„Kein Mensch kennt jemals einen anderen völlig.“
Etan arbeitet als Neurochirurg in einer Klinik in Beer Scheva. Eines Nachts beschließt er, nach seiner Schicht nicht den direkten Heimweg anzutreten, sondern sich noch eine kleine Auszeit zu nehmen. Er ...
Etan arbeitet als Neurochirurg in einer Klinik in Beer Scheva. Eines Nachts beschließt er, nach seiner Schicht nicht den direkten Heimweg anzutreten, sondern sich noch eine kleine Auszeit zu nehmen. Er schlägt von der Stadt aus den Weg in Richtung Süden ein, wo er mit seinem Jeep eine kleine Tour durch die Dünen plant. Etan ist ausgelassen, hat endlich mal wieder so richtig Spaß – bis er im Dunkeln einen illegal eingewanderten Eritreer überfährt. Schnell steht fest, dass der Mann seine schweren Verletzungen nicht überleben wird. Etan ist hin- und hergerissen: Der Unfall kann seine Karriere gefährden. Soll er sich wirklich stellen, wo es doch augenscheinlich keine Zeugen gibt?
Mit „Löwen wecken“ hat Ayelet Gundar-Goshen einen fesselnden Roman über Moral und Anstand, über Schuld und das Gewissen eines Menschen verfasst. Sie zeichnet darin die Geschichte eines erfolgreichen Arztes, der verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Seine Frau Liat arbeitet bei der Polizei und wird schon früh im Buch mit dem Fall eines überfahrenen Eritreers vertraut gemacht, bei dem der Täter Unfallflucht begangen hat. Während sie ermittelt, leistet Etan ohne ihr Wissen Buße bei der Witwe des Verstorbenen. …
Die Figuren des Romans sind facettenreich gestaltet. Die Autorin versteht es, sowohl deren liebenswerte Seiten als auch die Abgründe menschlichen Handelns aufzuzeigen. Das führte dazu, dass ich mich in einige Figuren teilweise sehr gut einfühlen konnte, ihr Verhalten an anderen Stellen wiederum sehr befremdlich fand. Genau das mochte ich aber sehr gerne, da es die Personen überaus authentisch wirken lässt.
Hinsichtlich der Themen setzt der Roman in erster Linie bei unserem Verständnis von Moral an. Ist es wirklich immer ratsam, nach unseren Überzeugungen zu handeln? Können wir mit den Schuldgefühlen leben, wenn wir es nicht tun? Neben der Moralfrage rückt die Autorin aber auch den Rassismus in der Gesellschaft ins Blickfeld. Sie fragt nach dem Wert eines Menschenlebens in Abhängigkeit von der Nationalität (sowie vom Geschlecht) und zeigt, wie tief Vorbehalte gegenüber anderen Menschengruppen in uns verankert sind.
Bis zum Schluss war es für mich nicht ersichtlich, wie die Geschichte ausgehen wird und auch mit dem Ende regt Gundar-Goshen stark zum Nachdenken an, sodass der Roman noch lange in mir nachhallte.
Was für mich bleibt, ist die Erkenntnis, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, denn: „Kein Mensch kennt jemals einen anderen völlig.“ (S. 195)