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Veröffentlicht am 10.09.2025

Puzzleteile aus Erinnerungen

Onigiri
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Ihre Großmutter Yasuko ist 102 Jahre alt geworden, bevor sie starb. Doch weder Aki noch ihre Mutter Keiko haben sie in deren letzten Jahren gesehen. Die Nachricht vom Tod Yasukos bringt Aki auf eine Idee. ...

Ihre Großmutter Yasuko ist 102 Jahre alt geworden, bevor sie starb. Doch weder Aki noch ihre Mutter Keiko haben sie in deren letzten Jahren gesehen. Die Nachricht vom Tod Yasukos bringt Aki auf eine Idee. Die Ehefrau und dreifache Mutter möchte es der dementen Keiko ermöglichen, noch einmal in deren alte Heimat Japan zu reisen. Das weckt viele alte Erinnerungen.

„Onigiri“ ist der Debütroman von Yuko Kuhn.

Erzählt wird die Geschichte in zwölf Kapiteln im Präsens und in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Aki. Dabei gibt es zwei Stränge: zum einen die gegenwärtigen Ereignisse rund um die Reise nach Japan, zum anderen die Rückblicke auf Akis Kindheit und Jugend. So umspannt die Geschichte mehrere Jahrzehnte.

Zwei Frauen sind die Protagonistinnen des Romans: Aki und Keiko, psychologisch sauber ausgearbeitete Charaktere, die mit ihren Fehlern und Schwächen sehr realitätsnah erscheinen. Vor allem Akis Gedanken und Gefühle sind gut greifbar. Auch ihre Entwicklung im Laufe der Zeit wirkt schlüssig und nachvollziehbar. Dennoch blieben mir die Figuren immer noch ein Stück weit fremd.

Das Thema Familie nimmt breiten Raum in der Geschichte ein. Es geht um familiäre Dynamiken und Verhältnisse, insbesondere um die Beziehung zwischen Töchtern und ihren Müttern. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Leben und Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen und Identitäten. Die innerliche Zerrissenheit zeigt sich vor allem bei Keiko. Aber auch Aki sitzt zwischen den Stühlen, was ihr als Kind und Jugendliche besonders zu schaffen macht. Glaubwürdig werden außerdem die Demenz und ihr Fortschreiten geschildert, das dritte große Thema. Das alles macht die nur 200 Seiten umfassende Lektüre überraschend facettenreich.

Auf unterhaltsame Weise liefert die Geschichte immer wieder kleine Einblicke in die japanische Kultur. Hier und da werden japanische Wörter und Namen eingestreut, die im Glossar erklärt werden.

Dass der Roman autobiografische Züge erhält, ist ihm an mehreren Stellen anzumerken. Er wirkt authentisch, klischeefrei und ungeschönt. Der sprunghafte, oft abrupte Wechsel zwischen einzelnen Erinnerungsfragmenten hat meinen Lesefluss allerdings immer wieder unterbrochen.

Der Titel des Romans bezieht sich auf die japanischen Reisbällchen, die die Protagonistin sehr gerne isst, ihr Soulfood. Sie sind zugleich eine Metapher und auf dem Cover auf künstlerisch ansprechende Weise abgebildet, sodass beides gut miteinander und mit der Geschichte harmoniert.

Mein Fazit:
Mit „Onigiri“ ist Yuko Kuhn ein vielschichtiges und glaubhaftes Debüt gelungen.

Veröffentlicht am 05.09.2025

Auf der Suche mit Eichhörnchen und Vogel

Wo ist der Blätterdieb?
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Nanu, wo ist das Laub hin? Eichhörnchen ist ratlos. Zusammen mit Vogel sucht es nach dem Blätterdieb. Wo kann er nur sein? Hinter dem Vogelhäuschen, dem Stein oder dem Busch?

„Wo ist der Blätterdieb?“ ...

Nanu, wo ist das Laub hin? Eichhörnchen ist ratlos. Zusammen mit Vogel sucht es nach dem Blätterdieb. Wo kann er nur sein? Hinter dem Vogelhäuschen, dem Stein oder dem Busch?

