Cover-Bild Ein wenig Leben

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28,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 960
  • Ersterscheinung: 30.01.2017
  • ISBN: 9783446254718
Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben

Roman
Stephan Kleiner (Übersetzer)

"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.08.2017

Kann Erzählen heilen?

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Es ist die Geschichte von vier Männern: Jude, Willem, Malcom und JB lernen sich auf dem College kennen und teilen sich eine Wohnung. Sie studieren, wählen einen Beruf, entscheiden sich, wie und mit wem ...

Es ist die Geschichte von vier Männern: Jude, Willem, Malcom und JB lernen sich auf dem College kennen und teilen sich eine Wohnung. Sie studieren, wählen einen Beruf, entscheiden sich, wie und mit wem sie ihr Leben verbringen möchten.

Vier Männer, die völlig unterschiedlich sind und die doch ihr Leben lang eine tiefe Freundschaft verbindet.

Und im Mittelpunkt von allem: Jude, ein intelligenter Mann, der nach dem Jurastudium zu einem der erfolgreichsten und gefürchtetsten Anwälte des Landes wird. Der sich ein teures Loft leisten kann und sich in illustrer Gesellschaft bewegt. Und ein Mann, über den seine Freunde kaum etwas wissen. Über seine Vergangenheit spricht Jude nicht. Er erheitert seine Freunde nicht mit Anekdoten aus der Kindheit, verliert nie ein Wort über seine Jugend und verschweigt die Ursache für seinen humpelnden Gang und seine Schmerzanfälle. Mit allen Mitteln versucht er, unauffällig zu bleiben. Jede Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird, blockt er ab.

Doch statt das Interesse zu verlieren, wächst die Neugier seiner Freunde - und des Lesers. Anfangs noch eine leise Ahnung, wird eins schnell zur Gewissheit: In Judes Vergangenheit müssen Misshandlungen stattgefunden haben. Doch lange bleiben einem nur Spekulationen. Vage Vorstellungen von Ereignissen, die aus den Andeutungen des Erzählers resultieren. Schlussfolgerungen, die beide - Freunde und Leser - aus Judes Verhalten ziehen. Und doch hat der Leser einen gewissen Wissensvorsprung. Er bekommt Einblicke in Judes Gedanken, die allen anderen verborgen bleiben, und wird Zeuge seiner Flashbacks, die ihn so quälen. Und gleichzeitig wird der Leser manipuliert. Andeutungen, kurze Rückblicke und subtile Cliffhanger schaffen eine düstere Atmosphäre und führend dazu, sich das schlimmstmöglichen Fall auszumalen.

Und auch wenn es einige Zeit braucht (immerhin ist das Buch über 900 Seiten lang) bis die Geschichte von Jude erzählt ist: Eins ist schon früh klar: Was auch immer in Judes Vergangenheit passiert ist, es hat dazu geführt, dass er sich nicht als anderen ebenbürtig empfinden. Er verletzt sich selbst, schneidet sich exzessiv mit Rasierklingen und schmeißt sich mit seinem Körper gegen Wände. Seine Verletzungen und Narben sind das, was er verdient. Sein Leben, sein Körper, sein Leiden, sein Glück, seine Gefühle, all das wird nicht mit dem gleichen Maß gemessen wie bei anderen.

Und doch hofft der Leser, dass Jude begreift, dass er für seine Vergangenheit nicht verantwortlich, dass er Opfer und nicht Täter ist. Und wie seine Freunde glaubt er daran, dass das Leben reparabel ist, dass die Wunden, die Jude zugefügt wurden, verheilen können. Darüber reden – das ist der Rat, den er von allen bekommt. Von seinem Arzt, der Sozialhelferin, seinen Freunden. Und nicht zuletzt auch vom Leser: Denn auch er möchte, dass Jude seine Geschichte erzählt. Dass durch die Erzählung ein Heilprozess stattfindet. Er hofft auf die Wendung, die Katharsis, die die Literatur verspricht.

Doch Jude weigert sich. Er glaubt nicht an die Heilkraft des Erzählens.

