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Veröffentlicht am 11.06.2026

Zusammenhalt ist alles

Pina fällt aus
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„Es ist nicht nur eine Bürde, weißt du. Es ist auch ein Privileg. Leo hat mir Zutritt zu einer Welt verschafft, die die meisten Menschen niemals betreten. Ich habe mehr von ihm gelernt als von allen ...

„Es ist nicht nur eine Bürde, weißt du. Es ist auch ein Privileg. Leo hat mir Zutritt zu einer Welt verschafft, die die meisten Menschen niemals betreten. Ich habe mehr von ihm gelernt als von allen anderen Menschen auf der Welt.“

Pina ist eine taffe Frau, die sich rührend um ihren autistischen Sohn kümmert. Doch sie ist am Ende ihrer Kräfte und versteckt ihre Überforderung hinter Tabletten, bis sie ganz plötzlich mitten auf der Straße zusammenbricht.

Als Leser begleiten wir sie durch einen stressigen Alltag als Alleinerziehende eines autistischen Kindes. Die Autorin hat detailliert beschrieben, wie ungewöhnlich sich der inzwischen 20jährige Leo in allem verhält. Jede Veränderung seines Tagesablaufs bringt ihn aus dem Gleichgewicht, macht die Betreuung noch anstrengender. Anfangs gibt es nur eine Nachbarin, mit der Pina Kontakt hat. Inge ist aber selbst schon 86 Jahre alt und verlässt ihre vier Wände nicht mehr. Während Pina für sie einkaufen geht, kann Leo maximal eineinhalb Stunden bei Inge fernsehen. Aber eines Tages kommt Pina nicht mehr zurück. Nun ist auch die restliche Hausgemeinschaft gefragt. Das sind die 16jährige Schulabbrecherin Zola und der abergläubische Einsiedler Wojtek. Für alle ist es harte Arbeit, bis sie den Umgang mit Leo einigermaßen beherrschen.

Es macht richtig Freude zu lesen, wie sich die Hausgemeinschaft zusammenschließt und versucht, Pinas Sohn gerecht zu werden. Wie zu erwarten war, gibt es dabei viele Hürden zu überwinden. Jeder hat andere Vorstellung vom Umgang mit dem 20jährigen, der rechtzeitig den Bus zur Behindertenwerkstatt erreichen soll.
Als LeserIn war ich mitten drin im turbulenten, nervenaufreibenden Geschehen. Dabei habe ich viel über Leos Besonderheiten gelernt. Er ist mir direkt ans Herz gewachsen – ebenso wie alle Beteiligten, die sich aufopferungsvoll um ihn kümmerten, weil sie bemerkten, dass er sonst verloren wäre. Auch sie alle haben sich weiterentwickelt.

Fazit: Ein besonderes Buch über eine besondere Lebenssituation.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Frauen über Frauen

Das Mosaik der Frauen
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Nadim Suri liegt im Krankenhaus und hält die Pfleger und Ärzte von ihrer Arbeit ab, weil er gar so interessant erzählt. Um das Dilemma zu beenden, bittet sein Arzt einen Freund, Nadim zu besuchen und seine ...

Nadim Suri liegt im Krankenhaus und hält die Pfleger und Ärzte von ihrer Arbeit ab, weil er gar so interessant erzählt. Um das Dilemma zu beenden, bittet sein Arzt einen Freund, Nadim zu besuchen und seine Geschichten festzuhalten. Dieser Freund ist der Autor des Buches, Rafik Schami. Der Deutsch-Syrier erzählt zuerst seine eigene Geschichte (er emigrierte wegen seiner politischen Aktivität aus Syrien nach Deutschland) und widmet dann viele Tage dem ans Krankenbett Gefesselten.

Das Buch ist voller Liebe und Leidenschaft. Die Charaktere unterschiedlicher Frauen beeinflussen die Erzähler und deren Sichtweise aufs Leben. Als Leserin (oder in meinem Fall als Hörerin) fühlte ich mit, schüttelte den Kopf, reagierte auch mal mit gewisser Skepsis oder trauerte mit dem Erzähler. Auf jeden Fall war ich mittendrin in der Geschichte und vergaß alles um mich herum. Ja, so müssen Bücher sein!

Rafik Schami, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, schaut hier auf all seine Erfahrungen zurück. Gerade diese Vielfalt fand ich faszinierend. Auch sein liebevoller Blick auf die Mutter beeindruckte mich.

Wolfgang Berger verleiht mit seiner Stimme dem Hörbuch ein besonderes Flair. Er interpretiert die Worte ganz im Stil eines Märchenerzzählers, der einen eine andere Welt mitnimmt.

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Diorama einer Straße

Die Straße
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Beim Hören dieses Buches kam ich mir wie ein Voyeur vor. Ich wanderte mit dem Autor durch die Heidestraße, schaute durch Fenster, belauschte Gespräche und nahm so an den Sorgen und Nöten der Bewohner teil.

Weil ...

Beim Hören dieses Buches kam ich mir wie ein Voyeur vor. Ich wanderte mit dem Autor durch die Heidestraße, schaute durch Fenster, belauschte Gespräche und nahm so an den Sorgen und Nöten der Bewohner teil.

Weil die Straße zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, erhielten die Bewohner schon Kündigungsschreiben, gegen die ein zweitklassiger Rechtsanwalt Klagen einreichte. Dabei hatte ein frisch gebackener Erbe mit den alten Büchern der Tante gerade ein Antiquariat eröffnet, die nun wegen der abgestellten Heizung im Winter feucht wurden. Wir erleben den Ärger der Einheimischen über schreiende Kinder, hören dem Klatsch zu und lernen so nach und nach die Menschen kennen. Mit dem alten Hausarzt besuchen wir auch das Altenheim mit all seinen Nöten.