„Wo ist der Blätterdieb?“ ist ein Pappbilderbuch für Kleinkinder ab zwei Jahren.

Auf fünf Doppelseiten wird die kurze Such- und Findegeschichte erzählt. Jeweils auf der rechten Seite befindet sich eine große und stabile Filzklappe. Die hübschen Klappen sind mit unterschiedlichen intensiven Farben und verschiedenen Formen versehen. Das eignet sich hervorragend für die Zielgruppe.

Die modernen Illustrationen von Nicola Slater sind wunderbar bunt, aber den tatsächlichen Farben der Natur nachempfunden. Die Bilder sind detailliert, jedoch nicht zu kleinteilig oder überladen, was absolut altersgemäß ist.

Wie schon bei der Bilderbuchreihe für ältere Kinder beschränkt sich der Text von Alice Hemming auf Dialoge. Sie sind kurz und dank des kindgerechten Vokabulars leicht verständlich.

Die bekannten Protagonisten der Blätterdieb-Reihe tauchen auch in diesem Pappbilderbuch auf. Die Charaktere wirken niedlich und sympathisch. Ein Pluspunkt ist für mich, dass die Tiere keine komplizierten Namen haben, sondern einfach nach ihrer Art benannt sind. Das macht es für die kleinen Zuhörer beim Vorlesen eingängiger.

Mit den versteckten Motiven hinter den Klappen sorgt das Buch für Überraschungsmomente. Zwar ist die Kombination von Filzklappen und einer Suchgeschichte keineswegs einzigartig. Die Umsetzung des bewährten Konzepts ist hier allerdings sehr gelungen. Auf unterhaltsame Art lernen Kleinkinder dabei einige tierische Waldbewohner kennen. Zudem bietet die Geschichte einen Anlass, den Jahreszeitenwechsel und insbesondere den Herbst zu thematisieren. So kann die Blätterdieb-Geschichte schon die Jüngsten erreichen.

Mein Fazit:
„Wo ist der Blätterdieb?“ ist ein schöner Einstieg in die Blätterdieb-Reihe für die Kleinsten und lässt sich auch ohne Vorwissen prima nachvollziehen. Definitiv empfehlenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 03.09.2025

Pumpen, pushen, posen

Gym
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Sie braucht den Job im „Mega Gym“ dringend, will es ihrer Bewährungshelferin beweisen. Und lügt nicht jeder einmal im Vorstellungsgespräch? Um ihren Erdnussflipbauch und ihr unsportliches Aussehen zu rechtfertigen, ...

Sie braucht den Job im „Mega Gym“ dringend, will es ihrer Bewährungshelferin beweisen. Und lügt nicht jeder einmal im Vorstellungsgespräch? Um ihren Erdnussflipbauch und ihr unsportliches Aussehen zu rechtfertigen, behauptet sie gegenüber Ferhat, dem Betreiber des Fitnessstudios, dass sie erst vor Kurzem entbunden habe. Doch nicht nur das wird ihr zum Verhängnis…

„Gym“ ist ein Roman von Verena Keßler.

Der Roman ist stark strukturiert: Er besteht aus drei Teilen, die jeweils mit einem Prolog eingeleitet werden und insgesamt fast 40 Kapitel umfassen. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht der namenlosen Protagonistin.

Die Sprache ist ungekünstelt, bisweilen reduziert, aber anschaulich, atmosphärisch, bildstark und keineswegs platt. Die flotten, umgangssprachlichen Dialoge wirken authentisch.

Die Protagonistin wird interessant und mit psychologischer Tiefe dargestellt. Dass sie ihre Fehler und Schwächen hat und wahrlich nicht perfekt ist, wird bereits auf den ersten Seiten ersichtlich. Dennoch oder gerade deswegen ist sie für mich ein reizvoller Charakter.

Der Roman vereint viele Themen. Es geht einerseits um Mutterschaft, Misogynie und andere feministische Aspekte. Andererseits übt die Geschichte Kritik am Selbstoptimierungswahn, Leistungsdruck, ungesunden Obsessionen, den Auswüchsen und Absurditäten des Fitnesskults, der permanenten Selbstdarstellung, Scheinwelten, der zelebrierten Oberflächlichkeit und ähnlichen Problemen. Das macht den Roman sehr facettenreich.

