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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.07.2025

Feministischer Horrorroman

Das Beste sind die Augen
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„Das Beste sind die Augen“ ist nach „Boy Parts“ von Eliza Clark innerhalb von kurzer Zeit schon der zweite Roman über Female Rage, der mich komplett begeistert und gefesselt hat. Beworben wird der Sunday ...

„Das Beste sind die Augen“ ist nach „Boy Parts“ von Eliza Clark innerhalb von kurzer Zeit schon der zweite Roman über Female Rage, der mich komplett begeistert und gefesselt hat. Beworben wird der Sunday Times-Bestseller von Monika Kim unter dem Begriff „feministischer Horrorroman“, wobei es natürlich immer eine Frage der persönlichen Definition ist, was du zum Genre Horror zählst.

Die koreanisch-amerikanische Autorin Monika Kim vermischt in ihrem Debütroman scharfe Gesellschaftskritik mit spannender und teilweise surrealer Unterhaltung - eine großartige Mischung, wie ich finde.
Ihre Ich-Erzählerin, die junge Jiwon, ist genauso wie Kim selbst, die Tochter koreanischer Einwanderinnen in den USA. Sie erlebt rassistische Ausgrenzung und die großen Unterschiede zwischen der Kultur ihrer Eltern und dem amerikanischen Umfeld, in dem sie lebt.
Einen besonderen Fokus legt Monika Kim auf die krasse Exotisierung und Sexualisierung asiatischer Frauen durch weiße Männer.
Der Roman beginnt damit, dass Jiwons Vater die Familie verlässt um mit einer jüngeren Frau zusammenzuleben. Jiwons Mutter hat viele sexistische und patriarchale Strukturen tief verinnerlicht und fällt in ein tiefes Loch aus Selbsthass und Verzweiflung.
An diesem Tiefpunkt ist sie die perfekte Partnerin für den blauäugigen George, der eine große Vorliebe für devote, asiatische Frauen hat und sie in jeder Beziehung ausnutzt. Jiwon erkennt, anders als ihre Mutter, schnell den wahren Charakter von George, ist aber gegen die Verliebtheit ihrer Mutter machtlos.
Jiwon hat selbst mit eigenen Problemen zu kämpfen: der Übergang an die Uni fällt ihr schwer. Sie lernt neue Freund
innen kennen und entwickelt eine (sehr) bedenkliche Obsession für blaue Augen.

Kim nimmt sich für den Aufbau des Spannungsbogens viel Zeit und gestaltet die Figuren sorgfältig. Das gibt ihr viel Raum für die Analyse von gesellschaftlichen Strukturen, denen Rassismus und Sexismus zugrunde liegen. Surreale Szenen, bei denen nicht auf den ersten Blick klar ist, ob sie nur der Fantasie und den Träumen der Erzählerin entstammen, sorgen bei mir für zusätzliche Spannung.
Dazwischen immer wieder als Thema Jiwons Obsession für blaue Augen. Eine Spiegelung ihrer eigenen Objektisierung durch die Männer in ihrem Leben?

Mir gefällt, dass Kim zeigt, dass Rassismus und Sexismus nicht nur in der plumpen, druchschaubaren Art eines George auftreten, sondern auch viel subtiler und schwerer erkennbar sein können. Jiwons Studienkollege und Wannabe Love-Interest Jeffery steht für eine jüngere und modernere Form männlichem weißen Anspruchsdenkens.
Denn beide Männer leben in dem sicheren Bewusstsein ihrer weißen, männlichen Privilegien - ein Bewusstsein, das sie automatisch glauben lässt, Frauen seien ihnen unterlegen und stünden ihnen als reine Objekte für ihre Bedürfnisse zur Verfügung.

Richtig Spannung kommt dann auf den letzten Seiten auf, wo Kim einen action- und blutreichen Showdown zündet, der mir richtig gut gefallen und einigen Spaß gemacht hat.
Im ganzen Roman verteilt gibt es einige explizite Splatterszenen (vor allem mit Augen), deren Heftigkeit ich persönlich jetzt aber als moderat bezeichnen würde.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Wunderbares Highlight

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Hast du noch deine Urgroßmutter kennengelernt? Ich denke mal, das haben die wenigsten von uns. Bei mir ist es so, dass ich nicht einmal meine Großmutter richtig kennengelernt habe, geschweige denn ihre ...

