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aoibheann

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.04.2026

Perspektivwechsel

The Artist
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Die Geschichte hat mich wirklich überrascht, durch eine Erzählweise. Der Stil ist weich, sanft, alles ist beschrieben, als würde man ein Gemälde für jemanden beschreiben. Auf den ersten Blick wirkt es ...

Die Geschichte hat mich wirklich überrascht, durch eine Erzählweise. Der Stil ist weich, sanft, alles ist beschrieben, als würde man ein Gemälde für jemanden beschreiben. Auf den ersten Blick wirkt es etwas distanziert, aber diesen Eindruck musste ich schon bald revidieren. Die Gefühle der Figuren liegen zum Teil wie unter einer dicken Schicht Farbe verborgen, die sich einem erst Schicht für Schicht offenbart.

Joseph ist ein junger Mann, auf der Such nach sich selbst. Als er bei Tartuffe eintrifft, sucht er nach Anerkennung, einem Platz an dem er sich beweisen kann. Er ist ein wenig ein Träumer, ein Idealist. Sehr verfangen ins seinen Vorstellungen, wie ein Künstler sein hat. Die schroffe und abweisende Art Tartuffes erschreckt ihn.
Tartuffe, Tata, ist alles andere als ein einfacher und einladender Charakter. Er ist ein Choleriker, ein Tyrann der über sein Reich herrscht, unverhältnismäßig schroff und überheblich. Jedes Detail des täglichen Lebens ist allein auf ihn und seine Bedürfnisse ausgerichtet. Es fällt nicht schwer, diese Figur so richtig abstoßend zu finden. Seine Nicht Sylvette, Ettie, schwebt wie ein Geist um alles herum. Tata ist furchtbar grausam zu ihr. Er hält sie klein, schirmt sie von allem ab, gesteht ihr kein eigenes Leben zu. Man bekommt schnell den Eindruck, dass er sie bestraft. Aber wofür? Was kann diese junge Frau bereits als Kind furchtbares getan haben, um so behandelt zu werden? Diese Frage schwebt sehr lange über allem. Etties Leben erscheint traurig und lieblos. Und dann verschiebt die Autorin ein bisschen die Perspektive. Nur ein ganz kleines bisschen. Und schon verschiebt sich das Bild. Nicht, dass Etties Leben plötzlich ein Quell der Freude und des Glücks werden würde. Aber es zeigt sich, wie der große und berühmte Künstler im Grunde von seiner vermeintlich unbedeutenden Nichte abhängig ist. Ein gelungener Kunstgriff, der der Handlung einen spannenden Twist gibt und man mit jedem Kapitel staunt, wie Ettie sich verwandelt. Natürlich endet das Ganze in einem großen Drama, mit dem Ettie sich aus ihrem Gefängnis befreien kann. Der Aufbau bis zu diesem Punkt ist langsam und stetig. Nachdem man über lange Zeit Tatas Ausbrüche verfolgt hat, ist man als Leser dann schon fast froh, dass es zu dieser Eskalation kommt. So erdrückend fühlt sich die Stimmung an.

Größter Kritikpunkt: Das Buch hätte an einigen Stellen geraffter und weniger ausführlich sein dürfen. Die Farben und Formen der Speisen etwa. Man merkt als Leser spätestens nach dem zweiten Mal, dass dies ein wichtiger Punkt ist. Das muss für meinen Geschmack nicht jedes Mal bis ins äußerste Detail ausgeführt werden. Manche Details sind auch unwichtig für die weitere Handlung, werden aber trotzdem ausführlich erklärt. Das große Geheimnis um Ettie wird am Ende dann doch gelüftet. Tatas Reaktion passt zu der erschaffenen Figur. Ich finde das große Geheimnis allerdings ziemlich banal und, gemessen an dem langen Aufbau und den vielen Anspielungen - schon fast enttäuschend.

Lesenswert finde ich das Buch trotzdem. Allein schon weil ich den Aufbau sehr clever finde und nichts wirklich so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.

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Veröffentlicht am 29.03.2026

Emotionale Achterbahnfahrt

Schlaf
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Was für eine emotionale Achterbahnfahrt! Die Geschichte schafft einen schwierigen Spagat zwischen emotional aufwühlend und stilistisch fein gezeichnet. Der Stil alleine hat mir unglaublich gut gefallen. ...

Was für eine emotionale Achterbahnfahrt! Die Geschichte schafft einen schwierigen Spagat zwischen emotional aufwühlend und stilistisch fein gezeichnet. Der Stil alleine hat mir unglaublich gut gefallen. Klar, schnörkellos, direkt, ruhig und doch sehr präzise. An vielen Stellen leise und dabei so präzise formuliert, wie ein Skalpell. Jones schafft es, mit sorgfältig ausgewählten Worten eine Stimmung zu transportieren und gleichzeitig eine Flut an Gefühlen beim Lesenden auszulösen. Was sich im einen Moment noch nach einem stimmungsvollen Sommertag anfühlt, lässt einem schon wenige Sätze später die Kinnlade herunterklappen.

