1887, tief im Sauerland. Eine junge Frau kommt den Weg hinauf ins Dorf Cobbenrode. Dort soll Anna Kalthoff die neue Lehrerin werden. Doch sie wird es nicht bleiben. Denn Anna widersetzt sich bald den Erwartungen des Ortes und den Regeln ihrer Zeit. Sie entscheidet selbst, was sie zu tun und zu lassen hat, wie sie leben und wen sie lieben will. Zwei Jahrhunderte später rekonstruiert der Urenkel Annas inspirierendes Leben und rettet so die Geschichte einer selbstbewussten Frau vor dem Vergessen. Sein Buch ist eine zauberhafte Annäherung an die Vorfahren, ohne deren Entscheidungen und Mut es uns nicht gäbe.Einige Fotos, Poesiealben, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Verlobungsring: Viel mehr stand Henning Sußebach nicht zur Verfügung, als er sich auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna begab. Nach einem Jahr der Suche fügte sich ein Bild: Da hat eine scheinbar gewöhnliche Frau ein außergewöhnliches Leben geführt, gegen allerlei Widerstände. Anna nahm sich, was sie vom Leben wollte. Männer, Arbeit, Freiheit! Diesem Willen hat der Autor seine Existenz zu verdanken. Sein Buch ermuntert uns alle, nach den Annas zu suchen, die es in jeder Familiengeschichte gibt.
Das Buch spielt in zwei Zeitebenen. Einerseits 1887 im Sauerland, wo Anna Kalthoff die neue Lehrerin sein soll, sich aber gegen jede Regel widersetzt und in der heutigen Zeit, in der ihr Urenkel das Leben ...
Das Buch spielt in zwei Zeitebenen. Einerseits 1887 im Sauerland, wo Anna Kalthoff die neue Lehrerin sein soll, sich aber gegen jede Regel widersetzt und in der heutigen Zeit, in der ihr Urenkel das Leben seiner Urahnin rekonstruiert. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Durch die verschiedenen Epochen entwickelt das Buch eine schöne Dynamik und es kommt beim Lesen keine Langeweile auf. Das Cover passt und die Geschichte selbst ist spannend. Sehr lesenswert.
1887 kommt die junge Anna Kalthoff ins sauerländische Dorf Cobbenrode, wo sie die Stelle als Lehrerin antritt. Obwohl es die Regeln vorschreiben, dass eine Lehrerin unverheiratet zu sein hat, entscheidet ...
1887 kommt die junge Anna Kalthoff ins sauerländische Dorf Cobbenrode, wo sie die Stelle als Lehrerin antritt. Obwohl es die Regeln vorschreiben, dass eine Lehrerin unverheiratet zu sein hat, entscheidet sich Anna, über ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie verliebt sich in einen jüngeren Mann, heiratet ihn, wird aber bald Witwe. Sie übernimmt sein Wirtshaus mit der angegliederten Poststelle und zieht den inzwischen geborenen Sohn alleine groß. Jahre später heiratet sie erneut und gebiert mit 45 Jahren noch eine Tochter.
Henning Sußebach, geb. 1972 in Bochum, studierte in Dortmund Journalistik. Von 1995 bis 1997 volontierte er bei der „Berliner Zeitung“, wo er anschließend als Sportredakteur und Reporter arbeitete, bis er 2001 zur „Zeit“ wechselte. Nebenbei veröffentlichte er zahlreiche Sachbücher und erhielt einige der wichtigsten deutschen Journalistenpreise. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg.
In dem Buch „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“(2025, C.H.Beck-Verlag) erzählt Henning Sußebach die bewegende Geschichte seiner Urgroßmutter Anna Kalthoff. Anhand von Fotos, Poesiealben und einiger verbliebener Erinnerungsstücke, verbunden mit viel Recherchearbeit, gelang es ihm, die damalige Zeit zu rekonstruieren und ein lebendiges Bild von Annas Leben entstehen zu lassen. Er thematisiert nicht nur Annas persönliche Entscheidungen, sondern legt den Fokus auch auf die mannigfachen Herausforderungen, denen sich die Frauen seinerzeit ausgesetzt sahen. Sehr interessant sind auch die, parallel zu Annas Geschichte, chronologisch geschickt eingefügten historischen Ereignisse, die nahezu in Vergessenheit geraten sind.
