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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.07.2025

Über das Loslassen

Schattengrünes Tal
1

Lisa führt ein weitgehend zufriedenes Leben – so scheint es zumindest zu Beginn der Geschichte. Eingebunden, beliebt und mit dem Ort und in ihrer Familie verwurzelt. Doch es gibt Anzeichen, dass nicht ...

Lisa führt ein weitgehend zufriedenes Leben – so scheint es zumindest zu Beginn der Geschichte. Eingebunden, beliebt und mit dem Ort und in ihrer Familie verwurzelt. Doch es gibt Anzeichen, dass nicht alles perfekt ist. Sie sehnt sich nach der Liebe und Anerkennung ihres Vaters, eines alteingesessenen Hoteliers, den sie unterstützt wo sie nur kann. Ihr Mann kommt irgendwie entfremdet von einer beruflichen Reise zurück. Die beste Freundin reagiert plötzlich zurückhaltend. Und dann ist da diese Fremde, die sich zunehmend in ihr Leben schleicht, um ihre Freundschaft wirbt, sich unentbehrlich macht.
Was ganz harmlos beginnt, ist ein spannendes Kammerspiel, in dem immer wieder jemand anders aus der kleinen Gemeinschaft zu Wort kommt. Die Schlüsselszenen werden von Kristina Hauff gekonnt aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das Motiv der Fremden liegt bald offen und dennoch schaut man atemlos zu, wie sie weiter ihr böses Spiel treibt.
Immer tiefer wurde ich beim Lesen in den Bann dieser Familie gezogen. Ab etwa der Hälfte des Buches konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die Dialoge und Gedanken sind sehr lebendig beschrieben und auch wenn nicht jede Figur sympathisch ist, verstehen kann man sie allemal.
Mir gefällt die Entwicklung von Lisa, die sich selbst hinterfragt und lernt, loszulassen und dadurch zu gewinnen. Mir gefällt auch die Figur ihres Ehemanns, der sich entscheiden muss, wo er im Leben stehen will. Das alles wirkt authentisch und nachvollziehbar beschrieben, ohne dabei jemals zu moralisieren – eine große Stärke!
Wie bei den Vorgängerbüchern taucht Kristina Hauff tief in die Psyche ihrer Figuren ein. Man muss sich beim Lesen ein bisschen darauf einlassen, dass die Geschichte eher episodenhaft erzählt wird. Für mich ein absolut lesenswertes Buch!

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Veröffentlicht am 19.06.2025

Spannendes Gedankenexperiment mit kleinen Schwächen

Im Leben nebenan
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Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem ...

Anne Sauer lässt uns an einem spannenden Gedankenexperiment teilnehmen: Wie könnte das Leben verlaufen, wenn (keine) Kinder hat?
Wir lernen Toni kennen, eine lebenslustige, unabhängige Frau. Die mit ihrem Leben zufrieden scheint: guter Job, gute Beziehung. Wenn sie nicht jeden Monat feststellen müsste, dass ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Was dieses Leben nach dem Zyklus, was eine Kinderwunschbehandlung, was die stetigen Rückschläge mit Toni und ihrem Freund machen, erzählt Anne Sauer in kleinen fragmentarischen Episoden. Man spürt förmlich, wie Toni immer dünnhäutiger wird, wie ihr Leben sich reduziert auf ein Thema, wie sie kämpft um ein glückliches Leben.
Und parallel lernen wir Antonia kennen. Sie wacht eines Tages auf mit einem ihr fremden Baby im Arm, in einem Körper mit Kaiserschnittnarbe, den sie nicht kennt, einem Mann und Freunden, die ihr von früher wohl vertraut sind. Völlig überfordert ist Antonia mit der Situation plötzlich ein Baby versorgen zu müssen. Gleichzeitig quält sie die Frage, wie sie nur in dieses Leben geraten konnte.
Und genau hier liegt für mich die Schwäche des Buchs. Auch wenn die Autorin den Kunstkniff am Ende gekonnt auflöst, stört es mich, dass Antonia nicht nur das plötzliche Muttersein zu verarbeiten hat. Es steht viel mehr die Frage im Raum, wie es zu diesem neuen Leben kommen konnte. Antonia verzweifelt daran, nicht zu wissen, wie es ihrem (Toni-) Freund geht, wo ihr altes Leben hin ist und ob sie je dahin zurückkommt.
Dadurch steht für mich weniger die Frage des Mutterseins im Vordergrund, sondern die Hilflosigkeit darüber, nicht zu wissen, wer man ist. Ich weiß nicht, ob und wie das Buch funktioniert hätte, wenn Anne Sauer die zwei Geschichten ohne dieses plötzliche Eintauchen in ein fremdes Leben erzählt hätte. Dennoch hätte ich mir das gewünscht.
Stilistisch gefällt es mir sehr gut, dass die Kapitel für beide Geschichten jeweils von 1 an durchnummeriert werden. Sie werden auch nicht zwingend abwechselnd erzählt, sondern es gibt durchaus mehrere Kapitel zu einer der Protagonistinnen hintereinander. Das ergibt für mich einen schönen Lesefluss.
„Im Leben nebenan“ regt zum Nachdenken und Reflektieren an. Es taucht schonungslos ins Leben einer Frau auf der Suche nach sich selbst ein.

