gitarristen der Band, nicht abstreiten. Dieser setzt alles daran, Lily zu verführen, so wie er es regelmäßig mit seinen Groupies tut – wird sich Lily auf den attraktiven Rocker einlassen?

„Rock´n´Love“ ist ein relativ kurzes Buch, das sich aufgrund des flüssigen Schreibstils auch sehr schnell durchlesen lässt. Ein wenig den Lesefluss gestört hat lediglich Lilys Stottern, auch wenn dieses zur Person gehört und man relativ schnell lernt, darüber hinweg zu lesen. Das Buch ist in „Ich“-Perspektive verfasst und wechselt zwischen den beiden Protagonisten hin und her, was dem Leser einen guten Einblick in die jeweilige Gefühls- und Gedankenwelt ermöglicht.

Das Cover ist sehr klischeehaft gestaltet und spricht mich trotz der rosa Schrift, die im Kontrast zum abgebildeten Rocker steht, leider gar nicht an. Durch das Model wird der eigenen Fantasie wenig Spielraum geboten, noch dazu widerspricht der abgebildete Mann der Beschreibung des Protagonisten Cameron sehr stark – schade, Inhalt und Cover sind somit sehr widersprüchlich.

Der Fokus wird bei „Rock´n´Love“ sehr stark auf das Liebespaar gelegt, welche als Antagonisten stehen: Da ist auf der einen Seite der supertaffe Rockstar Cameron, strotzend vor Selbstbewusstsein und Testosteron. Auf der anderen Seite steht die süße, bodenständige und leicht schüchterne Künstlerin Lily. Leider hat diese eigentlich deutliche Zeichnung der Figuren aber keine Konsistenz, was mich irritiert und gestört hat. So wird der eigentliche Schürzenjäger Cameron plötzlich der treusorgendste Boyfriend schlechthin, ohne dass für den Leser nachvollziehbar wird, warum jetzt ausgerechnet Lily seine Traumfrau ist, für die er sein Leben ändert. Das „Spezielle“ und „Besondere“ an ihr wird nicht deutlich, so dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, etwas Wichtiges „überlesen“ zu haben. Und auch die zurückhaltende Lily ändert ganz plötzlich ihre Persönlichkeit und benimmt sich wie ein Groupie, indem sie sehr schnell und unüberlegt mit Cameron ins Bett steigt. Dieser unauthentische Umschwung vom anständigen Mädchen zum Vamp ging mir zu schnell und hat nicht in mein Bild von ihr gepasst. Leider kam auch kein Knistern zwischen den beiden bei mir an, ich hätte mir insgesamt mehr Emotion gewünscht.

Bei „Rock´n´Love“ hat mir der Einstieg sehr gut gefallen, man war schnell mitten im Geschehen um die Band. Leider gab es danach kaum mehr Einblick in die Musik, die Konzerten und das Bandleben, ich hätte mir gewünscht, etwas mehr „Rockstar-Feeling“ mitzuerleben. Sobald Lily auf der Bildfläche erscheint wird der Fokus ausschließlich auf den Handlungsstrang um sie und Cameron ausgerichtet. Außerdem musste ich zu Beginn etwas mit den Augen rollen, da irgendwie alle plötzlich gleichzeitig auf Lily zu stehen scheinen… Auch die erste erotische Szene zwischen den beiden kam sehr schnell, mir haben auch hier die Gefühle und deshalb auch etwas Glaubwürdigkeit gefehlt. Kurz kam gegen Ende noch etwas Spannung beim Drama um Lilys manipulative Mutter auf, aber auch diese Nebengeschichte ist schnell abgehandelt und war vorhersehbar. Das Ende war dann komplett „over the top“, einen derart schnulzigen und überzogenen Schluss hätte es nicht gebraucht.