Ich ließ mir die Geschichten von Matthias Brand vorlesen. Anfangs war ich irritiert, da sie durch keine verbindenden Elemente zusammengehalten werden, sondern kommentarlos nebeneinander stehen. Doch erstaunlicher Weise ergab sich nach und nach ein komplettes Bild, das von dem jährlich stattfindenden Straßenfest zusammengehalten wird. Die darin beschriebenen Bitten an die Bewohner, sich daran zu beteiligen, haben sich trotz der vielen Geschehnisse übers Jahr nicht verändert.

Fazit: Ein Buch, wie ein Theaterstück. Als literarisches Experiment ist es etwas ungewöhnlich, hat mich aber leider nicht in seinen Bann gezogen. Robert Seethaler hat schon bessere Bücher geschrieben.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Interessantes zeitdokument

Fliegt, Wilde Schwäne
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Dieses Buch interessierte mich, weil die Autorin ebenso alt ist wie ich. Ich wollte vergleichen, wie unterschiedlich die Leben von Frauen aus Westeuropa und China verlaufen sind. Zumindest was die Jugend ...

Dieses Buch interessierte mich, weil die Autorin ebenso alt ist wie ich. Ich wollte vergleichen, wie unterschiedlich die Leben von Frauen aus Westeuropa und China verlaufen sind. Zumindest was die Jugend angeht, konnte ich nur dankbar sein, dass uns in Westeuropa alle Möglichkeiten zur Verfügung standen, und nicht, wie in China zur Mao-Zeit, Bildung verboten war. Jung Chang hatte das Glück, aus einem gebildeten Haushalt zu stammen, der seine Bücher vor der von Mao angeordnetenVerbrennung versteckte. So konnte sie sich auch in den zehn Jahren ohne Schulunterricht bilden und nach langem Hin und Her 1976 sogar nach England ausreisen, wo sie später ihren Ehemann und Co-Autor Jon Halliday kennenlernte.

Spätestens hier war mein Ansinnen, unsere Leben zu vergleichen, schon in den Hintergrund gerückt. Die Beschreibung, wie Chinesinnen auch im Ausland von ihrem eigenen Staat unterdrückt wurden, ließen mich nur noch ungläubig weiterlesen. Ab hier war ich ganz und gar auf den Spuren der Schriftstellerin, die mich ausführlich an ihren Recherchearbeiten zu einer Mao-Biografie teilhaben ließ. Ich erfuhr, dass er die Weltherrschaft an sich reißen wollte und dafür auch das Leben und Wohlergehen und Leben seines eigenen Volkes aufs Spiel setzte. Kein Wunder, dass ihre Veröffentlichung seines Lebensstils zu Repressalien führte. Außer, dass sich chinesische Freunde gezwungenermaßen von ihr distanzierten, wurden ihr bei ihren Einreisen nach China Steine in den Weg gelegt, die so weit reichten, dass sogar vor ihren Augen einer ihrer Koffer entführt wurde, so dass sie einen Flug verpasste, der nur einmal die Woche stattfand.

Dieser Bericht über das chinesische Vorgehen kritischen Personen gegenüber ist erschütternd. So hatte sie immer wieder große Schwierigkeiten, ihre alte Mutter in China zu besuchen. Trotzdem fand ich erstaunlich, wie viel sie als Schriftstellerin für ihre Recherchen unterwegs war. Allerdings gefiel mir nicht, dass sich einige Teile ihrer Autobiografie wie eine Rechtfertigung lesen.

Alle Werke der am 25. März 1952 geborenen Autorin sind in China verboten. Dazu gehören neben der mehrfach preisgekrönten Autobiografie über ihre Familie „Wilde Schwäne“ auch die Mao-Biografie (2005) und eine Biografie über die Kaiserin-Witwe Cixi (2014).

Fazit: Wer mehr über China erfahren will, ist hier gut aufgehoben.

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Ankommen im fremden Land

Moosland
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Elsa ist eine von 500 deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island gingen, um ein Jahr auf einem Hof mitzuhelfen. In diesem Buch begleiten wir sie vom Tag ihrer Ankunft in der Fremde und ...

Elsa ist eine von 500 deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island gingen, um ein Jahr auf einem Hof mitzuhelfen. In diesem Buch begleiten wir sie vom Tag ihrer Ankunft in der Fremde und erleben hautnah, wie schwer es ist, sich einzuleben.

Die einzelnen Episoden sind sehr ruhig und gemächlich erzählt und vermittelt dem Leser/Hörer das Gefühl, selbst die Einsamkeit und Verlassenheit auf dem kargen Land zu fühlen. Elsa ist der Sprache nicht mächtig und daher sehr still. Doch die Autorin versteht es, uns die Umgebung durch Elsas Augen zu zeigen, lässt uns schlaflos helle Sommernächte erleben und die Kälte vieler Tage spüren. Wir begleiten Elsa beim Reiten lernen und erforschen zusammen mit ihr die Gewohnheiten des isländischen Lebens.

Der Autorin gelingt es hervorragend, uns die Eigenheiten des kargen Landes näher zu bringen. Ein ganzes Jahr erleben wir an Elsas Seite, erfahren vom Fernweh der jungen Leute ebenso, wie von der Heimatverbundenheit anderer. Sehr gut ist es ihr gelungen, zu zeigen, dass das Leben im fremden Land einfacher wird, wenn man sich voll darauf einlässt.

Maria Wördemann hat dieses Hörbuch mit einer Stimme eingelesen, die neutral klingt und gerade deshalb die vielen Emotionen besonders gut zur Geltung bringt.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die einen tiefen Einblick in fremde Lebenswelten bekommen möchten.

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