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Veröffentlicht am 04.09.2025

Neeeeein

Die Vegetarierin
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„Die Vegetarierin“ von Han Kang 🥩

⚠️ Triggerwarnung: Wer Erfahrungen mit Essstörungen gemacht hat (direkt oder als Angehörige:r) sollte dieses Buch mit Vorsicht lesen. Manche Szenen fand ich deshalb schwer ...

„Die Vegetarierin“ von Han Kang 🥩

⚠️ Triggerwarnung: Wer Erfahrungen mit Essstörungen gemacht hat (direkt oder als Angehörige:r) sollte dieses Buch mit Vorsicht lesen. Manche Szenen fand ich deshalb schwer zu ertragen.

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, erzählt aus verschiedenen Außenperspektiven. Die Hauptfigur Yeong-hye (eine Frau, die beschließt, kein Fleisch mehr zu essen) bleibt über weite Strecken stumm. Ihre Gedankenwelt bleibt diffus, verborgen hinter albtraumhaften Traumbildern. Im ersten Abschnitt erleben wir die Geschichte aus Sicht ihres Ehemannes; einem unfassbar unempathischen, respektlosen Mann mit patriarchalem Frauenbild. Noch befremdlicher wird es im zweiten Teil: Der Schwager (ein Künstler in der Krise) entwickelt eine sexuelle Obsession für Yeong-hye, während der dritte Teil aus der Perspektive von Yeong-hyes Schwester erzählt.

Ich fand das Buch vor allem verstörend, abstoßend und nur schwer auszuhalten. Die Punkte Selbstbestimmung, Körper und Kontrolle wurden grob und metaphorisch thematisiert, aber die Umsetzung war für mich zu oberflächlich und nüchtern. Es konnte aufzeigen, wie komplex psychische Zustände und gesellschaftliche Zuschreibungen ineinander greifen, aber eher als eine Art grotesker Kommentar auf Erwartungen, Rollenbilder und Identitätsverlust, nicht als feministisches Statement. Durch alle Figuren hindurch erlebt man innere Zerrissenheit und psychische Gewalt, was unglaublich intensiv und belastend ist, aber auch ein bisschen random, wodurch es in seinen Motiven irgendwie an mir vorbei ging. Ich kann kaum nachvollziehen, warum dieses Buch so gefeiert wird oder wie es einen Preis gewinnen konnte. Ich fand es keineswegs poetisch, nur abstrus, kontextlos, verstörend und extrem sexualisiert.

1|5 ⭐️

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Bleib ein Detektiv, Großvater!

Die Bibliothek meines Großvaters
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✨ REZENSION zu „Die Bibliothek meines Großvaters“, Originaltitel „Meitantei no mama de ite Vol. 1 („Bleib ein Detektiv, Großvater“) von Masatero Kunishi, übersetzt von Peter Aichinger-Fankhauser und erschienen ...

✨ REZENSION zu „Die Bibliothek meines Großvaters“, Originaltitel „Meitantei no mama de ite Vol. 1 („Bleib ein Detektiv, Großvater“) von Masatero Kunishi, übersetzt von Peter Aichinger-Fankhauser und erschienen im @kiwi_verlag

⚠️ Triggerwarnung: Das Buch thematisiert die seltene Lewy-Körper-Demenz mit Gedächtnisstörungen, Halluzinationen und Parkinson-ähnlichen Symptomen, erzählt aus Angehörigenperspektive.

📖 Inhalt (spoilerfrei): Kaedes Großvater leidet unter einer seltenen Form Demenz, doch er verfügt über eine erstaunliche Kombinationsgabe. Gemeinsam teilen sie eine große Leidenschaft für Kriminalliteratur und diskutieren über Klassiker des Genres, spinnen Theorien und wenden dieses Wissen auf kleine und große Rätsel an, die in Kades Alltag auftauchen.

🖋️ Erzählstil: Der Roman ist über die ersten zwei Drittel ruhig erzählt, manchmal repetitiv, wenn es um das Rätselraten durch den Großvater geht, aber sehr atmosphärisch. Wir erleben nahezu aus Kaedes Perspektive und erfahren nur fragmentarisch von ihrer Familiengeschichte. Außerdem gibt es Skizzen zum Mitraten. Das letzte Drittel bringt überraschend viel Spannung, wirkt tonal aber etwas unpassend und ein wenig konstruiert.

