Platzhalter für Profilbild

Batyr

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Batyr ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Batyr über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.03.2020

Heimatliebe

Offene See
0


Benjamin Myers reiht sich ein in die breite literarische Tradition, die englische Autoren ihrer tiefen Verbundenheit mit der Heimat Ausdruck verleihen lässt. ‚Cider with Rosie‘ von Laurie Lee oder Carrs ...


Benjamin Myers reiht sich ein in die breite literarische Tradition, die englische Autoren ihrer tiefen Verbundenheit mit der Heimat Ausdruck verleihen lässt. ‚Cider with Rosie‘ von Laurie Lee oder Carrs erst vor kurzem wiederentdecktes ‚A Month in the Country‘ bieten literarische Beispiele, an denen sich diese Neuerscheinung zweifellos orientiert.
Die Liebe zu der Natur Nordenglands, das nagende Trauma des gerade erst beendeten Krieges, die faszinierte Erkundung aller Möglichkeiten, die Sprache eröffnet - das sind die Bestandteile, aus denen der Autor die polyphone Sinfonie seines Romans komponiert. Sprachmächtig, bildmächtig, aber von einem unbestimmten Grauen vorwärtsgetrieben, hören wir seinem Singen und Sagen zu: die Folgen eines inhumanes Krieges immer noch vor Augen, die Furcht vor dem scheinbar vorgezeichnetem Leben im Bergwerk im Herzen, der Triumph, vermittels der Sprache Erlebtes und Erdachtes für sich und andere erlebbar, ergreifbar zu machen: das sind die Komponenten, die dem Leser ein außergewöhnliches Lektüreerlebnis versprechen.
Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass der Autor gelegentlich über das Ziel hinausschießt. Allzu gewollt poetisch gestaltet er seine Diktion, etwas stereotyp verbalisiert er wieder und wieder seinen Abscheu gegenüber dem gerade erst beendeten Weltkrieg. Übermäßig pointiert fällt das Porträt der zum Dozieren neigenden Dulcie aus. Auch Anachronismen unterlaufen dem Autor gelegentlich: das moderne Wort ‚Genpool‘ KANN nicht im Wortschatz eines Bergarbeitersohns im Jahr 1946 enthalten sein.
Trotzdem soll dieser neue Roman dem deutschen Leser empfohlen sein, der eine Vorstellung vom Rauchen Charme der Landschaft von Yorkshire gewinnen möchte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.03.2020

Schnitzeljagd, Puzzle, Labyrinth

Miracle Creek
0

Toll gemacht, auch wenn die Ausgangsidee nicht neu ist: ein Ereignis integriert jedes beteiligte Individuum in ein unsagbar kompliziertes Geflecht von Beziehungen.
Involviertheit, Abhängigkeit, Schuld, ...

Toll gemacht, auch wenn die Ausgangsidee nicht neu ist: ein Ereignis integriert jedes beteiligte Individuum in ein unsagbar kompliziertes Geflecht von Beziehungen.
Involviertheit, Abhängigkeit, Schuld, nur drei Determinanten, die den Leser atemlos in diesen Mikrokosmos einer amerikanischen Kleinstadt eintauchen lassen.
Von Kapitel zu Kapitel, jedesmal aus einem anderen Blickwinkel dem Geschehen folgend, zwingt die Lektüre beständig, als wahr erachtete Positionen zu revidieren. Jedes Mosaiksteinchen verändert kontinuierlich das Bild der Kleinstadtidylle, die für immer zerstört ist.
Dieses literarische Debüt wird in dem Genre des Gerichtsromans einen ehrenvollen Platz einnehmen: ein ausgefeilter Plot, eine beständig sich steigernde Spannung, eine Charakterzeichnung, die nicht eindeutig die Figuren nach gut und böse sortiert, sondern oszillierende Portraits schwankender, getriebener, dem Schicksal ausgelieferter Menschen bietet, sorgen für ein ausgesprochenes Lesevergnügen, bei dem der Leser begeistert an der literarischen Schnitzeljagd teilnimmt, das Puzzle zu vervollständigen sucht, seinen Weg durch das Labyrinth zu finden hofft!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.03.2020

Für Fans

1 Brot - 50 Aufstriche
0

Wie wahr: das belegte Brot, das Sandwich, die Stulle, das ist ein Grundbestandteil kulinarischer Existenz in Deutschland. Zugegeben: obwohl das Angebot an fertigem Belag, in vielerlei Supermärkten feilgeboten, ...