Judes Leidensgeschichte ist eine so schonungslose Aneinanderreihung von Misshandlungen, dass das Lesen schwerfällt. Und auch wenn der Erzähler keinerlei Zweifel an der Authentizität der Erlebnisse aufkommen lässt, so ist es doch zu viel. Ein Zuviel an Grausamkeit, an Unmenschlichkeit, an Härte, die einer einzigen Person zuteilwird. Es ist als würde sich in Judes Kindheit die Rohheit der gesamten Menschheit spiegeln. Doch solange sich Jude an kleinen Glücksmomenten erfreut, Freundschaften genießt und darauf hofft, einen Platz im Leben zu finden, solange hofft auch der Leser, dass die Geschichte trotz allem eine gute Wendung nehmen kann. Denn neben dem vielen Schmerz ist da noch eine rührende Geschichte über Freundschaft und zarte Liebe, die wie ein Gegenentwurf zu Judes bisherigem Leben erscheint. Und so meint man, dass das Leben vielleicht doch reparabel ist. Egal, wie ernst die Verletzungen auch sind.

Das Buch zieht den Leser in einen Bann, dem er kaum entkommen kann. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Entsetzen, Hoffen, Wut und Rührung.

Veröffentlicht am 02.10.2019

Keine leichte Kost

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Zum Cover:
Ich finde, das Cover ist sehr passend für die Geschichte gewählt und hebt sich von anderen Covern deutlich ab. Eindrucksvoll erachte ich gerade die ausdrucksstarke Mimik der abgebildeten Person.

Zum ...

Zum Cover:
Ich finde, das Cover ist sehr passend für die Geschichte gewählt und hebt sich von anderen Covern deutlich ab. Eindrucksvoll erachte ich gerade die ausdrucksstarke Mimik der abgebildeten Person.

Zum Inhalt:
Wir begeben uns auf eine Reise mit 4 Freunden, die sich schon auf dem College kennengelernt haben. Die 4 Jungs JB, Jude, Malcolm und Willem ziehen alle nach New York um dort ihre Karrieren voran zu treiben.
Mit der Zeit rückt Jude immer mehr in den Fokus der Geschichte und man erfährt stückweise, wie grausam und tragisch sein Leben bisher war. Man erfährt im Laufe der Geschichte, wie sehr Jude bisher gelitten hat und auch, wie die anderen 3 zurecht kommen.

Achtung Spoiler:
Meiner Meinung nach wäre es sinnvoll, eine Triggerwarnung in das Buch mit aufzunehmen, denn nicht jede(r) kommt gut mit Themen wie beispielsweise Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt, Vergewaltigung und Selbstverletzung klar.

Gerade diese Themen habe mich unglaublich berührt, fassungslos zurückgelassen und mir vor Augen geführt, wie schrecklich ein Leben doch sein kann. Dies war das erste Buch, bei dem ich nicht mehr als 200 Seiten am Stück lesen konnte, weil es mich so schockiert hat.

Ich habe leider auch negative Kritik zu dem Buch, denn ich finde es derart unrealistisch, dass alle 4 Männer unglaubliche tolle Jobs haben, dabei viel Geld verdienen und bis auf ein paar Kleien Problemchen rundum glücklich sind in ihrem Beruf.
Des weiteren ist es mir schleierhaft, wie einem Menschen (in unserem Fall: Jude) so viel (unterschiedliches) Leid angetan werden kann. Ich war zum Großteil schockiert und fassungslos über das, was Jude erlebt, aber manchmal dachte ich nur: "Okay, das ist wirklich zu viel des Bösen".


Nichtsdestotrotz empfehlen ich diesen zeitlosen Roman weiter, denn er hat mich sehr gut unterhalten und es ist eines dieser Bücher, das in einem nach schwingt.

Veröffentlicht am 11.08.2019

Dieses Buch hat mich wütend gemacht und enttäuscht

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Wie tippt man eine Rezension zu diesem Buch?
"Ein wenig Leben" habe ich gemeinsam mit Daniela vom Blog Livricieux in einer Blogleserunde gelesen und diskutiert. Nachem sie das Buch vor einigen Tagen beendet ...