👥 Figuren: Der Großvater ist die eindringlichste Figur, er wirkt trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen scharfsinnig und herzlich. Die Darstellung der Demenz, die auf den eigenen Erfahrungen des Autors beruht, hat mich sehr berührt. Kaede wirkt im Vergleich etwas blasser, aber vor allem die Nebenfiguren bleiben insgesamt eher flach, sodass die Beziehung zwischen Enkelin und Großvater das Herzstück bildet.

💡 Fazit: „Die Bibliothek meines Großvaters“ ist ein leises, ungewöhnliches Debüt, das atmosphärisch stark, aber nicht immer ausgewogen ist. Inhaltlich schwankt der Roman zwischen stiller Beobachtung und unerwartet actionreichem Finale (nicht so harmonisch, aber unterhaltsam). Die Kriminalfälle erinnerten mich ein bisschen an Agatha Christie, fühlten sich aber alle sehr konstruiert an. Kunishi plant zwei weitere Bücher dieser Art, aber ich bin mir unsicher, ob ich nochmal zu einem seiner Werke greifen würde.

3,5|5 ⭐️

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Ein wunderbar schmerzvolles Werk

Ein wenig Leben
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✨ REZENSION zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, übersetzt von Stephan Kleiner, erschienen im @hanserberlin Verlag

⚠️ Triggerwarnung: enthält sehr explizite Darstellungen von Selbstverletzung, Suizidgedanken, ...

✨ REZENSION zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, übersetzt von Stephan Kleiner, erschienen im @hanserberlin Verlag

⚠️ Triggerwarnung: enthält sehr explizite Darstellungen von Selbstverletzung, Suizidgedanken, sexuellem Missbrauch, körperlicher Gewalt und psychischer Krankheit

📖 Inhalt: in dem Buch begleiten wir die vier Freunde Jude, Willem, Malcolm und JB von ihrem gemeinsamen Studienbeginn in New York bis weit in ihr Erwachsenenleben hinein. Im Zentrum steht Jude, ein brillanter, aber zutiefst verletzter Mann, dessen Vergangenheit sich nur bruchstückhaft offenbart und in ihrer Grausamkeit kaum zu ertragen ist.

🖋️ Erzählstil: die Geschichte wird auktorial erzählt, aber stark fokussiert auf Jude und teils auf Willem. Die Perspektivwechsel erfolgen fließend und oft unvermittelt. Die Zeitebenen verschieben sich ständig. Die Sätze sind oft lang und verschachtelt, und es gibt wenig wörtliche Rede, dadurch ist man mitten in den Gedankenwelten der Figuren. Zeitlich spannt sich der Roman über mehrere Jahrzehnte. Besonders spannend ist die innere Zeit, also wie Jude Vergangenheit und Gegenwart emotional verarbeitet oder verdrängt.

👥 Figuren: Jude ist verschlossen, hochintelligent, gleichzeitig zerbrochen und überlebend. Seine Vergangenheit ist traumatisch, aber Yanagihara gibt ihm keine einfache Opferrolle, sondern einen Raum tiefer Ambivalenz. Für mich war es dennoch herausfordernd, emotional so tief in eine Figur hineingezogen zu werden, deren Leid so übermächtig ist und so bildlich erzählt wird, dass man sich kaum davon distanzieren kann. Auch Willem, JB und Malcolm tragen durch ihre Biografien Tiefe, Geschichte und Entwicklung.

💡 Fazit: „Ein wenig Leben“ ist ein extrem forderndes, aber literarisch beeindruckendes Werk. Es zieht einen hinein in Abgründe, die kaum zu ertragen sind und dabei ist es sprachlich kunstvoll und psychologisch tiefgründig. Es kann überfordern: durch die Themen, durch die Sprache, durch die Länge. Aber dennoch ist es einfach wundervoll.

6|5 ⭐️

🎶 Ich habe eine Spotify-Playlist für euch erstellt, die die Stimmung des Romans einfängt; voller trauriger, intensiver Songs, die ich auch selbst beim Lesen gehört habe!

