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Batyr

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.09.2019

Freudiges Wiedersehen

Dead Lions
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Wer Mike Herrons ersten Band seiner Reihe um Jackson Lamb gelesen hat, fieberte sehnsüchtig der Fortsetzung entgegen. Und siehe da, neben dem bekannten und ins Herz geschlossenen Stammpersonal erwarten ...

Wer Mike Herrons ersten Band seiner Reihe um Jackson Lamb gelesen hat, fieberte sehnsüchtig der Fortsetzung entgegen. Und siehe da, neben dem bekannten und ins Herz geschlossenen Stammpersonal erwarten auch zwei vielversprechende Neuzugänge den erwartungsvollen Leser. Der ist ja bereits durch die Lektüre der ‘Slow Horses‘ konditioniert und damit gewieft genug, den Tricks und Finten des Autors genüsslich zu folgen: abrupte Umschwünge im Plot und Wechsel von Schauplatz und Perspektive, gekonnt platzierte punch lines allerbester britischer Provenienz, ein wahres Panoptikum skurriler Zeitgenossen, die in liebevoll-bissigen Charakterporträts präsentiert werden. Wem es um knallharte action zu tun ist, kommt nicht auf seine Kosten, aber der fein kalibrierte Handlungablauf mit seinen immer neuen Ausblicken auf die unterschiedlichsten Reizthemen unserer modernen Gesellschaft bieten ein intelligentes Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 25.08.2019

Karl Kraus ...

Otto
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... sagt, dass das Wort Familienbande einen Beigeschmack von Wahrheit hat. Wie wahr, man kann ihm nur zustimmen, wenn man Dana von Suffrins Romandebüt gelesen hat: Sowohl eine tiefe Bindung als auch perfide ...

... sagt, dass das Wort Familienbande einen Beigeschmack von Wahrheit hat. Wie wahr, man kann ihm nur zustimmen, wenn man Dana von Suffrins Romandebüt gelesen hat: Sowohl eine tiefe Bindung als auch perfide Abwehrstrategien kennzeichnen die Beziehungen in diesem Familienkosmos. ‚Otto‘ gehört in die Gattung der jüdischen Familiengeschichte und bedient damit einige der gängigen Genremerkmale, vielleicht sogar Klischees und Stereotypen. Die ältere Tochter Timna äußert sich unumwunden über ihren anstrengenden, besitzergreifenden, krankhaft geizigen Vater. Die Deutlichkeit ihrer Sprache lässt nichts zu wünschen übrig. Doch die Skurrilität der Episoden und der trockene Humor der Erzählerin täuschen nicht darüber hinweg, dass sie ebenso wie die jüngere Schwester, ‚der Baba‘, traumatisiert, fürs Leben gezeichnet ist wie der Vater. Vor dem Leser entfaltet sich Ottos Lebenslauf voller burlesker Ereignisse, die den Vater zu einer lebensvollen, aber zutiefst gestörten Persönlichkeit werden lassen. Und diese Dominanz wiederum wird zur Lebenshypothek der Töchter. Auch der erratische Erzählstil ist untrennbares Merkmal Geschichte, die dem Ostjudentum entspringt.

Veröffentlicht am 23.08.2019

Überbordende Phantasie

Die Spiegelreisende
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Es geht Schlag auf Schlag: jetzt ist bereits der zweite Band von Christelle Dabos‘ Reihe „Die Spiegelreisende“ in deutscher Übersetzung herausgekommen. Der Leser ist gezwungen, sich die Grundkonstellation ...


Es geht Schlag auf Schlag: jetzt ist bereits der zweite Band von Christelle Dabos‘ Reihe „Die Spiegelreisende“ in deutscher Übersetzung herausgekommen. Der Leser ist gezwungen, sich die Grundkonstellation der Handlung des ersten Bandes zu vergegenwärtigen, denn die überbordende Phantasie der Autorin hält sich nicht damit auf, die Eckpunkte der Erzählung ins Gedächtnis zurückzurufen. Mit viel Liebe zum Detail werden skurrile Ereignisse dargestellt, ohne dass ihre Funktion für das Erzählganze unbedingt deutlich wird. Auf diese Weise sind gelegentlich Längen im Handlungsfluss zu verzeichnen. Erst in der zweiten Hälfte verläuft der Plot zielgerichteter, und die Spannung nimmt erheblich zu. Natürlich sehr geschickt, den Roman erneut mit einem cliffhanger Abbrechen zu lassen, so dass die Fans der Reihe der Veröffentlichung der Fortsetzung entgegenfiebern werden.

