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Veröffentlicht am 31.05.2022

Positiv überrascht – keine leichte Sommer-Lektüre

Ein unendlich kurzer Sommer
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Lale ist auf der Flucht – wovor bleibt lange unklar, und Christophe auf der Suche – wonach wird sehr schnell klar. Beide stehen an Scheidewegen im Leben und treffen sich auf einem Campingplatz in der Provinz. ...

Lale ist auf der Flucht – wovor bleibt lange unklar, und Christophe auf der Suche – wonach wird sehr schnell klar. Beide stehen an Scheidewegen im Leben und treffen sich auf einem Campingplatz in der Provinz. Gustav ist der Eigentümer und ein etwas kauziger, verschlossener Eigenbrötler, hinter dem aber viel mehr steckt, als nur der Platzwart. Nebenan wohnt Flo, der Kaninchen züchtet und gerade versucht sich abzunabeln von mütterlicher Fürsorge und seinen Weg trotz einer körperlichen Beeinträchtigung alleine zu meistern. Als dann noch James eintrifft und Spiritualität und Marihuana mitbringt, ein frühzeitliches Grab einer Hexe auf dem Campingplatz Archäologen und Hippies anlockt, ist ein Szenario komplett, dass einen kurzweiligen skurrilen Roman versprechen könnte. Könnte – zum Glück beschränkt sich die Autorin aber darauf nicht und so entsteht ein Roman voller Tragik und Trauer, natürlich auch mit Liebe und positiven Emotionen, aber eben deutlich mehr als ein sommerlicher Liebesroman in einem speziellen Setting. „Ein unendlich kurzer Sommer“ begleitet diese Menschen ein Stück auf ihrem Weg miteinander und zu sich selbst. Und das ist kein bisschen esoterisch gemeint und gemacht, sondern sehr lebensnah.
Mein einziger winziger Kritikpunkt, ich habe mich des Öfteren gefragt, wann denn so genau „Sommer“ ist, in diesem Roman, in den Augen der Autorin, auf diesem Campingplatz? Alles spielt nämlich ausdrücklich vor den Sommerferien des noch zur Schule gehenden Flo. Aber gehen wir mal von einem sehr sehr warmen Frühjahr aus, in dem auch das Seewasser schon annehmbare Temperaturen hat. Aber im Grunde ist das wirklich das Einzige, was ich anzumerken hätte, einfach weil ich es ein wenig unlogisch fand.
Fazit: ich war wirklich absolut positiv überrascht, dass ich nicht das bekommen habe, was ich eigentlich erwartet habe, nämlich einen locker-flockigen Sommer-Liebes-bisschen Verwicklungen-happy Roman, sondern etwas viel Tiefgründigeres. Mit Menschen auf der Flucht, vor sich selbst, ihren Gefühlen, ihrer eigenen Sterblichkeit und auf der Suche, nach ihrem Weg, ihrer Zukunft, ihrer Eigenständigkeit. Und all das geht natürlich weit über einen Sommer hinaus, der nur ein mini Ausschnitt ist, aber für die Protagonisten eben dieser eine Moment, wo ihre Lebenslinien sich treffen und alles einmal durchgeschüttelt und neu sortiert wird. Dieser Sommer ist deshalb viel häufiger melancholisch und traurig, als sonnig und glücklich, aber er stellt vielleicht die Weichen für ein verändertes und glücklicheres Leben in allen folgenden Jahreszeiten.

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Veröffentlicht am 11.04.2022

Oxen im Kreuzfeuer

Oxen. Noctis
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Die Oxen-Reihe von Jens Henrik Jensen ist eine der besten Thriller-Reihe, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Der nun vorliegende fünfte Band macht hier keine Ausnahme.
Für Oxen wird es persönlich. ...

Die Oxen-Reihe von Jens Henrik Jensen ist eine der besten Thriller-Reihe, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Der nun vorliegende fünfte Band macht hier keine Ausnahme.
Für Oxen wird es persönlich. Ein Sniper macht Jagd auf Menschen wie ihn. Ehemalige Soldaten, belastet durch Auslandseinsätze und die miterlebten Gräueltaten, Menschen, die ihren Platz im leben und der Gesellschaft verloren haben und vielleicht wiederfinden können. Seit kurzem engagiert er sich selbst in der Hilfe für ehemalige Militärangehörige mit PTBS und deshalb trifft ihn dieser Fall auf einer anderen Ebene. Gemeinsam im bewährten Duo mit Margrethe Franck ermittelt Niels Oxen und versucht herauszufinden, was die Opfer verbindet und wer ein Interesse an ihrem Tod haben könnte. Als er der Lösung zu nahekommt, wird er selbst zum Opfer und steigt hinab in eine Unterwelt perfider Machenschaften.
Wenn Oxen draufsteht, ist Spannung garantiert. Organisierte Kriminalität mit Verstrickungen bis in höchste Kreise, Gewalt, Skrupellosigkeit – all das findet sich auch hier wieder par excellence. Dazu die geschätzten Protagonisten Niels Oxen und Margrethe Franck, dazu Axel Mossmann, der dem Buch guttut, obwohl man ja gar nicht weiß, ob man ihn mag oder nicht – und dann als absoluter Gewinn in diesem Band als Ergänzung die junge Kollegin Sally Finnsen aus der Fahndungsabteilung, die auch ihre ganz persönlichen Anknüpfungspunkte n den Fall hat und in (hoffentlich) zukünftigen Fällen eine absolute Bereicherung für die Ermittlerriege sein kann!
Fazit: lohnt sich absolut. Kann meiner Meinung nach auch ohne Kenntnis der Vorgänger gelesen werden, aber warum sollte man auf die sehr guten anderen vier Bände verzichten wollen?!

