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Veröffentlicht am 27.03.2025

Wer lügt und wer sagt die Wahrheit? Spannendes Verwirrspiel.

Der irische Fremde
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Marys Eltern sind beim Brand ihres Hotels ums Leben gekommen. Sie war bis dahin ein fröhliches Kind, dass durch den Anblick der toten Eltern schwer traumatisiert wurde. Man hat sie sofort aus ihrer Umgebung ...

Marys Eltern sind beim Brand ihres Hotels ums Leben gekommen. Sie war bis dahin ein fröhliches Kind, dass durch den Anblick der toten Eltern schwer traumatisiert wurde. Man hat sie sofort aus ihrer Umgebung gerissen. Und so heimat- und haltlos lebt sie ihr Leben, bis sie plötzlich einen Mann sieht, der Erinnerungen an das damalige Unglück auslöst.

Endlich stellt sie sich ihrer Vergangenheit, findet damalige Zeugen und gerät in einen Strudel aus Lügen, Vertuschungen und hin und wieder auch einem Fünkchen Wahrheit. Als Leser hat man genau den Wissensstand, den Mary hat. Dadurch löst sich die Geschichte in kleinen Schritten auf, wobei mit jeder gewonnenen Erkenntnis auch neue Zweifel aufkommen. Wer lügt und wem kann Mary überhaupt trauen? Während des Lesens hatte ich wohl so jeden in ihrem Umfeld im Verdacht, den Tod der Eltern verursacht zu haben. Ich habe immer leise gespürt, dass irgendwas an den Aussagen nicht 100%ig passt, aber was genau? Da lässt der Autor Michael Moor seine Leser gekonnt im Dunkeln tappen.

Das Buch ist genau richtig für einen düsteren verregneten Tag. Da kann man es in einem Rutsch lesen. Und das ist gut, denn mit zunehmendem Lesefortschritt will man unbedingt wissen, was nun eigentlich die Ursache für den Brand war.

Nicht nur der Fall ist spannend konstruiert, auch die Beschreibungen der Orte, in denen die Handlung spielt, ist gelungen. Manche Orte hatte ich beim Lesen bildlich vor Augen.
Alles in allem ein spannendes Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Behutsame Erzählung über generationsübergreifende Themen

Halbinsel
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Plötzlich zieht Linn wieder bei ihrer Mutter ein, in ein Haus in einem kleinen Dorf am Wattenmeer. Dabei hatte sie doch gerade nach ihrem Studium einen guten Job in Berlin angefangen und schien glücklich ...

Plötzlich zieht Linn wieder bei ihrer Mutter ein, in ein Haus in einem kleinen Dorf am Wattenmeer. Dabei hatte sie doch gerade nach ihrem Studium einen guten Job in Berlin angefangen und schien glücklich zu sein.

Stattdessen wirkt sie ausgeberannt, ist erschöpft, enttäuscht und scheint erstmal vieles mit sich selbst klären zu müssen. Und die Mutter weiß gar nicht recht, wie sie mit der sprachlosen Tochter umgehen soll „Was für eine Mutter bist Du jetzt? Eine, die mitfühlend und fürsorglich die passenden Worte findet? Eine, die sich zu viel Sorgen macht und ihrem Kind damit auf die Nerven fällt? Eine, die skeptisch reagiert, die sich fragt, ob ihr Kind überempfindlich ist oder falsche Vorstellungen vom Arbeitsalltag hat? Eine, die Ruhe bewahrt und still abwartet?“

Selten habe ich den mütterlichen Zwiespalt beim Beobachten ihrer erwachsenen Töchter besser beschrieben gesehen. Kristine Bilkau findet treffende schnörkellose Worte sowohl in Alltagssituationen als auch in Auseinandersetzungen ihrer beiden zu unterschiedlichen Generationen gehörenden Protagonistinnen. Sie greift aktuelle Themen wie den Umweltschutz auf und ist dabei niemals plakativ oder mit erhobenem Zeigefinger unterwegs. Stattdessen begleiten wir die beiden Frauen dabei, wie sie sich zuhören und akzeptieren, dass sie unterschiedliche Sichten auf die Dinge haben und sich gleichzeitig annähern „Dieses Gefühl, dass die Gegenwart einen Riss bekommt, hinter dem etwas lauert, und zwei Wahrnehmungen miteinander konkurrieren, das Vertraute und das Bedrohliche, …“.

