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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.05.2025

Die unvollständige Grammatik der eigenen Familie

Die Summe unserer Teile
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Berlin im Sommer 2014: Als Informatikstudentin Lucy Wittenberg (23) nach ihrem Seminar an der Universität in ihre WG zurückkehrt, steht plötzlich ein großes Klavier in ihrem Zimmer: der Steinway, auf dem ...

Berlin im Sommer 2014: Als Informatikstudentin Lucy Wittenberg (23) nach ihrem Seminar an der Universität in ihre WG zurückkehrt, steht plötzlich ein großes Klavier in ihrem Zimmer: der Steinway, auf dem sie als Kind und Jugendliche in der elterlichen Wohnung üben müsste. Was hat das zu bedeuten? Zu ihrer Mutter Daria, einer Kinderärztin, hat sie seit drei Jahren keinen Kontakt mehr. Lucy ahnt noch nicht, dass sie in den kommenden Tagen tief in ihre Familiengeschichte eintauchen und einiges über ihre Großmutter Lyudmila, gebürtige Polin und eine der ersten Chemikerinnen im Libanon, erfahren wird…

„Die Summe unserer Teile“ ist der Debütroman von Paola Lopez.

Die Geschichte umspannt 70 Jahre (1944 bis 2014) und spielt in Berlin, München, Beirut und Sopot. Es gibt drei Erzählstränge. Erzählt wird im Präsens aus wechselnder Perspektive: der von Lucy, der von Daria und der von Lyudmila. Angaben zu Beginn der insgesamt 19 Kapitel verhindern, dass man wegen der Zeitsprünge den Überblick verliert.

Besonders in sprachlicher Hinsicht hat mir der Roman gefallen. Schöne Naturbeschreibungen und ungewöhnliche, kreative Sprachbilder haben mir beim Lesen viel Freude bereitet.

Die drei Frauen, also Großmutter, Mutter und Enkelin, stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Drei durchaus reizvolle Protagonistinnen, jedoch keineswegs Sympathieträgerinnen. Zwar erfahren wir im Laufe des Romans die Hintergründe des Handels. Dennoch blieben mir vor allem Daria und Lyudmila bis zum Schluss fremd. Ihre Motive und Gedanken konnte ich nicht in Gänze nachvollziehen. Auch Lucy mutet in einigen Aspekten zu seltsam an.

Der Roman behandelt vorwiegend die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern. Es geht dabei insbesondere um das Vererben von Traumata, das Schweigen zwischen den Generationen und das Weitergeben dysfunktionaler Muster innerhalb von Familien. Unter anderem wird die Frage aufgeworfen, wann ein Kontaktabbruch sinnvoll ist, um sich oder andere vor psychischen Verletzungen zu schützen.

Thematisch ist die Geschichte sehr stringent und interessant. In der Umsetzung hat mich der Roman allerdings weniger überzeugt und berührt als andere Bücher mit ähnlichem Inhalt. Auf den rund 250 Seiten kommt die Handlung nur allmählich in Fahrt und wird durch langatmige Passagen mit wissenschaftlichen Ausführungen immer wieder ausgebremst. Zudem beinhaltet die Geschichte ein paar Aspekte, die ich als wenig glaubwürdig empfunden habe.

Das hübsche Covermotiv zeigt einen Ausschnitt eines Ölgemäldes von Lolita Pelegrime. Für mich ist jedoch nicht ganz klar, welche der Protagonistinnen dargestellt sein soll. Der Titel passt aber nach meiner Ansicht gut zur Geschichte.

Mein Fazit:
Mit „Die Summe unserer Teile“ hat Paola Lopez ein spannendes Thema literarisch verarbeitet. Während mich die Sprache ihres Debütromans begeistert hat, hat mich die inhaltliche Umsetzung leider enttäuscht. Nur bedingt empfehlenswert.

Veröffentlicht am 28.04.2025

Das Leben neu ordnen

Halbinsel
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Auf einer Halbinsel am nordfriesischen Wattenmeer wohnt Bibliothekarin Annett (49) im alten Haus ihrer Großtante. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan lebt sie zurückgezogen. Ihre gemeinsame Tochter ...

Auf einer Halbinsel am nordfriesischen Wattenmeer wohnt Bibliothekarin Annett (49) im alten Haus ihrer Großtante. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan lebt sie zurückgezogen. Ihre gemeinsame Tochter Linn, Ende 20, hat sie allein großgezogen. Nun engagiert sich die junge Frau in Berlin als Umweltvolontärin in einem Aufforstungsprogramm. Doch sie ist ausgebrannt und kippt während eines Vortrags plötzlich um. Die Mutter holt ihre Tochter daher zu sich. Jetzt müssen beide ihre Beziehung und ihre Leben neu ordnen…

„Halbinsel“ ist ein Roman von Kristine Bilkau, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Annett - in chronologischer Reihenfolge, aber mit einigen Rückblenden. Die Handlung umfasst mehrere Monate. Der Roman verzichtet auf Kapitel und andere Gliederungen. Der Text wird nur von größeren Absätzen unterbrochen.

