„Das Parlament der Tiere“ von Sophie Schönberger beginnt mit einer Szene, die bei mir eine klare Erwartungshaltung ausgelöst hat: Ein Pfirsichbaum wächst in kürzester Zeit aus einem Sprössling zu einem Früchte tragenden Baum - entdeckt von einem Eichhörnchen. Ich dachte, es ginge vielleicht darum, dass das Eichhörnchen alles für sich behalten möchte, weil es den Baum ja entdeckt und ihm beim Wachsen zugesehen hat. Doch es geht zwar tatsächlich ums Teilen, aber von einer anderen Gruppe aus. Da dieses Element - Pfirsichbaum wird entdeckt, wächst und trägt dann schnell Früchte - im weiteren Verlauf keinerlei Bedeutung mehr hat, bleibt bis zum Schluss die Irritation, warum ausgerechnet dieses konstruiert wirkende Szenario als Einstieg gewählt wurde.
Sobald die eigentliche Handlung einsetzt, gewinnt das Buch jedoch deutlich an Substanz. Alle Tiere wollen die Früchte des Baumes nutzen, allerdings jeweils nach ihren eigenen Vorstellungen. Sehr schnell wird klar, dass dieses Nebeneinander nicht funktionieren kann. Genau an diesem Punkt entfaltet die Geschichte ihre Stärke: Kindern wird nachvollziehbar erklärt, warum es ein Parlament braucht, welche Aufgaben es übernimmt, wer daran beteiligt ist und wie Vertreterinnen bestimmt werden. Ohne zu belehren, wird gezeigt, dass Regeln nicht willkürlich entstehen, sondern aus dem Bedürfnis nach Fairness und Ordnung.
Besonders überzeugend ist die Darstellung demokratischer Grundprinzipien. Kinder lernen, dass Demokratie Mehrheiten berücksichtigt, ohne Minderheiten mundtot zu machen, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander bestehen können und dass das Äußern der eigenen Sichtweise legitim bleibt, auch wenn sie sich nicht durchsetzt.
Dass die abstrakten politischen Abläufe später auf das Thema Freundschaft heruntergebrochen werden, ist konsequent. Vierjährige interessieren sich weder für Wahlen noch für politische Institutionen, wohl aber für Konflikte im Alltag. Genau hier setzt das Buch an und macht Demokratie im Kleinen erfahrbar. Diese Übertragung empfinde ich als besonders gelungen, weil sie den Stoff emotional verankert und lebensnah hält.
Im schulischen Kontext bietet die Geschichte zusätzliches Potenzial. In der Grundschule lassen sich anhand des Buches Aufgaben von Klassensprecherinnen erklären, ebenso der Sinn von Mitbestimmung. Ich konnte meiner Siebenjährigen dadurch erstmals verständlich vermitteln, was meine Aufgabe als Elternsprecherin eigentlich ist und warum ich abends manchmal nochmals aus dem Haus muss.
Unterm Strich zeigt die Geschichte sehr klar, wie Demokratie funktioniert und warum sie notwendig ist. Das Buch vermittelt politische Bildung ohne erhobenen Zeigefinger und erreicht damit nicht nur Kinder. Ich denke, auch Erwachsene werden beim Lesen Grundlagen wiederentdecken, die im Alltag oft als selbstverständlich gelten.
Am Schluss gibt es eine Begriffserklärung, die die Zielgruppe (4 Jahre) jedoch noch nicht erfassen kann.
Einzig der Punkt, dass Emily Eichhörnchen meist die passenden Einfälle hat, ist nicht so schön. Da hätte ich mir mehr Vielfalt gewünscht.
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