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Etwas ganz besonderes

Girls
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✨ REZENSION zu „Girls“ von Kirsty Capes, übersetzt von Judith Schwaab und erschienen im @btb_verlag bzw. @penguinbuecher Verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): „Girls“ erzählt die bewegende Geschichte der Schwestern ...

✨ REZENSION zu „Girls“ von Kirsty Capes, übersetzt von Judith Schwaab und erschienen im @btb_verlag bzw. @penguinbuecher Verlag

📖 Inhalt (spoilerfrei): „Girls“ erzählt die bewegende Geschichte der Schwestern Matilda und Nora, die mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit unter einer psychisch labilen Mutter und Künstlerin kämpfen. Auf einem spontanen Roadtrip durch Amerika, die Matilda, Nora und Matildas Tochter Beanie gemeinsam unternehmen, setzen sich die beiden Schwestern mit den ungelösten Konflikten aus ihrer Kindheit auseinander.

🖋️ Erzählstil: die Geschichte wird aus Matildas Perspektive erzählt und wechselt immer wieder zu Auszügen aus der Biografie von Ingrid Olssen, der Mutter der beiden, wodurch das Bild von Familie und Schmerz noch facettenreicher wird. Der Wechsel zwischen Matildas Perspektive und den Biografie-Ausschnitten sorgt für eine interessante Struktur und fügt zusätzliche Tiefen hinzu. Durch die langsame Erzählweise und den Fokus auf Details bleibt notwendiger Raum für die Entwicklung der Charaktere, wodurch die Geschichte sehr authentisch wirkt.

👥 Figuren: die „Girls“ Matilda und Nora sind unglaublich lebendig und vielschichtig. Matilda ist von Schuldgefühlen geplagt und kämpft für ihre Tochter sowie für eine bessere Zukunft, während Nora in ihren künstlerischen Ambitionen und ihren Selbstzweifeln gefangen ist. Die Entwicklung ihrer Beziehung, das Wiedersehen und die Möglichkeit des Abschließens mit der Vergangenheit, wird mit großer Sensibilität und Tiefe dargestellt. Auch Ingrid Olssen ist nicht eindimensional dargestellt: neben ihren Eskapaden wird sie manchmal als liebende Mutter dargestellt, wodurch sie komplex und überaus glaubhaft wirkt.

💡 Fazit: „Girls“ ist ein tief bewegendes und meisterhaft geschriebenes Buch, das auf berührende Weise die Komplexität von Familienbeziehungen und den Schmerz der Kindheit thematisiert. Die Figuren sind lebendig und authentisch, die Erzählweise sensibel und packend. Kirsty Capes gelingt mit diesem Werk eine eindrucksvolle und unvergessliche Geschichte, die sowohl tragisch als auch hoffnungsvoll ist. Für mich ein absolutes Highlight des Jahres!

5|5 ⭐️

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Ein besser gelungenes Han Kangs „Die Vegetarierin“

Gym
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✨ Rezension zu Gym von Verena Kessler, erschienen im Hanser Berlin Verlag

⚠️ Triggerwarnung: Das Buch thematisiert Körper- und Schönheitszwänge, Selbstoptimierung bis hin zur Selbstzerstörung, sexualisierte ...

✨ Rezension zu Gym von Verena Kessler, erschienen im Hanser Berlin Verlag

⚠️ Triggerwarnung: Das Buch thematisiert Körper- und Schönheitszwänge, Selbstoptimierung bis hin zur Selbstzerstörung, sexualisierte Kommentare, psychische Krisen sowie übergriffige Darstellungen weiblicher Körper.

📖 Inhalt (spoilerfrei): Im Zentrum von Gym steht eine Frau, die nach dem Verlust von Job und Beziehung im Fitnessstudio MEGA GYM anfängt. Ihr neuer Chef Ferhat, der sich als Feminist inszeniert, zögert zunächst, sie einzustellen, denn ihr untrainierter Körper entspricht nicht den Idealen, für die das Studio steht. Erst als sie behauptet, gerade ein Kind zur Welt gebracht zu haben, kippt die Situation, und er fühlt sich verpflichtet, ihr eine Chance zu geben. Auf dieser Notlüge gründet ihre neue Existenz, doch je länger sie im Gym arbeitet, desto schwerer fällt es ihr, das Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten. Inmitten der Welt aus Selbstoptimierung und Oberflächenästhetik wächst der Druck, bis alles eskaliert. Der Roman erzählt von Ehrgeiz, Obsession und der zerstörerischen Kehrseite gesellschaftlicher Erwartungen.