Hast du noch deine Urgroßmutter kennengelernt? Ich denke mal, das haben die wenigsten von uns. Bei mir ist es so, dass ich nicht einmal meine Großmutter richtig kennengelernt habe, geschweige denn ihre Mutter. Ich weiß nicht einmal ihre Namen.

Auch Henning Sußebach hat seine Großmutter Anna, die 1866 geboren wurde, nicht kennengelernt. Sie starb noch vor dem zweiten Weltkrieg.

„Unsere Urgroßeltern erscheinen bereits unendlich weit weg, sind nahezu verschwunden hinter einer Bruchkante in ein dunkles Nichts.“

Um Anna für sich und uns Leserinnen aus diesem dunklen Nichts zurückzuholen, hat sich Henning Sußebach auf eine Spurensuche begeben. Er hat seine ältere Verwandtschaft befragt, Fotos und Erbstücke und ihre Geschichten gesichtet, er hat sich mit Heimatpflegerinnnen und Historiker*innen unterhalten und er hat in Stadtarchive und Katasterämter geforscht.

„Im Dunkel dazwischen hier und da Hinweise auf eine Frau namens Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim, die eine wie keine war und eine wie viele.“


So viele Spuren gab es nicht mehr und vieles muss im Dunklen bleiben. Anna hat nie ein Tagebuch geführt und so bleiben vor allem ihre Gedanken und Gefühle Sußenbachs Spekulation überlassen.

Dennoch schält sich der vage Umriss einer Frau heraus, die ihrer Zeit angehörte und doch daraus hervorstach. Eine Frau, die gegen große Widerstände ankämpfen musste, aber für sich einstand - in einer Zeit, als Frauen nicht einmal das Wahlrecht und wenig Möglichkeiten zur Eigenständigkeit hatten, versuchte sie, ihren eigenen Weg zu finden. Sowohl wirtschaftlich als auch privat.
Annas Leben fiel in die Zeit der Industrialisierung als große historische Zäsur, die die Geschichte und die Gesellschaft komplett veränderte.

Das ist das Besondere und Wunderbare an dem Buch von Henning Sußebach: Er vermittelt nicht nur das Gefühl, wie das Leben einer Frau wie Anna ausgesehen haben könnte, sondern auch ein einzigartiges Gefühl vom Verstreichen der Zeit und den historischen Veränderungen.
Er bettet Annas Leben in einen globalen und lokalen geschichtlichen Kontext ein, der sie selbst und ihr Umfeld, in dem sie gelebt hat, lebendig werden lässt.
Gleichzeitig lädt er mich dazu ein, mir selbst Gedanken darüber zu machen, in welcher Zeit ich lebe und ob wohl etwas von mir und meiner Lebensgeschichte bleiben wird, wenn die Kinder meiner Kinder meiner Kinder mich vielleicht längst vergessen haben.

Fast wäre diese wunderbare frühe Neuerscheinung aus dem Herbstprogramm an mir vorbeigezogen. Das Cover und der Titel hat mich spontan nicht besonders angesprochen. Die Leseprobe dann umso mehr.

Henning Sußebach hat hier in meinen Augen wirklich ein wunderbares Buch geschrieben, das mich sowohl historisch als auch emotional sehr begeistert hat.

Ich möchte es dir unbedingt weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Schwache und wenig authentische Liebesgeschichte

We Burn Daylight
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In Waco, Texas, starben 1993 76 Mitglieder der Sekte Branch Davidians bei der Erstürmung ihrer Siedlung Mount Carmel durch das FBI und anderen Bundesbehörden. Darunter nicht nur der Sektenanführer, sondern ...

In Waco, Texas, starben 1993 76 Mitglieder der Sekte Branch Davidians bei der Erstürmung ihrer Siedlung Mount Carmel durch das FBI und anderen Bundesbehörden. Darunter nicht nur der Sektenanführer, sondern auch schwangere Frauen und Kinder. Vorausgegangen war eine 51-tägige Belagerung der Siedlung, nachdem sich die Gruppe verschanzt und sich mit Waffengewalt gegen eine Durchsuchung ihres Geländes zur Wehr gesetzt hatte.

Aus diesem amerikanischen Stoff macht der preisgekrönte Bestseller Autor Bret Anthony Johnston mit seinem zweiten Roman einen fesselnden „literarischen Pageturner“.
Ich würde die Geschichte irgendwo zwischen Abenteuerroman und lauwarmer Liebesgeschichte einordnen.