Fazit: Ein literarisch ansprechendes Werk, berührend und warmherzig, das den Leser dazu anregen kann, in der eigenen Familiengeschichte nachzuforschen.
Dieses Buch ist bis ins Detail recherchiert- soviel wird rasch klar. Der Autor Henning Sussebach begab sich auf die Spuren der eigenen Urgroßmutter, rekonstruierte anhand weniger Hinterlassenschaften ihr ...
Dieses Buch ist bis ins Detail recherchiert- soviel wird rasch klar. Der Autor Henning Sussebach begab sich auf die Spuren der eigenen Urgroßmutter, rekonstruierte anhand weniger Hinterlassenschaften ihr Leben und spann es weiter wo sich Lücken ergaben. Dabei heraus kam ein Werk, das mich ungemein faszinierte.
Ich habe Annas Geschichte als Hörbuch gehört, das vertont von Nina Petri die damalige Zeit sehr greifbar wieder aufleben lässt. Was mir besonders dabei gefiel ist, wie hier die moderne Sicht auf diese Zeit und ihre Eigenheiten relativiert und zurecht gerückt wurde. Dinge wurden in neuem Kontext erklärt und dem Leser/Hörer verständlich und nachvollziehbar gemacht und sogar zeitlich sich überschneidende geschichtliche Ereignisse wurden in die Handlung eingebaut. Sein Stil wirkt erzählend, frisch und interessant und vor allem authentisch. Sein Bestreben eine fast gänzlich in Vergessenheit geratene Erinnerung an einen Menschen zu bewahren, gelang dabei aufs Vortrefflichste! Und zugleich zeigt dieses Buch auch wie viel wir der Vergangenheit verdanken.
Irgendwie finde ich es schade, dass es in meiner eigenen Familie keine derartigen Geschichten gibt und nur eine ‚schnöde‘ Ahnentafel existiert. Die Kraft die Erinnerung lebendig zu halten hat diese nämlich nicht.
Meine Bewertung bezieht sich auf das Hörbuch "Anna -oder was von einem Leben bleibt", erschienen im Argon Verlag und gelesen von Nina Petry.
Henning Süssebach versucht in seinem Buch "Anna -oder ...
Meine Bewertung bezieht sich auf das Hörbuch "Anna -oder was von einem Leben bleibt", erschienen im Argon Verlag und gelesen von Nina Petry.
Henning Süssebach versucht in seinem Buch "Anna -oder was von einem Leben bleibt" den Lebensweg seiner Urgroßmutter Anna nach zu vollziehen.
Er hat sie nie kennen gelernt, aber greift dafür auf die einzigen Dokumente, die es von ihr gibt, ihrer Poesiealben, zurück.
Süssebach zeichnet Annas Weg anhand historischer, sehr gut recherchierter Ereignisse nach.
Anna wird als mittellose Tochter Ende des neunzehnten Jahrhunderts Lehrerin in einer Dorfschule.
Ihre erste Liebe zum Sohn einer reichen Familie muss sie wegen des sogenannten "Lehrerinnen Zölibats" aufgeben.
Damals durften Lehrerinnen nicht heiraten. Taten sie es dennoch, mussten sie ihren Beruf sofort aufgeben.
Als Anna 1932 stirbt, war sie letztendlich zweimal verheiratet, davon einmal verwitwet und zweifache Mutter.
Süssebachs Buch hat mich nachdenklich zurück gelassen, denn wie er am Anfang erzählt, kenne auch ich nur meine direkten Großeltern.
Aber ohne unsere Ahnen wären wir nicht die Menschen, die wir nun mal sind.
Ein tolles Hörbuch!
