Was „normalen“ Leuten nicht passiert…
Die KomplizinEs ist eine ganz alltägliche Situation, die so ständig passiert: Die junge Krankenschwester Anna Selbig ist mit dem Auto auf dem Heimweg von der Arbeit. Doch dieses Mal wird alles anders sein: An einer ...
Es ist eine ganz alltägliche Situation, die so ständig passiert: Die junge Krankenschwester Anna Selbig ist mit dem Auto auf dem Heimweg von der Arbeit. Doch dieses Mal wird alles anders sein: An einer roten Ampel stürmen plötzlich zwei bewaffnete Männer in ihren Wagen und zwingen sie zur Kooperation. Diego und sein Bruder sind Mitglieder der kriminellen Gang der „Streetsurfer“ und wurden zum gefühlslosen, brutalen Handeln und Töten erzogen. Seit einiger Zeit kann sich Diego allerdings nicht mehr mit den Zielen und dem Vorgehen seiner Vereinigung identifizieren, er plant den Ausstieg – und nutzt dabei Annas Auto zur Flucht. Die Leben von Diego und Anna verstricken sich auf der Reise von Hamburg nach Spanien immer mehr miteinander und langsam entwickeln sich erste Gefühle zwischen Entführer und Entführten. Neben der Polizei sind ihnen aber auch die „Streetsurfer“ dicht auf den Fersen – wird es ihnen gelingen, ein neues Leben zu starten?
„Die Komplizin“ von Ellen Puffpaff ist ein logisch und durchdacht konstruierter Thriller voller Überraschungen. Er beginnt zunächst in zwei Handlungssträngen, welche den Leser in die unterschiedlichen Welten Annas und Diegos einführen. Bereits in den ersten Szenen erkennt man den deutlichen Bezug zum Cover, die im Buch geschilderte Situation ist sehr passend dort abgebildet und der Leser direkt abgeholt und mitten im Geschehen. Die Spannung wird somit gleich zu Beginn des Buches aufgebaut und fällt bis zum Ende hin nie wirklich ab. Viele Kapitel enden mit Cliffhangern, so dass man unmöglich aufhören kann zu lesen, da Neugierde, wie es wohl weiter geht, einfach zu groß ist. Ich mag es sehr, dass das Buch ständig unvorhergesehene Wendungen nimmt, mit denen man nicht gerechnet hat. Gegen Ende hin nimmt die Geschichte noch einmal richtig Fahrt auf, die Ereignisse haben sich regelrecht überschlagen. Leider hinterlässt es mich aber mit gemischten Gefühlen, vieles was mich noch interessiert hätte wurde leider nicht mehr aufgeklärt. Es soll ein Folgeband erscheinen, in dem diese Fragen gelöst werden, für mich endete die „Die Komplizin“ deshalb aber unbefriedigend.
Ellen Puffpaff ist es gelungen, ihre Charaktere sehr stark auszuarbeiten, insbesondere die Protagonisten wirken authentisch und lebensnah. Anna gefällt mir richtig gut. Sie ist ein starker, sympathischer Charakter, mit dem man sich als Leser identifizieren und mitfühlen kann. Ihre fürsorgliche und verständnisvolle Art trägt maßgeblich dazu bei, dass sich ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Diego aufbauen kann. Dieser wird als Gegensatz zu Anna dargestellt und fungiert in „Die Komplizin“ als tragische Figur, die sich einfach nur wünscht normal zu sein. Diego kämpft mit seinen inneren Dämonen und wirkt zerrissen zwischen Schuldgefühlen, seiner Sozialisation und den neuen, bisher ungewohnten Gefühlen. Trotz seiner Vergangenheit und Unberechenbarkeit gelingt es der Autorin, Diego dem Leser im Laufe seiner Entwicklung verständlich zu machen und Mitleid mit ihm zu empfinden.
Die Wandlung der Charaktere im Laufe der Geschichte und die Entstehung ihrer (teilweise ungesunden) Beziehungen zu- bzw. voneinander weg geben dem Buch eine weitere Brisanz – das sich ständig neu ordnende Beziehungsgeflecht der agierenden Personen zu verfolgen ist psychologisch sehr interessant. Anna entwickelt ein regelrechtes Stockholm-Syndrom ihrem Peiniger gegenüber, während die eigentliche langjährige Beziehung zu ihrem Partner Nico immer mehr in Vergessenheit gerät. Schnell hängt Anna ganz tief mit drin, ihr Leben ist sogar von Diego abhängig – so entwickelt sich Anna langsam aber sicher von der Geisel zur Komplizin; eine interessante Wendung, die sogar (zumindest in Teilen) nachvollziehbar dargelegt wird.
Insgesamt ist „Die Komplizin“ eine vertrackte Geschichte, die trotz allen ungeheuerlichen Vorkommnissen immer realistisch bleibt und tatsächlich so passieren könnte. Deshalb kann sich der Leser gut mit Anna identifizieren, die auch nur dadurch, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war und den falschen Leuten über den Weg gelaufen ist, in eine derartige Lage geraten ist. Das Buch zeigt gut auf, wie schnell man als ganz normaler Mensch vollkommen unverschuldet in eine brenzlige Situation geraten kann. Ein großes Lob an die Autorin für so viel Realitätsnähe!