Fazit:
Insgesamt war es ein Buch, das sich angenehm, schnell und flüssig lesen ließ. Bei einer sexy Rockstar-Geschichte weiß man als Leser ja auch eigentlich worauf man sich einlässt, ein bisschen mehr Inhalt und Emotion sowie weniger Vorhersehbarkeit hätte ich mir dann aber doch gewünscht.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Gefühl
Veröffentlicht am 02.05.2020

Gefangen im Netz aus Lügen

VERGESSEN - Nur du kennst das Geheimnis
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Kirsty wagt mit ihrer Familie wagt einen Neuanfang: Nachdem ihr Mann Adrian einen Zusammenbruch mit Selbstmordversuch hatte, lassen sie mit ihren beiden Töchtern das alte Leben in London hinter sich und ...

Kirsty wagt mit ihrer Familie wagt einen Neuanfang: Nachdem ihr Mann Adrian einen Zusammenbruch mit Selbstmordversuch hatte, lassen sie mit ihren beiden Töchtern das alte Leben in London hinter sich und renovieren in einem kleinen Dorf in Wales ein altes Pfarrhaus, um es als Gästehaus zu führen. Die jüngste Tochter Evie hat ein schlechtes Gefühl und glaubt, dass es in dem Haus spukt und auch die Dorfbewohner stehen der neuen Familie und dem Haus an sich skeptisch gegenüber. Zu allem Unglück taucht eines Tages Kirstys Cousine Selena mit ihrer kranken Tochter Ruby vor der Tür auf. Nach einem großen Bruch vor fast 20 Jahren, ausgelöst durch Selenas ständige Lügen, hatten die beiden ehemals besten Freundinnen keinen Kontakt mehr zueinander. Aus Mitleid zu Ruby erlaubt es Kirsty den beiden zu bleiben. Ab diesem Tag liegt plötzlich jeden Morgen ein verwelkter Blumenstrauß vor der Tür. Darauf angesprochen verwebt sich Selena immer weiter in neue Lügen, die letztendlich in einem großen Unglück enden…

„VERGESSEN“ ist der neue Thriller der SPIEGEL-Bestsellerautorin Claire Douglas. Das Cover empfinde ich als absolut passend zum Inhalt, der Leser bekommt eine gute Vorstellung des Gästehauses, welches so auch im Inhalt dargestellt wird. Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen und aufgrund der detaillierten Beschreibungen von Personen, Räumlichkeiten und Umgebungen lebensnah. Das Buch ist aus Ich-Perspektive von Mutter Kirsty geschrieben, der Leser erlebt das Geschehen aus ihrem Blickwinkel.

Durch diesen Fokus wird Kirsty als Protagonistin von allen Figuren am greifbarsten. Ihre (Selbst-)Zweifel, Ängste und ihr Beschützerinstinkt werden gut vermittelt. Teilweise wird sie durch ihr Über-Bemuttern und die Geheimniskrämerei aber auch etwas anstrengend. Insgesamt sind die wichtigsten Personen sehr gut und individuell gezeichnet, vielleicht mit Ausnahme von Adrian, der etwas blass bleibt. Schön fand ich hingegen die authentischen Charakterdarstellungen und Handlungen der Kinder. Auch Selenas manipulativer Charakter wurde so nachvollziehbar dargestellt, dass man als Leser selbst irgendwann nicht mehr wusste, was man ihr noch glauben kann und was nicht – eine absolut gelungene Antagonistin.

Das Buch beginnt spannend mit einem Prolog, der neugierig macht, gruselt und Fragen aufwirft. Anschließend teilt sich „VERGESSEN“ in einen Part „Davor“ und einen „Danach“, bezogen auf das Ereignis des Prologes, was ich eine sehr kreative Idee fand. Demensprechend sind die Kapitel auch mit z.B. „Zwei Tage zuvor“ überschrieben, was zusätzlich die Spannung hoch treibt. Im „Davor“-Teil erfährt der Leser zunächst viele Details und Einzelheiten aus Kirstys Leben und Alltag, es werden immer wieder Andeutungen auf tragische Ereignisse in der Vergangenheit gemacht, die sich nach und nach erst aufklären und u.a. durch eigene Kapitel mit Rückblicken erst verständlich werden. Teilweise sind diese Geheimnisse aber recht schnell abgehandelt und/oder weniger spektakulär, als zuvor angedeutet wurde, was dann ein eher enttäuschendes Gefühl zurücklässt. Auch sind für mich etwas viele Zufälle zusammengekommen. Leider wurde mir auch der Bezug zum Titel nicht wirklich ersichtlich, er könnte höchstens auf eine der Nebengeschichten aus der Vergangenheit hindeuten, welche dafür aber nicht genug Platz im Buch eingeräumt bekommen hat.