Wie tippt man eine Rezension zu diesem Buch?
"Ein wenig Leben" habe ich gemeinsam mit Daniela vom Blog Livricieux in einer Blogleserunde gelesen und diskutiert. Nachem sie das Buch vor einigen Tagen beendet und auch bereits die Rezension getippt hat, habe ich nun auch endlich die letzte Seite umgeblättert, obwohl ich mich wirklich durch dieses Buch gequält habe...
Und ich habe mir sooo viele verschiedene Anfänge für diese Rezension überlegt und immer wieder verworfen. Beispielsweise "Dieses Buch ist eine Verschwendung von schriftstellerischem Potenzial, von sprachlicher Finesse und einer fantastischen Plotidee..." oder "Mit mindestens 400 Seiten zu viel kommt 'Ein wenig Leben' daher und durch die vielen Längen wird fast alles an Inhalt und Spannung verwässert..." oder "Hanya Yanagihara schreibt über Freundschaft, Liebe, Schmerz, Verlust und Sex. Und vor allem Letzteres tut sie mit einer Prüderie und Fantasielosigkeit, die ihresgleichen sucht. Insbesondere der Sex zwischen zwei Männern besteht für Hanya Yanagihara scheinbar ausschliesslich aus der Penetration des einen durch den andern. Findet diese nicht statt, ist es keine gelebte Sexualität..." oder auch einfach "Dieses Buch hat mich fast 940 Seiten lang wütend gemacht und auf den letzten knapp zwanzig Seiten - zumindest teilweise - mit sich versöhnt."

Aber ganz von vorne:
Vier Freunde, Jude, JB, Willem und Malcolm, Freundschaft, Vertrauen und eine starke Gemeinschaft. Jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen und immer wieder geben sie sich gegenseitig Halt. Während Willem, JB und Malcolm eine eher künstlerische Laufbahn anstreben, beschäftigt sich Jude mit einer Karriere als Anwalt. Und schnell wird klar, dass Jude von der Autorin ins Zentrum gestellt wird, sich selber sogar - aber eher unbewusst - immer wieder als Mittelpunkt der Gruppe zeigt. Er ist es nämlich, der krampfhaft ein Geheimnis um seine Kindheit und Jugend macht, er ist es, der nach einem rätselhaften "Unfall" hinkt, der manchmal vor Schmerzen nicht mehr gehen kann, der immer wieder auf Hilfe angewiesen ist und diese eigentlich gar nicht in Anspruch nehmen will und durch die Ignoranz gegenüber seiner eigenen gesundheitlichen Situation und den daraus resultierenden Problemen erst recht auffällt.
So weit, so gut. Bis hier macht das Sinn, bis hier ist das stimmig, bis hier ist für eine vielversprechende Ausgangslage gesorgt.

Und dann....:
... entwickelt sich alles anders. Was mit wundervoll recherchierten Berichten über die verschiedenen Berufsfelder und Kunstrichtungen der vier Freunde, mit eindringlichen Beschreibungen, spannenden Andeutungen und intensiven Emotionen zwischen dem Kleeblatt beginnt, entwickelt sich zu einer Farce.
Wie ihr sicher bereits erfahren habt, geht es in diesem Buch um viele menschliche Abgründe, um Missbrauch, Gewalt, um selbstverletzendes Verhalten und um Menschen, die andere Menschen wissentlich und voller Vergnügen quälen, physisch und psychisch. Und ebenfalls wisst ihr, dass es ausgerechnet Jude ist, der in seiner Vergangenheit unendliche Schmerzen erlitten hat und die Folgen davon immer noch täglich zu tragen hat.
Was er erleben musste, wird nach und nach detailliert geschildert und wo vorher so viele Emotionen waren und ein einfacher Zugang zu den Figuren, wird nun dieser Vergangenheitsstrang plötzlich mit einer kalten Nüchternheit abgehakt, als ginge es einfach nur darum, so viel Grauen wie möglich auf so wenige Seiten wie nötig zu verpacken. Warum? Wenn man sich als Autorin nicht wirklich mit diesen doch potenziell belastenden Inhalten auseinandersetzen will, dann soll man es lassen. Yanagihara hat sich aber eher für eine halbpatzige Verarbeitung der Themen entschieden. Nicht nur haben Judes Peiniger nämlich keine Konsequenzen für ihr Handeln zu erwarten, sondern es werden auch jegliche Instanzen, die eigentlich in einem Rechtsstaat zuständig sein müssten, wie Gerichte, Polizei, Behörden und vor allem auch Jugendpsychologen, ausgeblendet und somit gehen der Realitätsbezug und auch die Logik gänzlich verloren. Die Geschichte muss aber tragischerweise so unlogisch sein, weil die Autorin ihr Fantasiegeflecht sonst gar nicht erst hätte weiterspinnen können.
Ausserdem werden - und das hat mich besonders gestört - andere Menschen, die ebenfalls Leid, Schmerz und Verlust erfahren haben, zusätzlich verhöhnt, indem immer wieder angedeutet wird, dass nur jemand, der ALLES erlebt und die Hölle gesehen hat (wie Jude) auch wirklich leiden darf und soll.

