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Batyr

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.01.2021

Disparate Einzelteile - kein stimmiger Roman

Miss Bensons Reise
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Welch eine Lektüre-Enttäuschung, nachdem die Leseprobe solche Erwartungen geweckt hat! Zunächst glaubt der Leser, sich auf eine Gesellschaftsstudie der Nachkriegszeit in England einstellen zu dürfen. Margerys ...

Welch eine Lektüre-Enttäuschung, nachdem die Leseprobe solche Erwartungen geweckt hat! Zunächst glaubt der Leser, sich auf eine Gesellschaftsstudie der Nachkriegszeit in England einstellen zu dürfen. Margerys gutbürgerliche Herkunft, die in einem einzigen Augenblick zerstört wird, Mr. Mundics Trauma der Kriegsgefangenschaft, die verhindert, dass er sich wieder in die Gesellschaft einfügen kann, als Kontrast die Figur der Enid als vulgär gezeichnete Vertreterin der working class. So weit, so gut. Ganz unvermittelt aber schwenkt die Autorin auf einen ganz anderen Kurs um. Nachdem Margery plötzlich ihren Kindheitstraum in die Tat umsetzen will, häufen sich alberne Slapstick-Szenen, die den feinfühligen Charakterporträts diametral entgegenstehen. Übermäßig idyllisch gezeichnete Landschaftsschilderungen kollidieren mit Thrillerelementen, so dass der Handlungsfortgang unnötig in die Länge gezogen wird. Auch Enids Lebensziel, Schwangerschaft und Mutterschaft, erfahren dauernd retardierende Momente, so dass der Höhepunkt des Romans unweigerlich mit einer ziemlichen Ermüdung des Lesers zusammenfällt. Der Schluss ist nur noch als abgrundtief kitschig zu bezeichnen: Tod zweier tragender Charaktere des Romans, schwülstige Darstellung des zu guter letzt doch noch gelingenden Aufspürens des gesuchten Käfers, süßliches Idyll der neuen weiblichen Zweier-Konstellation. Eine Entscheidung für ein Genre oder eine Beschränkung auf einander ergänzende Motive hätten dem Roman gut getan, in dieser Form ist er als literarisches Gebilde weitgehend ungenießbar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.12.2020

Überzogene Emotionalität - nicht glaubwürdig

Was Nina wusste
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Überzogene Emotionalität - nicht glaubwürdig

Der Erzähleingang geriert sich als eine Art literarischer Schnitzeljagd – der Leser ist aufgerufen, minutiös alle Hinweise auf Zeitgefüge, wechselnde Perspektiven, ...

Überzogene Emotionalität - nicht glaubwürdig

Der Erzähleingang geriert sich als eine Art literarischer Schnitzeljagd – der Leser ist aufgerufen, minutiös alle Hinweise auf Zeitgefüge, wechselnde Perspektiven, bewusste Verrätselungen in eine sich beständig erweiternde Struktur zu integrieren, in der Erwartung, dass am Ende das eigene Durchdringen und Verstehen eines komplexen biographischen Gefüges stehen werden.


Das Ergebnis ist ein verstörendes Panoptikum: der Roman präsentiert ein Familiengeflecht von lauter Versehrten. Tuvia und Rafi, gezeichnet durch das Leiden und Sterben von Frau und Mutter. Vera, die auch noch nach 12 Jahren den Selbstmord ihres Ehemannes in den Fängen des Geheimdienstes nicht verkraften kann und für die ihre Beziehung zu diesem Mann immer noch relevant ist, trotzdem aber gewillt ist, eine neue Bindung einzugehen. Andererseits ist sie nicht in der Lage, ihrer offenbar schwer traumatisierten Tochter eine Stütze zu sein. Nina erscheint in diesem Tableau als der kaputteste Charakter. Die Last ihrer Erlebnisse, die der Leser bis zu dieser Stelle kaum erahnen kann, zerstört ihr Leben und das der Menschen, die sich ihr nahe fühlen. Kaum verwunderlich, dass auch Gilis Entwicklung von Anfang an unter einem dunklen Stern steht. Offenbar droht auch Rafi an seiner unauslöschlichen Liebe zu ihr zu zerbrechen. Letztlich ist es nicht nachvollziehbar, dass Vera so überaus positiv geschildert wird. Innerhalb der Kibbuz-Gemeinschaft fungiert sie als heißgeliebte Matriarchin, die Liebe und Lebenslust ausstrahlt. Dass sie sich berufen fühlt, an Rafi Gutes zu tun, während sie das Leiden der eigenen Tochter zu ignorieren scheint, setzt diese Figur in ein schiefes Licht.