Der Plot an sich ist sehr gut durchdacht und durchstrukturiert, Claire Douglas schafft es auf geschickte Art und Weise, den Leser auf immer falsche Fährten zu locken. Da insgesamt sehr viele Personen auftauchen, bin ich in Teilen etwas durcheinander gekommen, verstehe aber, dass dies notwendig für das ausgeklügelte Ratespiel war, wer denn nun der Mörder ist. Die Indizien sprechen immer wieder für neue Personen, gefühlt hatte so gut wie jeder einen eigenen Grund den Mord zu begehen und macht sich somit verdächtig. Man hat es also mit einem kompliziert-vertrackten Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie zu tun, in dem nicht jeder jedem alles erzählt und nichts so ist, wie es scheint. Nach einigen nicht vorhersehbaren Wendungen war für mich dann auch die Lösung sehr überraschend, aber doch nachvollziehbar – super, so machen Thriller Spaß!

Am Ende wurden zwar nicht alle Handlungsstränge vollständig aufgeklärt, aber es hätte der Geschichte auch an Glaubwürdigkeit genommen, wenn plötzlich „heile Welt“ geherrscht hätte. Es wird nur nicht klar, ob es noch einen Nachfolgeband geben wird, der sich mit dem (angeblichen) Spuk im Haus und Evies Rolle befassen wird.

Fazit:

Eine raffiniert konstruierte Familiengeschichte voller Lügen, die schon spannend, aber nicht unbedingt „thrillermäßig“ war, dennoch aber empfehlenswert ist.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2020

Grausame Kunst oder die Kunst des Grausamen

Der Künstler
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Die junge Laura Stürmer möchte nach Beendigung ihres Kunstgeschichte-Studiums eine neue berufliche Richtung einschlagen und bewirbt sich deshalb auf ein Praktikum bei der Essener Polizei. Anders als erhofft ...

Die junge Laura Stürmer möchte nach Beendigung ihres Kunstgeschichte-Studiums eine neue berufliche Richtung einschlagen und bewirbt sich deshalb auf ein Praktikum bei der Essener Polizei. Anders als erhofft landet sie aber lediglich bei der wenig aufregenden Verkehrspolizei. Die spannenden Fälle finden sich im Morddezernat des kantigen Kommissars Alexander Michelsen, der aktuell einen grausigen Serienmörder jagt: Ein Mörder richtet seine Opfer brutal zugrunde und inszeniert sie auffällig und detailreich. Zufällig sieht Laura eines der Tatortfotos und erkennt, dass der Mörder auf brutale Art und Weise die Gemälde bekannter Künstler nachstellt, nach eigener Aussage „damit ihnen wieder die Aufmerksamkeit zu teil wird, die ihnen zusteht“ (S.122). Bevor Laura Kommissar Michelsen auf eine weitere Spur mit Bezug zur Kunstwelt aufmerksam machen kann, gerät sie selbst ins Visier des „Künstlers“…

Der Einstieg in das Buch „Der Künstler“ gestaltet sich sehr rasant, der Leser ist sofort mitten im Geschehen und in neugieriger Haltung auf das weitere Geschehen. Sowieso bleibt die Spannung durchgehend hoch, die Kapitel enden teilweise in Cliffhangern, so dass man als Leser einfach nicht aufhören kann bis das komplette Buch ausgelesen ist. Insgesamt sind die einzelnen Kapitel eher kurz gehalten und aus verschiedenen Perspektiven der Protagonisten geschrieben, was diese den Leser näher bringen.

