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Veröffentlicht am 29.12.2025

Avantgarde

Peggy Guggenheim
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Was für ein rasanter Lebenslauf! Atemlos verfolgt der Leser die Entwicklungen und Kehrtwendungen dieser Biographie.
Wenn unsere eigene Epoche eigentlich nur Pose, Attitüde, Anspruch zu bieten hat, so ...

Was für ein rasanter Lebenslauf! Atemlos verfolgt der Leser die Entwicklungen und Kehrtwendungen dieser Biographie.
Wenn unsere eigene Epoche eigentlich nur Pose, Attitüde, Anspruch zu bieten hat, so erscheint uns Peggy Guggenheim wie ein Blitz mit kolossalem Donnerschlag aus der Vergangenheit. Konventionen waren ihr offenkundig vollkommen gleichgültig. Diese Frau vertritt in jedem Augenblick ihres Lebens ihre Überzeugungen, brennt lichterloh für die zeitgenössische Kunst. Gut, ihre gesellschaftliche Position erlaubte ihr, zu jedem Künstler, der sie interessierte, auf Tuchfühlung zu gehen, aber sie setzte die ihr zur Verfügung stehenden Mittel rückhaltlos dafür ein, die Avantgarde zu fördern. Was haben wir heutigen Kunstliebhaber dieser Frau zu danken, deren Engagement die Kunst ihrer Epoche förderte, ermöglichte, sicherte, und wir danken der Autorin, die uns einen Einblick in das Denken und Leben dieser außergewöhnlichen Frau vermittelt.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Vergeblichkeiten

Dius
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Am Anfang erzeugt die Lektüre dieses Romans einen ausgeprägten Widerwillen: allzu genüsslich werden die prätentiösen Ansprüche der beiden Hauptfiguren ausgebreitet. Ein überaus selbstbewusst auftretender ...

Am Anfang erzeugt die Lektüre dieses Romans einen ausgeprägten Widerwillen: allzu genüsslich werden die prätentiösen Ansprüche der beiden Hauptfiguren ausgebreitet. Ein überaus selbstbewusst auftretender Student und ein gänzlich in sich selbst versponnener Kunstdozent stoßen aufeinander, und der Leser ersäuft in einem Schwall an Werken bildender Kunst und Musik. Wer kein ausgewiesener Kenner der Materie ist, fragt sich unwillkürlich, ob man es nur mit name dropping zu tun hat, oder ob diese Fülle an Kulturerörterungen konstituierend für diesen Roman ist.

Immerhin entfaltet sich auf dieser Verständigungsbasis eine tiefe Freundschaft, lebenswichtig für zwei Individuen, die in ihrer Umgebung kaum menschliche Bindungen oder echten Austausch erfahren. Auch ihre jeweiligen Liebesbeziehungen zerbrechen schnell an Missverständnissen oder innerer Fremdheit. Immerhin ist es die Titelfigur Dius, der in echter kreativer Arbeit wenigstens zeitweise genuine Befriedigung erfährt, während die Forschungsprojekte seines nur zehn Jahre älteren ehemaligen Lehrers bereits nach kurzer Zeit im Sande verlaufen.

Dieser Dius ist wenigstens partiell zu echter Leidenschaft in seinem künstlerischen Schaffen fähig, während sein Freund Anton in unfruchtbarem Kreiseln um sich selbst verharrt. Dius durchlebt echte Leiderfahrung, wohingegen bei Anton die Wendungen des Schicksals nurmehr ein egoistisches Lamentieren erzeugen.

Erhellend im vorletzten Absatz des Romans die Kritik der nach langen Jahren wieder auftauchenden früheren Geliebten Antons, er möge doch endlich einmal auf seine „kunstgeschichtlichen Mystifizierungen“ verzichten.

Kritikwürdig die Penetranz, mit der die Übersetzerin ihr Beharren auf albernem Gendern auslebt; die Studierenden und Dozierenden, als Gipfel noch das Dozierendenzimmer, könnten Heiterkeit erregen, wenn’s nicht, wie auch die vielen anderen sprachlichen Nachlässigkeiten, absolut verärgernd wäre!

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Der Blick zurück

Meine Mutter
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Dass Töchter gegenüber ihrer Mutter Vorbehalte hegen, sie auf Distanz halten, ist eine altbekannte Tatsache. Doch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Bettina und ihrer Mutter Gila ist die Situation weitaus ...

Dass Töchter gegenüber ihrer Mutter Vorbehalte hegen, sie auf Distanz halten, ist eine altbekannte Tatsache. Doch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Bettina und ihrer Mutter Gila ist die Situation weitaus komplexer.

Während wir Auftreten und Verhalten anlässlich der Beerdigung noch unter jugendliches Protestgebaren verbuchen, dämmert dem Leser, welch tiefgreifende Probleme hier vorliegen, wenn er ein passent erfährt, dass die Mutter freiwillig aus dem Leben geschieden war. Ein kompliziertes Geflecht verwandtschaftlicher Beziehungen wird entfaltet, das sich für den Leser zunächst recht unübersichtlich und verwirrend darstellt.

Unvermittelt schließt sich an diese Szenerie die Schilderung der Kindheit dieser Mutter in ausgesprochen saturierten Verhältnissen in einer durch und durch bürgerlichen Existenz im räumlich und zeitlich so fernen Niederschlesien an. Doch deuten sich bereits hier feine aber prägnante Risse an. Die traumatische Vertreibung nach Kriegsende und Zusammenbruch des Naziregimes erklärt die seelisch instabile Konstitution der jungen Gila, deren Gaben und Lebenswendungen sie doch trotz allem für ein sorgenfreies und glückliches Leben zu prädestinieren scheinen.