Veröffentlicht am 21.07.2019

Literarische Topographien

Verrückt nach Karten
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Der Titel der deutschen Ausgabe dieses opulenten Bildbandes lockt den Interessenten in eine vollkommen falsche Richtung. „Verrückt nach Karten“ - das lässt ein Kompendium erwarten, in dem leidenschaftliche ...

Der Titel der deutschen Ausgabe dieses opulenten Bildbandes lockt den Interessenten in eine vollkommen falsche Richtung. „Verrückt nach Karten“ - das lässt ein Kompendium erwarten, in dem leidenschaftliche Kartenliebhaber ihrer Leidenschaft für die unterschiedlichsten Arten von Landkarten, Atlanten, Globen frönen. Stattdessen entpuppt sich der Band als Wegweiser ins Land der Literatur, der Herausgeber Hew Lewis-Jones als versierter Cicerone in die Wunderwelt erdachter Topographien. „The Writer‘s Map“ ist deshalb in der Originalfassung der so viel treffendere Buchtitel, der kurz, prägnant, schnörkellos das Tor zum endlosen Kosmos der literarischen Phantasie öffnet. Der Leser erhält die Chance, anhand der zahllosen großformatigen Abbildungen Kenntnis von einer Vielzahl literarischer Werke zu erhalten. Dass diese fast ausschließlich aus dem angelsächsischen Raum stammen, ist der Auswahl der Beiträger geschuldet, die aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen als Leser, als Zeichner, als Autor uns eine Unzahl von Lese-Empfehlungen und -Anregungen vermitteln. Nach der genussreichen Rezeption dieses Kleinods von coffeetable book dämmert dem deutschen Leser, dass sich der Horizont (im doppelten Wortsinn) phantastischer Literatur sich nicht in den beiden Leuchttürmen Tolkien und Rowling erschöpft. Neben der Freude an den vielgestaltigen Abbildungen literarischer Topographien ist diese Fülle an weiteren verlockenden Autoren und Werken nicht das geringste Verdienst dieses zauberhaften Bildbandes!

Veröffentlicht am 17.07.2019

Originell

Kalte Wasser
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Die junge Autorin Melanie Golding liefert, worauf der Leser kaum noch zu hoffen wagte: ein Thriller, der sein Spannungsmoment nicht aus dem Bemühen bezieht, nie zuvor erdachte Grausamkeiten haarklein und ...

Die junge Autorin Melanie Golding liefert, worauf der Leser kaum noch zu hoffen wagte: ein Thriller, der sein Spannungsmoment nicht aus dem Bemühen bezieht, nie zuvor erdachte Grausamkeiten haarklein und blutrünstig zu präsentieren. Stattdessen wählt sie ein Sujet, das ganz harmlos daherkommt, vollkommen aus der Alltagserfahrung erwächst: Mutterschaft und alle Überforderung, alle Ängste, die mit ihr verbunden sind. Höchst gekonnt orientiert sie sich an dem Kunstgriff, wie ihn der Altmeister des suspense, Henry James, in seiner „Drehung der Schraube“ etabliert hat: greift das Übersinnliche wahrhaftig in das Leben der Romanfiguren ein, oder hat der Leser es ausschließlich mit den Hirngespinsten eines kranken Bewusstseins zu tun? Ausgesprochen charmant, wie sie am Anfang mancher Kapitel literarische und kulturhistorische Zeugnisse zitiert. Das aktuelle Geschehen, dem der moderne Mensch wenig geneigt ist, mythische Dimensionen zuzubilligen, erhält doch plötzlich eine Aura archaischer Wucht. Eine spannende Lektüre, die vermag, den Leser in Bann zu schlagen.