Und so beginnt ein Prozess, in dem die Mutter (mutig) beginnt, ihre Ängste und Sorgen, ihre Wertvorstellungen und Lebensideale ein kleines Stück zu hinterfragen und die Tochter Mut fasst, ihren Kampf für ihr wichtige Themen wieder aufzunehmen – und dabei ihre Sprache wieder findet.
Das alles geschieht behutsam und mit feinen Beobachtungen der Autorin. Wenn zum Beispiel die Mutter damit hadert, dass die Tochter scheinbar ihre Chancen nicht nutzt: „Trotzdem, das Großziehen eines Kindes glich einem Bergaufstieg, mit aller Kraft hatte ich meine Tochter großgehievt, um ihr die Chance zu geben weiterzukommen als ich. Damit sie es leichter haben würde, bei allem, was ihr wichtig wäre. Und sie? Ließ sich einfach wieder herunterrutschen, hockte sich neben mich und sagte zu anstrengend, und außerdem- nicht so wichtig“.

Mit diesem Buch greift Kristine Bilkau viele Gedanken auf, die in unserer Gesellschaft im generationsübergreifenden Miteinander gerade relevant sind. Ein großartiges Buch, dass Mütter und Töchter zu Wort kommen lässt und zeigt, dass immer beide Seiten voneinander lernen können.
Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 09.03.2025

Solide Unterhaltung

Middletide – Was die Gezeiten verbergen
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Elijah und Nakita sind eigentlich seit ihrer Jugend füreinander bestimmt. Doch sie verlieren sich aus den Augen. Nach Schicksalsschlägen treffen sie einander wieder. Anstatt nun gemeinsam glücklich durchs ...

Elijah und Nakita sind eigentlich seit ihrer Jugend füreinander bestimmt. Doch sie verlieren sich aus den Augen. Nach Schicksalsschlägen treffen sie einander wieder. Anstatt nun gemeinsam glücklich durchs Leben zu ziehen, geraten sie in ein Geschehen, dass Elijah sogar als Mordverdächtigen da stehen lässt.
Nun ja und darin besteht schon ein Teil der Schwächen dieses Buches. Es ist einerseits ein Roman, in dem es um Liebe, Vertrauen, Freundschaft geht und andererseits ein Krimi, in dem ein Todesfall aufgeklärt werden muss. Diesem Spagat wird die Autorin meines Erachtens nicht wirklich gerecht. In die Liebesbeziehung kann ich mich nur so halbwegs hinein fühlen, da die Charaktere blass bleiben und die Dialoge, die die Liebe bezeugen sollen, sehr schwülstig gefasst sind (und sich wiederholen). Der Krimiplot ist fein überlegt, die Aufklärung hat jedoch deutliche Schwächen.

Was mir wirklich gut gefallen hat an diesem Buch, sind die Beschreibungen der Landschaft. Ich kann mir alles sehr bildhaft vorstellen und wandere praktisch mit den Protagonisten durch ihr Land. Das hat insbesondere die erste Hälfte des Buchs lesenswert gemacht.

Die Autorin bedient sich des derzeit sehr beliebten Stilmittels der Zeitsprünge. Das führt am Anfang zu leichten Verwirrungen. Gegen Ende nehmen die Zeitsprünge ab und das Buch liest sich immer flüssiger.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Die Themen der Jugend

Das Leben fing im Sommer an
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Chris ist 15 und auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen. Er sehnt sich danach, eine Freundin zu haben, cool zu sein, dazuzugehören. Seine Schwärmerei für Debbie wird erhört und er hat ein erstes Date.
Wir ...