🖋️ Erzählstil: Kessler schreibt hemmungslos, mutig und provokant; ohne moralisches Schonprogramm. Besonders auffällig ist, wie sie mit Sprache arbeitet: Geräusche von Sportgeräten, das Schnaufen beim Training oder das metallische Klirren der Hanteln werden verschriftlicht und verleihen der Erzählung eine fast körperliche, unmittelbare Dimension. Dazwischen tauchen ironische Kommentare auf, die die Fitnesswelt entlarven und gleichzeitig den bissigen Ton des Romans prägen. Immer wieder stößt man auf die bekannten Motivationsslogans („No pain, no gain“, „The hardest part is going“, „Abs are made in the kitchen“), Phrasen, die jeder schon einmal gehört hat, werden hier so überpointiert wiederholt, dass sie wie Worthülsen wirken, die ihre Hohlheit entlarven. Der Ton ist durchzogen von Sarkasmus, so die Kommentare oder Benennungen ("Mega Gym" – allein der Name trieft schon vor Ironie). Sehr treffend ist auch der Bezug zu den sozialen Medien. Kessler spiegelt die zeitgenössische Fitness- und Ernährungskultur auf YouTube, Instagram und Co. mit erschreckender Genauigkeit: von Clickbait-Videos über Ernährungspläne bis hin zu Rabattcodes, mit denen Influencer:innen bedenkenlos und profitgierig um sich werfen. Diese Oberflächenästhetik wird so präzise wiedergegeben, dass sie zugleich hyperrealistisch und satirisch wirkt. Auch das Spiel mit den Zeiten ist kunstvoll eingesetzt: Der Roman steht überwiegend im Präteritum, was Distanz und Rückblick ermöglicht. Doch an entscheidenden Stellen,(etwa im Vorwort oder zum dramatischen Ende des zweiten Teils und im dritten Teil) bricht Kessler ins Präsens. Dadurch wird die Handlung schlagartig unmittelbarer, es verstärkt die Intensität und das Gefühl, dass die Protagonistin immer tiefer in eine Gegenwart hineinstürzt, der sie nicht mehr entkommt.

👥 Figuren: Die namenlose Protagonistin ist eine der größten Stärken dieses Romans. Dass sie keinen Namen trägt, macht sie universell; sie könnte jede Frau sein. Gleichzeitig ermöglicht es eine unmittelbare Identifikation: Man rutscht als Leserin direkt in ihre Perspektive, ohne Distanz. Sie ist rund und absolut gelungen gezeichnet: mutig, hemmungslos, moralisch entgrenzt. Mit ihrer Notlüge, frisch entbunden zu haben, führt sie alle um sich herum an der Nase herum. Diese Gewissenlosigkeit zeigt, wo sie in ihrem Leben steht: Sie ist verzweifelt, am Ende, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, weil sie scheinbar das Gefühl hat, ohnehin schon alles verloren zu haben. Ihre Haltung ist schonungslos, kalt, oft gefühllos gegenüber ihrer Mitmenschen. Nur dort, wo Konkurrenz entsteht, erwacht ihr Interesse. Nach und nach verliert sie den Bezug zur Wirklichkeit, was sie gleichzeitig faszinierend und verstörend macht. Neben ihr treten weitere starke Frauenfiguren auf: Swetlana, die Trainerin, weiß genau, wie sie ihren Körper in den sozialen Medien inszenieren muss, und tritt als klischeehafte Sport-Influencerin mit Rabattcodes auf. Ihre Nonchalance verdeutlicht, dass sie die Regeln kennt und scheut sich nicht, das System für sich zu nutzen. Vick, eine Kundin des Gyms und Profi-Bodybuilderin, bringt fünfmal die Woche extreme Höchstleistungen. Trotzdem wird sie von Männern abwertend als „Tier“ bezeichnet oder mit einem Mann verglichen – ein Paradebeispiel für die Entwertung weiblicher Stärke. Hier zeigt sich die ganze Abgründigkeit männlicher Wahrnehmung im Roman: Frauenkörper werden permanent kommentiert, abgewertet oder sexualisiert, egal ob sie den gängigen Normen entsprechen oder nicht. Und genau da reiht sich auch die Figur Ferhats ein, der sich zwar als selbsternannter Feminist inszeniert, aber in Wahrheit patriarchale Strukturen ungebrochen fortführt. Er nimmt Raum ein, schmückt sich mit oberflächlicher Gleichstellungssprache und steht damit stellvertretend für eine Sorte Männer, die Anerkennung für ihren vermeintlichen Fortschritt wollen, während sie in Wahrheit patriarchale Strukturen stabilisieren. Er übt massiven Druck auf die Protagonistin (und damit stellvertretend auf alle Mütter) aus, nach der Schwangerschaft wieder „in Form“ zu kommen. Besonders perfide ist seine Fixierung auf den Beckenboden: Er deutet an, Frauen müssten ihn unbedingt trainieren, da sie sonst beim Sex nichts mehr spüren könnten; ein übergriffiger, entwürdigender Kommentar, der zeigt, wie stark weibliche Körper selbst unter dem Deckmantel vermeintlicher Fürsorge sexualisiert und normiert werden.

