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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2026

Komplex

Alma
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Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr ...

Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr Profil, ihren Charakter zu erkennen. Die historischen Zusammenhänge, die in Südosteuropa zu den politischen Ereignissen gegen Ende des 20. Jahrhunderts führten, sind nicht mehr unbedingt Allgemeingut im Bewusstsein der Leserschaft, wiederholte Recherche-Anstrengungen sind erforderlich, will man die atmosphärisch dichten Schilderungen des Romans mit den konkreten Ereignissen abgleichen. Auch das Konsultieren einer Landkarte erleichtert das Verständnis der komplexen, durch Zeitsprünge und Schauplatzwechsel charakterisierten Romanhandlung.

Wenn der Leser jedoch diese Herausforderungen annimmt, wird er mit einer Lektüre belohnt, die ungemein bereichernd ist: Zerrissenheit im Inneren wie im Äußeren, ein dauernder Kampf um eine immer wieder in Frage gestellte Identität, Grausamkeit und Menschenverachtung auf Seiten der Mächtigen ebenso wie bei denen, die vom Strudel der Ereignisse einfach mitgerissen wurden. Die deutsche Übersetzung kultiviert einen einerseits schwebenden Tonfall, poetisch, doch präzise, erspart dem Leser aber auch nicht die Unmenschlichkeit eines Kriegsgeschehens mitten in Europa.

Der Verlag hätte durch eine knappe Zeittafel und eine skizzierte Landkarte die Lektüre enorm erleichtern können; es steht zu befürchten, dass manch potenzieller Leser durch diese äußeren Verständnishürden um ein hochbefriedigendes Leseerlebnis gebracht wird, weil er womöglich vor den Anforderungen dieses komplexen Romans die Waffen streckt.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Down under

Ein weites Leben
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Eine Welt wird vor dem Leser ausgebreitet, die den meisten Menschen weitgehend fremd sein dürfte: das Land tritt fordernd gegenüber seinen Bewohnern auf, lebensfeindlich sind die Bedingungen, unter denen ...

Eine Welt wird vor dem Leser ausgebreitet, die den meisten Menschen weitgehend fremd sein dürfte: das Land tritt fordernd gegenüber seinen Bewohnern auf, lebensfeindlich sind die Bedingungen, unter denen die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Dies ist der herausragende Charakterzug dieses Romans. Geschickt versteht es die Autorin, eine Vielzahl von Realien über Australien mit der Handlung zu verknüpfen, so dass der Leser kaum je das Gefühl bekommt, per copy and paste mit einem Wikipedia-Artikel konfrontiert zu werden.

Jedoch stellt genau diese Handlung das Manko dieses Romans dar: allzu schicksalsschwer die Prüfungen, die über die Familie der MacBrides hereinbrechen! Weniger wär da mehr gewesen. Kein Unglück, kein Schicksalsschlag, keine Katastrophe, die ihnen erspart geblieben wäre, und penetrant die seelische Größe, mit der sie allen diesen Heimsuchungen begegnen.

Ausgesprochen farbig erscheinen die zahlreichen Nebenfiguren, die diesen Kosmos vervollständigen: da gibt es skurrile Charaktere, deren gelegentlich dunkle Geheimnisse erst im Verlauf der Handlung entschleiert werden, deren positive Charakterzeichnung, deren Loyalität und ethische Werte aber außer Frage stehen. Im Kontrast zu ihnen gibt es auch negativ gezeichnete Figuren, deren Verhaltensweisen zu immer neuen Obstruktionen und Verwirrungen und Gefährdungen führen. Ebenso tauchen Individuen auf, deren Verworfenheit das negative Ende des Spektrums menschlicher Verhaltensweisen aufzeigen.

Großes Lob hingegen für die ambitionierte Konstruktion und Komposition. Die Zeitsprünge, die zahlreichen Rückblenden verdeutlichen die Botschaft der Autorin: kein Geschehen ist jemals ein für allemal abgeschlossen, es ergeben sich immer wieder neue Wendungen und Blickwinkel.

Abschließend sei gesagt, dass dieser zweite Roman von L.M. Stedman ein unterhaltsames Leseerlebnis bietet, spannend und gefühlsgeladen - nicht mehr, aber auch nicht weniger!

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Politische Wirren und persönliches Leid

Das Ende vom Lied
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Wildenhains Roman schildert eine Zeit und einen Ort, die einmalig waren und die so niemals wiederkehren werden. Einerseits war es eine Epoche des Aufbruchs und Umbruchs. Als die Forderungen einer jungen ...

Wildenhains Roman schildert eine Zeit und einen Ort, die einmalig waren und die so niemals wiederkehren werden. Einerseits war es eine Epoche des Aufbruchs und Umbruchs. Als die Forderungen einer jungen Generation ungehört verhallten, wehrte sie sich mit Aufruhr und Gewalt. Andererseits aber litten die Älteren noch an den inneren und äußeren Blessuren des überstandenen 2.Weltkriegs.

Vater und Mutter des jugendlichen Protagonisten verkörpern eben diese Erstarrung im Leiden. Da dem Ich-Erzähler von ihrer Seite kaum Beistand im Durchleiden seiner pubertären Wirren zuteil wird, wendet er sich den Reizen der Straße zu, die ihn nach dem erzwungenen Umzug innerhalb Berlins locken. Es ist eine raue und brutale Welt, in der er sich zu behaupten sucht, und auch die Altlasten der Erwachsenen werden ihm weit über das seinen Jahren zuträgliche Maß aufgeladen. Dazu gerät er auch noch in die politischen Wirren der damaligen Zeit.