Chris ist 15 und auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen. Er sehnt sich danach, eine Freundin zu haben, cool zu sein, dazuzugehören. Seine Schwärmerei für Debbie wird erhört und er hat ein erstes Date.
Wir begleiten Chris durch 3 Tage im Sommer, die sein Leben verändern und doch wieder nicht. Die erste Liebe, erste Enttäuschungen, ein großes Abenteuer und die Gewissheit, sich auf seine Freunde verlassen zu können, egal, was außerhalb dieses engen Kreises passiert. Mir gefällt, dass die Freundschaft der drei Jungen einen so großen Raum im Buch einnimmt. Und ich mag die Erinnerung, wie man als Jugendlicher so schön Zeit versandeln kann.
Dennoch bin ich nicht richtig warm geworden mit der Geschichte. Vielleicht, weil die Zeit, in der Chris jung war, nicht meine war. Vielleicht auch, weil Chris die Jugendzeit mit erwachsenen Worten und Reflexionen erzählt. Vielleicht auch, weil mir die Gefühle mit viel zu vielen unterschiedlichen Metaphern beschrieben werden. Das wirkt auf mich wiederholend, nicht mitnehmend.

Zum Ende des Buches, als Chris dann tatsächlich ein Fazit aus heutiger Sicht zieht und die Zeit bewusst reflektiert, passt die Sprache für mich plötzlich. Da ist diese erwachsene Sicht wunderbar lesbar.

Ich bin mir nicht sicher, welche Zielgruppe mit dem Buch angesprochen werden soll. Das Cover und der Klappentext wirken auf mich, als sollte eher eine erwachsene Leserschaft in den Bann gezogen werden. Die Botschaften im Buch zielen für mich auf jugendliche Leser ab. Mir gefällt, dass Chris die Themen, die Jugendliche oft umtreiben (das Aussehen, die Frage, ob man auf Partys unbedingt Alkohol trinken muss, …), ganz selbstverständlich macht. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch andere in seinem fiktiven Alter erleichtert.

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Veröffentlicht am 06.02.2025

Wenn einem das Leben langsam entgleitet

Halbe Leben
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Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach ...

Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach Hilfe im Alltag.

Doch ganz fein blättert Susanne Gregor Schicht um Schicht dieses brüchigen Abhängigkeitsverhältnisses auf. Wir fühlen mit, was es für Paulina bedeutet, für alle zwei Wochen Land und Familie zu verlassen, um im fremden Haushalt für Ordnung zu sorgen. Wie sie sich ihrem eigenen Umfeld langsam entfremdet. Und wie ihr alles zu viel wird.

Wir fühlen mit, wie Irene, zwischen ihren Lebensphasen hin und her springt, mal als kleines Kind, mal als alte Frau. Dies ist so feinfühlig beschrieben, da kommen beim Lesen fast die Tränen. Und wie klug Irene über Paulina (und sich selbst) feststellt „Auch sie hat außer diesem Leben noch ein anderes das sie alle zwei Wochen an- und wieder auszieht , auch ihr fehlt ein fester Boden, der die Schritte vorgibt, beide irren sie etwas richtungslos durch die Tage, und vielleicht ist das der Grund, warum sie sich ohne Worte verstehen,…“. Kann man Zerrissenheit besser beschreiben?

Zerrissen ist auch Klara. Sie brennt für ihren Beruf und muss doch für die Familie da sein. Wie praktisch ist da eine Paulina, die anfangs bereit ist, überall mit anzupacken und zu helfen. Doch wo sind die Grenzen zwischen um Hilfe bitten und ausnutzen?
Susanne Gregor widmet sich diesen Fragen mit viel Gefühl und ich bin eingetaucht in diese halben Leben der Frauen, die immer wieder zwischen ihren Orten – mal im wörtlichen Sinn, mal im Geiste- pendeln, sich (ver)irren und eine Heimat suchen.

Ein wirklich großartiges Buch!

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