🗝️ Symbole: Das Gym fungiert als symbolischer Raum für Leistungsdruck und Selbstoptimierung. Was die Protagonistin zuvor in der durchgetakteten Arbeitswelt ausgelebt hat (Ehrgeiz, Kontrolle, das ständige Streben nach Anerkennung) überträgt sie nun auf ihren Körper. Im Gym bündeln sich Schönheitsideale, die längst losgelöst sind von Gesundheit oder Balance, und verwandeln sich in ein Ventil für ihren ungebremsten Ehrgeiz. Gleichzeitig sind die Fitness-Slogans und Körperideale selbst Symbole einer Gesellschaft, die Transformation verspricht, aber im Kern Anpassung und Unterdrückung verlangt. Besonders eindringlich ist die wiederkehrende Erwähnung von Basilikum (zunächst als Duftkerze auf der Damentoilette, später, im letzten Teil, als Pflanze, die neu angepflanzt wird). Basilikum hat in vielen Kulturen eine symbolische Bedeutung: Es gilt als Pflanze der Kraft, des Neuanfangs und des Glücks, zugleich als Heilmittel und Schutz vor bösen Geistern. Im Roman lässt sich das doppelt lesen: Einerseits sucht die Protagonistin in ihrem neuen Job im Mega Gym nach Heilung und einem Neuanfang. Andererseits verlischt gegen Ende die Basilikum-Duftkerze, was sich mit der Vorstellung deckt, dass der Schutz vor „bösen Geistern“ aufgehoben die Situation eskaliert. Im letzten Teil wird frischer Basilikum gepflanzt, der schnell wächst und gedeiht, was wiederum symbolisch dafür stehen könnte, dass ein Neuanfang und Heilung dennoch möglich sein könnten.

💡 Fazit: Gym hat mich an Han Kangs Die Vegetarierin erinnert; nur dass es hier eine noch konsequentere, authentischere und beinahe brutalere feministische Wut gibt. Wie bei Han Kang richtet sich die Protagonistin in gewisser Weise gegen ihren eigenen Körper, was in einer vergleichbaren Konsequenz endet. Der Roman ist tabulos, realistisch, hemmungslos. Zwar wird das Buch oft als „witzig“ oder „amüsant“ beschrieben, doch ich habe es ganz anders erlebt: Für mich sind die Sprüche und Pointen eher erschreckend realistisch, da sie entlarven, in was für einer irrsinnigen Gesellschaft wir leben. Für mich war "Gym" ein zutiefst feministisches Buch, das nicht mit erhobenem Zeigefinger arbeitet, sondern die Realität abbildet, so nahbar und scharf, dass es weh tut. Ich erlebe auch heute noch regelmäßig im Fitnessstudio, wie Frauen als Lustobjekte betrachtet oder von Männern bewertet werden. Für mich ist das Thema daher keine Absurdität, sondern bittere Realität und genau das fängt Kessler perfekt ein.

5|5⭐️

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