Bis wir unsere Stimme finden
Bis wir unsere Stimme finden ist ein historischer Roman von Astrid Töpfner.
Im Mittelpunkt stehen Fanny und Jakob. Sie lernen sich als Kinder auf einer dramatischen Flucht von Österreich in die Schweiz ...
Bis wir unsere Stimme finden ist ein historischer Roman von Astrid Töpfner.
Im Mittelpunkt stehen Fanny und Jakob. Sie lernen sich als Kinder auf einer dramatischen Flucht von Österreich in die Schweiz während des 2. Weltkrieges kennen. Durch fatale Umstände sind sie plötzlich auf sich allein gestellt, Fanny kaum 5 Jahre, Jakob ungefähr 10. Um nicht getrennt zu werden, geben sie sich als Geschwister aus und werden von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht, auch nach Kriegsende. Sie werden vom Staat regelrecht verschachert und müssen unglaublich hart arbeiten. Das einzige was sie haben, sind sie selbst. Durch ein tragisches Unglück werden sie dennoch getrennt und treffen sich 15 Jahre später in Zürich wieder. Bis sie ihre Stimme erheben und ihre Vergangenheit aufarbeiten können, braucht es eine lange Zeit.
Was für eine Geschichte! Ich wusste anfangs nicht so recht, wo die Reise hingeht, von den sogenannten Verdingkindern in der Schweiz (ein wirklich dunkles Kapitel) hatte ich zuvor noch nie gehört. Viele Waisenkinder wurden während des 2. Weltkrieges und auch danach in Pflegefamilien gesteckt, es gab viele davon, die ihre anvertrauten Kinder anständig und liebevoll behandelten, doch dieser Roman gibt jenen eine Stimme, die Ausbeutung, Gewalt und seelische Grausamkeit ertragen mussten.
Der Schreibstil ist fesselnd, sensibel und tief berührend. Es gibt zwei Zeitebenen, in der Vergangenheit von 1942 - 1953 und in der Gegenwart von 1968 - 1971.
Die bildgewaltige Ausdrucksweise beschreibt die einzelnen Situationen sehr detailliert und die Zustände real. Gerade die Zeit in den Pflegefamilien ist kaum auszuhalten. Ich kann gar nicht so genau sagen, wer schlimmer behandelt wurde, es waren unglaubliche Grausamkeiten, die Körper und Seele zerstörten, ihr ganzes Leben ist davon geprägt worden.
Astrid Töpfner schildert das wirklich sehr bewegend und eindrucksvoll. Wie im Klappentext erwähnt, wird ihnen alles genommen: Familie, Identität, Würde, Zukunft und später ist vieles unausgesprochen geblieben.
Neben der Beschichte über Fanny und Jacob flechtet die Autorin die Frauenbewegung in der Schweiz ein, darüber findet man im Nachwort noch sehr interessante Fakten.
Ein erschütternder Roman über Unrecht, Verlust und Überlebenswillen. Zwei starke Protagonisten, die sich ihren Platz im Leben mühsam zurückerobern müssen. Von mir gibt es eine ganz große Leseempfehlung.