Der Schreibstil ist unaufgeregt. Die Sprache des Romans ist klar und unprätentiös, dabei dennoch eindrücklich und einfühlsam. Vor allem die Naturbeschreibungen haben mich überzeugt.

Auf den nur rund 220 Seiten schreitet die Geschichte nur langsam voran. Die Handlung bleibt überschaubar. Nichtsdestotrotz entfaltet der Roman eine immer stärkere Sogkraft.

Im Zentrum der Geschichte steht zweifelsohne die Beziehung von Mutter und Tochter sowie der Generationenkonflikt. Sowohl Annett als auch Linn werden mit psychologischer Tiefe dargestellt und als lebensnahe Figuren gezeichnet. Man kommt ihnen sehr nahe, kann sich in sie einfühlen.

In inhaltlicher Hinsicht ist der Roman gehaltvoll und tiefsinnig. Neben der Familie werden weitere Themen wie der Klimawandel elegant eingeflochten.

Das Covermotiv ist hübsch, aber leider etwas einfallslos. Der prägnante Titel passt jedoch gut und gefällt mir.

Mein Fazit:
Mit „Halbinsel“ ist Kristine Bilkau ein vielschichtiger, bewegender Roman gelungen. Empfehlenswert!

Veröffentlicht am 27.04.2025

Als Ruthie verschwand

Beeren pflücken
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Juli 1962 im US-Bundesstaat Maine: Eine Mi’kmaq-Familie aus Nova Scotia (Kanada) reist an, um bei der Blaubeerernte im Sommer zu helfen. Mehrere Wochen später ist die vierjährige Ruthie, das jüngste Kind ...

Juli 1962 im US-Bundesstaat Maine: Eine Mi’kmaq-Familie aus Nova Scotia (Kanada) reist an, um bei der Blaubeerernte im Sommer zu helfen. Mehrere Wochen später ist die vierjährige Ruthie, das jüngste Kind der Familie, verschwunden. Ihren Bruder Joe (6), der sie als letzter gesehen hat, trifft dieser Verlust sehr. Ihn verfolgt das mysteriöse Verschwinden jahrelang. Während er um seine kleine Schwester trauert, wächst die junge Norma als Einzelkind bei einer wohlhabenden Familie in Maine auf.

„Beeren pflücken“ ist der Debütroman von Amanda Peters.

Der Roman ist sinnvoll und nachvollziehbar strukturiert: Auf einen Prolog folgen 17 Kapitel. Erzählt wird im Wechsel in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Joe und der von Norma. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte.

Die Sprache des Romans ist unauffällig. Der Schreibstil ist geprägt von vielen Dialogen und anschaulichen Beschreibungen.

Im Vordergrund stehen Joe und Norma, zwei durchaus interessante Charaktere. Sie verfügen über ausreichend psychologische Tiefe.

Thematisch dreht sich die Geschichte überwiegend um Verlust und Trauer, Schuldgefühle, Abstammung und die Bedeutung von Familie. Eine Stärke des Romans liegt darin, dass die Autorin auch die Historie der Mi‘kmaq beleuchtet und damit ihren Vorfahren eine Stimme gibt. So erhalten wir Einblicke in das Leben indigener Wanderarbeiterfamilien.

Die rund 300 Seiten sind weniger spannend als erwartet, aber dennoch unterhaltsam und vor allem berührend.

Für mich erschließt sich nicht, warum der englischsprachige Originaltitel („The Berry Pickers“) in der deutschen Übersetzung verändert wurde. „Die Berrenpflücker“ wäre eine deutlich bessere Variante gewesen. Das deutsche Covermotiv passt meiner Ansicht nach jedoch gut.

Mein Fazit:
Mit „Beeren pflücken“ hat Amanda Peters einen bewegenden und interessanten Roman geschrieben. Ein lesenswertes Debüt!

Veröffentlicht am 23.04.2025

Wer ist die Lieblingstochter?

Mickey und Arlo
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Vorschullehrerin Mickey Morris (33), eigentlich Michelle, trifft der Tod ihres Vaters Adam Kowalski (61) nicht sehr. Ihr alkoholkranker Erzeuger und ihre Mutter haben sich bereits in Mickeys Kindheit getrennt. ...

Vorschullehrerin Mickey Morris (33), eigentlich Michelle, trifft der Tod ihres Vaters Adam Kowalski (61) nicht sehr. Ihr alkoholkranker Erzeuger und ihre Mutter haben sich bereits in Mickeys Kindheit getrennt. Nun soll sein Nachlass unerwartet an sie gehen: 5,5 Millionen Dollar. Doch an das Erbe geknüpft ist die Bedingung, dass Mickey eine Therapie macht. Ausgerechnet ihre Halbschwester Charlotte, genannt Arlo, sitzt ihr dabei als Psychologin gegenüber. Das allerdings wissen die beiden nicht…

„Mickey und Arlo“ ist der Debütroman von Morgan Dick.