Geschickt verknüpft die Autorin Bettina Flitner die verschiedenen Zeitebenen, was durch ihre berufliche Tätigkeit in Film und Fernsehen erklärbar ist. Eigenartige Zufälle sind es, die zu plötzlichen Entschlüssen und Unternehmungen führen, die ein spätes Verständnis für die emotionale Disposition der Mutter hervorrufen. Immer wieder klingt an, dass in dieser großen Familie der Selbstmord keine Einzelerscheinung ist. Ob es eine genetische Vorbelastung oder aber die Bürde des geschichtlichen Leides ist, die diese Hypothek begründet, bleibt im Dunkeln.

Im letzten Drittel dieses Textes kommt es zu bedauerlichen Längen, doch insgesamt setzt die Autorin ihrer Mutter und einer historischen Konstellation ein beeindruckendes Denkmal. Ein Familienstammbaum im Anhang hätte dem Leser die Lektüre erheblich erleichtert, doch es dominiert die beeindruckende Leistung, die ferne Vergangenheit mit den Erfahrungen der Gegenwart verknüpft zu haben.

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Veröffentlicht am 18.10.2025

Erstling

Was du siehst
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Dieses literarische Debüt verdient es, genauer betrachtet zu werden.

Zunächst einmal sticht ins Auge, wie zielstrebig die Autorin ihre Leser durch die verschiedenen Stadien der Geschichte der DDR lotst. ...

Dieses literarische Debüt verdient es, genauer betrachtet zu werden.

Zunächst einmal sticht ins Auge, wie zielstrebig die Autorin ihre Leser durch die verschiedenen Stadien der Geschichte der DDR lotst. Viele Merkmale des Alltags, der Lebensgestaltung der Bewohner kommen zum Tragen. Von wenigen Zeitsprüngen abgesehen, lässt sich das Schicksal ihrer Figuren problemlos mit dem unmerklichen Wandel der Lebensformen verknüpfen. Einerseits wird ihre Sympathie mit ihren Charakteren überaus deutlich, jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass diese doch recht profilarm bleiben, die Zeichnung weitgehend einem Schwarz-Weiß-Schema verhaftet sind.

Der kritische Leser mag es als problematisch ansehen, dass im gesamten Roman die Stimmung der Nostalgie vorherrscht. Allein der erst kurz vor dem Ende des Romans in Person auftauchende Großvater lässt sich als Außenseiter der sozialistischen Gesellschaft ausmachen, sein Sohn, ebenfalls nur mit einer Gastrolle in der Handlung bedacht, wird zum Opfer des Systems, was aber nur mit einem Streiflicht bedacht wird. Ein paar Nebenfiguren firmieren als ausgesprochene Unsympathen. Das restliche Personal: Sympathieträger.

Die deutlichste Kritik muss allerdings gegenüber dem Sprachgestus der Autorin formuliert werden: wenig individuell im Ausdruck, bemüht und beflissen in der Diktion, lässt der Roman leider einen dezidierten Gestaltungswillen vermissen. Es werden entschieden zu viele sprachliche Stereotypen bemüht. Es ist der jungen Autorin zu wünschen, dass es ihr in der Zukunft gelingt, ihr offenkundiges Interesse am Stoff sprachlich ambitionierter zu gestalten.

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Veröffentlicht am 14.09.2025

Obsession

Öffnet sich der Himmel
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Emotionsgeladen und in einer poetischen, verdichteten Sprache präsentiert uns der Autor Sean Hewitt die Wirren und Wonnen eines Jahres im jungen Leben seines Protagonisten James.
Erst seit kurzem ist ...

Emotionsgeladen und in einer poetischen, verdichteten Sprache präsentiert uns der Autor Sean Hewitt die Wirren und Wonnen eines Jahres im jungen Leben seines Protagonisten James.
Erst seit kurzem ist diesem Sechzehnjährigen klar, homosexuell zu sein, was seiner latenten Einsamkeit in dieser weltvergessenen Dorfgesellschaft nur noch weiter Vorschub leistet. Eindringlich ist die Schilderung völliger Vereinzelung, die nicht nur aus James’ Naturell erwächst, sondern gespiegelt und verstärkt wird durch sein offenkundiges Anderssein.
Die Intensität dieser bedrückenden und düsteren Empfindungen schlägt ins ekstatische Gegenteil um, als er in der Nachbarschaft Luke kennenlernt, in dessen Unangepasstheit er alle seine geheimen Wünsche und Begierden hineinprojiziert.
Selbst zwar offenkundig heterosexuell orientiert, führen seine schwierigen familiären Verhältnisse Luke jedoch in eine von ihm ebenso intensiv erlebte, aber eher nonchalant gestaltete Beziehung zu James.
Im Wechsel der Jahreszeiten durchläuft James‘ Leidenschaft für Luke alle Stadien von der zögerlichen Annäherung bis hin zu der scheinbaren Erfüllung, die umso grausamer mit der unvermittelten, aber vorhersehbaren Trennung endet.
Die Rahmenerzählung zeigt uns einen erwachsenen James, der den Verlust seines Jugendfreundes nie hat verarbeiten können und an ihm gleichsam wie an einer Amputation leidet.
Betörend, wie der Autor die sprachliche Vergegenwärtigung der Landschaft verknüpft mit der feinziselierten Darstellung einer seelischen Entfaltung.

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