Das Abdriften in eine Scheinwelt:
Und leider ist es damit noch nicht genug. Hanya Yanagihara baut mit jeder weiteren Entwicklung eine unrealistische und immer unrealistischere Scheinwelt auf, die dazu geführt hat, dass ich ihr gar nichts mehr glauben konnte. Alle vier Freunde machen grandiose Karrieren, werden unendlich reich und nur JB erlebt kleinere Rückschläge, die er aber problemlos überwindet und dann noch gestärkt daraus hervorgeht. Keiner von ihnen aber scheitert, keiner hadert, keiner macht - abgesehen vom Anfang - magere Zeiten durch. Wie kann das sein? Wie passt das zusammen?
Ausserdem wird Malcolm während ca. 500 Seiten komplett ignoriert, er kommt nicht einmal in der Nebenhandlung vor, und JB wird zum Idioten gestempelt, der immer wieder ins Fettnäpfchen tritt, Jude verärgert und scheinbar - abgesehen von seiner Karriere - gar nichts auf die Reihe kriegt. Aber auch er darf nicht wirklich mitspielen in diesem Drama.
Lediglich Willem schafft es, neben Jude erwähnt zu werden und obwohl die Protagonisten immer älter werden und Jude auch noch andere liebevolle Menschen, wie seinen Mentor Harold und dessen zauberhafte Frau Julia, kennenlernt, scheint Jude keinerlei persönliche Entwicklung mitzumachen. Wie kann ein Staranwalt, der für seine gnadenlose Konsequenz bekannt ist, seinem eigenen Schicksal gegenüber so blind sein und sich selber die Schuld am erlittenen Leid geben? Wie kann vor allem ein eigentlich herzlicher und einfühlsamer Mensch auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampeln und die Menschen, die ihn am meisten lieben, verletzen, indem er sich permanent selber abwertet und quält? Ausserdem fehlt von Judes Seite her jegliche Selbstreflektion, was zusätzlich wütend macht.

Es wird lang und länger:
Wenn man eine Geschichte nicht glauben, nicht mehr mitfühlen, nicht mehr mitfiebern kann, dann sind 960 Seiten wirklich sehr, sehr viel. Tatsächlich passiert auf vielen Seiten nichts. Also wirklich nichts, keine Handlung, keine Dialoge, nur endlose Beschreibungen und trotzdem fällt auf: nach all diesen Seiten weiss ich immer noch nicht, wie die Figuren aussehen. Ich sehe sie nicht vor mir, kann sie mir nicht vorstellen. Sie bleiben flach und sie bleiben von einigen Lichtblicken abgesehen auch pubertär (vor allem Jude).
Dennoch wollte ich wissen, wie es weitergeht. Ich wollte erkennen, ob da nicht doch eine Botschaft, ein Sinn dahinterstecken. Ob ich fündig geworden bin? Das weiss ich selber noch nicht.

Harold:
Harold, Mentor, ein Sinnbild für Gerechtigkeit und Liebe, Familiensinn und Fürsorge, bekommt in "Ein wenig Leben" ein paar eigene Kapitel. Diese Kapitel sind mit das Schönste, was ich je in einem Buch gefunden habe. Sie brechen die Strukturen auf, sorgen für eine andere Erzählperspektive (direkte Rede), verarbeiten in einem Monolog einzelne Situationen und Gedanken und sind von einer magischen, zerbrechlichen Zärtlichkeit und Liebe geprägt. Diese Kapitel sind es, die mich gerettet haben, die mich mit der Geschichte und vielleicht auch ein wenig mit Jude versöhnt haben und die mich nach wirklich viel Wut und Ungläubigkeit über so viel verschwendetes Potenzial wieder beruhigt haben.

Warum man dieses Buch NICHT lesen sollte:
Ihr Lieben, dieses Buch hat mich (abgesehen von Harolds Kapiteln) nicht berührt. Dieses Buch hat mich nicht geschockt und keine Bauchschmerzen hervorgerufen. Eine Ausnahme gab es aber: das Auftauchen und vor allem einige Handlungen von Caleb (ich sage nicht mehr dazu), haben mich wirklich traurig gemacht.
Aber weil ich diesem Buch fast nichts geglaubt, der Autorin ihre Geschichte nicht abgenommen habe, bin ich kein Massstab, was Schock und Schmerz anbelangt. Ich bin mir sicher, dass jemand, der selber Missbrauchserfahrungen gemacht hat, psychisch labil ist und sehr schnell den Boden unter den Füssen verliert, dieses Buch wirklich NICHT lesen sollte.