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Veröffentlicht am 04.03.2022

Verstrickung

Vertrauen
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Eigentlich hat Avi Avraham genug davon, in immer gleichen, unbedeutenden Ermittlungen der Polizei Tel Aviv festzustecken. Er möchte viel mehr etwas bewegen, etwas was die Sicherheit des Landes beeinflusst, ...

Eigentlich hat Avi Avraham genug davon, in immer gleichen, unbedeutenden Ermittlungen der Polizei Tel Aviv festzustecken. Er möchte viel mehr etwas bewegen, etwas was die Sicherheit des Landes beeinflusst, mehr ermitteln, mehr denken, mehr bewirken, als einfach nur Fälle aufnehmen und abhaken. Das man manchmal mit seinen Wünschen etwas vorsichtig sein sollte, wird ihm erst im Laufe seiner Ermittlungen in zweien eben jener unbedeutenden Fälle klar. Ein ausgesetzter Säugling und ein verschwundener französischer Tourist aus einem eher unterklassigen Hotel stellen genau das dar, worauf Avi keine Lust mehr hat. Plötzlich beginnt sich aus dieser Konstellation jedoch eine ganz andere, verstricktere heraus zu entwickeln, die ihn tatsächlich in ganz andere Sphären katapultiert. Er hat es nicht nur mit internationaler Zusammenarbeit mit den Behörden in Frankreich zu tun, sondern auch mit dem Geheimdienst. Und der Mossad macht ihm auf nicht allzu subtile Weise klar, wo seine Grenzen liegen. Avi muss erkennen, dass auch eine herausragendere Ermittlung ihre Nachteile haben kann und plötzlich ganz andere Mitspieler auf den Plan ruft.
Für mich war es das erste Buch des Autors. Ich kenne die Vorgängerbände um Kommissar Avi Avraham demnach nicht (es handelt sich hier um den vierten band einer Reihe), fand das aber auch vollkommen unproblematisch. Für den aktuellen Plot fehlt dem (unwissenden) Leser nichts, was das Verständnis schmälern würde. Die Einschätzung ist immer anders, wenn man die Horizontalhandlung rund um die Geschichte der Ermittler etc. kennt, aber ganz subjektiv kann ich sagen, mir hat nichts gefehlt bzw. auch wurden keine dauernden oder unverständlichen Bezüge auf Vergangenes gestellt, die existenten Referenzen waren in sich nachvollziehbar.
Insgesamt würde ich sagen, ich habe einen unaufgeregten, aber nicht minder spannenden Kriminalroman gelesen. Hier herrscht keine große Effekthascherei vor, die Ereignisse stehen mit ihrer Bedeutungstiefe auch so ausreichend für sich selbst. Der Stil ist demnach auch nicht reißerisch, sondern sehr tiefgründig und anspruchsvoller als der Durchschnittskrimi.
Fazit: sollte an sich drauf einlassen, unterhaltsam und qualitativ ansprechend zugleich!

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Veröffentlicht am 22.02.2022

Entdecke die Welt der kleinen Biene

Glücksfisch: Weißt du, was die Tiere machen? Kleine Biene
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Eine gelungene Symbiose aus einem „normalen“ Bilderbuch mit klaren, farbenfrohen Illustrationen, Interaktion und der Vermittlung von tatsächlichem erstem Wissen bietet „Weißt du was die Tiere machen? Kleine ...