Johnston hat eine interessante und spannende Romanstruktur gewählt: Zwischen einzelnen aktuellen Podcast-Interviews mit Zeitzeug*innen im Jahr 2024, lässt er auf einer anderen Zeitschiene 1993 seine beiden Figuren Roy und Jaye die damaligen Ereignisse in Waco aus ihrer Perspektive erzählen.
Roy ist der 14-jährige Sohn des ortsansässigen Sheriffs von Waco, und Jaye eine Teenagerin, die mit ihrer Mutter nach Texas gekommen ist, um sich dem Sektenführer „Lamb“ anzuschließen.
Die beiden bilden das Liebespaar, mit dem der Roman als „moderne Romeo und Julia Geschichte“ beworben wird.
Die Figuren und die Handlung sind komplett fiktiv, basieren aber auf den historischen Abläufe der Belagerung und der Erstürmung des Geländes. Johnston stellt die Frage, warum dabei so viele Menschen unnötig sterben mussten.

Die fast 500 Seiten lese ich schnell weg, wie gesagt ein Pageturner, und sie veranlassen mich dazu, zu den tatsächlichen Ereignissen zu recherchieren. Allerdings bleibt der Roman hinter meinen Erwartungen zurück. Johnston konzentriert sich mehr auf eine spannende Geschichte mit ein paar Überraschungen als auf die psychologischen Hintergründe seiner Figuren. Wie die Mechanismen in der Sekte rund um ihren Anführer funktionieren, wird leider kaum herausgearbeitet und auch die beschworene Liebesgeschichte bleibt für mich emotional sehr blass und wenig authentisch.

Von daher war „We burn Daylight“ für mich vielmehr ein tendenziell schwaches „nice to read“ als „must read“

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Veröffentlicht am 11.07.2025

Eine Stimme aus der Hölle

Hiroshima
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Dieses Jahr, am 6. August, ist es genau 80 Jahre her, dass US amerikanische Flugzeuge eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen haben. Die Bombenexplosionen töteten sofort insgesamt ca. 100.000 Menschen ...

Dieses Jahr, am 6. August, ist es genau 80 Jahre her, dass US amerikanische Flugzeuge eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen haben. Die Bombenexplosionen töteten sofort insgesamt ca. 100.000 Menschen – fast ausschließlich Zivilisten. Bis Ende des Jahres starben weitere 130.000 Menschen an den Folgeschäden. Auch in den Jahren danach forderte dieser atomare Angriff noch weitere Todesopfer.

Einer dieser "Hibakusha" (被爆者), so nennt man in Japan die direkten Überlebenden der Atombombe, war Hisashi Tôhara.
Er überlebt als 18-jähriger die Katastrophe in der Stadt und schreibt wahrscheinlich ein Jahr später seine Erinnerungen an diesen Tag nieder.
Zeit seines Lebens hat er diese Aufzeichnungen niemandem gezeigt. Übersetzer Daniel Jurjew nennt es in seinem Nachwort eine mögliche Form der Traumabewältigung.

Erst drei Jahre nach seinem Tod entdeckt seine Frau Mieko Tôhara das Heftchen und beginnt die Aufzeichnungen in kleinem Rahmen zu veröffentlichen.
Es ist vermutlich der emotionalen Intensität und der Authentizität seines Textes zu verdanken, dass er erst den Weg nach Frankreich und schließlich in eine deutsche Übersetzung fand.

Mich persönlich bewegt an Tôharas Text besonders, dass er mir eine Ahnung der Erschütterung vermittelt, die diese Bombe in dem jungen Mann und in seinem Weltbild ausgelöst hat. Auch ganz Japan war danach nie mehr dasselbe. Die Nachwirkungen und die Aufarbeitung dieser historischen Zäsur halten bis heute an.

“Der Egoismus beherrscht nunmehr die Gegenwart, und das Mitgefühl ist dünner als Papier geworden.
Die Tugenden der Japaner - so etwas ist weit und breit nicht mehr zu sehen. Alle sind mit dem eigenen Überleben voll ausgelastet.”

Neben dem puren Kampf ums Überleben, den viele in seiner Umgebung nicht gewinnen, beschreibt Tôhara nachfühlbar seine eigenen, zwiegespaltenen Gefühle.