Warum man dieses Buch DOCH lesen sollte:
Bitte lest dieses Buch, wenn ihr euch selber ein Bild machen und mitdiskutieren wollt. Lest dieses Buch, wenn ihr wissen wollt, wie Jude sich entwickelt (oder eben nicht entwickelt hat) und lest dieses Buch, wenn ihr mit vielen Längen im Erzählstrang umgehen könnt (aber ich habe euch gewarnt), ihr werdet mit einigen wundervollen Momenten belohnt, wenn ihr Geduld habt.

Und zum Schluss:
Leider hat Hanya Yanagihara mit "Ein wenig Leben" ein Buch geschrieben, das meiner Meinung nach aus den falschen Gründen bewegt. Viele Leserinnen und Leser empfinden die Schilderungen von Missbrauch und Gewalt, Judes persönliche Abgründe und sein selbstverletzendes Verhalten als bewegend, schockierend und fast unerträglich qualvoll. Dies liegt aber nicht am Erzählstil und dem gelungenen Handlungsaufbau, sondern lediglich am Inhalt. Gewalt und vor allem auch sexuelle Gewalt gehen halt immer, egal wie schlecht, nüchtern, billig und austauschbar diese "Effekte" erzählt werden (und das war leider in diesem Buch genau so der Fall). Ein Mensch, der sich selber die Schuld für sein Schicksal gibt und seine Mitmenschen damit egoistisch quält und verängstigt, das zieht beim Publikum. Es ist dabei wohl für viele ganz egal, dass der Handlungsaufbau komplett unlogisch ist, ganz egal, wie sehr sich die anderen - anfangs so beleuchteten - Figuren zu blossen Statisten entwickeln und ganz egal, dass die grandiose Recherchearbeit der Autorin durch blosse Längen und Wiederholungen überdeckt und zunichte gemacht wird.
Das hat mich unendlich wütend gemacht. Ich habe nämlich sehr viel Potenzial gesehen, die Plotidee hat mich überzeugt, manchmal gab es sprachlich magische Momente, ab und an wollte ich Willem und sogar Jude einfach nur umarmen und mit ihnen ein Glas Wein trinken und Harolds Worte, die haben mich tatsächlich bewegt. Das alles hätte meiner Meinung nach viel eher für Aufschreie, Diskussionen, Lob und auch Kritik sorgen sollen.

Veröffentlicht am 10.07.2018

Eine Achterbahnfahrt im Leben vierer Freunde

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Auf das Buch gestoßen bin ich durch verschiedene Social Media Plattformen, auf denen das Buch 2017, gerade kurz nach der Erscheinung, überall gelobt wurde. Der Klappentext hat nicht allzu viel verraten, ...

Auf das Buch gestoßen bin ich durch verschiedene Social Media Plattformen, auf denen das Buch 2017, gerade kurz nach der Erscheinung, überall gelobt wurde. Der Klappentext hat nicht allzu viel verraten, weshalb ich sehr neugierig war und mehr über den Inhalt wissen wollte. Zugegeben, die Seitenzahl hat mich anfangs sehr abgeschreckt, stellte schlussendlich aber doch kein Problem mehr dar. Das Cover hat mir auch unheimlich gut gefallen, was auch mit zu meiner Entscheidung beigetragen hat, es lesen zu wollen.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten bin ich langsam in das Buch reingekommen. Die Kapitel sind sehr lang, was ich nicht gewohnt war. Mir hat irgendwie die Spannung gefehlt, was sich nach etwa 100 Seiten gelegt hat. Zwischendrin gab es in dem Buch Perspektivwechsel. Nachdem ich auf den ersten Seiten teilweise nicht wusste, aus wessen Sicht gerade erzählt wurde, habe ich da dann auch recht schnell einen Überblick drüber gehabt. Im Nachhinein erscheinen mir die Perspektivwechsel auch alle sehr sinnvoll.

In dem Roman gibt es mehrere Handlungsstränge. Einer erzählt weitestgehend fortlaufend die Geschichte der vier Jungs, aber zwischendrin gibt es immer wieder Rückblicke in Judes Kindheit und seine Jugend. Man versteht immer deutlicher, wieso er sich so verhält, das Puzzle um ihn setzt sich immer weiter zusammen.