In faszinierender vielformiger Sprachgestaltung ersteht ein komplex konstruiertes Gebilde aus persönlichem Schicksal, soziologisch genau getroffenem Milieu, aus niederdrückend rückwärts gewandter Politik und ohnmächtiger Wut. Gefangen in diesem Konglomerat lädt der Held schwere Schuld auf sich, manipuliert von seiner ersten, doch unerreichbaren und ihm letztlich innerlich fremd bleibenden Liebe.

Mein Urteil: 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 15.02.2026

Fremde Heimat, vertraute Fremde

Halber Stein
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Wie beglückend, mit einem Abstand von bald fünfzehn Jahren die ersten literarischen Schritte von Iris Wolff einer würdigenden Prüfung zu unterziehen. Gelegenheit dazu bietet die Neuveröffentlichung des ...

Wie beglückend, mit einem Abstand von bald fünfzehn Jahren die ersten literarischen Schritte von Iris Wolff einer würdigenden Prüfung zu unterziehen. Gelegenheit dazu bietet die Neuveröffentlichung des Debüts in einer Taschenbuchausgabe in ihrem neuen Stammverlag Klett-Cotta.

Bereits in diesem ersten Werk zeigt sich das Lebensthema dieser jungen Autorin: der frühe Verlust von Heimat, Siebenbürgen, Schauplatz der wechselvollen Geschichte der deutschen Minderheit im heutigen Rumänien.

Es ist etwas ganz Eigenes in Iris Wolffs Schreiben: Ihre Sprache handhabt sie wie ein präzises Instrument, ein Werkzeug, dem sie nie die Gelegenheit zugebilligt hat, stumpf zu werden, sie benutzt sie mit Behutsamkeit, aber kraftvoll. Es mag gewiss mit ihrer Herkunft zu tun haben: wer in einem Land aufgewachsen ist, in dem die eigene Sprache nur von einer Minderheit gesprochen wird, muss sich der eigenen Identität immer neu vergewissern. In diesem Roman wird die Vorsicht deutlich, mit der die Protagonistin agiert, wenn sie ins Land ihrer Herkunft zurückkehrt.

Man muss der jungen Autorin zugute halten, dass dieser erste Roman noch keine Vollendung bietet: der Einblick in die Geschichte Siebenbürgens geschieht ein wenig holzschnittartig, eine Anmutung von Volkshochschul-Inhalt ist nicht gänzlich ungerechtfertigt. Doch die Vielzahl an Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, vermag die Eigenart der Mentalität dieser Menschen plastisch zu vermitteln.

Ihre eigene Zerrissenheit, ihre Erfahrung von Entwurzelung in der neuen Heimat, und ihr behutsames Herantasten an die verschütteten Erfahrungen einer als beglückend empfundenen Kindheit werden in den ungemein poetischen Traumsequenzen deutlich. Fremde Heimat, vertraute Fremde erweist sich als das die junge Hauptfigur prägende Lebensgefühl, das sich als tragfähige Existenzgrundlage erweist.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Blutleer

Real Americans
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Das versprochene Thema klingt mehr als verlockend: dauernde Fremdheit oder Ankommen, Integration und Dazugehören. Der Titel ein Coup, der die Ambivalenz vollendet vermittelt: Real Americans, das sind bald ...

Das versprochene Thema klingt mehr als verlockend: dauernde Fremdheit oder Ankommen, Integration und Dazugehören. Der Titel ein Coup, der die Ambivalenz vollendet vermittelt: Real Americans, das sind bald zweihundertfünfzig Jahre nach der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika eben nicht mehr nur die WASPs, viele Ethnien sind in der vielfältigen US-amerikanischen Literatur repräsentiert. Doch dieser Roman, gleichgültig, welchen Hype er auf dem internationalen Buchmarkt ausgelöst haben mag, löst die hochgesteckten Erwartungen nicht ein.

Die Idee ist natürlich naheliegend, an drei Generationen einer Familie chinesischer Abkunft zu untersuchen, auf wie unterschiedliche Weise die Auseinandersetzung mit der neuen Heimat verläuft. Dabei die chronologische Reihenfolge aufzubrechen, könnte die Lektüre abwechslungsreich und interessant gestalten.

Stattdessen Enttäuschung auf ganzer Linie!

Lily, Amerikanerin der zweiten Generation, wird zum poster girl aller Klischees hinsichtlich mangelnder Berufschancen und genereller Ziellosigkeit. Aus heiterem Himmel dann die Cinderella-Geschichte der plötzlichen Liebe zu Mr Right schlägt da ein wie eine Bombe. Vollkommen unverständlich, psychologisch nicht ausreichend dargelegt, warum sie es unvermittelt vorzieht, ihren kleinen Sohn allein aufzuziehen. Auch dieser männliche Repräsentant der chinesisch-stämmigen Minderheit entbehrt eine klare individuelle Charakterzeichnung. Vollkommen überraschend dann seine Bindung an die als deus-ex-machina aufgetauchte Großmutter, deren Erzählstrang der Leiden im kommunistischen China nicht mithalten kann mit der Intensität der kanonisch gewordenen ‚Wilde Schwäne‘. On top noch das verquere genetische Forschungsexperiment, und die Enttäuschung und Verärgerung des Lesers sind komplett.

Die Auster der Titelillustration hält nach dem Öffnen keine Perle bereit.

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