"Jeder Mensch stirbt zweimal": so eröffnet Henning Sußebach sein Buch. Er meint damit einerseits das körperliche Dahinscheiden, andererseits aber auch das soziale Sterben: das Vergessen einer Person. Während ...
"Jeder Mensch stirbt zweimal": so eröffnet Henning Sußebach sein Buch. Er meint damit einerseits das körperliche Dahinscheiden, andererseits aber auch das soziale Sterben: das Vergessen einer Person. Während in der Menschheitsgeschichte nur sehr wenige Personen - dabei handelt es sich nach wie vor größtenteils um Männer - in Erinnerung bleiben, werden all die "kleinen Leute", die den Alltag ausmachen und die Geschichte vorantreiben, ohne viele Spuren zu hinterlassen, spätestens nach zwei Generationen vergessen. Dagegen kämpft Sußebach in "Anna oder: was von einem Leben bleibt" an.
Seine Urgroßmutter Anna war einst Lehrerin, musste sich dem Lehrerinnenzölibat unterwerfen, konnte anfangs ihre große Liebe Clemens nicht heiraten, weil sie laut Familienverband nicht den richtigen Stand hatte. Als ihr Glück doch noch in Erfüllung geht, verliert sie es umgehend wieder, denn nach nur wenigen Wochen Ehe verunglückt Clemens. Doch Anna gibt nicht auf, übernimmt die vererbten Familiengeschäfte und heiratet zu späterer Zeit erneut. Soviel ist nachzuvollziehen, anhand von einigen noch vorhandenen Quellen, vieles ist aber Spekulation und kann nur im Rahmen des Zeitgeschehens rekonstruiert werden.
Immer wieder spannt Sußebach den großen Bogen zum Weltgeschehen, lässt die Leserinnen wissen, was zur Zeit, in der Anna wirkte, an Weltgeschichtlichem vonstatten ging, setzt ihr Leben so immer wieder in den großen Kontext. Er phantasiert, wie es Anna wohl mit den verschiedenen Schicksalsschlägen ergangen sein mag, weißt aber explizit darauf hin, dass manches nur erdacht ist, da konkrete Spuren darüber fehlen. Immer wieder lässt er Quellen sprechen, zeigt und interpretiert die wenigen Fotos, die von Anna und ihrer Familie übrig geblieben sind, gibt Auszüge von Schulmaterial zum Besten, um den Leserinnen einen Eindruck vom Zeitgeist des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu geben. Kritisch anzumerken ist, dass besonders letzterwähnte leider nicht groß kommentiert werden, obwohl sie an vielen Stellen rassistische Aussagen enthalten. Auch wenn man davon ausgeht, dass die Leser*innenschaft historienkundig ist, wäre es angebracht gewesen, diese Zitate in einen Kontext zu setzen.
Dem Autor gelingt es hervorragend aufzuzeigen, wie schwierig es ist, ein längst vergangenes Frauenleben zu halten, da mit jedem Tag, an dem die Geschichte voranschreitet, Erinnerungen und Spuren verblassen. Anna kann als Charakter so nicht mehr greifbar gemacht werden, trotzdem schafft er es, sie vorm endgültigen, nachhaltigen Vergessen zu bewahren, indem er ihr mit diesem Buch ein Denkmal setzt.
Mein Fazit: "Anna oder: was von einem Leben bleibt" ist ein berührender Versuch, ein Leben einer Vorfahrin für die Nachwelt zu konservieren, mit nur spärlich vorhandenen Quellen und wenigen familiären Erzählungen einen Charakter, der um die Jahrhundertwende in Deutschland lebte und wirkte, nachzubilden. Er zeigt die Schwierigkeit eine historische Persönlichkeit ohne jeglichen Bekanntheitsgrad, vor allem wenn es sich um eine Frau handelt, einzuordnen und nachzuvollziehen, was sie bewegte. Trotz kleinerer Unterlassungen an Erklärungen kann ich das Buch nur wärmstens an alle empfehlen, die sich nicht nur für die Großen in der Geschichte interessieren, sondern offen sind für Menschen wie du und ich.