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Veröffentlicht am 18.05.2025

Gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe

Das Teufelshorn
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Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. ...

Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. Ich irgendwie auch. Sie wird von ihren früheren Kollegen gebeten, mitzuhelfen, eine Entführung und später auch Mordfälle aufzuklären. Da trinkt sie hier mal einen Cortado, isst dort eine Kleinigkeit, telefoniert, fragt nach, schummelt ein bisschen und schwupps, klärt sie den Fall auf.

Anna Nicholas erzählt das Ganze mit viel Liebe zu Mallorca und einer Prise Humor, die mich total erreicht. Auch wenn alles ein bisschen zu glatt geht, Isabells Verbindungen in die ganze Welt reichen und die sie keinen Schlaf zu scheinen braucht, folge ich der story einfach gern. Vielleicht auch, weil Isabell nicht einen ganzen Packen Probleme mit sich herumträgt, sondern einfach mit ihrem Leben zufrieden ist. Die Figuren sind insgesamt nicht mit viel Komplexität, sondern einer Menge Liebe ausgestaltet. Selbst für einige der Schuldigen hat die Autorin ein großes Herz.

Im ganzen Buch spürt man viel Lebensfreude und den Rhythmus eines kleinen, noch nicht touristisch komplett überlaufenen Ortes auf der Insel. Da tauche ich sehr gerne ein, ziehe zwischenzeitlich meine eigenen Schlüsse und freue mich, dass sich einzelne Stränge zusammenreimen lassen und andere wiederum Isabells brillante Gedankenzüge brauchen.

Ein gelungener Auftakt einer Reihe, auf deren Fortsetzung ich mich freue.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Hat mich leider nicht erreicht

Wilde Berge des Balkan
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Abenteuerbericht? Leidensgeschichte? Feminismuskampagne? Nationalparkwerbung? Clickbait für den eigenen Podcast und den Film zur Wanderung? Ich bin einfach nicht schlau geworden aus der Zielsetzung dieses ...

Abenteuerbericht? Leidensgeschichte? Feminismuskampagne? Nationalparkwerbung? Clickbait für den eigenen Podcast und den Film zur Wanderung? Ich bin einfach nicht schlau geworden aus der Zielsetzung dieses Buchs.

Wie in Bergbüchern üblich hatte ich spannende Geschichten über Stock und Stein, Land und Leute, Flora und Fauna, Missgeschicke und Glücksmomente erwartet. Und ja, es gab Eindrücke über die Länder und Menschen, leider immer gepaart mit einer Bewertung und Vergleich zu unserem Leben.
Und ja, auch Abenteuer gab es, so ein kaputter Bergschuh und die Losung von Bären. Dabei glaube ich, dass fast jeder Schritt ein Abenteuer war, nur spürte ich das nicht. Und ich bin mir auch nicht sicher, wann die Bergfreundinnen wirklich drei einsame Frauen in der Wildnis waren, wenn sie doch von einem Kamerateam begleitet wurden?