Vollkommen verknäuelte Familienbeziehungen endlich einmal aufarbeiten zu wollen, bevor es zu spät ist, das ist eine sehr private Sache. Aber einen guten Dokumentarfilm zu drehen, ist eine öffentliche Veranstaltung. Beides miteinander zu verknüpfen, wirkt geradezu obszön, eine Form von Prostitution, die intimsten Geheimnisse von Menschen der eigenen Familie derartig verfügbar zu machen.


Der Roman kulmuliert in der gemeinsamen Reise dreier Generationen, und plötzlich zündet ein emotionales Feuerwerk. Die Beschreibung der Zärtlichkeiten zwischen Mutter Vera und Tochter Nina während der Autofahrt streifen hart die Grenze zum Kitsch. Und wie plakativ, dass im Kontrast draußen ein Unwetter tobt. Und dass Nina ihre Familie über das Fortschreiten ihrer Demenzerkrankung informiert, legt ja noch eine Schippe drauf in der Darstellung dieser an Konflikten mehr als reichen Familie. Klar, irgendwie muss es ja motiviert werden, dass der Fokus von der übermäßig idealisiert geschilderten Liebesbeziehung zwischen Vera und Milosch auf das unausweichliche Schicksal Ninas verlegt wird. Aber dass diese jauchzende Darstellung der Liebesgeschichte der Eltern so plötzlich eine Kehrtwende in Ninas Gefühlshaushalt hervorrufen soll, ist doch eine sehr gewagte Idee. Dysfunktionale Familienverhältnisse, traumatische Erlebnisse muss man aushalten können, in der Realität, als Autor, als Leser. Am plausibelsten erscheint noch die Figur der Gili, die es nicht geschafft hat, sich radikal von diesem für sie toxischen Familienverband loszusagen. Ihre Überlebensstrategie scheint in der Verschanzung hinter einer zynischen Diktion, einem schnodderigen Tonfall zu liegen, die sie weitaus jünger erscheinen lässt als ihr tatsächliches Alter. Stattdessen ist sie mit ihren neununddreißig Jahren immer noch abhängig von der Anerkennung durch den Vater Rafi - ergreift sogar einen Beruf, der sie auch in diesem Bereich in seinem Dunstkreis hält - nährt ihren Hass auf Nina und vergöttert die Großmutter, deren Idealisierung gänzlich unglaubwürdig ist. Ausgerechnet sie als das erste Opfer der politischen Verhältnisse soll gänzlich unversehrt aus allem erlittenen Leid hervorgegangen sein und ihre Vitalität und Menschenliebe ungebrochen wie eine Monstranz vor sich hertragen?


Fazit: Ist es die Ansiedelung dieses Romans im mediterranen Kulturkreis, die eine solche überhitzte emotionale Gestimmtheit vorherrschen lässt? Dass sich am Schluss sich so alles in Wohlgefallen auflöst, die Beteiligten sich ihre Wunden lecken und offenbar zu dem Schluss kommen, dass alle sich furchtbar lieb haben, das entbehrt doch aller Plausibilität.


Grossman, solch ein gewaltiger Name in der Literaturszene – geschenkt. Was Nina wusste – ein insgesamt enttäuschendes Lektüreerlebnis.


Mein Urteil: 2 Sterne

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.12.2020

Ran an den Speck!

Die neue Nebenbei-Diät
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Dass die Mehrheit von uns Wohlstandsbürgern sich getrost von ein paar Kilos verabschieden sollte, ist eine Binsenweisheit. Lebensmittelindustrie, Fitnessbranche, Gesundheitsapostel, Hausärzte lamentieren, ...

Dass die Mehrheit von uns Wohlstandsbürgern sich getrost von ein paar Kilos verabschieden sollte, ist eine Binsenweisheit. Lebensmittelindustrie, Fitnessbranche, Gesundheitsapostel, Hausärzte lamentieren, predigen - und ... verdienen letztlich an den perpetuierten und meist vergeblichen Versuchen der frustrierten Moppelchen. Da kommt dieses Buch mit einem ungewohnten Ansatz daher: es wird nicht etwa suggeriert, dass es den einen Stein der Weisen gibt; desgleichen verzichtet es auch darauf, falsche Vorstellungen zu wecken und das Unternehmen als gänzlich mühelos darzustellen. Überzeugend ist vielmehr die Perspektive, unsere moderne Lebensführung von psychologischer Warte zu betrachten, dem Leser unmissverständlich klarzumachen, dass es um eine Neuprogrammierung alltäglicher Gewohnheiten geht. Die Fülle an medizinischem und physiologischem Hintergrundwissen, das Spektrum der Kniffe und Tricks, um eine langfristige Umorientierung zu erzielen, auch die Bandbreite an höchst unterschiedlichen, aber positiv wirkenden Lebensmitteln öffnet. Missverständlich und irreführend, dies sehr nützliche Büchlein mit dem Etikett „Diät“ zu versehen: es ist gerade keine Diät im landläufigen Sinne, die dem Leser nahegebracht und nahegelegt wird. Es gilt, seinen Lebensstil, seine Denkweise zu modifizieren, und das erreicht dieses Buch durch die Vermittlung unterschiedlichster Kenntnisse aus den Bereichen der Medizin, der Ernährungswissenschaften, der Psychologie. Dies Buch ist geeignet, in Griffweite deponiert und immer wieder zu Rate gezogen zu werden!