Auf weniger als 200 Seiten ist die Geschichte nicht nur inhaltlich vielseitig und dicht, sondern auch unterhaltsam. Zudem konnte sie mich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Das ungewöhnliche Covermotiv weckt Aufmerksamkeit und passt hervorragend zum Inhalt. Auch der knappe, prägnante Titel sticht hervor und harmoniert mit der Geschichte.

Mein Fazit:
Nach „Eva“ ist Verena Keßler erneut ein wichtiger, erhellender und kurzweiliger Roman gelungen, den ich gerne weiterempfehlen kann. Mit „Gym“ hat sie einen ungewöhnlichen und in mehrfacher Hinsicht überzeugenden Text geschaffen. Ein Lesehighlight im Sommer 2025!

Veröffentlicht am 29.08.2025

Wenn Bruno die Welt neu erfinden könnte

In meiner Welt
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Was wäre, wenn niemand mehr sterben müsste? Oder wenn man die Zeit anhalten könnte? Bruno wäre gerne Welterfinder und würde einiges anders machen. Das jedenfalls erzählt der Junge seinem Opa. Wie würde ...

Was wäre, wenn niemand mehr sterben müsste? Oder wenn man die Zeit anhalten könnte? Bruno wäre gerne Welterfinder und würde einiges anders machen. Das jedenfalls erzählt der Junge seinem Opa. Wie würde die Welt dann aussehen? Und: Kann es sein, dass vieles vielleicht doch gut so ist, wie es ist?

„In meiner Welt“ ist ein Bilderbuch von Sabine Bohlmann und Simona Ceccarelli, das sich an Kinder ab fünf Jahren richtet.

Die Geschichte wird auf zwölf Doppelseiten erzählt. Dabei begleiten wir Bruno und seinen Großvater auf dem Weg durch die Stadt. Das Ziel des Ausflugs, der Friedhof und insbesondere das Grab der Großmutter, offenbart sich erst zum Schluss.

Das Buch lädt zum Philosophieren über das Leben und den Tod ein. Es liefert Gesprächs- und Denkimpulse für die großen Themen. Wie würde eine bessere Welt aussehen? Die Geschichte zeigt Zusammenhänge auf und beantwortet unter anderem die Frage, warum Menschen sterben müssen. Das Thema Religion wird nur indirekt („Welterfinder“) angeschnitten, kann mithilfe des Bilderbuches jedoch ebenfalls thematisiert werden. Zudem bietet die Geschichte einen Anlass über Verlust, Trauer, aber auch Dankbarkeit zu reden. Dabei schafft sie es zu berühren.

Über Bruno, offenbar ein Erstklässler, und seinen namenlosen Großvater erfahren wir kaum etwas. Das schafft aber viel Identifikationspotenzial. Die beiden Protagonisten wirken sympathisch.

Der Text von Sabine Bohlmann ist ausschließlich in Dialogform formuliert. Er ist in altersgerechter Sprache und gut verständlich, für Kinder im Vorschulalter fast schon zu knapp.

Besonders gut gelungen sind die liebevollen, kreativen und detaillierten Zeichnungen von Simona Ceccarelli. Sie sind modern und bunt, aber nicht zu grell. Die Illustrationen bereichern das Buch außerordentlich, weil sie dem Inhalt auf zwei Ebenen Ausdruck verleihen: Zum einen wird in hellgelber Farbe verdeutlicht, wie die von Bruno vorgestellte Welt aussehen könnte. Zum anderen sind in die einzelnen Bilder auch metaphorische Elemente eingearbeitet, die zum jeweiligen Aspekt des geführten Dialogs passen.

Mein Fazit:
„In meiner Welt“ ist ein bewegendes, fantasievolles Bilderbuch, das schon kleinere Kinder zum Nachdenken und Philosophieren anregt. Empfehlenswert!