Leider sind mir diese nicht wirklich sympathisch. Alexander Michelsen wirkt impulsiv und abgebrüht, für mich wirkt es wie ein Bruch in seiner Darstellung, dass er Laura so schnell so tief in die Ermittlungen mit einbezieht. Das wirkte auf mich wenig authentisch und eher unverständlich. Laura wirkt zunächst schwach und naiv-kindlich, sie ist nah am Wasser gebaut und oftmals den Tränen nahe. Insgesamt sind beide keine wirklich überzeugenden Figuren für mich.

Die Idee, die Kunstszene mit grausamen Morden in Verbindung zu bringen, finde ich ausgesprochen interessant und kreativ vom Autor Paul Buderath. Das ausgeartete, pervertierte Kunstverständnis des Mörders wird anschaulich dargestellt, der Leser an seine abstrusen Gedankengänge so herangeführt, dass sie – in seinem Sinne – verständlich werden. Die „Kunstwerke“ des Mörders werden sehr detailliert beschrieben, diese und andere blutrünstige Szenen werden sehr explizit dargestellt und sind somit nichts für schwache Nerven. Dies lässt aber bereits das Cover vermuten, auf dem ja auch nicht an Blut und Mordwerkzeugen gespart wird – bei der Betrachtung ist der Grusel bereits vorprogrammiert.

Zum Ende des Thrillers hin ist der Schuldige recht früh und unspektakulär bekannt geworden und nach kurzer Verfolgungsjagd wird er in einem kurzen Showdown gestoppt – hier ging dann alles etwas schnell. Des Weiteren habe ich die Lösung als nicht besonders kreativ und ausgeklügelt empfunden und hätte mich eine vertraktere Auflösung mit mehr Rätseln und Irrwegen gewünscht, hatte aber trotzdem eine spannende und angenehme Lesezeit, bei der die Seiten nur so dahingeflogen sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Spannung
  • Cover
Veröffentlicht am 30.04.2020

Vom Suchen und Finden des eigenen Platzes im Leben

Denn das Leben ist eine Reise
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Aimée Thalers Kindheit war alles andere als einfach: Ihre Mutter Marilou hielt es an keinem Ort wirklich lange aus, die beiden lebten im Wohnwagen an verschiedensten Plätzen und zogen immer weiter, wenn ...

Aimée Thalers Kindheit war alles andere als einfach: Ihre Mutter Marilou hielt es an keinem Ort wirklich lange aus, die beiden lebten im Wohnwagen an verschiedensten Plätzen und zogen immer weiter, wenn ihnen der Sinn danach stand. So außergewöhnlich und lustig das für die kleine Aimée war, umso schwieriger wurde es im Laufe der Zeit. Marilou musste sesshaft werden und gestaltete dies auf ihre eigene Art und Weise – indem sie sich einer Kommune anschloss, Trödel verkaufte und alkoholabhängig wurde. Glücklicherweise hatte Aimée Daniel, den Sohn aus dem Nachbarwagen, auf den sie sich immer verlassen konnte. Mit 18 schenkten ihr die Kommunenmitglieder einen alten VW Bulli, in dem sie fortan alleine wohnen konnte. Eines Tages besucht Per den Trödelverkauf und es war um Aimée geschehen – er konnte ihr alles bieten, was sie sich immer wünschte: Sicherheit und ein Zuhause. Hals über Kopf verlässt sie die Kommune, heiratet Per und bekommt einen Sohn mit ihm, Len. Doch auch hier wird sie nicht glücklich… Einige Jahre später eskaliert die Situation mit Per so sehr, dass sich Aimée Len schnappt und gemeinsam mit ihm wieder mit dem alten Bulli auf Reisen geht – auf eine Reise in die Vergangenheit, in der sie wieder Daniel und Marilou begegnet und mit dem Leben konfrontiert wird, dem sie eigentlich entfliehen wollte…