Die Struktur des Romans ist einfach, aber funktional: Er besteht aus 32 Kapiteln, die mit einem Epilog enden. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge abwechselnd aus der Sicht von Mickey und der von Arlo.

Die Sprache ist anschaulich, ungekünstelt und angemessen. Der Schreibstil ist geprägt von lebhaften, authentischen Dialogen.

Im Fokus stehen die titelgebenden Protagonistinnen, zwei interessante, durchaus lebensnah dargestellte Charaktere. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich. Einige Nebenfiguren wie Arlos Mutter wirken ein wenig überzeichnet und klischeehaft, was mich jedoch nicht besonders gestört hat.

Vordergründig geht es um eine Familiengeschichte. In thematischer Hinsicht ist der Roman aber noch mehr als das. Psychische Erkrankungen und Traumata sowie Alkoholabhängigkeit sind drei inhaltliche Schwerpunkte. Sie verleihen der Geschichte Tiefe und Facettenreichtum.

Auf den rund 400 Seiten ist die Handlung unterhaltsam, humorvoll und zugleich bewegend. Mehrfach konnte mich der Roman überraschen.

Der deutsche Titel weicht erheblich vom englischsprachigen Original („Favourite Daughter“) ab, passt aber ebenso gut. Besser gefällt mir jedoch das Covermotiv der Originalausgabe.

Mein Fazit:
Mit „Mickey und Arlo“ ist Morgan Dick ein empfehlenswertes Romandebüt gelungen. Eine Geschichte für schöne Lesestunden.

Veröffentlicht am 21.04.2025

Rettet Shelley House!

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Shelley House im beschaulichen Ort Chalcot (Großbritannien) bietet sechs Wohnungen und ist in Gefahr: Das Gebäude soll abgerissen werden, damit an seiner Stelle Luxusappartements entstehen können. Den ...

Shelley House im beschaulichen Ort Chalcot (Großbritannien) bietet sechs Wohnungen und ist in Gefahr: Das Gebäude soll abgerissen werden, damit an seiner Stelle Luxusappartements entstehen können. Den Bewohnerinnen und Bewohnern droht die Zwangsräumung. Mieterin Dorothy Darling (77), die schon ihr halbes Leben dort wohnt und ihre Nachbarn bisher mit Argwohn beobachtet hat, muss sich nun mit den übrigen Mietern verbünden. Allen voran ist da Kat Bennett (25), eine illegale Untermieterin mit pinkfarbenen Haaren, die Dorothy zunächst ein Dorn im Auge ist…

„Ms Darling und ihre Nachbarn“ ist ein Roman von Freya Sampson.

Der Aufbau des Romans ist simpel, aber durchdacht: Er besteht aus 50 kurzen Kapiteln, an den sich der Epilog anschließt. Erzählt wird im Wechsel aus der Sicht von Dorothy und der von Kat - in chronologischer Reihenfolge, aber mit Rückblenden. Die Handlung umspannt etliche Monate und ist vorwiegend, jedoch nicht ausschließlich in Chalcot verortet.

Die Sprache ist unauffällig, aber angemessen. Der dialoglastige Schreibstil ist anschaulich und lebhaft.

Das Personal des Romans ist facettenreich und interessant gestaltet. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen und verschiedener Schicksale macht eine der Stärken der Geschichte aus.

Auf der inhaltlichen Ebene spielen die Themen Freundschaft und Zusammenhalt eine wichtige Rolle. Neben zwischenmenschlichen Aspekten enthält der Roman gesellschaftskritische Elemente, vor allem im Hinblick auf das Problem der Gentrifizierung.

Die mehr als 350 Seiten sind unterhaltsam und kurzweilig. Die Handlung hält mehrere Überraschungen bereit und ist weitestgehend plausibel. Nur an wenigen Stellen ist die Geschichte ein wenig unrealistisch oder zu weichgespült geraten.

Trotz der eher unnatürlichen Farbgebung gefällt mir das Covermotiv, das zum Inhalt prima passt, ganz gut. Der deutsche Titel, der vom englischsprachigen Original („Nosy Neighbours“) abweicht, geht für mich ebenfalls voll in Ordnung.

Mein Fazit:
Nach „Die letzte Bibliothek der Welt“ hat mich Freya Sampson auch mit ihrem neuesten Roman sehr gut unterhalten. „Ms Darling und ihre Nachbarn“ ist eine humorvolle, warmherzige und nicht zu platte Lektüre, die ich gerne weiterempfehlen kann.