Veröffentlicht am 29.08.2025

Vom Leben und Überleben

Jenseits der See
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Es ist November an der Küste Mexikos: Bolivar, ein allein lebender Fischer, bricht zu einem Fang mit seinem Boot „Camille“ auf. Er braucht dringend Geld, deshalb ignoriert er alle Warnungen seiner Kollegen ...

Es ist November an der Küste Mexikos: Bolivar, ein allein lebender Fischer, bricht zu einem Fang mit seinem Boot „Camille“ auf. Er braucht dringend Geld, deshalb ignoriert er alle Warnungen seiner Kollegen vor dem aufkommenden Sturm. An Bord ist auch der junge, unerfahrene Hector, den er mit einer erklecklichen Summe zu der Ausfahrt überredet hat. Als der angekündigte Sturm die beiden Männer auf See erwischt, beginnt ein langer, dramatischer Überlebenskampf…

„Jenseits der See“ ist ein Roman von Paul Lynch, der im Original bereits 2019 erschienen ist.

Erzählt wird im Präsens und in chronologischer Reihenfolge in der personalen Perspektive, aus der Sicht von Bolivar. Die Handlung umfasst etliche Monate.

Der Roman beruht lose und in etwas verfremdeter Form auf wahren Begebenheiten. Inspiriert wurde der Autor von den Ereignissen um zwei reale mexikanische Fischer, die im November 2012 zu einer Hochseetour aufbrachen, in einen tagelangen Sturm gerieten und viele Monate auf dem Meer manövrierunfähig trieben.

Vordergründig geht es ums blanke Überleben nach einem Schiffbruch, um den Kampf gegen Hunger, Durst und die Elemente, also um die menschliche Existenz, um Leben und Tod. Darüber hinaus spielen weitere Themen wie Schuld, Verantwortung, Versagen und Versäumnisse eine wichtige Rolle. Auch dem Glauben wird viel Platz eingeräumt. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Arten der Lebensführung, sondern auch den Sinn des Lebens. Diese großen Thematiken machen den Text einfühlsam, eindringlich und immer wieder philosophisch. Das Setting liefert somit sowohl Stoff für ein spannungsreiches Drama als auch für ein besonderes Kammerspiel.

Doch der Inhalt ist teilweise schwer erträglich, vor allem wenn es um die dargestellte Verschmutzung und Vermüllung der Weltmeere geht und um die Brutalitäten des Überlebenskampfes. Trotz der nur rund 180 Seiten ist der Roman nicht nur tiefgründig, sondern zugleich auch überraschend facettenreich.

Mit zunehmender körperlicher Schwäche verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Trugbildern. Auch die symbolischen Anklänge lassen Spielraum für Interpretationen. Am Ende bleiben leider einige Details offen.

Die beiden Protagonisten wirken glaubwürdig und lebensnah. Ihre unterschiedlichen Charaktere bilden reizvolle Gegenstücke. Allerdings fiel es mir über weite Teile schwer, mit dem eher grobschlächtigen Bolivar mitzufühlen und ihn zu verstehen. Ihn habe ich als sexistischen, ungehobelten, verantwortungslosen und abstoßenden Anti-Helden empfunden, zu dem ich keinen Zugang finden konnte.

Eine große Stärke des Romans ist die Sprache. Der Text enthält ungewöhnliche Bilder und Metaphern, ist poetisch und atmosphärisch. Authentische Dialoge und eindrückliche Beschreibungen wechseln sich ab. Die Übersetzung von Eike Schönfeld ist angenehm unauffällig.

Das reduzierte, aber aussagekräftige und sehr passende Covermotiv ist äußerst gelungen. Gut gefallen hat mir auch, dass der durchaus mehrdeutige Titel des englischsprachigen Originals („Beyond The Sea“) wort- und sinngetreu ins Deutsche übertragen wurde.

Mein Fazit:
Mit „Jenseits der See“ hat mich Paul Lynch zwar weniger stark beeindruckt wie mit seinem späteren Roman „Das Lied des Propheten“, der mit dem Booker Prize 2023 ausgezeichnet worden ist. Dennoch ist auch seine etwas ältere Geschichte um Bolivar und Hector definitiv lesenswert.