  • Cover
Veröffentlicht am 17.11.2020

Symmetrie des Leidens

Mr. Crane
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Sehr gewagt, was der Autor Andreas Kollender anstellt, um dem Leser seine Ideen zu Krieg und Leid zu verdeutlichen!
In einem zweisträngigen Erzähldurchgang, streng alternierend präsentiert, konfrontiert ...

Sehr gewagt, was der Autor Andreas Kollender anstellt, um dem Leser seine Ideen zu Krieg und Leid zu verdeutlichen!
In einem zweisträngigen Erzähldurchgang, streng alternierend präsentiert, konfrontiert er seine Protagonistin, die Krankenschwester Elisabeth, in einem Abstand von 14 Jahren mit zwei Ausprägungen von Männlichkeit.
Während der TB-Patient des Jahres 1900 eine reale Gestelt des Zeitgeschehens ist, der US-amerikanische Autor Stephen Crane, kommt die fiktive Gestalt des Offiziers Bernhard Fischer zu Beginn des 1. Weltkriegs mit zwei Lungendurchschüssen in die Klinik in Badenweiler. Dieser fingiert, wie sich erst im Verlauf des Romans erweist, die damals bereits bekannten Symptome des shell shock, da er nicht gewillt ist, in den Wahnsinn des Krieges zurückzukehren, Und kommuniziert über weite Strecken allein durch seine den Schrecken wiedergebenden Zeichnungen. Welch ein Kontrast zu der fiebergeschüttelten Logorrhöe des Schriftstellers, der in wilden Bruchstücken sein Schelmenleben wiedergibt.
Diametral entgegengesetzt das Verhältnis der Schwester zu ihren beiden Patienten: eine leidenschaftliche erotische Beziehung zu dem einen, engagierte Caritas gegenüber dem zweiten.
Man muss selbst ein leidenschaftlicher Leser sein, um Menschen wie die Krankenschwester Elisabeth oder den verwundeten Offizier Fischer verstehen zu können, die beide der Erzählkunst des tatsächlich seiner Krankheit erlegenen Crane verfallen sind. Der Autor Andreas Kollender bemüht sich, uns die Not des ersten Weltkriegs zu verdeutlichen, deren Schrecken für zwei Menschen erträglich werden, indem sie sich den Werken eines Autors hingeben, der seine eigene Verzweiflung in Worte gefasst hat. Welch ein Anlass, sich einmal wieder mit Cranes Erzählungen zu beschäftigen!

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Veröffentlicht am 27.10.2020

Verschlungen

Unter uns das Meer
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Den Titel der deutschen Übersetzung hab ich als abschreckend empfunden: klischeehaft, banal, nichtssagendend. Umso erfreulicher, wenn der Roman sich als absolut lesenswert erweist. Zuvörderst lässt er ...

Den Titel der deutschen Übersetzung hab ich als abschreckend empfunden: klischeehaft, banal, nichtssagendend. Umso erfreulicher, wenn der Roman sich als absolut lesenswert erweist. Zuvörderst lässt er sich noch als Abenteuerroman betrachten - Junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern bricht Zelte hinter sich ab, um für ein Jahr durch die Karibik zu schippern. Doch unmittelbar nach Beginn der Lektüre erweist sich diese Perspektive als Trugschluss. Die Komposition aus kurzen Abschnitten aus dem vom Ehemann geführten Logbuch, die sich mit den Aufzeichnungen seiner Frau abwechseln, enthüllt ein Seelendrama. Während sich der Ehemann zunehmend von seinem Alltagsleben als eingeengt empfunden hat, was ihm den Segeltörn als Erlangen der ersehnten Freiheit erscheinen lässt, entpuppt sich seine Frau Juliet als schwer depressiv, niedergedrückt durch das Misserfolgserlebnis einer gescheiterten Dissertation und den Anforderungen der Mutterschaft. Dass unter solchen Voraussetzungen ausgerechnet ein solches Unternehmen alle Probleme lösen soll, erweist sich frühzeitig als unwahrscheinlich, zumal immer tiefere Schichten in der Befindlichkeit der beiden Protagonisten aufgedeckt werden. Äußerst geschickt, den Leser über das Ziel des Geschehens lange im Unklaren zu lassen, etwas enttäuschend, dass das Ende der Entwicklung allzu unvermittelt eintritt. Trotzdem: eine Empfehlung für die Liebhaber von Geschichten über das Segeln - und die Fans verschlungener psychologischer Romane.

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  • Erzählstil
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