Ja, auch Schmerzen und Leiden gab es, leider immer wieder dieselben Geschichten. Nahbar wurde mir lediglich Toni, die einen echten Einblick in ihr Seelenleben gab und mich spüren ließ, welche Gedanken ihr durch den Kopf gingen, wie angespannt die Nerven waren. Ansonsten gab es viel Bewunderung füreinander und es wurde hinterfragt, wie eng so eine Wanderung zusammenschweisst. Es wurden Umweltsünden angeprangert und selbst ( zweimal!) mit dem Flugzeug angereist.

Nein, da passt für mich vieles nicht zusammen.

Gut gefallen hat mir, dass jede der Berfreundinnen einen Teil der Reise beschrieben hat. Und gefallen haben mir die im Nachgang durchgeführten Interviews mit Frauen aus der Region, die sich dem Bergtourismus in unterschiedlichen Rollen widmen.

Leider waren die angesprochenen Themen und die Art der Umsetzung ansonsten nicht so meins.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Wenn aus tiefer Trauer Hoffnung entsteht

Die Frau und der Fjord
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Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Nicklas bricht Gro mit allem Vertrauten und zieht in ein einsames Haus an einem wunderschönen Fjord. Aus ihrem alten Leben hat sie nur ihre Erinnerungen und Nicklas’ ...

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Nicklas bricht Gro mit allem Vertrauten und zieht in ein einsames Haus an einem wunderschönen Fjord. Aus ihrem alten Leben hat sie nur ihre Erinnerungen und Nicklas’ Urne mitgenommen. Kein Handy, kein Fernseher, nur das Radio leistet ihr Gesellschaft.

Zu Beginn der Geschichte – im Winter – kann sie vor Trauer kaum atmen, Jeder Handgriff fällt ihr schwer. Doch die Schönheit des Fjords und die Natur pflanzen ein kleines bisschen Interesse am Leben. Sie nimmt ihre Umwelt wahr, erkundet das Haus und stellt fest, dass der Tod schon vor ihr da war. Ihr Vorbesitzer soll mysteriös verstorben sein. Doch Gro lässt sich davon nicht vertreiben, im Gegenteil, sie heißt den Geist - im Frühling - willkommen „Aber selbst wenn es hier spukte, war es ihr egal. Gerne teilte sie ihr neues zu Hause mit einem zweiten Geist. Dann hatte Nicklas wenigstens Gesellschaft. So einsam, wie er auf dem Nachttisch stand.“

Solche Sätze sind es, die die tiefe Verzweiflung von Gro beschreiben. Gleichzeitig wird ihr Pragmatismus sichtbar, der sie ihr Leben lang begleitet hat. Und der sie irgendwann wieder ins Leben zurückführt. Denn sie erkennt „Aber nur im Schmerz leben, macht mich wahnsinnig“.

Anette Strohmeyer erzählt das erste Trauerjahr, das angelehnt an eigene Erfahrungen ist. Vielleicht bin ich deshalb so berührt. Manche Sätze treffen mich mitten ins Herz. Ich möchte Gro Mut zusprechen, im Geiste ihre Hand halten und ihr immer mal ein Lächeln schenken. Großartig ist es mitzuerleben, wie sie sich langsam frei kämpft. Mal sind es ganz kleine Momente, mal auch schwer wiegendere Ereignisse. Zum Mitweinen ist es, wenn sie wieder in ihrer Trauer versinkt. Dieses Gefühlschaos transportiert die Autorin meisterhaft.
Nur das Ende ist für mich ein bisschen zu mächtig. Da kommen zu viele Themen zusammen, die ich in der Schnelligkeit und Größe nicht gebraucht hätte. Da ist mir die Sanftheit und Behutsamkeit des restlichen Buchs abhanden gekommen.
Dennoch ein absolutes lesenswertes Buch über Trauerarbeit.

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