Wie der Inhalt schon verrät: „Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.“ So könnte man das Buch fast in einem Satz zusammenfassen, weil es das so gut widerspiegelt. Während man die einen Charaktere immer fester ins Herz schließt, beginnt man, andere immer weiter zu hassen. Am meisten in mein Herz geschlossen habe ich definitiv Jude, Willem, Harold und Andy.

Hanya Yanagiharas Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, vor allem die Wortwahl. Nur die langen und verschachtelten Sätze haben mir etwas Schwierigkeiten bereitet. Dadurch ließ sich das Buch nicht ganz so flüssig lesen, es war aber noch okay. Einen so langen Satz in zwei Sätze aufzuteilen, hätte mir da besser gefallen. An dem Buch gestört hat mich auch, dass die Seiten extrem dünn waren, sodass ich sehr oft zwei Seiten auf einmal umgeblättert habe. Das ist aber nur ein kleiner Kritikpunkt.

„Ein wenig Leben“ ist ein überwältigendes Buch, das einen mit auf eine Achterbahnfahrt nimmt: ständig wechselnde Höhen und Tiefen. Danach weiß man sein eigenes Leben und die Bedeutung von wahrer Freundschaft sehr zu schätzen. Klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 21.05.2018

Ein Meisterwerk

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Diese Geschichte ist so sehr in meinen Kopf eingedrungen wie noch keine andere zuvor. Gerade gegen Ende hatte ich nachts teilweise Probleme einzuschlafen, weil die Geschichte noch so präsent in meinem ...

Diese Geschichte ist so sehr in meinen Kopf eingedrungen wie noch keine andere zuvor. Gerade gegen Ende hatte ich nachts teilweise Probleme einzuschlafen, weil die Geschichte noch so präsent in meinem Kopf war.

Die Freundschaft von Jude, Willem, JB und Malcom ist durch und durch eine besondere. Sie lernen sich auf dem College kennen und werden Freunde fürs Leben, mit allem was dazugehört und an Aufrichtigkeit kaum zu übertreffen.

Wir lernen sie alle kennen, mitsamt ihrem Charakter und ihrer Vergangenheit bis man das Gefühl hat diese Menschen wirklich zu kennen. Sie und alle Personen, an die sich Jude im Laufe seiner Geschichte annähern wirken so echt, dass man meinen könnte sie wären real. Und es ist ein wahnsinniges Glück für Jude, dass er sie hat, denn auf Grund seiner Vergangenheit, über die er sich strickt weigert zu reden, ist sein Leben von Schwierigkeiten und Abgründen gezeichnet. Doch diese Begleiter sind die herzlichsten und liebenswertesten die man sich Wünschen kann. Sie begleiten ihn um die Vergangenheit zu verarbeiten, die von Dramen und Tragödien geprägt sind.

So zeigt Hanya Yanagihara, wie Menschen zerbrechen und aufgefangen werden, was für Abgründe sich auftun können und warum es aus vielen Situationen keinen Ausweg gibt.

Dieses Buch behandelt so viele schwierige Thematiken in unglaublicher Tiefgründigkeit. Ich muss ganz klar sagen, dass man für das Lesen dieses Buches auf jeden Fall in der richtigen Stimmung sein sollte, denn ein Buch, das man eben mal nebenher lesen kann ist dieses hier sicher nicht! Es gab einige Momente, in denen ich es weglegen musste, nicht weil ich nicht gespannt auf die Handlung oder neugierig und lesefreudig war, sondern weil es einfach zu viel war. Die Geschichte geht nahe wie kaum eine zweite, was auch am unvergleichlichen Schreibstil von Hanya Yanagihara liegt. Lange verschachtelte Sätze, die trotzdem klar und deutlich sind und fast schon poetisch wirken. Ich konnte nicht genug kriegen davon. Ein sprachliches Meisterwerk!

Trotz der erschütternden Geschehnisse und der teilweise deprimierenden Stimmung ist es ein Buch, das jeder gelesen haben sollte. Denn es ziehen sich auch unglaublich schöne Stränge durch die Geschichte. Wahre und ehrliche Freundschaften, Menschen, die immer füreinander da sind, Wege aus Abgründen, die sich auftun, wenn man tatsächlich mal Hilfe annimmt und Liebe zulässt. Ich glaube aus dieser Geschichte kann jeder etwas für sich ziehen!