Eine gelungene Symbiose aus einem „normalen“ Bilderbuch mit klaren, farbenfrohen Illustrationen, Interaktion und der Vermittlung von tatsächlichem erstem Wissen bietet „Weißt du was die Tiere machen? Kleine Biene“ für Kinder ab 2 Jahren. Es wird gezeigt, wie eine Biene aussieht, wo und wie sie lebt und was sie macht. Klare kurze Sätze und die Art, wie hier vermittelt wird finde ich gelungen und dem Alter angemessen. Sehr gut sind die kleinen Aufträge an die Kinder, egal, ob man die Biene flattern lässt oder die eigenen Arme, den Schwänzeltanz nachahmt oder die Blumenwiese entdeckt – viel zu erforschen, zu fragen und zu erzählen. Die Illustrationen sind klar und farbstark, und wirken nicht überladen. Ein rundum gelungenes Bilder-Sachbuch für die Altersklasse, und man kann sich vorstellen, dass der kleinen Biene eventuell noch andere Bände der Reihe ins Kinderzimmer nachfolgen werden.

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Veröffentlicht am 11.02.2022

Held wider Willen und besseren Wissens

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Michael Hartung führt seit Jahren ein Leben ohne besondere Vorkommnisse. Hart ausgedrückt könnte man auch sagen: er ist gescheitert. Wohnt im Hinterzimmer seiner schlecht laufenden Videothek, zur Tochter ...

Michael Hartung führt seit Jahren ein Leben ohne besondere Vorkommnisse. Hart ausgedrückt könnte man auch sagen: er ist gescheitert. Wohnt im Hinterzimmer seiner schlecht laufenden Videothek, zur Tochter besteht kein Kontakt, ein Sozialleben spielt sich zwischen dem Kiosk gegenüber und Begegnungen mit Nachbarin Beate ab. Irgendwie war es auch nie anders. Eine große Laufbahn war für ihn in der DDR nicht geplant, ein paar Jahre Stellwerksmeister, dann im Braunkohleabbau, schließlich die Videothek, kurz vor dem Aus. Michael führt sein Leben leidenschaftslos.
Zum 30. Tag des Mauerfalls braucht ein aufstrebender Journalist nun eine Story, jenseits des drögen immer wieder gleichen Berichts zur Wiedervereinigung. So stößt Alexander Landmann auf eine Geschichte, die ihresgleichen sucht: eine Massenflucht in einem S-Bahn-Zug über den S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße. Hauptrolle: Michael Hartung. Der ist vollkommen konsterniert, als der Journalist ihm von seiner Heldentat berichtet. Selbstverständlich an den Zwischenfall kann er sich erinnern, nicht jedoch an seine heldenhafte Rolle in diesem Szenario. Letztlich lockt der finanzielle Anreiz, aber er hält sich vage. Dann jedoch gewinnt die ganze Sache eine aufhaltbare Eigendynamik. Die Story wird ohne weitere Absprache zum Aufmacher, denn auch Journalist Landmann hat sich in eine Situation manövriert aus der es kein Zurück mehr gibt. Die beiden kommen überein: Michael Hartung wird den Helden in dieser Geschichte spielen. Wider Erwarten ist dies jedoch keine Eintagsfliege und nimmt Fahrt auf: plötzlich steht der blasse Michael im Mittelpunkt des Interesses. Nicht nur seine Tochter meldet sich, Journalisten belagern sein Zuhause, Talkshow-Auftritte folgen, sogar eine Einladung zum Bundespräsidenten, er verliebt sich in eine Frau, die er unter normalen Umständen nie getroffen hätte. Sein Leben bekommt eine ganz andere Dynamik und doch steht er auch vor Problemen, die er nie zuvor hatte. Und selbstverständlich werden auch Nachforschungen angestellt, denn genauso selbstverständlich gibt es Menschen, die genau wie Michael Hartung wissen, was tatsächlich geschehen ist. Aber einen Helden vom Podest zu schubsen gibt selten gute Publicity…

„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ erzählt die zugleich anrührende als auch humorvolle Geschichte eines Helden wider Willen. Großartig ist die Darstellung der Dynamik, die eine Sache entwickelt, die unfreiwillig ins Rollen gebracht wurde, und fortan Einfluss auf nicht nur ein, sondern viele Leben hat. Michael Hartung ist der Prototyp des unauffälligen Normalverbrauchers, dessen Leben keinerlei Höhen mehr erfahren wird. Ja, diese eine merkwürdige Episode in der Vergangenheit, hat man ja selbst schon fast vergessen. Doch dadurch kommt letztlich sein Leben in Schwung, was ihm auf irgendeine Weise auch gut gefällt, vieles ändert sich für ihn zum Positiven. Gut dargestellt wird, wie in ihm das Gefühl wächst, ein Fremdkörper in seinem neuen Leben zu sein und das gerade, wenn er sich dieses neue Leben erhalten will, er das demontieren muss, was es erst ermöglicht hat und er die Lüge entlarven muss.
Das alles unterhält, durch den flüssigen Stil der Erzählung, durch den feinen Humor, und berührt gleichzeitig durch die feine Psychologie dahinter. Leichtigkeit und Tiefe besitzen hier eine sehr ausgewogene und stimmige Koexistenz.

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