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Veröffentlicht am 06.05.2021

Das kaputte System Deutschland

Die Kandidatin
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„Nur aggressives Niederringen des weißen Patriachats bringt uns weiter.“ [116]
Der Roman „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wirft einen Blick in die nicht allzu ferne Zukunft der Bundesrepublik. ...

„Nur aggressives Niederringen des weißen Patriachats bringt uns weiter.“ [116]
Der Roman „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wirft einen Blick in die nicht allzu ferne Zukunft der Bundesrepublik. Einiges davon hat mich an „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq erinnert. Doch bei dem Roman von Schreiber gibt es nur ein Dafür und ein Dagegen. Eine Gesellschaft zwischen Hoffnung und Hass. Entweder man steht zur Protagonistin Sabah Hussein, oder man verachtet sie. Im normalen Leben würde es viele Facetten in jeglicher Hinsicht geben. Bewusst wird hier alles extrem auf die Spitze getrieben, ob dies nun die Themen Diversität, Auslandsbeziehungen zu China oder im Allgemeinen die politische Zukunft eines Landes ist.
„Wir reproduzieren die patriarchale Aussage, indem wir sie singen. Es wäre viel besser, wenn wir singen: I will follow Him/Her/Them. Follow Him/Her/Them wherever He/She/They may go.“ [85 f.]
Der Roman lässt sich wunderbar lesen, behandelt er doch auf wunderbare Weise die aktuellen politischen Themen. Man kann selbst bestens philosophieren, wie sich die Zukunft darstellen wird.
Zuckmayers Plädoyer für kulturelle Vielfalt findet sich auch hier wieder, allerdings ebenfalls sehr überspitzt.
„Sie mochte schon immer James Bond, aber sie findet es prima, dass 007 jetzt eine diverse Agentin ist, eine schwarze, lesbische Frau mit Behinderung.“ [94]
Sehr treffend finde ich folgendes Zitat, zeigt es doch gut, dass Deutschland, bzw. die Kandidatin, mit ihren Zielen lediglich auf ihr Land beschränkt ist. Im internationalen Vergleich ist das Ganze wie ein Alleingang zu sehen. Und wen führt dies weiter?
„Womit wird sie den Mächtigen in der Welt gegenübertreten? Ihre Waffen sind auf der internationalen Bühne stumpf.“ [161]
Wohin geht die Reise? Ein sehr pointierter Blick auf die politische Zukunft.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.04.2021

Einfach nur magisch

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte
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„Es lässt sich nicht alles auf Schwarz und Weiß reduzieren, denn es gibt noch so viel dazwischen. Man kann etwas nicht einfach als gut oder böse abtun, ohne die Facetten dahinter zu berücksichtigen.“ [317]
Es ...

„Es lässt sich nicht alles auf Schwarz und Weiß reduzieren, denn es gibt noch so viel dazwischen. Man kann etwas nicht einfach als gut oder böse abtun, ohne die Facetten dahinter zu berücksichtigen.“ [317]
Es gibt Bücher, die bezaubern durch ein wunderschönes Cover, deren Klappentext ist so vielversprechend, dass man es gar nicht abwarten kann, diese zu lesen. Mit großen Erwartungen bin ich an das Buch „Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte“ von TJ Klune herangetreten und wurde beim Lesen nochmals positiv überrascht. Das Zitat aus diesem wundervoll geschriebenen Buch trifft auch auf mich zu: „Dass wir hin und wieder vollkommen unerwartet auf etwas stoßen, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es gesucht haben.“ [330] Dieses Buch zählt schon jetzt zu den Highlights des Jahres.
Am Anfang lacht man über Linus Baker, den vorbildlichen Beamten schlechthin. Er ist so grau wie seine Umgebung. Welch ein tristes Leben. Das ändert sich aber sehr schnell, als er sich zum Heim für magisch begabte Kinder aufmacht. Der Charakter entwickelt sich und Linus stellt sich immer mehr kritische Fragen und findet sich, wie die Leser*innen auch, in einem magischen Abenteuer wieder.
Die Geschichte, die Charaktere sind wirklich sehr facettenreich. Hier stimmt wirklich alles. Ich hätte am Anfang nicht gedacht, dass mich der Roman so tief berührt.
„Furch und Hass erwachsen aus fehlendem Verständnis.“ [270]
Insgesamt lässt sich der Roman sehr gut lesen. Man ist sofort in der Geschichte, lacht, denkt nach und ärgert sich über die Vorurteile mancher Menschen. Subtil zeigt der Autor, dass man, wie eingangs erwähnt, alle Facetten betrachten muss. Es geht um gesellschaftliche Themen und darum, dass jeder auf seine Weise wunderbar ist.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2021

Eine lohnenswerte Reise

Der Schneeleopard
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„Die Wildnis beobachtet uns, ohne dass wir es merken. Sie verschwindet, sobald sie vom Blick des Menschen erfasst wird.“ [48]

Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier reist der Autor Sylvain Tesson ...