“Genauso malt man die Hölle. Aber mein Herz war so gelähmt, dass es weder Elend noch Mitleid empfinden konnte.”

“Mein starkes, nahezu moralisch verwerfliches Festhalten am Leben macht mir Angst.”

Besonders gut gefallen hat mir an diesem schmalen Heft, dass es mit ein Nachwort des Übersetzters Daniel Jurjew enthält, das Tôharas Text interpretiert, einordnet und in einen geschichtlichen Kontext setzt. Diese Ergänzung hat meine Lektüre sehr bereichert und vertieft.

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Großartig und heartbreaking

Amphibium
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Wie gut war bitte dieser Roman?!?
Ich bin nicht wirklich Fan von Coming-of-age Romanen und ich weiß auch gar nicht, ob ich „Amphibium“ wirklich als einen bezeichnen würde. Tyler Wetherall sprengt das Genre. ...

Wie gut war bitte dieser Roman?!?
Ich bin nicht wirklich Fan von Coming-of-age Romanen und ich weiß auch gar nicht, ob ich „Amphibium“ wirklich als einen bezeichnen würde. Tyler Wetherall sprengt das Genre. So, so großartig! Für mich ein Highlight.

Dabei ist „Amphibium“ der Debütroman der englischen Journalistin und Drehbuchautorin Tyler Wetherall. Sie fängt in ihrem Roman, in denen das Erwachsen- und Frau werden und eine Freundinnenschaft im Mittelpunkt steht, die Atmosphäre der 90er in Südwestengland ein. Eine Zeit, in der auch ich eine Jugendliche war.
Wetheralls Protagonistin Sissy ist 11 und überschreitet gerade die Schwelle zur Pubertät. Ihre alleinerziehende Mutter leidet oft an starken Depressionen und ist dann nicht in der Lage sich um ihre Tochter zu kümmern und so übernimmt die Jugendliche schon sehr früh viel Verantwortung. In der Schule ist Sissy eine Außenseiterin bis sie die Aufmerksamkeit von Tegan, der Anführerin einer starken Mädchengruppe, auf sich zieht. Die beiden Mädchen werden Freundinnen und verbringen viel Zeit miteinander. Tegan scheint bereits im Besitz von viel mehr Wissen über die Erwachsenenwelt. Sie hat bereits Erfahrungen mit den Veränderungen, die ein Mädchenkörper in der Pubertät durchläuft, die für Sissy noch sehr mysteriös und rätselhaft sind.

Immer wieder greift Wetherall das Erwachsenwerden als Zeit der Metamorphose auf, die beängstigend und verstörend sein kann.

„Am Ende dieser Geschichte werde ich mich verwandelt haben, in etwas Anderes, etwas Grauenvolles. Soll heißen: etwas voll des Grauens.“

Dabei liegt ihr Fokus komplett auf einer weiblichen Perspektive, denn wenn ein Mädchen zur Frau wird, tritt es in Welt ein, die vom männlichen Blick und von sexistischen Strukturen geprägt ist.

„Ich verwandle mich nicht, wie ich soll. Ich bin weder Mädchen noch Frau. Weder Kind noch Erwachsene. Ich verwandle mich in etwas völlig anderes.“

Es ist auch eine Welt, in der der Ich-Erzählerin Sissy allmählich bewusst wird, dass ihr Wert vermeintlich daran festgemacht wird, wie sehr sie gewollt und geliebt wird. Mythologischen Geschichten und Märchen, wie das der kleinen Meerjungfrau, veranschaulichen ihr diese Mechanismen.

Gleichzeitig verschwinden im Umfeld von Sissy und Tegan immer wieder Mädchen und jungen Frauen, und die Pressemeldungen dazu beflügeln die Phantasie der beiden. Bei Sissy vermischen sich ihre erwachenden sexuellen Gefühle, die Verunsicherung und die Angst zu einem verwirrenden emotionalen Gemisch, dass sie nicht sortieren kann.

„Angst und Begehren sind nicht auseinanderzuhalten.“

Ganz toll finde ich auch die minimale und symbolträchtigen Einflechtungen von magischen Realismus, die die Veränderungen in Sissys Leben widerspiegeln.
Der Schluss finde ich unglaublich gelungen, realistisch und heartbreaking und den perfekten Abschluss für einen absolut großartigen Roman.

Definitiv eine große Leseempfehlung und für mich eines der stärksten internationalen Debüts, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

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