Die Beziehung zwischen Margaret und ihrer Mutter Elizabeth ist von jeher komplex und kompliziert. Man wird im ganzen Buch keinen wirklich unbelasteten, freien Moment zwischen den beiden erleben. Jede vordergründig positive Erinnerung wird überlagert von Schuldgefühlen, Ängsten und Konsequenzen. Es ist spannend und bestürzend zugleich zu lesen, wie sich gewisse Verhaltensmuster aus Margarets Kindheit in ihr Leben als Mutter ziehen und wie sehr sie darum kämpft, diese nicht auch noch auf ihre Töchter zu übertragen.

"Schlaf" ist ein Buch, das mir ganz arg an die Nieren ging. Die Kombination aus (familiären) Machtverhältnissen, sexualisierter Gewalt, Kontrolle und Schweigen ist unheimlich dicht ineinander verwoben. Das ist wirklich ganz großes Kino. Gleichzeitig ist es auch schwer verdauliche Kost. Ich kann es nicht anders sagen, als dass es mich manchmal regelrecht geschüttelt hat. Mal vor Abscheu, mal vor Empörung. Und auch dabei bleibt Jones ihrem ruhigen und zurückgenommenen Stil treu. Damit nimmt sie keinem ihrer Leitthemen die Brisanz, bläht sie aber auch nicht effekthascherisch übermäßig auf. Auch die Balance zu Margarets erwachender Sexualität, ihren Entdeckungen und Fragen an sich selbst, ist gegeben.

Mich hat die Geschichte völlig aus den Socken gehauen. Eine Achterbahnfahrt allererster Güte.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Nett, aber für mich zu oberflächlich

Zeit für meine Träume
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Ich tue mich hier ein bisschen schwer. Es ist im Prinzip eine Kurzgeschichte. Leicht geschrieben, hat durchaus einen gewissen Charme und Herzenswärme, eine kleine Feier der Freundschaft. Mich stört aber ...

Ich tue mich hier ein bisschen schwer. Es ist im Prinzip eine Kurzgeschichte. Leicht geschrieben, hat durchaus einen gewissen Charme und Herzenswärme, eine kleine Feier der Freundschaft. Mich stört aber sehr, wie stark oberflächlich alles gehalten ist. Die Hauptfigur hat nicht einmal einen Namen. Über jede Figur erfährt man nur das absolut Notwendigste, niemand hat in seinem Charakter unterschiedliche Facetten. Dabei hätte gerade das sehr hinreißende Senioren-Trio mehr Ausarbeitung verdient. Die Gesprächsthemen klingen teilweise wie eine Abhandlung gesellschaftlicher Reizpunkte. Dadurch klingen die Dialoge dann auch holprig und gestellt.
Ich möchte das Büchlein eigentlich gar nicht so negativ sehen, weil es irgendwie schon auch etwas schönes an sich hat, dass sich beim Lesen einfach nur gut anfühlt. Aber unterm Strich ist es mir einfach zu nichtssagend.

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Veröffentlicht am 21.03.2026

Dieser eine letzte Sommer

Little Hollywood
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Wer erinnert sich nicht an den letzten Sommer nach der Schule? Der eine Lebensabschnitt endet, der nächste steht kurz bevor. Zwischen eine kurze Pause. Alles fühlt sich irgendwie besonders an. Groß. Bedeutsam. ...

Wer erinnert sich nicht an den letzten Sommer nach der Schule? Der eine Lebensabschnitt endet, der nächste steht kurz bevor. Zwischen eine kurze Pause. Alles fühlt sich irgendwie besonders an. Groß. Bedeutsam. Und kann gleichzeitig auch ziemlich beängstigend wirken, man trifft immerhin Entscheidungen, die Auswirkungen auf das eigene Leben haben.
Diesen Gefühlsmix hat Inga Hanka ganz toll in ihrem Buch beschrieben.