Wie wahr: das belegte Brot, das Sandwich, die Stulle, das ist ein Grundbestandteil kulinarischer Existenz in Deutschland. Zugegeben: obwohl das Angebot an fertigem Belag, in vielerlei Supermärkten feilgeboten, in den letzten Jahren erheblich erweitert wurde, beschränkt sich die Auswahl doch weitgehend auf die bewährten Grundpfeiler: Wurst und Schinken, verschiedenste Käsesorten, Feinkostsalate, rustikale Aufstriche wie Butter oder Schmalz, allerlei Süßes. Da kommt der GU-Titel „1 Brot- 50 Aufstriche“ wie gerufen, wenn die Lust auf Abwechslung sich paart mit Küchenkreativität. Die knappe Kategorisierung in Aufstriche mit Bestandteilen tierischen Ursprungs, vegetarischen Charakters und der nicht zu unterschätzenden Beliebtheit von süßen Variationen gestattet dem Nutzer dieses Büchleins eine gezielte Auswahl. Doch sollte man sich nicht täuschen - sooo einfach, wie der Band suggeriert, ist die Herstellung der Köstlichkeiten doch nicht, eine gewisse Fingerfertigkeit wird doch verlangt. Weiterer Aspekt: notwendigerweise ist das Ergebnis immer eine recht ordentlich dimensionierte Portion. Erstrebenswert, wenn die Beköstigung einer größeren Zahl von Gästen oder Vereinsmitgliedern, Kollegen ansteht. Aber ein Single, vermutlich sogar ein Zwei-Personen-Haushalt dürfte sich der Notwendigkeit, sich über Tage hinweg über den stattlichen Vorrat des Aufstrichs im Kühlschrank hermachen zu müssen, nur mit reduzierter Begeisterung beugen.

  • Cover
  • Charaktere
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 17.02.2020

TV-Autor geht unter die Buchautoren - eher enttäuschend

Die Toten von Marnow
0

Dieser Roman macht es dem kritischen Leser sehr schwer, zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen: wieder und wieder liefert er rasante action-Szenen, die die Herkunft des Autors aus der Fernsehbranche verraten, ...

Dieser Roman macht es dem kritischen Leser sehr schwer, zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen: wieder und wieder liefert er rasante action-Szenen, die die Herkunft des Autors aus der Fernsehbranche verraten, dann wieder ist die Handlung langatmig, abstrus und uninteressant.

Der Einstieg in den Text gehört in die Kategorie no nonsense: ohne Umschweife wird die Handlung in Gang gesetzt, der Leser konfrontiert mit allerlei Details, die einzuordnen in diesem Stadium schlechterdings unmöglich ist. Immerhin wird der Name der Ortschaft genannt, die für diesen Roman titelgebend ist. Kontrastprogramm dann die Fortsetzung des Geschehens: kleinbürgerliche Kulisse mit Anwandlungen zum Größenwahn. Wer selbst unmittelbar nach der Wende als Wessi in den neuen Bundesländern gearbeitet hat, für den hat die Szene Wiedererkennungswert. Größer, schöner, vor allem teurer. Frühzeitig beginnt der Leser, sich um Elling Sorgen zu machen. Die folgenden Handlungsschritte aus dem kriminalistischen Arbeitsalltag wiederum arbeiten mit bekannten Versatzstücken: ein bisschen Schock, ein bisschen Grusel, aber dann menschelt es ganz gewaltig.