„Denn das Leben ist eine Reise“ befasst sich intensiv mit familiären Konstellationen: Aimée hat ein sehr schwieriges, gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter; in der Vergangenheit ist Schreckliches geschehen, dass sie ihr nicht verzeihen kann. All das möchte sie bei ihrem eigenen Kind besser machen und ist Len eine großartige Mutter. Sie selbst als Protagonistin wurde mir sehr sympathisch, auch wenn ihr ihre impulsive Reaktion, einfach mit Len auf und davon zu verschwinden, nicht wirklich nachvollziehen konnte und dies auf mich etwas überstürzt wirke. Len ist ein ganz fantastischer, sensibler Junge, den man sofort ins Herz schließt und beschützen möchte. Die Mutter-Sohn-Beziehung wird als absolut liebevoll beschrieben, die enge Verbindung und die gegenseitigen Gefühle werden spürbar und haben mich emotional berührt. Schade fand ich nur, dass sich Aimée am Ende dann doch nicht als so selbständig und emanzipiert herausgestellt hat, wie es zuvor den Anschein erweckt hat – das hätte besser zu der Protagonistin gepasst, die sich im Laufe der Geschichte entwickelte.

Insgesamt herrscht in dem Buch eine eher melancholische Stimmung. Mir wurde lange nicht klar, was Aimées Ziel ist und worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Zu Beginn wurden viele Passagen aus Aimées Leben beschrieben und es ging eher gemächlich voran. Im letzten Drittel überschlagen sich dann die Ereignisse, eine dramatische lebensverändernde Situation jagt die nächste und gipfelt in einem Happy End, das einfach zu harmonisch ist, um wahr zu sein. Die plötzliche heile Welt kam noch dazu viel zu schnell und allumfassend, um noch realistisch zu sein. Leider wirkte das Buch auch in anderen Punkten konstruiert und war deshalb leider wenig glaubwürdig. Besonders gestört hat mich, das viele Szenen absolut vorhersehbar waren und mich nicht mehr überraschen konnten.

Was mir ausgesprochen gut gefallen hat ist der Schreibstil der Autorin. Hanna Miller gelingt es ganz fabelhaft, auf subtile und anschauliche Art und Weise Atmosphären und Bilder zu erschaffen und gefühlvoll Einblicke in die Beziehungsgeflechte der Personen untereinander zu geben. Dieser schöne Umgang mit Worten, welche liebevoll und bewusst gewählt wirken, geben dem Buch trotz melancholischer Stimmung eine gewisse Leichtigkeit beim Lesen. Deutlich wird das zu Beginn eines jeden Kapitels, die mit kurzen Gedanken oder Erinnerungen aus Aimées Kindheit eingeleitet werden. Die Aneinanderreihung der Kapitel folgt keiner festen Chronologie, teilweise finden größere Zeitsprünge statt, an die man sich erst etwas gewöhnen musste. Ich persönlich fand es aber toll, dass man als Leser jedes Mal mitdenken und "raten" konnte, in welcher von Aimeés Lebensphasen man sich im jeweiligen Kapitel befindet. Insbesondere an diesen Rückblenden in Aimées Kindheit, die von einem locker-fröhlichem Leben unterwegs und einem liebevollen und unkonventionelle Mutter-Tochter-Verhältnis erzählen, erkennt man, dass Aimée permanent auf der Suche nach dem Platz ist, an den sie gehört. Sie versucht der eigenen Vergangenheit zu entfliehen um dann zu merken, dass ohne Vergangenheit keine Zukunft möglich ist und sich die Herkunft nicht verleugnen lässt – und diese auch nicht gezwungenermaßen schlecht sein muss.

Fazit:

„Denn das Leben ist eine Reise“ beschreibt gefühlvoll die Suche einer Frau nach einem Zuhause, um endlich irgendwo anzukommen, wo sie als der Mensch akzeptiert wird, der sie ist. Das Buch widmet sich dabei insbesondere dem nicht immer leichten Thema der familiären Beziehungen. Trotz der spürbaren Melancholie ist es sehr angenehm zu lesen, durch die bildhaften Worte der Autorin wird der Leser regelrecht durch die Seiten getragen. Auch wenn mir das Buch in vielen Stellen zu vorhersehbar war habe ich es gerne gelesen und kann es weiterempfehlen.

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