„Die Wildnis beobachtet uns, ohne dass wir es merken. Sie verschwindet, sobald sie vom Blick des Menschen erfasst wird.“ [48]

Gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier reist der Autor Sylvain Tesson nach Tibet, um den Schneeleoparden zu sehen. Ob sich diese Reise lohnt? Bei dem Buch „Der Schneeleopard“ kann man sagen, dass sich dies für den Autor und auch die Leser*innen lohnt. Sprachlich wunderbar, mit tiefgründigen Fragen und einem tollen Schreibstil lässt uns der Autor an dieser Reise teilhaben. Es ist kein normaler Reisebericht, der sich lediglich mit der Suche nach dem Schneeleoparden beschäftig, denn der Autor hinterfragt den Umgang mit der Natur auf eine sehr subtile Weise. Es geht philosophisch und teils auch poetisch zu. Dabei kommt auch die Gesellschaftskritik nicht zu kurz.
„‘Nehmt bloß kein Ohropax, vielleicht singen ja die Wölfe.‘ Genau wegen solcher Sätze ging ich auf Reisen.“ [76]
Wer Entschleunigung sucht, ist mit diesem Werk wunderbar beraten. Allerdings kamen mir die Bilder von Munier, immerhin „der bedeutendste Tierfotograf seiner Zeit“ [14], zu kurz. Es sind lediglich zwei Fotos enthalten. Wer mehr sehen möchte, muss zum Buch „Zwischen Fels und Eis“ greifen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.03.2021

Amerikanische Kultur der Gewalt

Schwarz Blau Blut
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„Niemand kann alles tun, aber jeder kann etwas tun. Jeder kann etwas tun. Jeder.“ [264]
Eigentlich müsste man meinen, dass die Themen Rassismus und Polizeigewalt, in Bezug auf die USA, in der heutigen ...

„Niemand kann alles tun, aber jeder kann etwas tun. Jeder kann etwas tun. Jeder.“ [264]
Eigentlich müsste man meinen, dass die Themen Rassismus und Polizeigewalt, in Bezug auf die USA, in der heutigen Zeit eine eher untergeordnete Rolle spielen, beschäftigen sie das Land doch schon seit Jahrzehnten. Doch noch immer lassen sie dieses Land nicht los. Man muss sagen, dass diese beiden Themen nichts von ihrer Brisanz verloren haben. „Schwarz Blau Blut“ von Matthew Horace zeigt auf erschreckende Weise, warum so viele schwarze Menschen unschuldig sterben.
„Rassismus ist bei der Polizei von Chicago allgegenwärtig, und solange Polizisten für ihre rassistischen Handlungen nicht hinter Gittern landen, wird sich das auch nie ändern.“ [233]
Viele Bilder kennt man aus den Medien. Man hat mitbekommen was in Ferguson passiert ist. Horace geht auf mehrere Ereignisse der jüngsten Vergangenheit ein, schreibt packend und auch fundiert. Auf der einen Seite lässt sich das Buch wirklich sehr gut lesen. Auf der anderen Seite ist man schockiert wie schnell ein schwarzes Leben beendet ist und welche „Kleinigkeiten“ zu diesem tödlichen Ende führen können.
„Wenn Leute sich Sorgen um die Zukunft von People of Color machen und uns damit konfrontieren, dass wir in der Vergangenheit viele schreckliche Dinge getan haben und dass es bei uns viel Intoleranz und Vorurteile gibt, hat das nichts mit Polizeifeindlichkeit zu tun.“ [169]
Horace kennt beide Seiten, die Seite der Polizisten und der PoC. Und genau das macht dieses Buch aus. Es ist ungemein spannend und interessant. Der Autor liefert zahlen und Fakten, beleuchtet Ereignisse, gibt Einblicke.
„Trotz der vielen Schlagzeilen über die hohe Kriminalität ist Chicago nicht die gefährlichste Stadt in den USA. Um diese zweifelhafte Ehre wetteifern jedes Jahr aufs Neue St. Louis, Memphis, und Baltimore. (…) Als ich dieses Buch schrieb, rangierte Chicago nicht einmal in den Top Ten.“ [173]

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 25.03.2021

Das Pferd hat Herz

Und dann kam Juli
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Man könnte sagen „Und dann kam Juli“ und der Ärger für Paul ging los. Denn wenn man sich einen Hund wünscht und plötzlich ein Pferd im Garten steht, dann ist man schon ein bisschen enttäuscht und überrascht. ...

Man könnte sagen „Und dann kam Juli“ und der Ärger für Paul ging los. Denn wenn man sich einen Hund wünscht und plötzlich ein Pferd im Garten steht, dann ist man schon ein bisschen enttäuscht und überrascht. Vor allem, wenn die Eltern das voll cool finden. Das Kinderbuch von Petra Eimer ist ein Hingucker. Die farbigen Illustrationen sind wunderbar gelungen, in ausreichender Zahl vorhanden, und die ganzen verschiedenen Schriftarten und Schriftfarben machen „Und dann kam Juli“ zu einem gelungenen Leseerlebnis auf der ganzen Linie. Man hat den Eindruck von einem lebhaften Buch und so kommt jeder dabei auf seine Kosten. Die Vorleserinnen, die Zuhörerinnen (ab fünf) und auch die geübten Selbstleser*innen (ab acht) haben mächtig Spaß bei der humorvollen Geschichte, die spritzig, leicht und witzig daherkommt.
Pauls Bild von Juli ändert sich im Laufe der 16 Kapitel, so dass es noch zu einem glücklichen Abschluss kommt. Insgesamt zeichnet sich das Buch durch einen tollen Ideenreichtum und der schönen Umsetzung aus.

  • Cover
  • Handlung
  • Charaktere