Leo hat ihr Abitur in der Tasche und kann sich - theoretisch - ihren Traum erfüllen und Drehbuchautorin werden. In der Praxis steht ihr aber die Angst um ihre Mutter und ihren kleinen Bruder im Weg. Und auch die Ängste ihrer Mutter. Leo hat als Kind häusliche Gewalt gegenüber ihrer Mutter erlebt und die anschließende hässliche Trennung der Eltern. Der Vater terrorisiert die Mutter und Leo anschließend. Die Auswirkungen verfolgen Leo danach ihr ganzes Leben lang. Die psychischen Probleme und Ängste der Mutter entwickeln in der nachfolgenden Zeit eine ganz eigene Dynamik und manifestieren sich in einer Menge Regeln, die auf die heranwachsende Leo immer erdrückender und einschränkender wirken. Sie rebelliert dagegen.
Diese Szenen sind sehr gut geschrieben. Behutsam aber doch deutlich machend, wie genervt Leo ist, wie sehr sie die Verantwortung auch überfordert. Beim Lesen war ich immer wieder hin- und hergerissen. Ich konnte Leos Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung nachvollziehen, aber irgendwie auch die Sicherheitsängste der Mutter. Konflikte zwischen beiden bleiben da nicht aus. Aber es ist auch zu erkennen, dass Leo an und mit ihren Entscheidungen wächst, nicht nur rebelliert sondern auch reflektiert. Am Ende hatte ich schon das Gefühl, dass sich Mutter und Tochter auf einer anderen Ebene begegnen.

Es überwiegen aber die positiven Gefühle in dem Buch. Diese schöne Sommerstimmung versetzt einen in eine leichte Stimmung. Dazu kommt ein leichter und gut erzählender Stil. Die Videothek wird schnell zu einem Ort, der einem auch als Leser ans Herz wächst. Es liegt Aufbruch und Veränderung in der Luft und der gleichzeitige Wunsch, dass genau dieser Sommer doch bitte nie enden soll. Tolle Figuren, die lebendig wirken und die Eingängigkeit des Buches noch verstärken. In der Mitte hatte die Geschichte so einen kleinen Durchhänger und verliert sich ein bisschen ins Nichtige.
Aber eine tolle Geschichte, die Erinnerungen hervorholt. Völlig egal, wie lange dieser einer letzte Sommer schon bei einem selbst zurückliegt.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Hochemotional

Elbland
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Manche Geschichten sind besonders. Nicht, weil sie so ausufernd sind oder man die Geschichte der eigenen Familie bis ins letzte Detail mehrere Generationen zurückverfolgen kann. Sondern weil sie Lücken ...

Manche Geschichten sind besonders. Nicht, weil sie so ausufernd sind oder man die Geschichte der eigenen Familie bis ins letzte Detail mehrere Generationen zurückverfolgen kann. Sondern weil sie Lücken haben, zerbrechlich sind. So wie die Familiengeschichte von Nina und Katja.
Wir haben drei unterschiedliche Zeitebenen. Jede erklärt ein wenig mehr, wie die Familie, die ich zu Beginn als untereinander als distanziert und auch zerstritten wahrgenommen habe, zu diesem Punkt kommen konnte. Es wird ziemlich schnell klar, dass alles mit der Kindheit der Mutter zusammenhängen muss.
Ninas Mutter musste mit ihrer Familie 1945 nach dem Ende des Krieges aus Böhmen mit ihrer Familie fliehen. Zuerst fand ich es etwas merkwürdig, dass der Fokus so wenig auf der Vergangenheit liegt. Das man sich als Leser so einiges zusammenreimen kann und auch muss. Aber so geht es Nina auf ihrer Suche ja letztlich auch. Ihre Mutter hat nie etwas über diese Zeit erzählt. Weder über die Schönen Dinge ihrer Kindheit, noch über die Schlechten. Die Narben, die Traumata, die sie davongetragen hat, schwelten ihr Leben lang in ihr weiter. Nina hat also nur wenige Anhaltspunkte, muss sich auch selbst sehr viel zusammenreimen.
Und plötzlich versteht sie mehr und mehr, warum ihre Mutter gehandelt hat, wie sie es tat. Und auch als Leser versteht man mit jedem Kapitel mehr, wo die Wut in Nina herkommt, die da immer unter der Oberfläche brodelt.

Es ist kein lautes Buch. Auch keines, das mit einer unheimlich ausgefeilten Familiengeschichte aus der Vergangenheit daher kommt. Emotional hat es mich ganz schön durchgeschleudert, denn es ist die ganze Palette an Gefühlen dabei. Trauer, Ohnmacht, Angst, aber auch Wut und Zorn, sich nicht gesehen und ungerecht behandelt fühlen. Und obwohl sich gerade Nina und Katja zuweilen ihren Frust gegenseitig um die Ohren schleudern, merkt man die Zerbrechlichkeit unter diesen Worten. Claudia Rikl hat das alles so wunderbar behutsam beschrieben. Es ist aber ein Buch das nachdenklich macht, inne halten lässt und so manche Handlung der eigenen Familie vielleicht auch noch mal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wie viele Familien mag es noch immer geben, in denen die Traumata der Kriegskinder noch bis in die jetzigen Generationen reichen. Für mich ein absolutes Jahreshighlight.

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