Kein Krimiautor glaubt, ohne ausführliche Details aus dem Privatleben seiner Ermittler auskommen zu können. Vorhersehbar, dass die beiden Hauptakteure als sorgsam abgestimmtes Paar voller Kontraste daherkommen. Lonas Charakterisierung hebt dabei erwartungsgemäß das Muster als apart-unkonventionelle Exotin hervor, Ellings dick aufgetragene Spießigkeit wird immerhin durch den Hinweis auf die Schärfe seines Verstandes gemildert. Diese Figur ambivalent zu nennen, ist noch milde ausgedrückt. Seine zweifelsfrei existenten Fähigkeiten werden überdeckt durch seine Charakterschwäche, die dadurch zum Tragen kommt, dass er ohne Not sich in eine Zwangslage bugsiert, die für ihn kaum noch zu handlen ist. Pool, Auto für die Tochter - Stein für Stein lädt er sich eine Last auf, die ihn voraussichtlich irgendwann untergehen lassen wird. Ebenso mehrdeutig ist seine Kollegin Lona angelegt. Ihre Individualität trägt sie allzu provokant auf einem Präsentierteller vor sich her. Wie gut sie mit diesem Naturell bei ihren schlichter gestrickten Kollegen in Meck-Pomm ankommt, wird sich zeigen. Ihre Bereitschaft, Elling zu decken, ist mehr als anrüchig. Ein Beispiel für einen Korpsgeist, den wir im wirklichen Leben kritisieren, der hier im Roman aber für Lona punkten soll. Die Figur Elling wird im Verlauf der Handlung immer abstruser. Treusorgender Ehemann, Vater und auch noch Sohn, kaum zu übertreffen, bloß halt ohne jedes rechte Maß. Um dann zwischendurch mal kurz zum Rachegott zu mutieren. Die Aktion, Krohn das Leben zu retten, nachdem Lona ihn vorher umgenietet hat - wie glaubwürdig ist das denn? Überhaupt kommen alle Figuren nicht über das Profil von Pappkameraden hinaus. Egal ob der Ministeriumsmensch, Chef Mertens, von prägnanter Charakterzeichnung keine Spur, die Dialogführung ist zum Erbarmen, und sprachlich ist der ganze Roman eher mühsam.

Besonders das sprachliche Gestaltungsniveau lässt sehr zu wünschen übrig. Sprachlich wird dieser Roman kontinuierlich schlechter! Auch Unterhaltungsliteratur, wozu die Gattung Krimi zu zählen ist, sollte mit Sorgfalt geschrieben werden!

Von der Handlung her bietet der Roman natürlich rasantes Lektürefutter. Das plötzlich involvierte LKA lässt auf zukünftiges Kompetenzgerangel spekulieren, und die Episode mit der Hamburger Arzneimittelfirma weckt erwartbare Aversionen gegen die Pharmaindustrie. Es wird buchstäblich jede Sau durchs Dorf gejagt, alle Aufreger unserer Nation werden brav abgehandelt.

Insgesamt also ein handwerklich ganz ordentlich gemachter Krimi, unterhaltsam, aber nicht exorbitant. Gesamteindruck: große Enttäuschung! Gerade die Einbettung historischer Konstellationen in eine Krimihandlung erfordert höchste Könnerschaft. Nicht umsonst signalisiert eine komplexe geschichtliche Ausgangssituation, dass ein Roman den Anspruch erhebt, das Niveau üblicher Krimikost zu übersteigen. In der jüngeren Vergangenheit gab es zwei Veröffentlichungen, die als positive Beispiele für die Verknüpfung der deutsch-deutschen Vergangenheit mit einem gut gemachten Krimiplot zu nennen sind: „Die Tote im Wannsee“, geschrieben von einem Autoren-Trio, von dem einer tatsächlich auch der Zunft der Drehbuchautoren zugehörig ist, ebenso wie Andre Georgi, der Verfasser von „Die letzte Terroristin“. Es ist also machbar!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2020

Nur ein Entwurf

Eine fast perfekte Welt
0

Milena Agus‘ gerade einmal 200 Seiten starker Roman lässt den Leser ziemlich ratlos zurück. Einerseits bietet er kurze, prägnante Szenen, die die rauhe, archetypische Lebenswelt Sardiniens wuchtig und ...

Milena Agus‘ gerade einmal 200 Seiten starker Roman lässt den Leser ziemlich ratlos zurück. Einerseits bietet er kurze, prägnante Szenen, die die rauhe, archetypische Lebenswelt Sardiniens wuchtig und eindringlich vor Augen stellen. Die lapidare Schilderung des Selbstmordes von Esters Sohn ist hierfür ein treffendes Beispiel. Andererseits bietet der geringe Umfang nicht den nötigen Raum, Figuren wirklich psychologisch schlüssig zu entwickeln. Die zahlreichen Charaktere bleiben skizzenhaft, sind häufig nur Sprachrohr für die unterschiedlichsten Standpunkte der Autorin. Gerade zum Schluss hin verkommt der Text zu einer probaten Stichwortsammlung von allerlei dem Zeitgeist geschuldeten Einstellungen und Meinungen. Sprachlich wirkt der Roman unfertig, kaum über einen ersten Entwurf hinausgelangend. Alles in allem ein eher enttäuschendes Leseerlebnis, zumal die italienische Literatur ansonsten viele Beispiele packender Gestaltungskraft bereithält.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere